An der Grenze machten sie gerade Mittag und somit musste ich eine Weile warten,
bis ich einreisen konnte. Das Visum gab es direkt am Schalter. 30 Tage Gültigkeit.

Ein weiterer Schlagbaum und ich betrat das 24. Land auf meinem Weg in Richtung Australien.

Ich wusste nicht so richtig was mich erwarten wird und damit meine ich nicht das Land,
sondern das Gefühl was ich innerlich haben werde. Ich hatte China durchquert und hatte
4 Monate lang die Grenze nach Laos als Ziel vor Augen. Nicht weil ich aus China so
schnell raus wollte, nein weil Chinesen einen nicht haben wollen.

Zwischenziele zu haben ist wichtig. Es motiviert, sie sind greifbarer und vorallem
sind Etappenziele menschlicher. Doch die Schwelle hatte ich erreicht und daher
war die Frage: „Was kommt jetzt?“

Rüdiger, ein Deutscher, wartete kurz hinter der Grenze auf mich. Er hatte mich über meinen blog entdeckt und wollte mich kennen lernen. Prima, etwas Begleitung kann immer spannend sein und daher radelten wir gemeinsam nach Luang Namtha. Seit langem hatte ich somit wieder eine deutsche Unterhaltung und ich war froh um den Austausch.

Normalerweise sind gerade die ersten Eindrücke eines neuen Landes besonders interessant, doch mir war das Gespräch deutlich wichtiger und daher nahm ich kaum etwas von der Umgebung wahr. Auβer die vielen Kinder, die es plötzlich überall gab und die uns so liebevoll mit „Sabaideeeee“ begrüβten. Herzliche, fröhliche und aufgeweckte Kinder. Ganz anders als in China.

In Luang Namtha erwartete mich Felipe, der Brasilianer, mit dem ich bereits eine
Woche in China radelte. Zudem Julien, ebenso Radler, den ich aus Bishkek kannte.
Sowie etliche weitere, wirklich sehr nette Reisende.

Ich war wieder unter Gleichgesinnten, umgeben von Menschen aus meinem eigenen
Kulturkreis. Eine andere Welt, die seit Jahren der „Banana Pancake Trail“ genannt wird.
Der Name steht für die Backpacker Szene in Süd- und Südostasien. Von nun an
werde ich mehr Touristen treffen als mir lieb sein wird.

Die ersten Tage machte ich nur Pause. Ich machte wirklich gar nichts, auβer mich
mit Leuten auszutauschen. Laos sollte mein Pausenland werden und das wurde es auch.
Vorallem wollte ich auch weiterhin meinem Fuβ genug Ruhe gönnen, denn der wollte
einfach nicht heilen.

Ich fragte mich auch, wie es denn nun weitergehen sollte. Australien war ja gar nicht
mehr weit. Ich hätte locker in 2 Monaten in Indonesien sein können und das nächste
Land wäre ja schon Australien gewesen. Nein, die Reise jetzt schon zu beenden war
gedanklich unmöglich. Was also tun?

In Muang Sing, nicht weit von Luang Namtha, wurde das Lichterfest gefeiert
und absolut jeder der es möglich machen konnte fuhr dort hin. Felipe und ich
starteten wieder gemeinsam.

Am Ausgang von Luang Namtha wurden wir von einem heftigen Monsun Regen
überrascht. Es regnete bestimmt 1,5 Stunden so ultra heftig, dass es mir wie ein
Zauber der Götter vor kam. Es war schlichtweg absolut beeindruckend was da an
Wassermassen vom Himmel donnerten. Ein Glück hatten wir ein groβes Dach
gefunden, bei dem wir im Trockenen das Naturschauspiel beobachten konnten.

Die Strecke ging wunderschön durch dichten Dschungel, vorbei an kleinen Dörfern
und lachenden Kindern.

Das Fest selber war nicht weiter bemerkenswert, da es nur aus Essensständen
und einem total vermatschten Festplatz bestand.

  

Muang Sing hatte ich 1997 schon einmal besucht. Damals war es das hinterletzte Dorf
vor dem Ende der Welt. Heute haben sich hier die Chinesen breit gemacht und die
ganzen Länderreien auβenrum aufgekauft und den bezaubernden Dschungel in
hässliche Plantagen verwandelt.

Den Fahrstil der Laoten könnte man als ein rücksichtsvolles Miteinander bezeichnen.
Sobald allerdings ein dicker Wagen auftauchte, der wie ein Henker fuhr, konnte man
davon ausgehen, dass ein Chinese am Steuer saβ.

Es sind auch hier unangenehme Zeitgenossen und, obwohl ich das Chinesische Essen
wirklich liebe, und es deutlich schmackhafter ist als das Laotische, mied ich die Chinesen.

Ich übernachtete nicht bei ihnen, aβ nicht in ihren Restaurants und kaufte auch nicht in
ihren Läden ein, denn ihr Lebensstandard ist um ein vielfacheres über dem der Laoten.
Zudem hatte ich auch den Eindruck, dass sie im Land alles andere als willkommen sind.
Ich wollte daher lieber die Einheimischen unterstützen.

In Luang Namtha suchten sie Freiwillige, um Englisch an einer winzigen Schule zu
unterrichten. Das konnte ich mir gut vorstellen und somit nahm ich die Aufgabe
gerne an.

Parallel dazu wurde in dem Dorf ein Gemeinschaftsgarten mit Gemeinschaftshaus
gebaut. Alles durch Westler.

Ich sah die Aktion mit kritischen Augen an, denn die Jungs aus Kanada, Frankreich
und England packten wirklich ordentlich an, während die einheimischen Männer
die Sache aus sicherer Entfernung seelenruhig beobachteten.

Seit Jahren wird über diese freiwilligen Einsätze in den 3.Weltländern diskutiert
und nicht immer wird diese Hilfe positiv bewertet.

Wenn ich die dicken 4x4 Jeeps der Hilfsorganisationen durchs Land fahren sehe,
kommen mir auch immer wieder Zweifel, ob denn die vielen gut gemeinten
Spenden wirklich verantwortungsvoll investiert werden.

Mittags hielten ab und an junge Backpackerinnen mit geliehenen Kanus am Dorfstrand an.
Nur mit Bikini bekleidet begutachteten sie das Dorf.

Manchmal frage ich mich wirklich, wie sich Leute auf ein fremdes Land und deren Kultur
vorbereiten. Wir machen alle Fehler, aber so etwas kann ich eigentlich von einem halbwegs gebildeten Menschen voraussetzen, dass er weiβ, dass das voll daneben ist.

  

Wir wohnten in der kleinen Siedlung und wurden dreimal täglich von den Dorfbewohnern mit Essen versorgt, dabei waren wir jeden Tag Gast in einem anderen Haus. Vor dem Betreten des oftmals winzigen Hauses, werden immer die Schuhe ausgezogen, selbst wenn der Boden nur aus Lehm besteht. 

Manchmal wurde uns das Essen wunderschön auf Bananenblättern serviert.

Die Mahlzeiten bestanden immer aus Klebereis, den ich wirklich sehr lecker finde und den man auch gut kalt essen kann, denn meistens kam das Essen mehr kalt als heiβ. Dazu gab es gebratene Wasserpflanzen, leider oftmals total versalzen. Wenn wir Glück hatten servierten sie uns dazu noch leckeren, gekochten Kürbis.

Das Dorf besaβ keinen Laden, keinen Fernseher, jedoch Strom. Ein durch Entwicklungshilfe gebauter Brunnen, stand in der Dorfmitte. Mehr Wasser gab es nicht. Gewaschen wurde sich im Fluβ. Das Klo spülten wir mit Fluβwasser nach, ein Eimer mit Schöpflöffel stand direkt neben dem Plumpsklo. Die hygienischen Verhältnisse waren trotzallem bei weitem besser als in China, denn die Klos sind in Laos überall sauber.

Ich zeltete auf dem Fischteich, in einer kleinen Bambushütte und wurde nachts mit den Grillen in den Schlaf gezirpt oder vom Wasserbüffel, der auf dem Rasen graste, bis spät in die Nacht mit seinem Schnaufen unterhalten. Die ersten Hühner krähten bereits um 3 Uhr morgens und die Köter kläfften die halbe Nacht. Doch es war trotzallem herrlich ruhig und erholsam. 
Kein Motorengeräusch, kein schriller Fernseher, keine schreienden Chinesen.

Die Temperatur war Nachts sehr angenehm und in den Morgenstunden musste ich mich
sogar in meinen Schlafsack kuscheln, da es ohne zu kalt geworden wäre.

Die Schule bestand aus drei kleinen Klassenräumen, jeweils mit einer Tafel bestückt.
Auβer Kreide gab es nichts weiter. Kein Papier, keine Stifte, nicht mal Stühle. Das einzigste
was manche der Kinder hatten war ein kleiner Notizblock. Zusammen mit einem Kanadier
versuchten wir den Kindern die ersten Englischen Begriffe beizubringen. Einfach war das nicht.

Am Ende meiner Woche konnten die Kinder bereits die ersten Buchstaben, die Zahlen bis 20
und ein paar der Farben. Ich freute mich über jeden Erfolg, den wir erzielten.

Ich musste nun aber endlich weiter, denn schon bald würde mein Visum wieder ablaufen
und es war noch ein langer Weg bis Vientiane. Die Deutsche Botschaft war mein nächstes
Ziel, denn mein Pass war randvoll mit Stempeln und Visa. Ich hätte Laos zwar verlassen
können, aber die Möglichkeit wieder einzureisen hätte ich nicht mehr gehabt,
da das Laos Visum eine ganze freie Seite benötigt.

Ich wählte die Schotterpiste direkt gen Süden, die auf der Karte nicht mal mehr als Weg
eingezeichnet war, ich aber durch ein paar Expats (dauerhaft im Land arbeitende Ausländer) bestätigt bekommen habe, dass der Weg machbar wäre.

Mein Fuβ war ein Glück wieder in Ordnung und somit stellte ich mich dem nächsten Abenteuer.

Es kam wieder einmal so ein Tag, an dem ich mit mir selber diskutierte.
Es war eine richtig üble Piste und ich schimpfte. „Warum machst Du das immer wieder?
Du hättest auch ganz einfach die Teerstraβe nehmen können, aber nein, das wäre ja
nicht abenteuerlich genug gewesen. So jetzt hast Du den Salat, selber Schuld !“

Mir lief der Schweiβ nur so die Stirn herunter. Pfützen, Matsch und jede Menge groβe
Steine zierten den Weg, gewürzt mit richtig steilen Anstiegen. Ein MTB Pfad,
nur leider wiegt mein Rad etwas mehr, als ein normales MTB. Selbst die Beifahrer
der Mopedfahrer mussten an manchen Stellen absteigen, weil der Weg so schlecht
und auch so steil war, dass die Maschine es nicht mehr schaffte.
Ein einziger Pick-up kam mir entgegen, sonst überhaupt kein Verkehr.

Meine Wasserreserven gingen zu Ende, doch nirgends gab es Wasser. Bis ich endlich in ein
Dorf kam und mir dort meine Wasserflaschen am Brunnen wieder auffüllen konnte.
Sicherheitshalber behandelte ich das Wasser mit einer Wassentkeimungstablette,
die ich vorsorglich immer dabei habe.

Leider gab es auch hier keinen Laden, doch hatte ich wie immer eine Notreserve an Nudeln dabei.

Es war bereits spät und ich fragte ob ich mein Zelt in der Schule aufstellen dürfte,
was überhaupt kein Problem darstellte, im Gegenteil, ich war herzlich willkommen.
Etwa 40 Kinder und ein paar wenige Erwachsene beobachteten mich wie ich mein
Zelt aufstellte, wie ich meinen Kocher anschaltete und wie ich meinen Kram sortierte.

Es war goldig, wie die Kinder staunten, was der falang (Ausländer) alles so in den
Taschen hervor kramte. Vorallem der Kocher war die Sensation des Abends.
Netterweise bastelten sie mir mit einer Autobatterie und einer Glühbirne ein Licht.

Spätestens jetzt wusste ich, dass ich in der 3. Welt angekommen war. Laos ist ein
bitter armes Land und auf den Dörfern haben die Leute wirklich nichts. Die Kinder
laufen mit total zerfetzten Kleidern umher, die Ernährung ist einseitig, die Bildung
sicherlich nicht besonders gut und die Häuser sehr klein und primitiv.

Doch diese Menschen machen einen äuβert zufriedenen Eindruck. Es ist ein Heidenspaβ
die vielen Kinder zu beobachten, die überall in den Dörfern umher springen. Hier wird barfuβ über Stock und Stein gerannt, als Zweijähriger alleine auf Bäumen rumgeklettert, mit viel zu groβen Fahrrädern zu dritt zusammen auf der Dorfstraβe geradelt.

Angeln gehen die Kinder mit kleinen Harpunen, sie haben Schleudern um den Hals hängen
und selbst die ganz kleinen Buben sind bereits im Besitz von groβen Messern, mit denen sie
alles in der Natur zerstückeln was sie finden können.

Ich habe 10- Jährige beobachtet die an einem Ast sieben Klimmzüge geschafft haben und
man sieht was sie für auβerordentlich, ausgereifte, motorische Fähigkeiten haben.

Hier dürfen Kinder noch Kinder sein und die Umgebung ist das gröβte Abenteuerland.

Das ganze Dorf wusch sich abends und morgens am Dorfbrunnen.
Zu meiner Überraschung standen die Leute teils nackt unter dem flieβenden Wasser.

Der Buddhismus ist in den Bergregionen eher unbekannt, hier glaubt man mehr an
Naturgeister, somit sah ich einige Tage lang keine Tempel oder in knall orange
gekleidete Mönche.

Am Ende wurde ich wie immer belohnt mit der Wahl meines Weges, denn ich kam in
so abgelegene Dörfer, dass die Kinder nicht mehr Sabaideee riefen, sondern falang, falang
und vor Angst vor mir weg rannten. Doch oft war ich auch umzingelt von einer riesigen
Kinderschar und wurde bis in den letzten Ritzel meines Rades bestaunt.
Unglaublich wieviele Kinder in so einem winzigen Dorf leben.

Eine Nacht schlief ich bei der Polizei, eine kleine Barracke am Ende eines Dorfes.
Die Umgebung war so zugewachsen, dass es wirklich schwer war, einen Zeltplatz
zu finden, daher kam mir die Einladung sehr gelegen. Der Mann sprach drei Wörter
Englisch und somit erfuhr ich, dass der letzte Radler im Februar diesen
Jahres hier vorbei kam.


Die Männer grillten Vögel zum Abendessen. Neugierig fragte ich, wie sie die denn
gefangen haben. Er zeigte mir eine Dose mit der Aufschrift: Rattengift.
Na super, guten Appetit und ich lehnte die Einladung dankend ab.

Die Nacht stellte ich mein Zelt in dem kleinen Polizeigebäude auf. Wie immer lies
ich die Fenster weit offen, da ich in der Hitze wenigstens nachts einigermaβen Kühle
haben möchte.

Kinder kamen anfänglich neugierig ans Fenster, doch die Polizisten verjagten sie immer wieder. 

Mitten in der Nacht wachte ich von einem seltsamen Geräusch auf. Aus einem Sack,
der keinen Meter vom Zelt entfernt stand, hörte ich ein lautes krachen.
Was ist das? Ratten? Ich versuchte in jede Ecke zu leuchten, sah aber nichts.

Seltsam fand ich auch, warum die Ratte erst jetzt um 4 Uhr morgens anfängt Geräusche
von sich zu geben. Sie musste somit erst ins Haus gekommen sein.

Aber wie? Ich klopfte auf den Boden und machte damit ordentlich Krach, aber das Viech
hörte nicht auf. Eine Ratte wäre spätestens jetzt geflüchtet. Doch das Viech war so laut,
es musste so groβ wie ein Monster sein, doch nichts bewegte sich.

Nachdem ich nicht wirklich wusste was ich tun sollte, legte ich mich wieder schlafen,
denn den Kampf mit der Ratte wollte ich nicht aufnehmen und somit versuchte ich das
Geräusch zu ignorieren. Doch kaum später kam das „Etwas“ näher und irgendwann
war es genau unter meiner Matte. Ein lautes Knacken, als würde jemand auf etwas
hartem rum kauen.

Zerfrisst mir dieses Viech jetzt mein Zelt? Ich hob die Matte hoch, haute gegen den
Zeltboden und war froh, dass das biβchen Stoff zwischen mir und dem Monster war.
Nichts bewegte sich, ich sah auch keinen Hubbel unter mir. Was ist das?

Ich leuchtete nochmals durch mein kleines Zeltfenster nach drauβen und sah plötzlich
einen groβen, schwarzen Käfer unter meinem Zelt hervor krabbeln. Wahnsinn, so ein
kleines Insekt macht solch einen Krach?

Erleichtert fing ich sofort an zu lachen und dachte nur so: „Ja, Du Stadtindianerin,
ein kleiner Käfer versetzt Dich in Angst und Schrecken“.

 

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