Zwei Regentage pausierten wir noch (Rafael mein derzeitiger Radlpartner und ich) in Göreme, die wir uns durch Radlergeschichten von Olli und Anna aus Neuseeland sowie Michael aus Frankreich und Lulu aus China versüssen liessen.

Es war kalt geworden. Eiskalt. Der erste Schnee fiel in den Bergen und es hagelte und stürmte.

 

 

Eines Abends fanden wir den einzigsten windgeschützen Platz an einer Tankstelle. Ich muss sagen nicht gerade der schnuckeligste Ort zum zelten, aber bei 0 Grad und Sturm der waermste Ort.

Die Landschaft war nun endlich schön, die Strassen ruhig und die Menschen ausserordentlich freundlich. Wir wurden staendig eingeladen zum cay (Tee), zum Frühstück oder Abendessen sowie zur Übernachtung.

 

 

 

 

Bei Mohammed wurde abends der Ofen angeschmissen als waere es draussen minus 30 Grad und die Hitze war kaum auszuhalten. Er bestimmte wie ich zu sitzen habe, wieviel cay ich trinken soll, deckte mich zu und rammelte am naechsten Morgen bereits um 5 Uhr wieder ins Zimmer rein um den Ofen anzuschmeissen. Irgendwie ein seltsamer Typ.

 

 

Maenner sitzen staendig in Cafes, plaudern, trinken cay oder spielen Spiele. Man sieht nie eine Frau, wenn dann im Haus oder auf den Feldern. Es ist schon eine sehr maennerdominierende Welt, obwohl das Land doch mittlerweile sehr modern wirkt, ist es trotzallem noch sehr sehr konservativ.

 

 

In einem kleinen Dorf zelteten wir auf dem Schulhof und hatten zuerst eine Bande Kinder um uns herum mit denen wir Fussball spielten und die dann Rafael zum Dank seine Solar Lampe klauten. Spaeter kamen irgendwelche Jugendliche vorbei die uns bis spaet in die Nacht hinein nervten und nicht schlafen liessen.

 

Kleine Jungs sind auch sonst mit Vorsicht zu geniessen. Ich bin schon angespuckt oder mit Steinen beworfen worden.

Die maennlichen Jugendlichen spielen oftmals die Helden auf ihren Mopeds, kichern dumm rum oder glotzen mich doof an. Es liegt eine Agressivitaet bei ihnen vor die mir nicht gefaellt.

Junge Maedchen dagegen scheu und unscheinbar. Im Haushalt müssen sie sogar ihre jüngere Brüder bedienen.

Bei einer Familie war ich doch sehr betroffen. Eine 19 jaehrige war mit einem Mann verheiratet der in Istanbul lebt, sie kann dort aber nicht bei ihm leben und muss aber trotzdem bei ihrer neuen Familie wohnen, dort das Hausmaedchen spielen und darf ihre eigene Familie die im gleichen Ort wohnt nur dann besuchen wenn der Schwiegervater es ihr erlaubt.

 

 

 

Ein Glück wurde es wieder waermer, doch mit der Waerme wurde die Landschaft auch wieder etwas öde.

 

 

 

Wir erreichten Nemrut Dagi einen Ort den ich mir total faszinierend vorgestellt habe, der aber eher enttaeuschend ist. Ohne Gepaeck kaempften wir uns den Berg hoch um dann an Souvenirhaeuschen, Müll und Bauschutt und sogar auf geteerten Wegen ein paar Statuen zu bewundern.

 

Bei uns beiden kam nun der Punkt an dem wir uns fragten warum wir eigentlich seit fast 2000km durch dieses langweilige Land fahren. Kennst Du ein Dorf kennst Du alle, das gleiche gilt für die Staedte. Die Strassen gehen immer und immer wieder rauf und runter, doch die Landschaft bleibt immer gleich öde.

 

Ein seit 6 Jahren in der Schweiz lebender Türke aeusserte sich mir gegenüber negativ dass ja mittlerweile viel zu viele Deutsche in der Schweiz arbeiten würden.

Ein anderer fragte mich wieso ich eigentlich kein Türkisch könnte schliesslich würden ja so viele Türken in der Deutschland leben.

Woher nehmen sie eigentlich diese Arroganz?

 

Rafael, ein richtiger Spanier, meinte zu mir naja Ihr Deutschen seid ja total langweilig. Ihr geht immer früh ins Bett, könnt nicht kochen und habt keine Ahnung davon wie man das Leben geniesst. Er textet jeden zu und lobt sein Land in höchsten Tönen. Er macht sich staendig lustig darueber dass ich Dinge so genau nehme, obwohl ich ja schon der totale Schluderer unter den Deutschen bin. Die kulturellen Unterschiede sind schon sehr offensichtlich.

 

Er hat von Spanien bis er mich traf seine Kette nicht einmal geölt, hat in der gemeinsamen Radlzeit schon zig mal Probleme mit dem Rad gehabt. Seine Packweise ist total uneffektiv und dauert absolut ewig. Seine Ausrüstung ist eine Katastrophe. Er besitzt nur eine shorts, ein 4 kg Zelt, wasserundichte Taschen, seit neuestem dreht sich sein Hinterrad nicht mehr richtig, aus der Vorderradachse schauen die Kugeln raus und bevor er mich traf hatte er nicht mal eine Karte, er fuhr halt immer der Hauptstrasse entlang und zu allem übel hat er jetzt auch noch seinen einzigsten Pullover verschlampert sowie seine Isomatte liegen lassen. Aber für ihn ist das alles no problem. Andere Kulturen andere Preferenzen.

Er ist ein super netter Kerl und man kommt prima mit ihm aus.

Je weiter es in den Osten ging desto mehr fand jede Unterhaltung ohne mich statt. Man redete nur mit Rafael. Ich weiss dass das kulturell so gehandhabt wird, trotzallem fühlt man sich irgendwie ausgegrenzt.

Die Blicke der Maenner wurden zudem immer unangenehmer.

 

Hier schauten mir die Jungs besonders genau zu. Eine Frau die ein Rad repariert hatten sie wohl noch nie gesehen.

Wir überquerten den Euphrat per Faehre und fuhren anschliessend auf einer einsamen Strecke. Plötzlich stoppten 2 Motorradfahrer etwa 200m vor uns und machten Pause. Als ich alleine unterwegs war erlebte ich das staendig dass die Maenner plötzlich eine Panne hatten, die genau dann behoben war als ich vorbei fuhr. Seit wir zusammen radeln ist das aber das 1.Mal und ich sagte gleich da stimmt etwas nicht. Als wir auf ihrer Höhe waren sprachen Sie Rafael an, doch wir fuhren gleich weiter weil ich den Kerlen nicht traute. Rafael war bereits weiter vorne als die zwei zu mir ranfuhren. Ich sah sie im Spiegel kommen und sie wollten mich schon am Po begrabschen da dreht ich mich zur Seite und trat mit dem Fuss in ihre Richtung. Ob das nun der Auslöser war oder die Typen uns eh überfallen haetten weiss ich nicht, jedenfalls sprang der eine vom Moped, zog sein Messer, öffnete die Klinge und sprang damit auf mich zu. Ich sprang vor Angst rückwaerts in den Graben, konnte aber leider nicht weiter weg da hinter mir eine Mauer war. Er sagt phone, phone. Rafael kam zurück rief von weitem no problem, no problem und gab ihnen sein smart phone und etwa 20 Euro. Dann verschwanden sie. Ich bin Rafael so dankbar dass er mich nicht haengen liess. Wir atmeten kurz durch und schauten zu dass wir in den naechsten Ort kamen. Der Weg erschien ewig und jedes Motorrad versetzte uns in Schrecken.

Auf der Polizei wurden uns unterschiedliche Aussagen gemacht bezueglich der Sicherheit der Gegend, jeder Polizist schien eine andere Meinung zu haben. Sie spendierten uns netterweise ein Hotelzimmer und wir entschlossen uns für ein Stück den Bus zu nehmen, das erste Mal für mich.

Es löste in mir etwas aus was ich nicht so recht beschreiben kann. Enttaeuschung, Angst, Misstrauen und den Gedanken ob der Iran aehnlich sein wird und für mich als Frau alleine ratsam ist? Kann ich wieder Vertrauen gewinnen? Kann ich es wieder geniessen? Soll ich meine Route total aendern? Soll ich mir meinen Traum verderben lassen?

 

 

Am Lake Van fühlten wir uns erst einmal wieder besser. Die Gegend ist deutlich aermer als der Rest des Landes.

Bayram das islamische Familienfest fand statt und überall wurden Kühe geschlachtet, Suessigkeiten verteilt und die Familien kommen zusammen.

 

Doch auch hier sassen die Frauen in einem Raum und wir Gaeste mit den Maennern in einem anderen Raum.

 

 

Als wir durch ein kleines Dorf kamen und von einer Bande Jungs mit Steinen beworfen wurden und dabei ein Tennisball grosser Stein direkt an meinem Kopf vorbei flog hatte ich entgültig die Nase voll von der Türkei.

 

Doch dann der Blick zum Mt. Ararat. Was ein toller Anblick eines so gewaltigen und wunderschönen Vulkans inmitten dieser kargen und endlosen Landschaft. Einfach grandios. Der Moment kam mir vor wie ein Geschenk das man mir machen wollte um die Türkei doch noch als positiv in Erinnerung zu behalten.

 

 

Ich bin nun kurz vor der Grenze zum Iran. Sollte ich meine geplante Route fortsetzen muss ich mein Visum noch in Erzurum beantragen. Die Referenznummer habe ich bereits über eine Agentur besorgt. Der Iran wird von allen Radlern als ein tolles und sicheres Land beschrieben und ich würde nur ungern auf das Erlebniss verzichten. Allerdings bin ich unsicher. Zudem weiss ich auch nicht so wirklich ob ich mich mit der islamischen Welt auf Dauer anfreunden kann.

Auch wenn die positiven Erlebnisse überwiegen sind es zu viele negative Momente gewesen die mich nun verunsichern.

Ich werde mir mit der Entscheidung Zeit lassen und mache in der Zeit Radpause.

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