Warum solo? Die Vor- und Nachteile einer Solo-Fahrrad Weltreise

Warum solo? Die Vor- und Nachteile einer Solo-Fahrrad Weltreise

Jun 18, 2016

Eine der meist gestellten Fragen ist, warum ich denn eigentlich alleine unterwegs bin und nicht mit einem Partner? Zudem möchten viele wissen, wie es denn so ist alleine unterwegs zu sein.

Ersteres ist recht schnell erklärt.

Wieviele Leute kennst Du, die mit dem Rad um die Welt fahren? Ein paar vielleicht, sicherlich sogar.

Höchstwahrscheinlich kommen sie allerdings nicht aus Deiner direkten Nachbarschaft, sondern aus den unterschiedlichsten Ecken dieser Welt. Leider ist daher die Chance einen potenziellen Reisepartner in der Kneipe nebenan zu finden eher sehr gering.

Der Reisepartner sollte zudem noch die gleichen Interessen haben, eine ähnliche Art zu Reisen, in etwa das gleiche Budget, annähernd die gleiche Fitness und auch die Zeitvorstellungen sollten sich einigermassen decken. Mögen sollte man sich am Ende auch noch.

Wir alle wissen wie schwierig es ist eine funktionierende Beziehung zu Hause zu führen, umso mehr kann man sich denken wie schnell man auf einer Radreise um die Welt an Grenzen kommt, da sie eine deutlich extremere Belastungsprobe für eine Beziehung sein kann. Auch für eine Freundschaft, solltet ihr vor haben mit eurem besten Kumpel loszuziehen. Man ist 24/7 zusammen und das über eine sehr sehr lange Zeit.

Einen geeigneten Partner für eine Fahrradweltreise zu finden ist also nicht ganz so einfach.

 

 

Nachdem ich irgendwann eingesehen habe, dass ich keinen meiner bisherigen Partner dazu überreden konnte so eine lange Tour gemeinsam zu machen und ich nicht mit irgendjemandem losziehen wollte, den ich vielleicht über das Internet gefunden hätte, wurde es Zeit alleine loszuradeln.

Das Gute ist, ich habe es nie bereut und habe ganz sicher die Welt bisher anders erleben können, als wenn ich jemanden an meiner Seite gehabt hätte. Ob nun besser oder schlechter möchte ich nicht werten, aber ganz sicher eben anders und sicherlich auch extremer in dem Erlebnis.

Ich weiss von kürzeren, gemeinsamen Touren, dass Kompromisse der ständige Begleiter einer gemeinsamen Radreise sein kann. Natürlich profitiert man auch voneinander, leider aber kommt es bei doch vielen Paaren vor, dass sie gemeinsam starten, die Welt-Tour aber nicht gemeinsam zu Ende führen.

 

 

Hier also meine Gedanken zur Solo – oder Partner Radreise

Das erste was mich bei einer Zweier Tour abschreckt ist, dass man immer ein Stückchen Heimat mit dabei hat, wenn man mit einem Partner reist, den man von zu Hause her kennt. Man spricht die gleiche Sprache, man hat die selbe Kultur, die gleichen Wertevorstellungen und vieles mehr. Man kommt somit aus seinem Heimatland nie wirklich raus, weil man ja von der Heimat pausenlos umgeben ist.

Manche Weltradler haben das Glück unterwegs den richtigen Reisepartner zu finden und machen sich dann zusammen auf den Weiterweg. Viele der Langzeitradler sind aber am Ende solo unterwegs und die meisten von ihnen nicht unglücklich darüber, soweit ich das von aussen beurteilen kann. Ich mit eingeschlossen.

Geteiltes Leid ist halbes Leid. Ein gutes Argument für die Zweier-Tour. Wer aber die Herausforderung sucht, ist alleine sicherlich deutlich mehr gefordert.

Wie immer kann man im Leben nicht alles haben und egal wie ihr losziehen werdet, das Perfekte werdet ihr nicht haben, zumindest werdet ihr immer Tage haben, an denen euch vieles zu viel sein wird – völlig normal auf so einer langen Reise.

 

 

 Ich habe Tage an denen ich an allem zweifel. An denen ich das Rad am liebsten in die Ecke schmeissen würde und mich auf den Mars beamen lassen möchte. Die Höhen und Tiefen des Lebens durchlebt man hier draussen viel extremer, denn natürlich gibt es auch die anderen Tage. Die Tage für die man sich hier auf der Strasse eigentlich quält. Momente die so unglaublich bereichernd sind und einen den Kick für die nächsten zwei Wochen geben. Das gilt für die Soloradreise genauso wie für die Radreise im Team.

Ich als Solo Reisende habe alle Freiheiten dieser Welt. Ich kann aufstehen wann ich möchte, mich schlafen legen wann ich will, so viele KM fahren wie ich das möchte und so lange bleiben wie es mir gefällt. Ich kann mir aussuchen wo ich fahre und mit wem ich spreche. Ich kann machen was ich will und niemand redet mir irgendwie rein. Ich persönlich finde das sensationell.

 

 

 Das hat natürlich den Beigeschmack, dass es Momente gibt, in denen ich gerne eine zweite Meinung hätte. Welchen Weg nehme ich? Welche Route könnte interessant sein? Brain storming alleine ist lange nicht so zielführend wie zu zweit. Fragen die sich aufwerfen oder das Verstehen einer Kultur, das diskutieren einer Strategie um weiterzukommen, wenn es irgendwo hängt.

Zwei Leute wissen mehr als einer. Wir alle haben unsere Fähigkeiten – oder eben nicht. Oftmals ist es einfach praktisch, wenn man voneinander profitieren kann. Auf der anderen Seite ist es aber auch eine Herausforderung, doch auch alles alleine meistern zu können. Und es geht, wie ich ja seit drei Jahren immer wieder erlebe.

Auch praktische Sachen wie am Ende eines langen Tages die Arbeit teilen, sind nicht von der Hand zu weisen. Der eine stellt das Zelt auf und kümmert sich um die Räder, während der andere Holz sammelt und kocht. Oder der eine ist krank und liegt im Bett und der andere organisiert den Arzt. Der eine spielt den Unterhalter und Fragenbeantworter, während der andere einen Pausentag damit einlegen kann. Der Stress verteilt sich etwas mehr.

Das Ausrüstungsgewicht teilen ist natürlich ein weiteres schlagendes Argument für einen Reisepartner. Auch die Kosten sind deutlich reduziert, wenn man sich eine Unterkunft teilt, ein gemeinsames Essen kocht oder neue Ausrüstung kaufen muss.

Sicherheitsaspekte sind oftmals ebenso ein Gegenargument einer Soloradreise. Gedanken wie: Das Rad vor dem Supermarkt abstellen – der eine geht einkaufen, der andere passt auf die Räder auf. Zu zweit im Zelt fühlt man sich sicherer als alleine. Als Frau solo ist man immer der Gefahr der Vergewaltigung ausgesetzt und vieles mehr.

Ich dagegen muss aber sagen, ich habe in drei Jahren weder mein Rad noch eine meiner Taschen geklaut bekommen, noch habe ich irgendein ernsthaftes Problem beim Zelten gehabt. Ich bin zweimal in richtige Schwierigkeiten gekommen. Einmal war ich alleine, einmal zu zweit !!!

 

 
Einladungen sind sicherlich schneller ausgesprochen wenn ich alleine unterwegs bin. Ich bin zudem eine Frau – von mir geht keine Gefahr aus, die Leute sind automatisch offener mir gegenüber.

Eine Person lädt man auch eher mal zum Essen ein, als wenn man gleich zwei Mäuler stopfen muss. Eine solo Frau möchte man gerne beschützen, ein Paar beschützt sich gegenseitig.

Ich gehe auch automatisch mehr auf andere zu. Ich war schon immer sehr kontaktfreudig, bin darin aber noch viel besser geworden. Ich werde zudem sehr viel angesprochen, weil ich eben alleine bin. Ist man zu zweit, haben die Leute sicherlich eine etwas grössere Hemmschwelle einen anzusprechen.

Ich habe mir eine Vorgehensweise der Überlebenstaktik angeeignet, die ich zu zweit wohl nicht gelernt hätte. Damit meine ich nicht nur das voran kommen, sondern auch die mentale Stärke, die ich entwickelt habe. Es gibt nun deutlich weniger Barrieren, die mich von irgendetwas abhalten könnten. Ich bin so weit gekommen, ich komme auch noch weiter, wenn ich das denn möchte. Für meinen weiteren Lebensweg hilft mir das sicherlich enorm.

Die schönen Momente miteinander teilen ist ein von mir oft wahrgenommenes Argument für die gemeinsame Reise. Eines steht fest, ich kann mich sehr gut alleine freuen und die Erlebnisse richtig geniessen, ich muss das nicht im gleichen Atemzug nochmals mit jemandem verbal teilen. Bei mir ist es sogar so, dass ich die Welt alleine intensiver erlebe. Der Fokus liegt auf dem Erlebnis, nicht auf der Unterhaltung mit dem Reisepartner.

 

 
Auf der anderen Seite ist Einsamkeit ertragen nicht immer einfach. Je länger ich nun unterwegs bin, desto schwieriger fällt es mir niemanden zu haben, mit dem ich mich so austauschen kann wie ich das gerne würde. Wenn es mal nicht so gut läuft jemanden zu haben, an den man sich anlehnen kann, der einen wieder motiviert oder auch mal gerne unter die Arme greift, kann am Ende Berge versetzen.

Doch schliesst es auch mit ein, dass man dem Partner ebenso eine Stütze sein muss, wenn es bei ihm mal nicht so gut gehen sollte. Das heisst eben auch, dass man sich von dem Partner auch immer mal wieder mit runter ziehen lässt. Also statt einer Krise, durchlebt man automatisch zwei. Die eigene und die des anderen.

Nachdem ich mich allermeistens von alleine gut anpeitschen kann, habe ich aus meinen gemeinsamen Radreisen mit meinen früheren Partnern die Erfahrung gemacht, dass ich oft diejenige war, die andere motiviert hat – das kann auf Dauer sehr ermüdend sein.

 

  

Am Ende glaube ich muss man den Endeckergeist einfach mitbringen und ihn wahrscheinlich schon in die Wiege gelegt bekommen haben. Dann ist so eine Solo Radreise eine grosse Herausforderung und auch zu schaffen, wenn man das alles möchte.

Wer viel will – bekommt als Soloradler am Meisten. Wer es lieber etwas ruhiger angehen möchte, kommt sicherlich zu zweit besser klar, sollte dabei aber eben nicht vergessen, dass es auch pausenlos zu Streit kommen kann und am Ende ist die schöne Reise, vielleicht nur noch eine Katastrophe.

In diesem Sinne kann ich nur sagen, ich weiss was ich alleine kann und bisher geschafft habe. Ich habe meine Momente in denen ich mich brutal alleine fühle, doch ich schaffe es immer wieder mich aufzuraffen, die Welt zu geniessen und mich selbst zu motivieren und die Schönheit des Planetens zu erfahren.

 

 
Sollte mir jemals der richtige Reisepartner über den Weg laufen, würde ich mich freuen meinen Weg zu teilen. Das Leben ist eine ewige Veränderung und voller Überraschungen, ich werde sehen was passiert und geniesse bis dahin das Leben auf der Strasse so gut ich kann.

An was ich ein wenig zweifle ist, ob ich mich irgendwann zu sehr von den Fähigkeiten entferne mich wieder richtig zu sozialisieren. Ich bin seit drei Jahren non stop alleine unterwegs und bin es ja nicht mehr gewohnt mich unterzuordnen und Kompromisse einzugehen.

Ich habe gelernt mich ständig anzupassen und es so zu akzeptieren wie es ist. Doch konnte ich immer wieder davon radeln, sobald es anstrengend wurde. Konflikte musste ich nur mit mir selber austragen, nie mit anderen. Auch das spricht natürlich wieder für die Reise mit einem Partner.

 

 

 Eine Soloradreise ist eine sehr spannende Sache – das spannendste was ich je erlebt habe. Es ist aber nicht immer nur Zuckerschlecken und davor würde ich gerne warnen. Da sieht man diese tollen Bilder auf meiner Seite. Kulturen, Landschaften, leckeres Essen und interessante Menschen. Spass, Freude und ein faszinierendes Leben.

Doch man sieht nicht den Schweiss, die Schwierigkeiten und Sehnsüchte. Das Heimweh oder die bitteren einsamen Stunden.

Die Welt ist bunt hier draussen und wunderschön, aber eben auch brutal wenn die Stimmung mal richtig kippt und man Mutterseelenallein irgendwo sitzt und sich selbst und die Welt nicht mehr versteht.  

 

 

1 Kommentar

  1. gerhard

    Ansprechende Worte und Bilder!

    Viele Grüße
    und Alles Gute
    GErhard

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