Es regnete weiterhin. Non stop. Jeden Tag aufs Neue. Es gab wirklich keinen einzigen Tag ohne Regen. Doch war es weiterhin warm und ich musste irgendwie vorwärts kommen und somit trat ich eben wieder einmal in die Pedale.

Natürlich suchte ich mir wie immer die Bergwelt aus. Es ging also weiterhin hoch und wieder runter. 1000 Höhenmeter am Tag sind es mindestens. Aber jeder Meter lohnt sich, es ist herrlich hier drauβen.

Auch der Norden Honshus ist weiterhin eine abgelegene Gegend. Jede Menge Kraterseen, extrem viel Wald und vor allem alte Leute.

Ich kam durch die Oirase Schlucht und war wie verzaubert, so schön war es dort. Ein Wasserfall nach dem anderen, enge Kurven und ein von Moosen überzogener Wald. Traumhaft. Die Schlucht endete am See Towada.

2 Tage schüttete es hier ohne auch nur eine Sekunde aufzuhören und ich verschanzte mich unter dem Dach eines Besucherzentrums. Nutzte das Onsen im Dorf und ruhte mich aus.

Es ist Taifun Hochsaison und somit wird es auch weiterhin mit dem Regen und dem Wind nicht unbedingt besser werden. Wenn es pausenlos wie aus Eimern schüttet macht es allerdings wirklich keinen so groβen Spaβ mehr. Vor allem, weil ich ja immer drauβen bin und mir irgendeinen Unterschlupf suchen muss. Oftmals sind es halt irgendwelche Notunterkünfte.

Frei nach dem Motto, Hauptsache Dach über dem Kopf.

Zufälligerweise kam ich an einem Vulkangebiet vorbei, an dem Solfataren zu tage treten. Nichts auβergewöhnliches auf einer Vulkaninsel, doch was wirklich witzig war, dass es sich hier um ein Heilzentrum handelte und sich jede Menge Japaner in die Nähe der Schwefeldämpfe legten.

Stundenlang schliefen sie auf teils extra dafür eingerichteten Liegeflächen. Sicherlich an die hundert Menschen. Mit Matten und Kissen, Regenschirmen und Decken pilgerten sie in Richtung Dampfschwaden. Ich fand das sah alles sehr lustig aus.

Ich saβ in einem 7-Eleven als mich eine Familie ansprach und mich zu sich nach Hause einlud. Klasse, was eine tolle Chance ein Haus von innen zu sehen.

Ein Amerikaner war mit einer Japanerin verheiratet und so konnten die Leute etwas Englisch und ich hatte einen tollen Abend. Ich wurde lecker mit einer Art Pfannenkuchen – Okonomiyaki – verpflegt und anschlieβend gingen wir alle gemeinsam in den Onsen des Ortes.

Die Kinder waren ganz vernarrt in mich. Wir spielten Karten und sie zeigten mir ihre Spielsachen. Auch hier muss ich wieder sagen, dass die beiden extrem gut erzogen waren. Sie halfen beim Tisch abräumen, schenkten mir Wasser ein, servierten mir Reis, meckerten nicht einmal wegen irgendetwas und verhielten sich schon irgendwie sehr erwachsen. Wenn die Mutter einmal rief, waren sie sofort zur Stelle und taten was ihnen gesagt wurde.

Zum Frühstück gab es Reis und Miso Suppe und die Reste vom Vorabend. Dazu aber auch Natto. Das Nationalgericht. Gegorene Sojabohnen, die klebrig und einfach nur total eklig sind.

Wir besuchten eine befreundete Familie. Ein edles Haus. Wie immer werden die Schuhe im Vorraum ausgezogen und in die Hauspantoffeln geschlüpft. Mir war es irre peinlich, dass ich meine stinkenden Schweiβschuhe im Vorraum stehen lassen sollte um mit den nassen, verschwitzten Socken in nagelneue Pantoffeln zu steigen.

Ich wechselte daher meine Socken und lieβ den Rest vor der Türe stehen und erntete dabei ein riesen Lob für mein gutes Benehmen, worüber ich innerlich sehr schmunzelte.

Meine Mutter hätte sich kaputt gelacht. Da ich ja sonst die totale Chaotin bin. Mit edlem grünen Tee wurde ich an den Tisch gebeten.

Eine Tochter und Mutter waren zu Besuch und mit ihnen wurde ein Gespräch geführt. Man erklärte mir, dass die Tochter im täglichen Leben total überfordert ist und sich krank gearbeitet hat. Sie fing an zu weinen und ich kam mir völlig fehl am Platz vor und meinte zu den anderen, ich warte drauβen. Doch man gab mir zu verstehen, dass das absolut ok sei und jeder hat ja Probleme und so kann ich ruhig Anteil haben.

Verstanden habe ich das nicht. Auf der einen Seite versuchen Japaner auf jeden Rücksicht zu nehmen, den anderen nicht zu verletzen oder Unanehmlichkeiten zu bereiten und dann wiederum wird ein so intimes Gespräch offen mit allen ausgetragen.

Ich wäre gerne noch länger bei der Familie geblieben, aber wollte nicht fragen ob ich noch einen weiteren Tag bleiben darf. Ich hätte noch so viele Fragen gehabt. Auch der Amerikaner meinte er sei so froh gewesen sich mal wieder so gut unterhalten zu können.

Wir beiden machten die Weltpolitik durch, was ich immer wieder sehr spannend finde, wenn man die Chance hat mit anderen Nationen zu diskutieren. Irgendwie tat er mir leid, denn er kann kaum Japanisch und ist daher doch sehr eingeschränkt. Genau wie ich.

Schreine gab es nun immer häufiger, etwas was ich auf Hokkaido nur ganz selten gesehen habe.
Auch die Häuser hatten nun geschwungene Giebel und sahen deutlich asiatischer aus, als noch auf Hokkaido.

Ein weiterer Taifun ging übers Land und es war so brutal windig, dass ich nicht wirklich wusste wo ich zelten sollte. Natürlich war es bereits wieder dunkel, weil ich ja schlauerweise immer im Dunkeln meine Zeltplätze suche und leider fand ich einfach keine geschützte Stelle.

An radeln war nicht mehr zu denken, mich schob es regelrecht von der Strasse. Es war brutal. In meiner Verzweiflung suchte ich beim Bahnhof Schutz.

Als ich gerade mein Zelt in der Halle aufstellen wollte, kam ein Mann von der Arbeit und sprach mich an. Am Ende lud er mich ein und ich durfte bei ihm und seiner Familie die Nacht im kuscheligen Bett der Tochter übernachten. 

In Japan bleibt der älteste Sohn im Haus der Eltern. Die alte Mutter backte mir Tempuras.
Ich durfte baden und fiel aber kurze Zeit später völlig kaputt ins Bett. Die weiche Matratze war himmlich und am liebsten hätte ich sie mit aufs Rad gepackt, als ich am Morgen im Regen weiter fuhr.

Das Haus war ein ziemliches Chaos gewesen und man entschuldigte sich dafür einige Male bei mir. Mir war das egal, aber ich glaube ihnen war es sehr peinlich gewesen, umso mehr freute es mich, dass sie mich trotzdem eingeladen hatten.

Die alte Mutter verbeugte sich bei der Verabschiedung zig Mal sehr tief vor mir und ich wusste nicht wie ich reagieren sollte. Es war mir super unangenehm, dass so eine alte Frau sich so heftig vor mir verbeugt. Ja, da prallen Welten aufeinander.

„Ah soo“ ist genau das Gleiche „Ach so“ wie bei uns, nur wird es länger gezogen. Ich muss immer wieder schmunzeln, denn die Leute benutzen den Ausdruck sehr oft und er klingt wirklich so wie im Deutschen und meint auch genau das Gleiche.

Der Wald ging nun langsam in Reisfelder über. Wunderschöne Terrassen und weiterhin viele alte Leute. Einsame Strassen und wie immer Hügel und Berge.

Ich näherte mich der Küste um meinen Beinen etwas Pause zu gönnen. Bereute die Entscheidung aber schon bald, denn der Verkehr war einfach nur ätzend und so verschanzte ich mich gleich wieder in meine geliebte einsame Bergwelt, auch wenn ich dadurch einen groβen Umweg gemacht habe, aber das ist ja egal, ich habe ja Zeit.

In einem Supermarkt traf ich auf zwei Amerikaner, die im Ort seit zwei Jahren Englisch unterrichten. Sie luden mich sofort ein und ich war so froh mich wieder unterhalten zu können.

Sie erklärten mir wie schwierig es für sie sei den Kindern Englisch beizubringen, da das System so seltsam sei. Sie sind nur Helfer im Unterricht, nicht wirklich die Lehrer.

Auch wird den Kindern auf eine sehr komplizierte und altmodische Art und Weise das Englisch beigebracht .

In der Japanischen Sprache folgt nach einem Konsonanten immer ein Vokal und daher würde man auch im Englischunterricht einfach bei jedem Wort irgendwelche Vokale einfügen, um es den Kinder einfacher zu machen.

  

Aus Mc Donalds wird Makudonarudo. Erst ab der Oberstufe fangen sie an, ihnen die Wörter richtig beizubringen. Der Japanische Staat investiert viel Geld für den Englischunterricht. Angeblich hat es in vielen Schulen einen Englischen Muttersprachler, dem eine Wohnung zur Verfügung gestellt und ein gutes Gehalt bezahlt wird. Leider kommt aber sehr wenig dabei raus.

Ich hatte mir auf der Karte eine abgelegene Bergpiste ausgesucht und kämpfte wieder einmal mit den Höhenmetern und der Luftfeuchtigkeit. Ausnahmsweise einmal regnete es aber nicht. Nach 1200 Höhenmetern war der Gipfel erreicht und leider auch ein Schild und eine Absperrung, dass es hier nun nicht mehr weiter geht.

Doch wollte ich ganz sicher nicht den Weg umsonst gefahren sein und so ignorierte ich die Absperrung und war gespannt wie es nun weiter gehen wird.

Ich war mir auch gar nicht mehr so sicher ob ich wirklich auf der richtigen Strasse unterwegs bin. Ich hatte seit Stunden kein Auto mehr gesehen. Der Weg wurde immer schlechter. Schotter, hohes Gras, umgefallene Bäume – eines war jedenfalls klar, der Weg wurde schon eine ganze Weile nicht mehr befahren.

  

Ich redete wieder mit den Bären, wobei es ja auf Honshu nur noch Schwarzbären gibt und die sind im Normalfall ja harmlos. Trotzdem wollte ich nicht unbedingt an der nächsten Ecke ausversehen mit einem zusammenstossen, da das Gras teils richtig hoch gewachsen war.

Als ich etwa 1000 Höhenmeter wieder bergab gerollt war, wusste ich, warum die Strasse gesperrt war, denn ich stand vor einem Abgrund. Die Brücke war weggerissen. Ganz klasse.

Aber es gab an der Seite einen extrem steilen Pfad, der sogar mit Seilen präpariert war und so nahm ich die Taschen alle vom Rad und fing an die Sachen auf die andere Seite zu tragen.

Dabei stellte ich wieder einmal fest, dass nun bereits zum dritten Mal nach einer Pistenfahrt, die Schrauben der Radtaschen verloren gegangen sind. Ich muss mir da was einfallen lassen.

Das Rad war das gröβte Problem und ich versuchte wirklich nicht mit samt dem Rad die
Böschung herunter zufliegen. Es war brutal steil. Aber am Ende war alles auf der anderen
Seite und es waren nur noch 5 KM bis zur Hauptstrasse. Ich kam genau an dem Punkt raus,
an dem ich auch ankommen wollte. Irgendwie wunderte mich, dass die aktuelle Karte den
alten Weg nicht als gesperrt markiert hat.

Egal, ich hatte wieder einmal ein kleines Abenteuer und das ist doch immer schön so zwischendurch.

Allerdings war ich völlig kaputt gewesen. Ausgelaugt. Ich hatte dringend eine Pause nötig.
Ich verbrachte Stunden in einem kleinen Onsen und versuchte meine Beine wieder in
Schuss zu bringen.

Hatte dabei ein paar nette Begegnungen mit alten Frauen und stellte mitten in der Nacht mein Zelt unter einem Dach eines öffentlichen Gebäudes auf. 

Leute schauten nach mir und versuchten, anstelle mich zu verjagen, noch einen besseren
Platz für mich zu finden. Obwohl es ohne Ende regnete halfen sie mir.

Ich mag die Leute wirklich sehr.

Der Regen hörte nicht auf. Es fing an zu nerven. Ich drückte mich immer irgendwo in irgendwelchen öffentlichen Gebäuden oder Läden herum und versuchte den Tag einigermassen sinnvoll zu gestalten. 3 Tage lang schlief ich versteckt unter dem Dach einer Kirche, ein super ruhiger Platz, wo ich sogar alles stehen lies und einkaufen ging und wieder einmal keine Bedenken hatte, dass mir irgendjemand was klauen wird.

Die Leute veränderten sich. Aus den super lieben, neugierigen, extrem freundlichen Japanern, denen ich bisher begegnet bin wurden langsam Städter. Das heiβt nicht, dass sie sich plötzlich daneben benahmen, nein, aber es meint, dass sie auf einmal nicht mehr dieses Miteinander ausstrahlten.

Es war plötzlich eine Ernsthaftigkeit in der Luft. Hektik. Keine so freundlichen Gesten mehr. Ab und an egoistische Autofahrer und Personal im Laden, die zwar weiterhin sehr freundlich waren, aber es war ein zwanghaftes Lächeln, es kam irgendwie nicht mehr so von Herzen wie in den anderen Gegenden zuvor. Es hatte dadurch ein bisschen die Faszination verloren.

Der Verkehr nahm immer weiter zu. Eigentlich war ich auf dem Weg in die Japanischen Alpen, doch nachdem es nur regnete, begrub ich viele meiner einsamen Bergpistenpläne und fuhr zwar auf Nebenstrassen, aber die waren trotz allem deutlich frequentierter als die einsamen Pisten auf Hokkaido.

Zudem fuhr ich 5 Kilometer, wartete den nächsten Regenguss ab und fuhr dann weitere
2 Kilometer und verschanzte mich wieder erneut. Eigentlich kam ich überhaupt gar nicht
vorwärts. Es wurde langsam ätzend.

Doch erreichte ich die nächste freudige Kilometermarke. 35.000 Kilometer.

Seit Wochen schon beschäftigt mich die Frage welches Land nach Japan ansteht.
Eines ist klar, es ist das letzte Land auf dem Asiatischen Kontinent, denn Hauptpriorität ist nun in eine Land zu reisen, in dem ich mich unterhalten kann.

Ich bin seit 28 Ländern nicht im Stande dazu mich mit den Leuten auszutauschen. Ich kann nie etwas lesen. Ich verstehe nichts und ich kann ebenso absolut nichts sagen.Ich bin ein taubstummer Analphabet und das seit geschlagenen 28 Monaten. Ich habe einfach nur Sehnsucht nach Anschluss. Es reicht jetzt mit der Einsamkeit.

Es muss also ein Englisch sprachiges Land sein und da stehen nicht allzuviele zur Verfügung. Jahreszeiten muss ich dabei auch beachten. Entscheiden konnte ich mich bisher allerdings noch nicht, nur läuft meine Aufenthaltsgenehmigung schon bald wieder aus und es wird Zeit eine Entscheidung zu treffen.

Mal sehen wo und wie es weiter geht.

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