Wo schlafe ich auf meiner Radweltreise?

Wo schlafe ich auf meiner Radweltreise?

Jul 1, 2015

Eigentlich überall wo es Platz für meine Isomatte gibt. Aber ich will Euch das heute etwas näher erklären, damit Ihr einen Eindruck davon bekommt, was alles möglich ist.


Zelten in einer Jurte in China – die Nacht war eiskalt, da gab mir das Zelt ein wenig Wärme

Es hatte bereits drei Tage geregnet und ich war froh um diesen alten Bauwagen in Kirgistan

 

Wild Zelten:

Natürlich ist wild zelten, das naheliegendste auf einer solchen Radreise. In vielen Ländern gibt es massig Platz und es ist recht einfach sich zu verstecken.

Ich beachte dabei, dass mich entweder ganz viele Leute gesehen haben, oder aber absolut niemand. Haben mich viele Leute gesehen, wird sicherlich niemand auf die Idee kommen mir etwas zu tun. Sollten mich ein oder zwei Leute ausversehen gesehen haben, kann es evtl. kritisch werden und ich suche zur Not eine andere Stelle, wenn es sein muss wechsel ich sogar mitten in der Nacht noch einmal den Platz. Das kommt aber sehr sehr selten vor.

Meistens suche ich mir etwa 30 Minuten vor dem dunkel werden eine Stelle aus. Manchmal kann das allerdings auch eine ganze Weile dauern, bis ich wirklich etwas geeignetes gefunden habe. Ist es noch hell und die Stelle ist einsehbar, fahre ich weiter und komme wenn es dunkel wird wieder zurück und schleiche mich heimlich an den Platz. Benutze meine Taschenlampe dann nur noch wenn es unbedingt sein muss und mache kein Feuer.

Meistens ist es aber nicht so kritisch und ich bin so weit weg von allem, so dass ich nicht großartig suchen muss.

Oder aber ich bin in einem sehr sicheren Land unterwegs, dann zelte ich sogar im Stadtpark, wie etwa in Korea oder Taiwan.

Wenn es regnet finde ich auch immer wieder geschützte Plätze, bei denen ich ein Dach über dem Zelt habe. Sehr angenehm, wenn man am nächsten Tag nicht alles patsch nass einpacken muss.

Am Anfang hatte ich beim wild zelten mehr Bedenken gehabt, daher habe ich öfters Schutz bei Familien gesucht. Doch mit der Zeit gewöhnt man sich daran und mittlerweile schlafe ich sofort ein und liege nicht noch ewig wach und lausche ob sich irgendwo etwas bewegt. Man kann das lernen.

 

Gut versteckt in der Türkei

Es gibt wohl nichts genialeres, als in einer so dramatisch schönen Gegend zu zelten – Oman

Am Song Kul in Kirgistan auf 4000m Höhe – die Nacht war eiskalt gewesen und der nächste Morgen brachte Neuschnee

In Kirgistan erwischte mich der Schnee ein paar Mal

Bester Regenschutz am Wegesrand – Korea bietet viele überdachte Plätze

Im Dreck in China

Es war brutal stürmig und in dieser Nacht  blieb mir nur der Abflusskanal – Qinghai Plateau in China

 

Öffentliche Gebäude:

Ich habe bereits in allen möglichen öffentlichen Gebäuden übernachtet. Sowohl innen als auch davor. Dazu zählt die Feuerwehr, Polizei. In Schulen, auf Sportplätzen. Rotes Kreuz, im Krankenhaus. In Besucherzentren. Auf Bahnhöfen, am Hafen und Flughafen.

In Moscheen, Kirchen und Tempeln.

 

Die Engel der Strasse im Iran – Helal Ahmar – der rote Halbmond, das Iranische Rote Kreuz gibt jedem Radler Unterschlupf

Die Polizei in Laos stellte mir den Büroraum zur Verfügung

 

Im Gemeinschaftsraum der Polizei in China – bewacht von Lenin, Stalin, Marx und Mao

 

Schule in Laos – die Kinder waren völlig erstaunt wie so ein Zelt aufgebaut wird

 

Schlafen in der Moschee – auf der abgetrennten Frauenseite – Iran

 

In China bekam ich in einer Fabrik ein Bett ins Büro gestellt, dazu gab es heisses Wasser aus der Thermoskanne zum waschen

In Taiwan schlief ich ein paar Mal am oder im Klo an einem Visitor Zentrum

 

Privat:

Ich bin immer wieder überrascht wie oft ich eingeladen werde. Spitzenreiter der Gastfreundschaft sind ganz klar muslimische Länder, wie der Iran und die Türkei.  Doch es gab nur ein einziges Land auf meiner Reise, in dem ich nicht in ein Haus eingeladen wurde, nämlich Griechenland. Auch in China, Russland, Korea sowie Vietnam war es sehr spärlich.

Entweder ich durfte im Garten zelten. Auf dem Dachboden im Stroh. Auf der Terrasse, im Haus auf dem Boden, auf der Couch, im Bett, zusammen mit anderen Familienmitgliedern, in einem Raum alleine, eigentlich in allen Variationen.

Oftmals gibt es auch Abendessen und Frühstück dazu. Manchmal sogar noch ein Vesperpaket.

Wenn ich der Gegend nicht traue, oder ich mich alleine fühle, klopfe ich auch an Türen und forciere ein Einladung etwas. Ich stelle mich dann mit einem in der Landessprache übersetzten Zettel kurz vor und erkläre damit wer ich bin und was ich mache.

Ich klopfe nur dort wo es keine kläffenden Hunde gibt und wo es einigermassen sauber ist. Wo Blumen zu sehen sind, es aber nicht zu sehr gepflegt ist. Wenn es Zeichen von Kleinkindern gibt, wähle ich dieses Haus als erstes. Was meistens sogar noch besser ist, sind alleinstehende alte Frauen, die sich für mich mit ihrem Mutterinstinkt schon überschlagen haben.

Mit dieser Taktik habe ich die besten Erfahrungen gemacht.

Allermeistens steht die Türe ganz weit offen für mich.

Die Menschen entwickeln einen Schutzinstinkt für mich als Frau alleine. Oft wird gefragt, bist Du wirklich alleine? Ich bin als Frau alleine keine Gefahr für die Menschen, ich denke das ist ein grosses Plus für mich als Frau.

Ich trinke nie Alkohol um die Situation unter Kontrolle zu haben, allerdings auch weil ich es nicht mag, Wird irgendwo viel getrunken, gehe ich zeitig schlafen oder zelte im Garten. In Zentralasien kam das ein paar Mal vor.

Ich „bezahle“ für die Einladungen allerdings manchmal auch einen Preis. Ich bin an diesem Abend oftmals die Sensation des Jahres und muss sehr häufig alle möglichen Fotoalben anschauen, werde zum Trinken aufgefordert, muss den Clown spielen, die Unterhalterin und meine Geschichte immer wieder von vorne erzählen. Es gibt Zeiten, da wird es mir wirklich zu viel, zumal ich sehr oft dann auch nicht zum Schlafen komme.

Doch bin ich immer sehr dankbar für jede Möglichkeit das Leben in einem anderen Land hautnah mitzuerleben. Es ist einfach toll in Gesellschaft zu sitzen und mit den Menschen aus einem Topf zu essen und wie ein Freund behandelt zu werden.

Ich habe auch ein paar Mal die warmshowers community in Anspruch genommen.

Am nächsten Morgen hinterlasse ich als dankeschön eine kleine Visitenkarte mit Bildern darauf.

 

Eine wunderschöne Begegnung in den Bergen Vietnams – ich zeltete hinterm Haus und wurde zudem zum Essen eingeladen

In den Bergen Sichuans in China lud mich ein Mönch dazu ein bei ihm zu übernachten

Auf dem Dachboden eines Restaurants in Georgien

Zu Gast bei einer Familie in Usbekistan – um 6 Uhr wurde ich zum Kühe melken geweckt

 

Zelten vor dem Haus einer Familie in Turkmenistan. Bei jedem Zug, der keine 5 m entfernt vorbei ratterte, vibrierten die Balken

Fast jeden Abend war ich Gast in einer Familie im Iran – Iraner sind unschlagbar was die Gastfreundschaft anbelangt

Bei Kasachen in China – wie immer bei Zentralasiaten, gab es knochentrockenes Brot

Bei Tibetern in der Qinghai Provinz in China

In den Emiraten durfte ich bei Pakistanis zelten

Iran – bei dieser Familie war ich nicht sonderlich willkommen –  sie glaubten mir nicht, dass ich eine Frau bin

In der Türkei und im Iran heizen die Leute die Räume zu sehr auf – Zelten war mir da oft am liebsten

Iraner erdrücken einen manchmal regelrecht mit ihrer Gastfreundschaft

In Kirgistan brachte mir eine Frau Bonbons und Tee ans Zelt und lud mich kurze Zeit später ins Haus ein

 

Ungewöhnliche Orte:

Ich entwickelte mit der Zeit ein Gespür für ungewöhnliche Orte. Oftmals sind diese Plätze tolle Übernachtungsstädten und überall zu finden. Man muss nur kreativ, ein bisschen frech und selbstbewusst sein, dann öffnen sich solche Möglichkeiten irgendwie ganz von selbst.

Ich denke die Bilder zeigen Euch diese Orte bereits ganz gut.

 

In Taiwan fand ich immer einen Platz und nie beschwerte sich jemand – oft bekam ich sogar Essen gebracht

In einem Maschinenraum in China

Geschützt vor den agressiven Hunden durfte ich auf dem Qinghai Plateau in China bei einer Tibetischen Familie im Stall schlafen

Schlafen auf einem Hausdach in der Türkei

 

In Taiwan im Klo

 

Chaotischer Bauwagen in Russland – lieber mit Kleinvieh und Gestank im Wagen, als mit Bären draussen im Wald

Im Oman habe ich mich heimlich auf ein Dach geschlichen – entdeckt hat mich niemand

 

Pferdeanhänger in Mazedonien

 

Bezahlte Unterkünfte:

Am meisten habe ich wohl in China, Laos und Vietnam in einer bezahlten Unterkunft übernachtet. Ab und an, wenn es regnet oder ich die Nase voll vom Krach und Dreck der Straße habe, bezahle ich auch eine billige Unterkunft. Allerdings gibt es von den 28 Ländern, in denen ich auf der aktuellen Reise unterwegs bin, einige Länder, genau 12, in denen ich nicht einmal für die Übernachtung bezahlt habe.

Nämlich in: Deutschland, Polen, Ukraine, Mazedonien, Kosovo, Albanien, Griechenland, Türkei, Oman, VAE, Turkmenistan, Taiwan.

Ich bin auch schon in Hotels eingeladen worden und durfte umsonst übernachten. Ein paar Mal habe ich auch einen Campingplatz bezahlt.

 

 

2,50 Euro kostete diese Unterkunft bei Tibetern in China

Im Iran in einer Pilgerunterkunft – 2 Euro incl. Heizung

In Yunnan – China – waren die Unterkünfte billig – 3 bis 5 Euro  – oftmals ist es aber leider teurer

In diese Unterkunft im Iran fuhr mich die Polizei, als sie mich aus einem Gebiet heraus fuhr in dem ich nicht bleiben durfte

 

Insgesamt habe ich im ersten Jahr Mai 2013 – Mai 2014 folgendermaßen übernachtet:

Wild Zelten 120

Bezahlt 70

Privat 162  (Ich war lange Zeit in der muslimischen Welt unterwegs)

Sonstiges 13 (Fähre, öffentliche Gebäude etc.)

Mai 2014 – Mai 2015

Wild Zelten 100

Bezahlt 190 (Zelten ist in vielen Ecken Chinas schwierig, ebenso in Laos und Vietnam)

Privat 40 (man wird in dieser Gegend der Welt, also China, Laos, Vietnam, Taiwan und Korea nicht oft eingeladen)

Sonstiges 35 (Feuerwehr, in Schulen, auf der Polizei, in Tempeln und Irgendwelchen öffentlichen Gebäuden)

 

 

Kirgistan ist traumhaft zum Zelten

An diesem Abend schaffte ich es nicht mehr bis zum Gipfel – der Oman ist ein Traumrevier für Radler

Vietnam – in einem Internat

In Ost Europa fand ich öfters Schutz in Rohbauten

Gut versteckt in China – wobei mich die Kinder innerhalb von 5 Minuten gefunden haben

 Ich schlief ein paar Mal bei Feuerwehrleuten in Taiwan – Taiwanesen sind super freundliche Menschen

 

 

Je länger ich unterwegs bin, desto einfacher ist es etwas zu finden. Die Ansprüche sinken nach jedem weiteren Monat. Ich werde auch immer kreativer bei der Schlafplatzsuche und habe immer weniger Bedenken.

Alles in allem ist es Teil des Alltags einen Übernachtungsplatz zu finden und in manchen Ländern so einfach, dass ich auch nachts um 22 Uhr erst anfange zu überlegen, wo ich die Nacht verbringe, wie etwa in Korea oder Taiwan.

Es ist auch einfach klasse wenn man morgens nicht weiss wo man abends sein wird. Genau das ist der Reiz einer solchen Reise. Frei und ungebunden. Und jeder Tag bringt eine Überraschung.

Ich liebe das Leben auf der Straße.

3 Kommentare

  1. Stefan

    Extrem interessant – das wollte ich bei vielen Fernradlern schon immer mal wissen – und niemand hat es so ausführlich und interessant geschildert wie du – danke dafür.

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  2. Peter

    Sehr informativ, rückt das eigene Übernachtungsverhalten in ein anderes Licht. Macht Mut bei der Übernachtungssuche kreativer zu sein und … die Aufnahmen wunderschön. Dankeschön 🙏

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