Die längste MTB Route der Welt – Great Divide – Teil 1 – Banff nach Eureka – der Kanadische Teil

Bereits vor vielen Jahren setzte ich diesen Trail auf meine To-do Liste. 4500 KM und etwa 60.000 Höhenmeter sind es von Banff immer entlang der Wasserscheide, der Continental Divide, bis zur Mexikanischen Grenze.

Die Strecke durchquert die Staaten BC und Alberta auf Kanadischer Seite, sowie Montana, Idaho, Wyoming, Colorado und New Mexiko auf US Seite.

Dazwischen überquert der Weg die Wasserscheide 32 Mal und schlängelt sich entlang der Rockies durch die unterschiedlichsten Landschafts- und Vegetationsformen.

Die Distanz ist übrigens die gleiche wie von Lissabon nach Moskau.

Der Großteil des Weges geht durch Wildnis – genau mein Ding also!
Ein paar Verrückte fahren den Trail jedes Jahr als Selbstversorger Rennen. Der Rekord liegt bei sensationellen 12 Tagen. Völlig utopische Dimensionen für mich. Ich werde mir deutlich mehr Zeit nehmen und genießen. 

Bepackt mit Kartenmaterial, einer Bärenglocke, Bärenspray und einer langen Kordel um Essen in den Baum zu hängen, zog ich los. Meine Vorderradtaschen hatte ich bereits in die USA vorgeschickt, um weniger Gewicht und es somit etwas leichter zu haben.

Die Bärendichte in manchen Gebieten ist hoch, meine Neugierde aber wie immer grösser als die Angst. Doch wie immer, wenn man dann erst einmal mittendrin im Geschehen ist, wird es doch ab und an gruselig, doch dazu später mehr.

Ich war noch keinen Kilometer aus Banff draußen, als ich endlich wieder Ruhe und Natur fand, die ich nicht mit etlichen Menschen, die mit ihren Autos an mir vorbei donnerten teilen musste. Endlich kein Krach mehr und kein umsichtiges Fahren mehr, weil ich Angst habe musste, dass mich jemand überrollt.

Nein, der Trail gehörte mir fast ganz alleine. Und das liebe ich total.

Ein paar Wanderer kreuzten meinen Weg, oder andere Great Divide Radler, die ich entweder überholte oder die mich. Insgesamt eine Handvoll Leute. Zeitgenossen über die ich mich richtig freute.

Wunderschön schlängelte sich der Pfad durch den Wald, an kleinen Bächen vorbei und an schönen Bergen entlang. Die Landschaft war nicht wirklich anders als zuvor, nein, aber ich konnte hier mal wieder auf dem Weg sitzen und pinkeln, Blumen bestaunen, Vögel zwitschern hören und in der Waldluft mein Essen verzehren. Die Ruhe in mir aufsaugen und endlich wieder das Leben genießen. Es war herrlich.

Mein Gefühl von Freiheit kam zurück, meine Leidenschaft erwachte wieder, mein ganzer Körper schlug innerlich Purzelbäume so gut ging es mir.

Die Kraft baute sich wieder auf, der Kopf wollte wieder radeln, erleben, tanzen und sich freuen. Ich dopste auf den Pedalen hin und her und schrie in die Welt hinaus, wie geil es hier draußen ist. 4500 KM hatte ich noch vor mir und das war ein geniales Gefühl, denn ich wusste, der Trail beschäftigt mich noch eine Weile. Herz was will man mehr.

Ich hatte mir mittlerweile schon Sorgen gemacht und fragte mich öfters ob ich die Faszination der Reise verloren hatte, doch mit jedem KM auf dem Trail, war mir klar, meine Welt ist eben nicht auf dem normalen Highway. Ich will die einsamen Ecken erleben, in der Natur sein und die Ameisen krabbeln hören.

Es war so wie ich mir Kanada immer vorgestellt habe. Einsam und weit weg von Allem, obwohl der Trail die ersten Tage noch sehr nahe an bewohntem Gebiet vorbei ging.

Als Kind träumte ich immer von einer Hütte im Wald, irgendwo in Kanada, wo die Elche vorbei laufen und zum Fenster herein schauen. In der man im Winter den Kamin anzündet und im Sommer davor ein Lagerfeuer genießt. Eine Art Aussteiger Hütte, am besten als Baumhaus, wo eine Strickleiter nach oben führt.

Doch das ist nicht mehr wirklich das, was ich heute gerne hätte. Ehrlicherweise gefällt mir die Wüste eben doch deutlich besser und genau dort steuerte ich gerade darauf zu, wenn es auch noch etliche tausend KM bis dorthin sind.

Es regnete, wie so oft in Kanada. Dafür gab es kaum Moskitos, was eher ungewöhnlich ist für die Jahreszeit. Es war auch nicht wirklich warm, 10-15 Grad und grauer Himmel begleiteten mich jeden Tag.

Adventure Cycling hat vor vielen Jahren diese Route ausgearbeitet und sie in Form von 7 Karten zu Papier gebracht. Ein Mega Projekt, das ganz sicher ein riesen Aufwand war.

Besonders gut sind die Karten nicht, auch die Erklärungen sind nicht immer die Besten. “Bei KM 37.4 biege links ab und radle steil bergauf.”

Ok, manchmal war mein Tacho bereits deutlich weiter, manchmal aber auch hinten dran. Ich war eigentlich immer damit beschäftigt den KM-Zähler wieder zu korrigieren und es brauchte etwas Zeit, um den richtigen Weg auch einzuschlagen. Die Karte gibt zu wenig her, um wirklich Details zu sehen. Ein Navi hat hier definitiv Vorteile, das erste Mal wo ich das nun auch mal zugeben muss.

Manchmal wunderte ich mich auch, in welcher Richtung hier eigentlich ein Notausstieg am sinnvollstem wäre. Mit dieser Karte wüsste ich wirklich absolut nicht wo der kürzeste Weg zu einer Hauptstraße ist.

Ein bisschen orientierungslos, was ich wirklich hasse, pedalte ich also den KM Angaben und der roten Linie hinterher durch den dichten Wald, irgendwie ohne Sinn und Verstand und eigentlich völlig an meiner normalen Vorgehensweise vorbei. Aber ok, den Weg habe ich am Ende ja trotzdem immer gefunden.

Die ersten Tage vergingen und ich war doch überrascht darüber wie viele Radler unterwegs waren. Die meisten von ihnen machen nur eine Teilstrecke, nicht den ganzen Weg. Eine riesen Gruppe von 15 Leuten sah ich immer wieder, zudem zwei Pärchen und zwei Rennteilnehmer, die vor einem Monat im Süden gestartet sind.

Ich orientierte mich bei meinen Tagesetappen ein wenig an dem Buch “Cycling the Great Divide” welches den Weg in 70 Tagesetappen unterteilt. Merkte aber schnell, dass ich täglich doch deutlich weiter radeln kann, da der Weg einfacher war, als zuerst von mir vermutet. Mit der Härte des Arizona Trails hat der Weg jedenfalls bisher nichts gemeinsam, der mich vor etwa 8 Monaten an meine Grenze gebracht hatte.

Anfangs viele single trails, ging es bald auf Forststraßen weiter.

Den ersten Supermarkt gab’s in Elkford, wo ich andere Radler traf, die genauso Hunger hatten wie ich, denn ich hätte den ganzen Laden auf einmal aufessen können. Wasser gab es dagegen an jeder Ecke. Ein Bach nach dem anderen. Filtern oder Tabletten zur Wasserentkeimung ist hier die Devise. In Nordamerika herrscht Gardia Gefahr.

Ich traf Dan und Brian, die mich abends verköstigten und es nicht glauben konnten, wie viel ich auf einmal essen kann. Die Nacht verbrachte ich in der Spielerbank auf dem Baseballfeld. Super Stellen zum zelten sind das. Keiner sieht einen, oftmals sind sie außerhalb des Ortes, prima.

 Kurz nach Elkford stand ich plötzlich vor einem Schild: Wash out!

Super, die Straße war weg gerissen. Nach längerem überlegen, entschied ich mich für die Flussquerung. Der erste Übergang war kein Problem, doch der zweite stellte sich als etwas heikler heraus, bei dem die Satteltaschen zu 80% unter Wasser standen und ich das Rad und mich selber fast nicht mehr halten konnte.

Das war knapp gewesen. Schweißgebadet verließ ich das Wasser, leider wieder einmal mit patschnassen Schuhen.

Weitere Schlüsselstellen gab es auf der Strecke ab Sparwood. Hier gibt es die Weicheier Variante, die viel auf der normalen Straße verläuft, oder die offizielle Rennstrecke, die durch die sogenannte Serengeti Nordamerikas geht.

Serengeti deshalb, weil der Wildbestand hier deutlich höher ist als anderswo.
Natürlich steuerte ich auf die Serengeti zu, nachdem ich aber auch ein Weichei bin, zeltete ich die erste Nacht in Corbin in einem kleinen, nahezu verlassenen Minen Ort, um dort ein besseres Gefühl zu haben, als mit den Grizzlys alleine im Wald.

Es hatte wie immer viel geregnet. Der Weg war schlammig, doch die frischen Spuren im Matsch waren umso spannender. Alle möglichen Tiere waren hier kurz zuvor entlang gerannt und ich rätselte bei jeder Spur welches Tier es denn gewesen sein könnte. Ich habe dafür eine kleine Broschüre mit Tierspuren dabei, mit der ich mir einen recht guten Überblick verschaffen kann.

So ein bisschen gruselig war es zugegebenerweise schon.

Der Weg wurde immer schlechter. Wasser lief den Pfad entlang. Große Steine zierten den Weg und die Wildnis wurde immer präsenter. Ich liebe so etwas.

Ein Rennteilnehmer kam mir entgegen geflitzt, der für eine Unterhaltung keine Zeit hatte, obwohl er ja bereits etwa bei Tag 30 gewesen sein muss, also von irgendeinem “Podiumsplatz” weit entfernt.

Mit einem Amerikanischen Pärchen und einem 65 Jahren alten Rennteilnehmer aus Wyoming, teilte ich die einzigste Selbstversorgerhütte auf der Strecke durch die „Serengeti“. Stockbetten, Kamin und einen Balken im Wald, in dem man wunderbar das Essen aufhängen kann, um vor den Bären sicher zu sein.

Der ältere Herr sägte die Nacht über alle Bäume der Umgebung um und lies uns drei kaum Schlaf. Er verließ die Hütte bereits um 5 Uhr morgens, obwohl er erst abends um 21 Uhr an der Hütte angekommen war. Das alles machte er seit 30 Tagen. Beeindruckend in seinem fortgeschrittenen Alter.

Einige Höhenmeter lagen vor mir und immer wieder kreuzte ich Bärenspuren und innerlich wusste ich, es dauert nicht mehr lange, bis ich einem Grizzly über den Weg laufen werde.

Kaum später stand er vor mir. Ein Prachtexemplar. Ein wunderschönes Tier. Der Pelz glänzte in allen Braunschartierungen und ich war so fasziniert, dass ich den Moment am liebsten in Zeitlupe hätte erleben wollen.

Er sah mich sofort, schaute mir in die Augen, drehte sich von mir ab und rannte die Böschung hinauf in den Wald hinein. Alles ging viel zu schnell, doch war ich dankbar für die Begegnung und dafür, dass er mehr Angst vor mir hatte, als ich vor ihm.
Doch machte ich, dass ich weiter kam, ich traute mir nicht einmal den riesen Tatzen Abdruck den er hinterlassen hatte zu fotografieren, für was ich mir hinterher am liebsten in den Hintern getreten hätte.

Kaum später schaute ein Schwarzbär hinter einem Baum hervor. Ein goldiger Anblick, mit seiner süßen langen Schnauze, wenn er sich auf seine Hinterbeine stellt und seine Ohren spitzt und nach mir schaut, doch am Ende das Weite sucht. Einfach nur unbezahlbare Momente !
Der Tag war lang, aber ganz sicher der schönste in Kanada. Die Landschaft war gigantisch. Die Wigwam Passage stand an. Ein brutal steiler Hang, der unter den Satteltaschen Fahrern berüchtigt ist, weil man sich wirklich schwer tut, alles den Hang hinaufzuschleppen.

Zwei Wölfe entdeckte ich im Dickicht, die sich immer wieder zu mir umdrehten um sicher zu gehen, dass ich ihnen nichts antun werde. Rehe mehr als anderenorts, zudem einen Elch mit einem Jungen von diesem Jahr. Aber alles ging wie immer zu schnell vorbei um es bildlich festzuhalten.

Auf dem weiteren Weg lagen etliche Bäume quer und mir ging ein bisschen die Puste aus, doch wollte ich an dem Tag noch bis zur Grenze kommen und trat somit weiterhin in die Pedale, bis ich am Ende fast 1000 Hm am Stück den Berg bis zur Grenze runter rollen konnte.Was ein gigantischer Abschied aus einem Land, das mir den ein oder anderen Frust eingebracht hatte. Doch für den Teil des Trails war ich wirklich unheimlich dankbar. Und natürlich für Haida Gwaii. Und die vielen netten Menschen die ich traf. Allen voran Catherine und Nicole.

“Wann reisen Sie aus den USA wieder aus?” meinte der US Grenzbeamte in forschem Ton zu mir. “Ich kann Ihnen das Datum nicht nennen, denn ich bin mit dem Rad unterwegs und daher habe ich keinen genauen Reiseplan.”

“Gut, dann bekommen Sie 90 Tage und mehr nicht!” meinte er daraufhin. “Nein, bitte, ich habe doch ein Visum, das mir erlaubt 6 Monate zu bleiben und so viel Zeit brauche ich um alles zu sehen, was ich sehen möchte” erwiderte ich super freundlich.

“Dann zeigen Sie mir ein Flugticket, ein Busticket oder einen anderen Nachweis, dass Sie die USA wieder verlassen werden.” fügte er schnippig hinzu.

“Ich werde in den USA nicht arbeiten, mich nicht niederlassen und auch nichts anstellen. Ich habe mir für 170$ ein teures Visum besorgen müssen, weil ich in dem Iran war. Ihr Land ist wunderschön und 3 Monate sind nicht genug um zu sehen was ich gerne möchte. Ich bitte Sie mir 6 Monate zu geben.” versuchte ich die Situation zu retten.

“Sie waren zuerst 3 Monate in den USA, sind dann über Mexiko sofort wieder für weitere 3 Monate eingereist, waren nun nur 3 Monate in Kanada und nun wollen Sie schon wieder 6 Monate bleiben? Wo ist denn Ihre Heimat?” pfiff er mich an.

“In Deutschland” erwiderte ich. “Sie waren seit 3 Jahren nicht in Deutschland, das ist nicht mehr ihre Heimat. Wo ist Ihre Heimat?”, schnauzte er mich an.

“Ich bin mir sicher, sollten Sie jemals der USA für 3 Jahre den Rücken kehren, werden auch Sie weiterhin Heimat zu den USA sagen. Deutschland ist meine Heimat!” setzte ich nach.

Sein Vorgesetzter gab ihm einen Wink und er lief daraufhin nach hinten und lies mich stehen wie bestellt und nicht abgeholt. Doch 15 Min später kam er zurück, spielte weiterhin den Max, aber gab mir 6 Monate!

Willkommen in Montana. Bis Eureka war es nur noch ein Katzensprung, der Wind fegte über das flache Farmland. Ich freute mich riesig auf die USA und ging hundskaputt an diesem Tag schlafen.

Als ich vom Supermarkt in Eureka auf den Highway zurück über die Straße queren wollte und an einem Stopp Schild auf den querenden Verkehr warten musste, passierte das unfassbare und das was statistisch lange fällig war.

Ein 4x4 Pick-up überrollte mich. Als ich realisierte, dass ich gerade unter der Motorhaube eines riesen Autos lag und ein extrem großes Rad direkt neben meinem Bein zum Stoppen kam, aber zugleich auf meinem Hinterrad stand, sprang ich auf und alles andere erlebte ich fast wie in einem Film.

Was ich schon immer gesagt habe, trat ein, denn das gefährlichste an einer Radweltreise ist der Verkehr.

Mehr zum Unfall und den negativen, aber auch positiven Seiten davon, dann im nächsten Blog Post.

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