Mein vierter Besuch in Vietnam. Bisher war ich jedesmal begeistert von den Landschaften,
der Kultur und der Vielfalt, die das Land zu bieten hat. Nur die Menschen fand ich manchmal etwas anstrengend, da Vietnamesen perfekte Geschäftsleute sind und einen permanent übers Ohr hauen wollen. Mal sehen wie es diesmal sein wird.

  

Auf jeden Fall war von Anfang an wieder alles etwas komplizierter als in Laos.
Kein Wunder, die Chinesen hatten lange Zeit starken Einfluss im Norden des Landes
und der Sozialismus hat Vietnam sehr geprägt. Hammer und Sichel, gelber Stern und
roter Untergrund. Zudem Propaganda Schilder wie in der damaligen DDR. Statt Mao
sieht man hier überall das Gesicht des hageren Uncle Ho.

Während ich in Laos keine Minute auf meinen Ausreisestempel warten musste, dauerte es
bei den Grenzern in Vietnam ganze 3 Stunden bis ich einreisen durfte. Ich war umstellt von
lauter Wichtigtuern. Beamte die alle nichts zu tun hatten. Man vertröstete mich immer wieder auf die nächsten 10 Minuten und man wollte mir partout nicht sagen, wo denn nun das Problem sei. Mein Pass ging von einer Hand in die Nächste und jeder durfte mal blättern, den Pass befingern und verknittern.

Nach weiterem Drängeln erklärte man mir, dass die Passnummer an einer Stelle im Pass,
nämlich am unteren Ende, einige weitere Ziffern sowie Buchstaben besitzt, was übrigens
in einem Deutschen Pass immer so ist, aber bisher noch nie jemand beanstandet hat.
Nachdem ich nun endlich wusste wo das Problem lag, lies ich mir schnell eine Erklärung
dafür einfallen, mit der überraschenderweise auch alle einverstanden waren.

Kaum hinter der Grenze merkte ich sofort den wahnsinns Unterschied zwischen dem
noch im Dornröschenschlaf liegenden Laos und dem florierenden Vietnam.
Trubel, Verkehr, Gehupe, Menschen, Mopeds, Chaos. Plötzlich war wieder irre was los
auf den Straβen und ich freute mich sehr über die Abwechslung.

Geld wechseln dauerte in China in einer Bank etwa 45 Minuten. Zig Kopien des Ausweises
wurden angefertigt und zig Bankangestellte durften mal über alle Papiere schauen und die Zettel abhaken. In Laos dagegen war es keine Minute bis ich Dollars getauscht hatte.

Hier in Vietnam dauerte es etwa 20 Minuten, denn auch hier wird der Pass fotokopiert,
ganz wichtig alles mögliche ausgefüllt, zudem musste ich 3 mal unterschreiben und
zusätzlich wird der Dollar Schein auch noch von vielen Leuten inspiziert, ob er auch ja
echt ist. Er darf auf keinen Fall geknickt, eingerissen oder sonstige Mängel vorweisen.

Ich hatte selbst bei Dong Scheinen ein paar Situationen, in denen mir Leute sagten,
dass sie den alten Schein nicht annehmen werden. Münzen gibt es keine, die Banknoten werden aus Plastik hergestellt, genau wie der Australische Dollar Schein.

Normalerweise ist es natürlich viel einfacher Geld am Automaten zu ziehen, nur hatte ich
noch Dollars übrig und die wollte ich zuerst los werden.

Dien Bien Phu, der erste Ort nach der Grenze, war eine hektische Stadt, aber nichts
besonderes. Ich fand für 5$ ein tolles Hotelzimmer mit Badewanne. Da lachte mein Herz,
denn Badewanne hatte ich seit Europa keine mehr gehabt. Die Besitzer waren so herzlich,
dass sie mich zum Essen einluden und sich köstlich darüber amüsierten wieviel Hunger ich hatte.

Ich hatte Glück und traf einen Franzosen, mit dem ich den Ort erkundete.

Leider fuhr er bereits am nächsten Tag wieder weiter. Normalerweise wäre mir das egal
gewesen, doch der nächste Tag war Heilig Abend und es grauste mir ein bisschen davor
den Abend alleine zu verbringen.
Irgendwie versuchte ich mit aller Gewalt den Gedanken beiseite zu schieben.

Doch am Morgen des Heiligen Abend brach es über mir zusammen. Ich hatte das erste Mal
richtig Heimweh. Wenn ich gekonnt hätte, wäre ich ganz sicher in den nächsten Flieger
gestiegen und nach Hause geflogen. Ein Glück ging der Tag vorrüber, doch irgendwie war
trotz allem meine Reise seit ein paar Wochen eine andere gewesen.

Mittlerweile glaubte ich nämlich es lag nicht an dem Land in dem ich unterwegs war,
sondern es lag an mir selber, dass ich mich nicht mehr so sehr für alles begeistern konnte.
War ich reisemüde? War es das Heimweh was ich hatte? Hatte ich die Perspektive verloren,
weil ich dem Ziel Australien noch nicht ins Auge sehen wollte? Was war plötzlich los mit mir und meiner Neugierde? War ich satt von allen Eindrücken? Oder war es einfach nur, weil ich mich total einsam fühlte? Ich hatte irgendwie die Freude verloren und versuchte sie seit Wochen wieder zu finden.

Es fühlte sich so ein bisschen an, wie wenn ich morgens aufstehe, meine Tasche packe
und zur Arbeit fahre. Es war alles zu einer Routine geworden und ich merkte es fing
an den Reiz zu verlieren. Ich wäre auch gerne einfach mal irgendwo an einem Ort
länger geblieben. Doch erstens fand ich keinen Ort, der mir so richtig gut gefiel, dass ich
gerne Wochen verweilen wollte und zweitens, das viel gröβere Problem, war ja wie immer
das Visum.

Eigentlich ist genau das der Nachteil am Radreisen. Ist man motorisiert, kann man leicht
einfach mal an einem Tag 1000km zurück legen, wenn es denn nicht anders geht und man
das Land schnell verlassen muss. Mit dem Rad dauert das mindestens 10 Tage,
normalerweise deutlich länger, vorallem in den Bergen in denen ich pausenlos unterwegs bin.

Ich habe somit also immer Druck weiterzufahren und das ist auf Dauer sehr schade.
Natürlich könnte ich auch mal den Bus nehmen, aber das will ich nur machen, wenn es
nicht anders geht. Ich freue mich auf jeden Fall schon bald in Länder zu kommen, in denen
das Visum kein Problem mehr ist. Es nervt mich nämlich mittlerweile.

Doch lies ich mich ersteinmal noch nicht klein kriegen und hielt an meinem Plan weiter fest, in der Hoffnung die Freude an der genialsten Reise meines Lebens wiederzufinden.

Von Dien Bien Phu ging es weiter Richtung Norden. Mein Rad fühlte sich an als würde es
gar nicht mehr laufen. Es fuhr sich so schwer und doch schaffte ich es mich für die
Landschaft und vor allem für die so wunderschön angezogenen Bergvölker zu begeistern.

Doch meine Km Leistung war ein Witz im Vergleich zudem was ich am Anfang täglich
geradelt bin. Auch wenn es nicht auf die Km Zahl ankommt, irgendwie vorwärts kommen
muss ich ja schon, denn die 30 Tage sind wie immer schnell vorbei, zumal ich 5 Tage
zu spät an der Grenze war und somit schon Zeit verloren hatte.

Diesmal riss mein anderer Schaltzug und war so blöd abgerissen, dass ich eine ganze
Weile brauchte den zerfetzten Draht aus der Führung zu kriegen.
Doch leider schaffte ich es nicht mehr, dass die Kette auf das groβe Kettenblatt springt.
Der Zug rutschte immer wieder durch, egal wie fest ich die Schraube anzog.
Nach langem hin und her fuhr ich trotzdem weiter, denn es war ersteinmal nicht so tragisch, da die Gegend eh nur aus Bergen besteht, somit brauchte ich das groβe Kettenblatt sowieso nicht.

Es kam ein Streckenabschnitt, der nur aus Baustellen bestand. Durch den doch
zahlreichen Baustellen Verkehr, staubte es permanent und ich sah am Ende des Tages
aus wie ein Schwein. Ich fand eine kleine Unterkunft, in der ich Wäsche waschen konnte.
Es war unglaublich wieviel Dreck aus den Klamotten kam.

Es war mittlerweile sehr feucht und kalt geworden. Oftmals hing bis mittags der Nebel
in den Bergen und alles war grau in grau. Manchmal regnete es auch. 

Ich radelte auf einer mässig befahrenen Straβe, als ich einen Mopedfahrer am Straβenrand stehen sah. Zuerst dachte ich er würde pinkeln, doch dann bemerkte ich, dass er sich selbst befriedigte und sich genau in dem Moment zu mir umdrehte als ich an ihm vorbei fuhr. Er grinste mich an und zeigte mir auch noch ganz demonstrativ sein Prachtstück.

Irgendwo fand ich es ja lustig, trotzdem machte ich, dass ich weiter kam. Er überholte mich noch ein paar Mal, wahrscheinlich wartete er immer wieder irgendwo versteckt bis ich kam. Weiter passierte nichts.

Am gleichen Abend kam ich in einen kleinen Ort und suchte nach einem Schlafplatz, als ein
Mann mich ansprach und mir helfen wollte. Er konnte ein paar Wörter Englisch und somit
brachte er mich zum Busbahnhof wo es kleine Zimmer für wenig Geld gab. Der Typ war
seltsam und wie immer hatte ich schon einen Riecher dafür, dass er was im Schilde führte.
Genau so war es auch, denn er wollte einfach nicht mehr gehen und lud sich selbst ins Zimmer ein. Doch irgendwann wurde ich so deutlich, dass er ging.

Von Vietnamesen hätte ich das eigentlich nicht erwartet. Solche Anmachen hatte ich seit
Kirgistan nicht mehr erlebt. Doch die Vorfälle waren eine absolute Ausnahme.
Es war wohl ein Vietnamesischer Ausrutschertag gewesen.

Schön war, dass ich an diesem Abend von den Nachbarn zum Essen eingeladen wurde.
Es ist immer so nett, wenn ich nicht alleine sein muss, auch wenn wir nicht kommunizieren
konnten.

Ich durchfuhr schöne Gegenden. Reisanbau an jeder Ecke, aber auch steile dicht bewaldete
Berghänge, dazu wie immer viele viele Höhenmeter.

Kurz vor Sapa, einem bekannten Touristenort ganz im Norden Vietnams, hatte ich nochmals einen nicht enden wollenden Pass vor mir. Doch am Ende des Tages schaffte ich auch diesen. Am Gipfel auf 1900m war es finster, neblig, nass und eiskalt.

Sapa hatte ich 1997 schon einmal besucht gehabt, als es hier nur eine einzige Unterkunft gab. Der Ort war nicht mehr wieder zuerkennen. Karaoke an jeder Ecke, ein Hotel nach dem anderen. Souvenirläden und keine verbliebene Atmosphäre mehr. Dazu unfreundliche, geschäftstüchtige Leute überall. Abweisend und arrogant agierende Vietnamesen. 

Hier geht es ums Geld und sonst um nichts.

Silvester stand an und ich erhoffte mir in dem Ort ein paar Touristen zu finden, die evtl. feiern würden, doch auβer ein paar junge Israelis, die sich für mich nicht weiter interessierten, sah ich leider niemanden und somit verbrachte ich den Abend in einem kleinen Hotel. 

Das Zimmer war so feucht, dass die ganze Nacht die Farbe samt Wasser von der Decke
tropste. Es war eiskalt und ich war froh um meine super Luxus Heizdecke die ich im Bett hatte.

Vietnam ist deutlich billiger als Laos. Für wenige Dollar bekommt man bereits eine Unterkunft, die meistens wirklich ok ist. Da wird zwar keine Bettwäsche gewechselt, Kippen liegen auf dem Boden und auch der Müll wird nicht rausgeräumt um es dem nächsten Gast etwas gemütlicher zu machen, aber im Vergleich zu Laos, ist das hier schon sehr fürstlich, wenn man den direkten Preisvergleich als Maβstab nimmt.

   

Doch hatte ich wie immer in Vietnam, so meine Diskussionen um die Bezahlung.
Einen Abend hatte ich bei einer Familie übernachtet. Ein kleines privates Zimmer.
Sie wollten dafür 70.000 Dong, etwas weniger als 3 Euro. Ich bezahlte bereits beim
einchecken, doch einige Stunden später kam eine Dame der Familie plötzlich auf die Idee,
sie könnte ja noch etwas mehr von mir verlangen und meinte es kostet 200.000 Dong,
wenn ich das nicht bezahlen würde müsste ich gehen. Für so etwas habe ich allerdings
immer nur ein müdes Lächeln übrig und lasse mich nicht weiter nerven, denn diese Leute
können auch schon mal unangenehm werden wenn es ums Geld geht.

An einem anderen Tag das Gleiche. Es waren 50.000 Dong ausgemacht. Der Preis
stand auch groβ auf einem Schild, doch am nächsten Tag wollte der Besitzer plötzlich
mehr haben und jammerte mir vor, wie arm er ist und wie reich ich doch bin, blablabla,
immer die gleiche Masche. Ich hatte leider nur einen 100.000 Dong Schein. Er steckte
den Schein ein, gab mir aber kein Rausgeld. Woraufhin ich ihm deutlich machte,
dass er das mit mir ganz sicher nicht macht.

Ich zog ihm den Schein wieder aus der Tasche und schob mein Rad aus dem Haus, frei nach dem Motto, wer mich beschummeln will, der kriegt von mir gar nichts. Dann kam er mit der Idee, zu behaupten er hätte ja kein Wechselgeld, doch als er merkte, dass er bei mir da auf Granit beisst, zog er plötzlich aus der anderen Tasche einen riesen Bündel Scheine heraus und gab mir Zähne knirschend 50.000 Dong zurück.

Einmal hatte ich einen Disput mit einer Frau am Nudelsuppenstand. Wie immer bestellte ich kein Fleisch und dadurch ist das Essen allermeistens etwas billiger. Wir einigten uns
auf 7.000 Dong für eine Suppe, als es allerdings dann um die Bezahlung ging, wollte sie plötzlich 13.000 Dong haben. Die Frau war so aufgebracht, dass sie mir sogar richtig hart auf die Schulter schlug, weil ich ihr nicht mehr geben wollte. Als ich den Schlag erwiderte schaute sie mich nur total irritiert an und sah am Ende ein, dass ich ja kein Fleisch hatte und der Preis von 7.000 gerechtfertigt war, nachdem sich ein paar Männer einmischten und mir zur Hilfe kamen.

Vietnamesen beschummeln und zwar sehr sehr oft. Auf den Märkten beobachte ich immer genau die Einheimischen, damit ich die Preise weiβ, um dann passend das Geld zu geben. Eigentlich kann ich sagen, ich muss um alles handeln, denn allermeistens versuchen sie mindestens das Doppelte von mir zu verlangen.

Manchmal sind sie so eifrig mir was zu verkaufen, dass zig Frauen sogar an mir rumzerren um mich an ihren Marktstand zu ziehen.

Zum Frühstück gibt es wie immer Suppe. Sowohl Mittags als auch Abends natürlich Reis,
dazu Brühe und das was man sich rausgesucht hat. Ich esse oftmals Tofu mit Tomaten,
der hier wirklich sehr saftig und schmackhaft ist. Natürlich gibt es auch jede Menge Grünzeug, wie etwa Spinat. Die Frühlingsrollen sind extrem lecker und die Auswahl an Sachen ist gigantisch.

Die Märkte sind voller Obst und Gemüsesorten und es ist ein richtiger Spaβ überall mal
zu probieren. Ananas und Bananen werden oft am Straβenrand angeboten.
Die Ananas bekommt man vor Ort gleich noch raffiniert geschält.

Von Sapa ging es weiter Richtung Bac Ha, doch dazu mehr beim nächsten Mal.

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