Wer oder was sind eigentlich Amerikaner?

 

Diese Frage beschäftigte mich nun seit Monaten. Eine Antwort habe ich darauf allerdings nur bedingt gefunden, denn Amerikaner sind so unterschiedlich und so gespalten in ihrer Denkweise wie es krasser kaum sein könnte.

 

Die Konservativen neben den Liberalen. Cowboys, Veganer, Junk Food Liebhaber, Sportskanonen oder Dicke. Die, die ihr Land vergöttern und nur von LA bis NY die Welt erleben und die anderen, die sich für ihr Land sogar richtig schämen.

Ich habe so viele unterschiedliche Menschen getroffen, dass es den Amerikaner als solches nicht gibt.

 

Eigentlich fast wie in jedem anderen Land auch, könnte man nun meinen, doch finde ich es in den USA extremer als anderswo. Oder vielleicht fällt es mir einfach deutlich mehr auf, weil ich hier die Sprache verstehe.

Es gibt Dinge, die ich positiv aufgenommen habe und welche die mir nicht gefallen haben. Doch dazu im Laufe dieses posts mehr.

Auf dem weiteren Weg Richtung Norden nahm ich wieder einmal die abgelegenen Ecken unter die Räder. Die Schönheit der Landschaft war wie immer atemberaubend. Der Westen der USA ist jeden Tag Postkarten Idylle und ich genoss jede Minute in vollen Zügen.

David, ein Amerikaner, der bereits eine 22 Jahre lange Radreise hinter sich hat, kam mir plötzlich entgegengerollt. Freudentaumel. Der dritte Tourenradler in den USA. Wie immer sind solche Begegnungen etwas besonderes.

In Gerlach, noch immer in Nevada, wussten die Leute in der Dorfkneipe bereits dass ich auf dem Weg zu ihnen war und innerhalb kürzester Zeit hatte ich jede Menge Infos über meinen weiteren Weg Richtung Norden zusammengesammelt und suchte mir unter den Optionen die ich hatte, die einsamste Strecke aus.

The Playa – ein ausgetrockneter See inmitten einer bergigen Wüstenlandschaft. Ich konnte es nicht fassen wie schön die Gegend war. Meine Stimmung war besser denn je – und der Zeltplatz einer der besten der bisherigen Reise.

Auf Schotter ging es weiter. Wüste und ausser mir niemand da. Der Weg war gut zu radeln, der Wind kam von der richtigen Richtung und somit kam ich gut vorwärts.

Kojoten heulten fast jede Nacht. Jeden Tag Sonnenschein. Der Sternenhimmel wie immer knallhell und unbeschreiblich schön. Die Farben des Gesteins in allen Facetten. Ruhe und Einsamkeit – alles genau mein Ding.

An der Soldier Meadow Ranch, der ersten Farm seit Gerlach, empfingen mich die Cowboys freudestrahlend und meinten „Ach da bist Du ja“. „Wie da bist Du ja“ warf ich als Frage in den Raum. „Die Leute aus Gerlach haben uns bereits Bescheid gesagt, dass Du auf dem Weg zu uns bist. Komm rein, Du hast doch sicherlich Hunger“. „Oh prima, gerne.“

Die drei Cowboys rieten mir von dem Weiterweg nach Norden wegen zu viel Schnee ab und schickten mich durch den High Rock Canyon über den sie selber aber keine Infos hatten. Ich hatte mit ihnen ausgemacht, dass sie spätestens nach 5 Tagen nach mir suchen werden, sollte ich mich bis dahin nicht bei ihnen gemeldet haben, weil sie davon ausgingen dass ich dort niemanden antreffen werde.

Mark und seine Kumpels kamen mir kurz danach mit ihren Quads entgegen und verpflegten mich mit leckerem Vesper für den Weiterweg.

Der Eingang des Canyon war für motorisierte Fahrzeuge gesperrt. Klar war also hier kommt ab sofort niemand mehr vorbei. Ich war wie immer gespannt in was für einer Gegend ich nun wieder gelandet war.

Die Canyonwände waren bezaubernd, der Weg ein kleiner Pfad. Sandig und schwer zu fahren. Schieben war oft die beste Lösung.

Doch kam ich irgendwann am Stevens Camp vorbei. Eine Hütte im Niemandsland, die für Besucher der Gegend frei zugängig ist –sozusagen ein Schatz in der absoluten Pampa. Die Landschaft hatte etwas von Skandinavien.

Die Berge sahen aus wie vom Gletscher flach gewalzt. Zudem sehr karg, wenn auch teils grün bewachsen. Es war kalt und ich schmiss sofort den Kamin an, doch anstelle kuscheliges Feuer, setzte ich drei Feuermelder in Aktion, da der Raum in kurzer Zeit total verqualmt war.

Einige Meilen später, bei brutalem Gegenwind, kam ich wieder auf eine normale Strasse die sogar eine Nummer hatte. Das gesperrte Gebiet hatte ich hinter mir und ab sofort war ich der Zivilisation wieder etwas näher.

Genau am Schild – Welcome to California – fing die Teerstrasse wieder an und der Ort Cedarville war nicht mehr weit.

Ich war ziemlich kaputt und wollte unbedingt irgendwo duschen um mich wieder etwas in Schuss zu bringen, doch die Motels wollten 70 $ und mehr. Somit saβ ich vor einem kleinen Laden und bedauerte mich eine kurze Runde selber, als Amy des Weges kam und mich fragte wie sie mir helfen könnte, worüber ich wirklich sehr froh war.

Amy wohnt in wunderschöner Lage. Sie ist Künstlerin, die aus Naturmaterialien die schönsten Dinge kreiert. Wir beiden hatten uns viel zu erzählen. Eine tolle Begegnung mit leckerem Essen, heiβer Dusche und warmen Bett.

Die Landschaft veränderte sich. Aus Wüste wurde Farmland. Eine schneebedeckte Bergkette begleitete mich weiter nach Norden. Die Häuser waren bezaubernd kuschelig und die Leute die nettesten überhaupt. Es fuhr kein einziges Auto an mir vorbei ohne dass mir der Fahrer freundlich winkte. Immer wieder sah ich Rehe, Raubvögel und jede Menge Erdhörnchen die quiekend von mir davon rannten.

Oregon war erreicht. Diese Ecke des Staates ist dafür bekannt sehr stürmig zu sein. Und genau so war es. Es war sogar brutal stürmig.

Im Pub von Plush, einem winzigen Dorf, in dem jeder jeden kennt, traf ich Jesse. Jesse ritt vor einigen Jahren mit seinem Pferd einmal quer durch die USA und recherchierte im Moment für sein Buch. Ein witziger Kerl, mit dem ich Stunden redete.

 
Problematisch an den abgelegenen Gegenden in den USA ist leider die Verpflegung. Nicht nur dass alles teuer ist, nein vor allem gibt es fast nur Fraβ. Die Speisekarte ist immer die gleiche. Hamburger, fritiertes Huhn, Pommes, Sandwiches etc. An den Tankstellen gibt es dann Chips, Schokolade, Tiefgeforenes und Tütensuppen. Ich hatte es mittlerweile richtig satt und freute mich auf nichts mehr als auf einen Supermarkt in dem ich mal wieder richtig einkaufen konnte.

Doch bis dahin war es noch weit. Wie immer in den USA, sogar irre weit.

Und während ich mit dem Wind und dem Schotter kämpfte gingen mir die Amerikaner wieder einmal durch den Kopf.

 

Als der Republikaner Jeb Bush dieses Jahr aus dem Präsidentsschaftswahlkampf ausstieg, sagte er folgenden Abschiedsgruss an die Nation:  
 

Thank you for the opportunity to run for the greatest office on the face of the earth.

I love you all.

God bless you.

Über den ersten Satz brauche ich nicht viel zu sagen. Er sagt ja nichts anderes aus, als dass die Amerikaner die grössten sind. Das viele Amerikaner Patrioten sind ist allgemein bekannt und da will ich auch gar nicht weiter drauf eingehen, denn den Amerikanern ist sehr wohl bewusst, dass es derzeit im Land gar nicht mehr so rosig aussieht, wie das einst mal war. „Make America great again“ mittlerweile ein sehr bekannter Satz.

Auch gibt es die anderen Amerikaner, die vieles in ihrem Land kritisieren. 

I love you all. Wenn in Deutschland ein Politiker diesen Satz loslassen würde, wäre das die Schlagzeile des Jahres. Doch was sagt es über die Amerikaner aus?  Viele Amerikaner sagen sich in der Familie und auch im Freundeskreis und ich habe es selbst erlebt dass es eine Frau zu ihrer Nachbarin gesagt hat, sehr oft : I love you.

Es meint in diesem Zusammenhang nicht das gleiche wie ich liebe Dich, wie wir es zu unserem Partner sagen. Es meint eher ich finde Dich toll, oder ich mag Dich oder Du bist mir wichtig oder ich hab‘ Dich lieb.

Was ich wirklich sehr positiv daran finde ist, dass sich die Liebsten es sich untereinander immer wieder sagen. Das ein Sohn zu seiner Mutter sagt: I love you ! Und auch ein Enkel zu seinem Opa oder der Vater zum Sohn. Etwas was in unserer Kultur so sehr schwierig zu sein scheint. Im Falle von Jeb Bush meint es sicherlich, Ihr, das Amerikanische Volk, seid mir sehr wichtig.
 

Wir Deutschen machen uns oft lustig über das aus unserer Sicht heraus oberflächige Getue der Amerikaner. Doch warum sind wir Deutschen eigentlich oftmals so verklemmt? Warum tun wir uns mit unserer Gefühlswelt so schwer? Ja, ich weiss, wir sind darin schon deutlich besser geworden und die heutige Generation wächst da schon ganz anders auf. Trotzdem habe ich den Amerikanischen Stil als sehr angenehm empfunden. 
 

God bless you. Oder gerne auch God bless America. Amerika hat viele Gläubige. Die unterschiedlichsten Christlichen Kirchen. Leute die die Evolution ablehnen oder die als Missionare gearbeitet haben. Ich habe in keinem anderen Land bisher so oft bei Leuten vor dem Essen gebetet wie in den USA und es wurde auch in keinem anderen Land so oft versucht mich zu bekehren.
 

Doch ich bekam nicht nur die Bibel oder die Bibel der Mormonen mehrfach geschenkt, ich bekam auch ein Buch geschenkt mit dem Titel: God is not great.

Auch in Oregon geht es ziemlich lange immer gerade aus. Der Osten ist karg. Der Wind tobte. Vor lauter Südwestwind kam ich nicht weiter nach Westen, die eigentliche Richtung die ich radeln wollte. Ich hatte aber so viel Rückenwind, dass ich ordentlich Strecke machen konnte und mir somit einfach einen anderen Weg aussuchte.

In John Day kam ich abends total verfroren an und fragte an einer Rezeption: „Habt Ihr ein Herz für eine Radlerin?“ „Ja, haben wir. Gib mir 10$ für die Nacht, anstelle 60$“. Genial!

Die Strasse folgte nun einem Flusslauf und die Landschaft waren rollende Hügel. Es regnete häufig und daher waren die Farben oft nur grau in grau und der Spass etwas eingeschränkt.

Ich traf extrem viele nette Leute. Ich durfte in einer alten Scheune zelten und hatte die halbe Nacht Unterhaltung durch das Pferd der Besitzerin, das immer wieder gegen das Tor donnerte.

Mein Frühstück wurde von einem Herrn bezahlt, der mit mir nicht einmal gesprochen hatte. Ein Mann kam zu mir und gab mir 60$ weil er mein Rad gesehen hatte. Ein anderer gab mir 20$. Die Besitzerin eines Pubs, Lisa, wollte kein Geld für das Omelette was sie mir backte.

Ich traf Teresa die mich in einem Motel für 20$ einquartierte, weil es pausenlos schüttete. Ich zeltete auf einem Baseballfeld im Schutze der überdachten Trainerbank und die Schulkinder die morgens dort vorbei liefen lachten mich freundlich an. Eine andere Dame lud mich zu chicken strips & fries in ihrem Imbiss ein.

Es war trotz des vielen Regens einfach herrlich.

Shannon und ihre Freunde liesen mich im nagelneuen Feuerwehrgebäude schlafen und als es morgens schneite und es so richtig eklig war lies ich mich überreden eine kurze Strecke mit dem Auto kutschiert zu werden. 

Die Columbia Gorge war erreicht. Eigentlich wollte ich weiter nach Norden und von dort über die Berge nach Kanada radeln, aber leider hatte der viele Niederschlag zu Schneechaos in den Bergen geführt und somit war das keine Option mehr.

An der Gorge sah ich das erste Mal Radfahrer. Mehr Radfahrer an einem Tag als in den letzten 5,5 Monaten zusammen. Die Schlucht war schön, aber auch schön laut, denn der Verkehr war brutal und ich war das überhaupt nicht mehr gewohnt. Die Einsamkeit hatte nun leider ein Ende.

Es schüttete und schüttete und es war mittlerweile nur noch ätzend gewesen.

Mayah gabelte mich auf und lies mich bei ihr im trockenen schlafen. Rick, der Bruder eines Amerikanischen Freundes aus Deutschland verpflegte und unterstütze mich reichlich in Portland.

Nach 12 Regentagen kam endlich die Sonne wieder zum Vorschein. Auch war ich der Zivilisation näher als zuvor, denn hier gab es Fahrradwege, stillgelegte Bahnstrecken die in Radwege umgewandelt wurden. Leute hielten am Zebrastreifen für Radfahrer an und waren wirklich super vorsichtig im Umgang mit mir. Ganz im Gegenteil zu den Cowboy Staaten, die ich zuvor besucht hatte.

Ich erinnerte mich sofort an eine Unterhaltung irgendwo in Arizona, als man mich fragte wie man denn auf die Idee kommen könnte mit dem Rad um die Welt zu fahren. Als ich etwas von meiner Welt zu Hause erzählte und ihnen sagte, dass meine Mutter mit 73 zu einem 3 Meilen entfernten Supermarkt radelt und dort ihre Einkäufe tätig waren sie sprachlos.

Hier in Oregon sehen die Leute das anders. Hier fahren sie selber Rad.

Irgendwann dann kurz vor Washington State war die 40.000 KM Marke erreicht.

Die Sonne blieb nicht lange und der Regen begleitete mich fast non stop die letzten Tage durch Washington.

Ich schlief eine Nacht in einer Kirche, der Pastor hiess mich sofort willkommen. Zwei Nächte schlief ich im Wohnwagen bei Christopher auf einer Marihuana Farm und wurde dort fürstlich verwöhnt. Marihuana ist seit neuestem legal in Washington.

Als Christopher mir Brownies anbot dachte ich mir nichts weiter dabei und biss genüsslich in den Kuchen. Doch sein Kumpel warnte mich sofort: „Da ist Marihuana drin“. „Ops“. Und ich spuckte alles sofort wieder aus.

Die Küste war erreicht. Die Bäume voller Moose zudem gewaltig gross. Es war zauberhaft.

Nach einem langen Tag auf der Strasse suchte ich vergeblich nach einem Dach für die Nacht. Es schüttete wie aus Kübeln und ich war patschnass und mir war mittlerweile richtig kalt.

Ich kam in ein kleines Dorf und sah Licht in einem Hauseingang. Eine Idee wo ich zelten könnte hatte der nette Herr nicht, aber er meinte ich soll das Rad auf seinen pick-up schmeissen und er kommt sofort zu mir raus. Wir fuhren zu einem Motel und ich dachte er hat vielleicht einen Kumpel dort, der mich unterbringen könnte. 
 

Am Ende bezahlte er in diesem kleinen Hotel 100 $, damit ich dort übernachten und meine Klamotten trocknen konnte. Ich konnte es nicht glauben und sagte ihm mehrfach, dass das doch viel zu viel Geld sei. „God bless you“ meinte er zu mir und fuhr davon.

Eines ist sicher, Amerikaner sind absolut grosszügig und super freundlich !

Endlich war Port Angeles erreicht und meine Zeit in den USA war nun vorbei. Rechtzeitig vor Ablauf des Visum nahm ich die Fähre nach Victoria – Kanada.

Bye bye Amerika – ich hoffe ich komme bald wieder. Vielen Dank für eine ganz tolle Zeit !

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