Auf der Route 66, bei Roy’s Café wurde ich von einem älteren Herrn mit Knarre am Gürtel sehr liebenswürdig begrüßt. Willkommen im Wilden Westen, dachte ich innerlich.

 
„Aus meinem Hahnen kommt leider nur Salzwasser. Aber hier nimm Dir so viele  Wasserflaschen aus dem Regal wie Du brauchst. Jemand der bei dem brutalen Wind da draußen mit dem Rad unterwegs ist, bekommt meine vollste Unterstützung“ meinte er zu mir. 
 

„Oh prima, ganz lieben Dank!“.

 
Keine 100 m weiter sehe ich einen alten VW Bus auf mich zukommen. M&M.  Magda und Monica, zwei Deutsche Damen. Mittlerweile beide über 70, fahren sie seit vielen Jahren mit ihrem Wohnmobil in der Welt umher. Die zwei waren einfach große klasse.

Wir quatschten bis zum nächsten Tag und ich fuhr mit dem Gedanken weiter: „Wenn ich mit 70 noch so lebenshungrig bin wie die beiden, dann habe ich alles richtig gemacht. Hut ab Mädels, Ihr seid super !“

 
Geisterstädte, Rustikales und ein paar verwahrloste Gestalten – aber ein genialer Flair der hier in der Wüste auf einen einwirkt.

 
In Needles traf ich zuerst ein Kanadisches „snowbird“ Paar. Snowbirds entfliehen dem  kalten Winter und reisen in der Winterzeit in den Süden Amerikas. Sie schenkten mir 10 Dollar für ein Abendessen. 
 

Kurz darauf sprach ich mit einem Ami, der mich davon überzeugen wollte, dass ich mir doch lieber eine Pistole besorgen sollte, denn das Amiland ist ja angeblich so gefährlich. Er drückte mir sogar 20 Dollar in die Hand und wünschte mir ein herzliches lebe wohl.

Ist das nicht genial?

 
Die Gegend um Oatman war traumhaft schön. Rote Felsen, Kakteen, Einsamkeit und  richtig spannende Wildwest Stimmung. Cowboys mit Sporen an den Stiefeln – leider mit 4x4 Jeeps unterwegs – anstelle mit Pferden.

 
Die Lichtstimmung am Abend war bezaubernd – die Sterne zum Greifen nahe. Dazu heulten  die Kojoten und die Welt schien irgendwie mir alleine zu gehören. Es war einfach genial hier draußen.

 
Ein Typ hielt an und wollte mich mit nehmen. Die Sorte Mensch, der man nicht wirklich  sofort vertraut. Er war der einzigste weit und breit und insgesamt tauchte er dreimal auf. Doch am Ende konnte ich ihn davon überzeugen, dass ich weder eine Mitfahrgelegenheit brauche, noch eine Pause in seinem Haus. 
 

In Kingman, einem weiteren Ort an der Route 66, der nur aus Touri Cafes und den üblichen Junk Food Ketten bestand, war ich völlig ausgelaugt. Müde und kraftlos. Ich brauchte unbedingt eine Pause. Eine längere Pause, nicht nur zwei Tage. Doch wie und wo, dafür hatte ich noch keine Lösung.

 

Nach 4 Monaten Zelt nahm ich mir an diesem Abend das erste Mal wieder eine Unterkunft.
Bei einem Inder feilschte ich den Preis auf 30$ runter und fiel sofort in einen Tiefschlaf.

 
Es war eigentlich nicht mehr weit bis zum Grand Canyon. Ich wollte über Nebenstrassen an  den Südrand des Canyons und von dort auf den Arizona Trail. Einem Wander- und MTB Trail der einmal quer durch Arizona verläuft. Doch ich kam einfach nicht vorwärts. 
 

An einem Tag schaffte ich 30 km, am nächsten 20 km. Ich fühlte mich nicht krank, aber ich war hundemüde und quälte mich Meter um Meter durch die kahle Gegend. Während ich so vor mich her strampelte fing ich an das Buch zu lesen, welches mir M&M geschenkt hatten.

Ein spannendes Familiendrama im Zweiten Weltkrieg.Mit 5 km/h „fegte“ ich somit durch die Landschaft. Der Wind toste und ich war innerlich mehr in der Welt des Buches unterwegs, als in Amerika. 
 

Es war einer der Tage, an denen ich nur dachte: „ Warum?“ 
 

Auf dem Weg traf ich George. George aus Oregon, 65, fährt jedes Jahr mit dem Rad in den USA umher und hatte eine ganz liebe Art. Wir quatschten Stunden am Strassenrand und genossen die kurze Begegnung beide sehr.

 
Schon bald hielt ich Ausschau nach einer Zeltmöglichkeit. Doch wie so häufig war wieder  einmal alles eingezäunt. Nirgends konnte ich von der Strasse abseits zelten. Kurz darauf nahm ich die Gelegenheit wahr als ein Mann aus seiner Einfahrt fuhr und gerade sein Tor wieder hinter sich verriegeln wollte, ihn zu fragen ob ich nicht vielleicht bei ihm auf dem Gelände zelten könnte. 
 

Hundert Ausreden später meinte ich zu ihm: „ Dann halt nicht.“ 
 

Keine 200 m davon entfernt traf ich auf einen Mexikaner, dessen Haus nicht meterhoch umzäunt war und der mich herzlich in seiner Familie aufnahm und mich auf dem Balkon zelten lies. Von ihnen wurde ich gewarnt, dass ich den Indianern die in der Gegend leben unbedingt aus dem Weg gehen sollte, sie wären immer nur betrunken. Die Amis dagegen warnen mich immer wieder vor den Mexikanern. 
 

Und so warnt einer den anderen und am Ende verbarrikatieren sie sich alle hinter Gittern. Ist das nicht einfach nur traurig?

Peach Springs war erreicht. An der Kirche fragte ich bei der Pastorin um Unterschlupf  und wurde sofort aufgenommen. Ein Raum mit Toilette und Küche stand mir zur Verfügung und ich freute mich riesig über die Bleibe und akzeptierte auch anstandslos, dass die Dame mich noch nebenbei von ihrem Glauben überzeugen wollte. Auch sie warnte mich vor den Indianern und ich sollte auf keinen Fall die Türe öffnen, sofern jemand klopfen sollte. 
 

Ich dagegen fand die Indianer, die ich bisher getroffen hatte allesamt absolut freundlich. Am Morgen fühlte ich mich vollends krank und schleppte mich in den Laden gegenüber und überlegte mir ob ich die bereits mehrfach von Ron – einer meiner Fans aus Flagstaff – angebotene Hilfe annehmen sollte und mich abholen lassen soll. 120 Meilen waren es noch bis dorthin.

 

Doch kämpfte ich mit meinem inneren Schweinehund, denn wer will schon als Radler eine Etappe im Auto sitzen? Doch hätte ich schlecht noch einmal bei der Kirche klopfen können und für alles andere war ich einfach viel zu kaputt. Schlussendlich liess ich mich abholen und war heilfroh drum! 
 

Ron war ein 6’er im Lotto. Warmes Haus, kuschelige Matratze, voller Kühlschrank und eine Aufforderung so lange bleiben zu dürfen wie ich wollte. Paradiesisch.

Ein extrem netter Kerl, auch wenn wir ein paar hitzige Diskussionen über Politik und Religion  hatten, aber das änderte nichts an der Tatsache, dass wir uns prima verstanden. 

Von einem in Deutschland lebenden Amerikaner bekam ich den Tipp mit auf den Weg in den
USA nicht über Politik und Religion zu sprechen – es würde sowieso zu nichts führen meinte er. Leider hatte ich mich nicht daran gehalten und auch muss ich sagen, bin ich viel zu neugierig wie Menschen denken um diese beiden, oftmals kritischen Themen, nicht anzusprechen. 
 

Patriotismus ist das Stichwort. Natürlich ist für mich als Deutsche der Amerikanische Patriotismus völlig albern, weil er aus meiner Sicht heraus total überzogen ist. Aber die meisten anderen Nationen finden es mindestens genauso albern, dass wir Deutschen uns immernoch verstecken und klein machen, für das was im letzten Jahrhundert geschehen ist. 

Das habe ich mittlerweile so oft gehört, dass ich es hier mit gutem Gewissen erwähnen kann. 
Amerikanische Flaggen an so extrem vielen Häusern finde ich immernoch befremdlich. 

Die Amerikanische Flagge darf nicht unbeleuchtet am Haus hängen, daher muss sie nachts
ins Haus geholt werden. Sie darf auch nicht den Boden berühren und Ron fand es völlig überraschend, dass ich darüber ordentlich grinsen musste.

Hinterher habe ich allerdings Google um Rat gefragt und feststellen müssen, dass das gleiche für eine Deutsche Flagge gilt. Nur bekommen Amerikaner das in der Schule gelehrt, während ich noch nie etwas zuvor davon gehört habe.

Ich bin mittlerweile sogar ein wenig stolz darauf wo ich her komme und je länger ich unterwegs bin desto mehr weiss ich meine Heimat zu schätzen. Aber mir würde ja nicht im Traum einfallen eine Deutsche Flagge am Rad spazieren zu fahren oder darauf zu achten, ob sie nun den Boden berührt oder nicht.

Für mich ist es eine Flagge, für die meisten Amerikaner ist es das Symbol ihrer Herkunft, ihres Seins, ihres Glaubens. Eine Identität. Die meisten Amerikaner lieben ihr Land und einige davon scheinen noch immer zu glauben, dass sie die tollste Nation der Welt sind. Auch das wird ihnen in der Schule gelehrt.

Beide Einstellungen sind extrem. Und extrem ist nie gut. Die goldene Mitte wäre da wohl die weitaus geschmeidigere Lösung. Da würden mir spontan auch einige Nationen einfallen, die mit ihrem Nationalstolz in gesundem Masse umgehen – etwas was mir schon immer auf Reisen sehr positiv aufgefallen ist.


 
Halloween. „Trick or treat“ spielten wir mit Ron’s Enkelkindern. Ich war völlig beeindruckt,  wie sehr die Amis alles in ihren Gärten für Halloween dekoriert hatten. Überall brannten Lichter und die Kinder bekamen wirklich an jedem Haus ein paar Süssigkeiten. Einen Trick musste allerdings niemand aufführen. Irgendwie finde ich die Bezeichnung etwas irreführend.

Ich blieb 14 Tage bei Ron. Wäre mein Visum nicht schon Ende Dezember wieder am auslaufen,
wäre ich gerne noch länger geblieben, denn es war einfach herrlich eine so gemütliche Bleibe
für eine längere Zeit zu haben. Die längste Pause seit ich unterwegs bin – und die absolut
wichtigste bisher. 
 

Leider war es mittlerweile richtig kalt geworden. Flagstaff liegt auf 2000m Höhe und die ersten
Nächte waren nun bereits bei minus 10 Grad. Immer wieder schneite oder hagelte es und so richtig zog es mich nicht wieder auf die Strasse.

 

Ron brachte mich noch über den Highway auf die andere Seite der Stadt und wir parkten auf dem Parkplatz einer Schule. Ich packte bereits mein Rad als ein Mann in schnellen Schritten auf uns zu kam und in einem forschen Ton zu uns sagte:“Was macht Ihr hier?“ Ich verstand nicht sofort um was es ging, war aber schon sehr überrascht über die seltsame und unfreundliche Begegnung.

 

„Ich bekam einen Anruf und mache nur meine Arbeit, indem ich kontrolliere was vor sich geht“.
Woraufhin ich nur meinte: „ Das ist jetzt nicht Ihr Ernst? Jetzt wird schon ein älterer Herr und eine Radweltreisende verdächtigt eine Schule in die Luft zu jagen?“. 
 

Irgendwie läuft hier doch ein bisschen was schief. Zumal ich die Angstwelle, die da aus den USA seit Jahren nach Europa schwappt ganz besonders negativ betrachte. Die sogenannten „helicopter kids“, die bei uns nicht mehr alleine auf die Strasse dürfen tun mir ja schon seit langem leid. Leider hat die Medienwelt einen viel zu großen Einfluss auf uns. 
 

Natürlich weiss ich, dass in den USA öfters mal irgendwas an Schulen passiert – aber bitte man muss doch ein bisschen normal bleiben und nicht gleich so übertrieben reagieren, nur weil zwei Leute auf einem Schulhof parken. 
 

Das Land der angeblich unbegrenzten Möglichkeiten. XXXL Land – so richtig einsortieren kann ich die Denkweise der Amis immernoch nicht, obwohl ich schon so oft hier war.

Ich muss auch sagen, dass ich durch das Rad als Transportmittel diesmal die USA aus einem ganz anderen Blickwinkel betrachte. Wie immer bin ich näher an allem dran und da fallen einem einfach ganz andere Dinge auf, als wenn man mit dem Auto an allem vorbei rauscht und nur von National Park zu National Park stolpert. 
 

Doch liebe ich die extreme Weite, die das Land zu bieten hat. Die Vielfalt der Natur ist schlichtweg gigantisch.

Bis zum Grand Canyon waren es von Flagstaff aus noch 125 km, die ich dank meiner  Pause locker in einem halben Tag schaffte.

Den Grand Canyon habe ich bereits einige Male gesehen. Doch jedesmal wenn ich hier am Abgrund stehe bin ich überwältigt von der wahnsinnigen Größe dieser Schlucht. Die Dimensionen sind für mich allerdings nicht wirklich greifbar. Irgendwie ist mir der Canyon am Ende doch zu groß und es ist einfach unfassbar wie ein Fluss so ein Monstrum erschaffen konnte.
 

Überrascht war ich vor allem auch von der wahnsinns Besucherzahl, die selbst im Winter für meinen Geschmack noch viel zu hoch ist. Die ganze Welt traf sich hier am Canyonrand. Früher konnte ich Japaner nicht von Koreanern unterscheiden – heute weiss ich auf den ersten Blick welche Nation es ist. Reisen bildet.

 

Und nun gehts auf den Arizona Trail, doch dazu mehr im nächsten blog Eintrag.

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