Die Fährüberfahrt wurde mir von zwei super netten Deutschen Frauen versüßt. Es war ein Heidenspaß mal wieder eine Weile Deutsch zu reden und das neueste von zu Hause zu erfahren. Während unseres Gespräches entdeckten wir in der Ferne sogar eine Walfontäne, allerdings viel zu weit weg um wirklich behaupten zu können einen Wal gesehen zu haben.

Los Mochis war nichts sehenswertes, auch die Strecke von dort zum Dorf El Fuerte war nichts Besonderes. Doch El Fuerte selber war eines solcher Dörfer die wirklich hübsch anzusehen waren. Der Hauptgrund hierher zu kommen, war allerdings der Bahnhof.

Durch einen meiner lieben Fans wurde ich zur Bahnfahrt in die Kupferschlucht eingeladen. Sie gehört angeblich zu den schönsten Bahnstrecken der Welt und der Canyon zu den größten unseres Planeten. Bei weitem größer als der Grand Canyon, doch deutlich weniger besucht. Es hörte sich also alles richtig gut an.

Nicht nur, dass ich mir die Bahnfahrt nicht entgehen lassen wollte, nein mir wurde auch von den Einheimischen stark angeraten von El Fuerte nicht mit dem Rad zum Kupfer Canyon zu fahren, da es eines der Drogenanbaugebiete Nummer 1 sei und daher nicht unbedingt die sicherste Ecke des Landes ist.

Ich traf einen Mann in meinem Alter, der mich nach einem kurzen Gespräch zum Fischessen am Abend einlud. Klar, da war ich sofort dabei und war pünktlich, wie die Deutschen das so sind, am ausgemachten Treffpunkt.

30 Minuten später kam er mit ein paar Kumpels im Schlepptau und fing an mich zu verköstigen. Da wurde heftig aufgefahren, ein paar Musiker wurden bezahlt um uns musikalisch in einen netten Abend einzuspielen. Da gab‘s viel Alkohol und viel Kicherei. Es war wirklich lustig zu sehen wieviel ich ihm wert war und wie blöd er aus der Wäsche schaute als ich mich irgendwann von der angetrunkenen Meute wieder verabschiedete und er leer ausging.

Schon witzig, wenn man so von Kultur zu Kultur unterwegs ist und wie sich im Laufe der Reise die Geschlechterrolle veränderte. Doch so richtig blickte ich bei den Mexikanern noch nicht durch, weder bei den Frauen noch bei den Männern.

Die Bahnfahrt haute mich jetzt nicht so wirklich vom Stuhl und ich hatte sowieso von Anfang an geplant gehabt, auf halber Strecke auszusteigen um den Rest mit dem Rad zu fahren von daher war es einfach mal was anderes.

In Bahuichivo war somit für mich Endstation und es wurde Zeit mich dem Abenteuer des Barranca del Cobre, dem Kupfer Canyon zu stellen. Auf etwa 1700 m ging es los und die Hügel und Berge nahmen von nun an kein Ende mehr.

Ich war unsicher, ich kannte die Gegend nicht, ich wusste über die Gefahren in diesem Landstrich nicht Bescheid. Mein Spanisch ist leider zu schlecht um wirkliche Details zu erfahren und die Leute und deren Aussage richtig einschätzen zu können. Ich war somit nicht wirklich locker, wenn ein Auto zu mir auffuhr und womöglich das Tempo reduzierte, ich war auch nicht gewillt hier irgendwo zu zelten, denn das war laut vielen Einheimischen sowieso völlig verrückt in dieser Gegend.

Okay, was also tun. Die Hubschrauber kreisten immer wieder über mir und das Militär fuhr Patrouille. Polizisten standen mit Maschinengewehren bewaffnet in einsamen Dörfern umher und ich, eine Frau aus Deutschland, fahre hier alleine mit dem Rad durch. So richtig überzeugt, ob das alles so schlau war, war ich wirklich nicht.

Ich musste also so planen, dass ich von nun an am Abend immer eine sichere Bleibe hatte, denn anscheinend gibt es tagsüber keine wirkliche Gefahr, nur in der Nacht muss man auf der Hut sein und im Allgemeinen sollte man die Wege nicht verlassen um nicht vielleicht aus Versehen über ein Marihuana Feld zu stolpern und die Besitzer dabei in Aufruhr zu bringen.

Ich fuhr also etwas schneller als sonst und erreichte über Stock und Stein und ewig steilen Wegen das Dorf Urique, was gerade einmal noch auf 500m lag. Ein weiteres kunterbunt bemaltes, verschlafenes Dorf. Die Landschaft war toll, die Leute sehr zurückhaltend aber nicht unangenehm.

Ich wurde ein weiteres Mal zum Fischessen eingeladen. Diesmal von einer Familie, deren Vater lange in den USA lebte und somit sehr gutes Englisch sprach. Der Fisch war lecker, mir wurde aber der dringliche Aufruf sie finanziell zu unterstützen etwas zu penetrant. Fischessen halt 😉

Im Dorf wurde Baseball gespielt und selbst dort auf dem uralten Sportplatz, wo vor allem Kinder unterwegs waren, standen die Polizisten mit Maschinengewehren bewaffnet neben dem Platz und beobachteten das Geschehen.

Von dort nach Batopilas, einem weiteren Dorf inmitten von Gipfeln und Schluchten, ging es nun erst einmal wieder in zig steilen Serpentinen auf 2000m hinauf um dann anschließend wieder bis auf 600 m in steilen Kurven die Höhe zu verlieren. Ich brauchte für die Strecke zwei Tage.

Am Ende des ersten Tages wurde ich zunehmend nervös, als die Nacht immer näher kam, die Möglichkeiten bei Leuten zu fragen aber immer weniger wurden. Kurz vor der Dunkelheit verließ ich die Piste und steuerte querfeldein auf ein primitives Haus zu.

In dieser Gegend leben die Tarahumara Indianer. Extrem scheue Menschen. Die Männer tragen eine Art Jesuslatschen mit einem extrem kurzen Wickeltuch um die Hüfte und einem weit geschnittenen knall farbigen Oberteil. Die Frauen dagegen einen langen weiten bunten Rock. Leider habe ich mir nicht getraut sie zu fotografieren.

Als ich dem Haus näher kam merkte ich bereits, dass mich hier niemand wirklich willkommen heißen wird, aber für eine weitere Nachfrage an einem anderen Haus war es bereits zu spät am Abend.

Nach einem etwas längeren Augenkontakt konnte ich sie davon überzeugen, dass es okay ist, wenn ich neben ihrem Haus mein Zelt aufstelle. Sie sprachen kein Wort mit mir und ignorierten mich komplett. Aber wirklich komplett. Inmitten von Ziegenkacke und Hühnergeschrei stellte ich auf dem abgeernteten Mais Stoppelfeld mein Zelt auf.

Auf mein adios drehte sich auch am Morgen niemand zu mir um.

Steil ging es weiter und extrem steil endete der Tag.

Batopilas war ein weiteres Pueblo Mágico. Also ein magisches Dorf wovon es einige im Land zu finden gibt. Prinzipiell eine Auszeichnung um den Tourismus in diesen Gegenden zu fördern. Oftmals waren sie auch wirklich sehr sehenswert.

Angeblich war ich nun aus der schlimmsten Drogenecke wieder draußen, doch die Strecken zwischen den Dörfern waren extrem weit und die Wege weiterhin extrem steil. Farmen gab es wenige und somit war ich weiterhin unsicher und war einfach vorsichtig wo ich nächtigte. Die Militärpräsenz wurde allerdings bereits spürend weniger, die Maschinengewehre ebenso.

Am Ende war alles wie immer nicht so schwierig, doch gebe ich zu, dass es kurz vorm Dunkel werden immer wieder etwas gruselig war. Da die Leute alles andere als freundlich und sonderlich offen waren, vereinfachte es die Situation nicht wirklich.

Rückblickend würde ich sagen, dass es für einen Touristen nicht wirklich gefährlich ist, selbst mit dem Rad nicht, doch wenn man so mittendrin steckt sieht die Welt immer etwas anders aus. Hinterher ist man bekanntlich immer schlauer. Zudem bin ich aus dem Alter raus, wo man den Helden spielen muss.

Ich mochte die Mexikaner nicht. Ich bin eher der Typ offen und freundlich. „Hola Senor, hola Senora wenn ich jemanden auf der Straße sehe. Ich sage Hallo wenn ich einen Laden betrete und ich sage danke wenn ich Wechselgeld erhalte oder mir ein Essen in einem Taco-Stand gereicht wird und ich sage Tschüss wenn ich weiterziehe. Eigentlich normal, oder?

Doch das ist im Norden Mexikos wohl eher seltsam. Denn da kommt eher selten was zurück, was ich sehr schade finde und auch wenig einladend auf mich wirkt. Es gibt keine lachenden und winkenden Kinder, die einen den Tag versüßen oder einfach irgendwelche Leute die mal etwas fragen oder neugierig sind.

Ich kam bei Leuten auf der Farm unter und auch hier schaute niemand nach mir, als ich mein Zelt einiges vom Haus weg aufstellte. Ich zeltete auf Sportplätzen und keiner interessierte sich für mich und ich kam in kleinen Hotels unter und keiner fragte mich auch nur eine Frage zu viel.

Manchmal hörte ich den Namen Trump wenn sie über mich sprachen. Wobei die Mexikaner den Namen wie im Spanischen aussprechen, was sich wirklich lustig anhört. Manchmal erwiderte ich, dass auch ich den Mann nicht leiden kann und ich keine Gringa bin, sondern Deutsche. Dann erntete ich meist ein zaghaftes Lächeln, aber oftmals auch nicht mehr.

„Alemania, ist das ein Staat in Kanada?“ wurde ich ein paar Mal gefragt. „Äh nein, das liegt in Europa. Muy lecho“ – sehr weit weg.“

Innerlich war ich sauer auf die Amis, weil ich anfangs immer noch dachte, dass durch Trump die Leute so schlecht auf mich zu sprechen sind. Frei nach dem Motto, richtet der Mann nicht sowieso schon genug Schaden an, muss der mir jetzt auch noch hier in Mexiko die Zeit verderben? Doch im Laufe der Zeit kam ich von der Theorie wieder ab, es lag nicht an Trump, wenn dann nur zu einem kleinen Teil.

Ich hatte so viel Gutes über die Mexikaner gehört, dass das einfach nicht zu dem passte was ich vorfand und ich versuchte einen Grund dafür zu finden, den ich aber nicht wirklich fand.

Die Männer waren meistens deutlich offener, führten den ein oder anderen smalltalk mit mir. Bei den Frauen dagegen war es deutlich schwieriger. Es schaute für mich manchmal auch so aus wie „komm‘ meinem Mann nicht zu nahe“. Vielleicht bilde ich mir das auch alles nur ein, aber willkommen fühlte ich mich hier nicht.

Die angeblich tanzenden und spaßigen Party Mexikaner traf ich jedenfalls bis dahin nirgends an. Eher das Gegenteil war der Fall.

Die Landschaft ähnelte irgendwann den Bundesstaaten Wyoming, Montana und Arizona. Es kam mir so vor als hätte ich die Continental Divide nie verlassen. Die Wasserscheide schlängelte sich hier weiterhin durch die Berge, wenn es in Mexiko auch keinen offiziellen Trail gab, erinnerte mich alles an die Zeit in den USA.

Doch wo war das Mexiko von dem ich andere Bilder vor Augen hatte?

Eine Kirche nach der anderen, ein Dorf nach dem anderen, Farmen, Kühe und Kakteen. Auf Dauer wurde das ziemlich langweilig. Wobei ich die kunterbunten Häuser und die netten kleinen Dörfer wirklich schön fand, aber es sah halt alles gleich aus.

Die Dörfer waren teils so verlassen und abgelegen, dass ich mir dachte, dass da insgesamt vielleicht eine Handvoll Fremder im Jahr vorbeikommt, da muss man doch neugierig sein und wenigsten mal schauen wer da vor der Türe vorbei radelt. Die Leute taten alle so als wären wir irgendwo in einer Großstadt und sie hätten solche Begegnungen 100 Mal am Tag.

Ich hatte auch noch ein weiteres Problem. Es war das dritte riesen Land in Folge. Ich finde nichts demotivierender als große Länder für eine Reise mit dem Rad. Es zieht sich alles ewig. Auf der Karte ist kein Ende in Sicht. Keine Abwechslung kommt auf, kein neues Essen, keine neue Sprache, kein, kein, kein….vieles gleich.

Weiterhin erstaunte mich auch, dass es nirgends Wild zu sehen gab. Angeblich hat Mexiko eine extrem hohe Artenvielfalt, doch diese war absolut nirgends zu finden.

Auf der Baja California sagten mir die Leute, auch die Touristen, ja die Baja ist ja nicht Mexiko. Die Leute im richtigen Mexiko sind ganz anders, auch das Land ist ganz anders und viel billiger und viel besser. Nun ja, da haben wir es mal wieder. Man muss immer seine eigenen Erfahrungen machen, denn ich habe da bisher eine etwas andere Meinung dazu.

Man muss auch immer bedenken, in welchem Stadium einer Reise man ein Land besucht. Ich war zuvor im Westen der USA, wo der Service und die Freundlichkeit überall vorbildlich sind, wenn es auch nicht immer ehrlich gemeint ist. Trotzdem ist mir das viel lieber gewesen.

Bin ich Amerikanerin oder Asiatin und habe noch nie eine alte Kirche gesehen ist das was Anderes, als für jemanden wie mich aus Europa kommend. Daher sind solche Aussagen immer alle relativ.

Auch habe ich gehört, dass ja der Süden des Landes, vor allem der Bundesstaat Chiapas so toll sein soll. Ja, das half mir jetzt leider ziemlich wenig, wenn ich am anderen Ende des Landes war und nur Berge und ewige Weite und tausende Kilometer vor mir hatte.

Das Exotische fehlte mir auch ein wenig, auch das Essen haute mich nicht vom Hocker. Obwohl das ja auch überall so sehr angepriesen wird. Für mich gibt es nichts Besseres als Asiatisches Essen, da kommt kein Taco mit, der nach 2 Monaten am Ende auch immer gleich schmeckt.

Auch lag die Messlatte durch die extrem geniale Zeit auf der Baja California so hoch, dass das Festland von Anfang an nicht wirklich eine Chance hatte, so jedenfalls fühlte es sich an. Doch hoffte ich weiterhin, dass es im Süden besser wird.

Eines war jedenfalls klar, es musste irgendeine Änderung her, das Land machte mich einfach nicht an. So eine Reise muss ja nicht immer gleich ablaufen und daher beschloss ich mir eine Pause vom Radfahren zu gönnen und mich mal so zu bewegen wie ein klassischer Tourist das macht.

Natürlich ging mir das eigentlich total gegen den Strich, weil ich ja mal mit dem Vorsatz losgefahren bin jeden Kilometer mit dem Rad zu fahren, doch ich sage es ganz ehrlich, nach so einer langen Zeit hat man seine Grundsätze dann irgendwann bereits 100 Mal über Bord geschmissen, was allerdings nicht heißen soll, dass ich von nun an ständig schummle, nein ganz sicher nicht. Aber es war Zeit mal etwas zu kneifen.

Ich fuhr nun ein paar Wochen mit dem Bus oder per Anhalter weiter, doch dazu bald mehr.

Pin It on Pinterest

Share This