Ich fuhr morgens in Richtung Grenze und war gespannt was kommen wird.  Ich hatte nur 5 Tage fuer das Land, da die Turkmenen fuer Individual Touristen nur ein Transit Visa ausstellen, kein Touristenvisa. Ich hoffte, dass ich die Distanz in der Zeit ueberhaupt schaffen werde, denn es waren jeden Tag ueber 100 km zu meistern.

Am meisten Sorgen machte ich mir dabei um den Wind, denn der blies, wie jeden Tag, aus der falschen Richtung.

Die Grenzformalitaeten auf Iranischer Seite waren ein Glueck schnell erledigt. Ich verabschiedete mich mit etwas Wehmut von einem tollen Land und verschenkte dem ersten Truckfahrer mit Freuden mein Kopftuch, zudem meine beiden Irankarten.

Als ich die Grenzbruecke ueberquerte war ich von zig Uniformierten umgeben, die alle nur rumstanden und nichts zu tun hatten. Bevor ich die eigentliche Grenzstelle erreichte, musste ich bereits zig Mal meinen Pass vorzeigen.

Der Weg war die reinste Schlammpiste, von Teer keine Spur. Viele LKWs aus der Tuerkei standen in einer langen Schlange an und die armen LKW Fahrer warteten sich Loecher in den Bauch.

Zuerst musste ich zur Gesundheitsbehoerde. Ein an einem Huehnchenknochen kauender Uniformierter fragte nach meinem Pass. Ich bat ihn darum zuerst seine Finger zu waschen,
woraufhin er abwinkte und sagte, no problem. 

Doch, das ist ein Problem, erwiderte ich. Notgedrungen wischte er seine Finger lustlos an einem total vergammelten Handtuch ab und nahm meinen Pass entgegen. Er verewigte meinen Namen in einem riesigen Notizbuch.

Die naechste Station waren 10 Uniformierte, die sich irgendwie alle gegenseitig kontrollierten. Einer der Grenzer verschwand mit meinem Pass fuer 15 min hinter einer Tuere, wer weiss warum. Danach hatte ich 12 $ Eintrittsgeld zu bezahlen, wofuer auch immer. Dass ich bereits 55 $ fuer das 5 Tage Transitvisum bezahlt habe, beeindruckte leider niemanden.

Alle 10 beobachteten, wie ich meine 12 $ aus meiner Tasche kramte und das in russisch geschriebene Formular unterzeichnete. Der Zoll wollte zudem Angaben ueber mein gesamtes Bargeld, das Gewicht meiner Ausruestung, meine Reiseroute und und und. 

Mein Gepaeck wurde geroengt und alle Papiere die ich nun als Kopie bekam, wurden dann nochmals von zig Leuten unterzeichnet und ganz wichtig gestempelt. Erst dann bekam ich meinen Pass mit einem Stempeldruck versehen und durfte nach etwa 1 Stunde weiter.

Ich betrat das 80. Land meines Lebens.

Die Grenzstadt empfing mich mit froehlichen Menschen und Frauen in kunterbunten Kleidern. Sie hatten teilweise nicht einmal mehr Kopftuecher auf. Es war ein Farbenschmaus nach all dem vielen schwarz im Iran. Alkohol gab es ueberall zu kaufen, ich sah zig Leute rauchen und irgendwie machte es den Eindruck als haette hier niemand mehr etwas mit dem Islam zu tun. 

Die Fassaden waren ziemlich herunter gekommen, die Strasse ein Schlagloch nach dem anderen und der Praesident strahlte mich von ueberall her an, wie damals Honecker in der DDR. Der selbe gruene Hintergrund.

In einem Malergeschaeft tauschte ich Geld, wobei ich den Umtausch nicht ganz verstand, denn es gab eine alte und eine neue Waehrung. Manche Waren waren in der alten Waehrung ausgezeichnet, andere in der neuen. Etwas verwirrend.

Schlussendlich war ich auf der Strasse, es gab keine Zeit zu verlieren, denn ich hatte viele km vor mir und der Tag war bereits lange angebrochen.

Es dauerte keine 10km und ich war im Niemandsland. Kein Verkehr, Ruhe und Einsamkeit. Vogelgezwitscher umgab mich, Schildkroeten querten die Strasse.

Ich sah Fuechse und Maeuse, Raubvoegel und Kraniche. Ich sah so viele Wildtiere wie ich sie seit Beginn der Tour insgesamt nicht gesehen hatte und das alles an einem Tag. Es war herrlich.

Spaeter am Tage ging der Weg an einem Kanal entlang und ich hoerte pausenlos Froschgequake,
Voegel bauten ihre Nester und Wasservoegel planschten im Wasser. Fuer dieses Naturerlebnis nahm ich die schlechte Strasse gerne in Kauf, denn es jagte ein Schlagloch das Naechste.

Ab und an kamen LKWs des Weges, doch sie waren nicht schneller als ich unterwegs. Die Schlagloecher waren fuer sie einfach zu tief, waehrend ich sie umfahren konnte.

Ich erreichte kurz vor dem Sonnenuntergang Hauz Han und uebernachtete dort fuer 5 $ in einem Gasthaus. Die ersten 110km waren somit geschafft. In der Kueche kochte man mir leckere Raviolis
und man servierte mir Tee. Von nun an gab es auch gruenen Tee zur Auswahl, der lange nicht so stark ist wie der schwarze Tee, der mir nun mittlerweile schon zu den Ohren raus lief. Chai heisst der Tee auch weiterhin.

Schon oft traeumte ich von einer guten, kalten Apfelsaftschorle, doch die sucht man ausserhalb Deutschlands leider vergebens. Die Frauen in der Kueche waren alle gut drauf, alle bunt gekleidet,
keine Kopftuecher, locker flockig im Umgang mit den Maennern und ich sah das erste Mal wieder, dass sich Frau und Mann beruehrten und sogar Zaertlichkeiten austauschten. 

Ich war wieder in einer anderen Welt, einer Welt die meiner Welt viel mehr aehnelte.

Am naechsten Morgen ging es weiter, leider nun auf der Hauptstrasse. Zudem wieder Gegenwind.
Man muss sich schon immer wieder stark motivieren um wirklich weiter zu wollen. Manchmal faellt mir auch nicht mehr ein, ueber was ich eigentlich noch nachdenken soll. So viele Stunden sitze ich oft auf dem Rad. Man hoert irgendwann einfach auf zu denken, man funktioniert nur noch.

Leute gruessten mich freundlich, hupten, winkten mir zu oder luden mich zum Tee ein. Leider blieb fuer nichts wirklich Zeit, denn es war ein Wettlauf mit den 5 Tagen.

Genau an einem Laden, irgendwo im Nirgendwo, schaffte ich meine ersten 15000km dieser Tour.
Ich war stolz und war auch ueber mich selber irgendwie ueberrascht. Ich erwische mich immer oefters mit dem Gedankengang, du bist echt wahnsinnig, Du hast es bereits bis Zentralasien geschafft. Das ist echt der Hammer.

Dann wieder sage ich mir selber, ach papperlapapp, das kann jeder wenn er das will. Doch ich muss das erste Mal in meinem Leben vor mir selber zugeben, dass das nicht jeder koennte, denn es ist wirklich die groesste Herausforderung meines Lebens. 

Man stoesst an seine Grenzen. Immer und immer wieder. Physisch wie psychisch. Ich habe sonst das Talent meine eigenen Faehigkeiten klein zu machen, doch hier muss ich nun das erste Mal in meinem Leben sagen, es ist eine Leistung und ich bin stolz drauf.

All die vielen Stunden in denen man mit der Einsamkeit kaempft, man damit kaempft wie ein taubstummer Analphabet durch die Laender zu radeln.
Wind und Wetter, Kaelte und Hitze, Buerokratie und anstrengende Menschen,
schlaflose Naechte, schlechtes Essen und vieles weitere mehr.

Doch ich wuerde es nicht machen, waere da nicht auch die andere Seite der Reise. Die vielen schoenen Stunden mit sehr netten Menschen, all die tollen Landschaften, die unterschiedlichen Kulturen, die prachtvollen Gebaeude und die vielen Dinge die ich neu gelernt habe. Ganz zu schweigen von dem wahnsinnigen Freiheitsgefuehl das man erlebt.

Manchmal denke ich zurueck an die Zeit, in der ich noch in Europa war, es kommt mir vor als waere es Jahrzehnte her. Es ist so viel passiert in den letzten 15000km.

Diese 15000km stecken voller Schweiss, Sehnsucht, Erfahrung, Heimweh und Fernweh, Freude und Spass, Kummer und auch ein bisschen Angst, Neugierde und Durchhaltevermoegen und sie sind zudem die wichtigsten und tollsten km meines gesamten Lebens.

Ich bin froh diese Reise begonnen zu haben und ich hoffe ich darf sie noch beenden wo immer am Ende das Ende der Reise auch sein wird. Zum Schluss wird nicht das Land das entscheidende sein,
nein am Ende werde ich sagen, es reicht mir jetzt, ich mag nicht mehr. Die Reise ist ein Geschenk und ich versuche es auch so zu verstehen.

Manchmal frage ich mich aber auch, ist es noch eine Reise oder ist es mittlerweile mein Leben geworden. Gibt es ueberhaupt ein Ende dieser Reise? Wenn ja, was kommt danach?

Ich kenne dort draussen niemanden, absolut niemanden. Ich bin jeden Tag fremd, egal wo ich hin gehe, jeden Tag alleine und jeden Tag verabschiede ich mich aufs neue. Ein Glueck sind die Menschen alle super nett zu mir, jeder heisst mich herzlich willkommen. Ich bin ihnen unendlich dankbar dafuer, denn dadurch ist es fuer mich deutlich einfacher.

Es ist ein ewiges auf und ab. Mal koennte ich die Welt umarmen und laut schreien das Leben ist wunderschoen, doch dann am naechsten Tag oder vielleicht sogar nur 5 Minuten spaeter, frage ich mich wieder, was soll ich eigentlich hier?

Das passiert vorallem immer dann, wenn ich versuche jemandem etwas zu sagen, oder zu fragen und wir verstehen einander nicht. Eigentlich ist das fuer mich das schwierigste an der ganzen Reise.
Ich kann mich nicht unterhalten, kann mich nicht austauschen, sehe oft wochenlang keinen Menschen, der meine beiden Sprachen spricht.

Es ist immer das gleiche oberflaechliche Gerede, das ist mir auf Dauer oftmals zu wenig.

Der Tag war lange, der Wind heftig und die Landschaft nichts berauschendes mehr. Die Natureindruecke waren leider verschwunden, der Krach der Autos toetete jegliches Gezwitschere.
Manchmal hasse ich diese Autos regelrecht.

Ich passierte Mary eine Stadt voller Prunkbauten, an denen an jeder Fassade der Praesident zu seinem Volk herab schaut. Bis Merv waren es leider noch ein paar km und kurz vor der Dunkelheit erreichte ich nach insgesamt 110 km die Unesco Welterbestaedte Merv.

Es war stockdunkel als ich eine Strasse entlang fuhr und mir ueberlegte an welchem Haus ich nun klopfen sollte. Es ist immer wieder spannend, ob man nun die richtige Wahl getroffen hat oder nicht.
Da wo Hunde bellen, klopfe ich normalerweise nie.

Ich hatte wie immer Glueck, eine Familie nahm mich gerne auf. Servierte mir in einem Nebenhaus Abendessen und am naechsten Morgen Fruehstueck. Ich durfte duschen und zudem bekam ich einen Platz fuer mich alleine zum schlafen. Immer wieder toll und auch sehr spannend.

Nicht nur der gruene Hintergrund des Praesidenten Portraits, oder die Schlagloecher in der Strasse erinnerten mich stark an die DDR, nein auch das Klopapier erweckte Kindheitserinnerungen.

Bei meiner Tante in der Ostzone gab es auch immer dieses graue, harte Papier. Auch das ist nun anders hier, denn in den islamischen Laendern zuvor, benutzt man ueberhaupt kein Klopapier, sondern nur Wasser. Wenn ich dort zur Toilette ging, hatte ich immer mein Papier selber dabei,
das ist nun nicht mehr noetig, nur sind die Klos nun deutlich primitiver.

Der 3. Tag begann mit einem Platten, der aber schnell repariert war. Ach herrlich, ein Mann kam des Weges und fragte ob ich Hilfe braeuchte, nein danke erwiderte ich und er gab sich mit der Antwort zufrieden und lief weiter. Freundlich aber nicht aufdringlich, sehr angenehm.

Wieder war es windig und meine Beine waren bereits ziemlich angeschlagen. Der Verkehr war heute deutlich geringer gewesen, aber es umgab mich nichts als tote, langweilige Wueste.

Ich erreichte nach 112 km Peski, ein kleines Dorf an der Eisenbahnstrecke. Die Bewohner des gesamten Dorfes muessen um aufs Plumpsklo zu gehen, ueber die Gleise laufen. Morgens sah ich sie in der Reihe am Haeuschen anstehen. 

Ich zeltete vor einem Haus, denn ich brauchte meinen Schlaf und wollte nicht in der heissen Bude mit all den anderen auf dem Boden naechtigen. Leider fuhr der Zug fast neben dem Zelt vorbei, der Boden vibrierte jedesmal heftigst.

Nach dem gemeinsamen Essen, es gab das erste Mal Nudelsuppe, ah wie lecker, formten alle ihre Haende zu einer Mulde und wischten dann mit den Handinnenflaechen ueber das Gesicht. Es ist ein danke schoen an Allah, fuer das Essen.

2 kleine Kinder lebten mit im Haushalt. Ich habe nirgends Spielsachen gesehen, kein Buch zum vorlesen, kein Ball, nichts.

Tag 4 ging so weiter wie Tag 3 endete. Wueste, Wind und Durchhaltevermoegen. Eine Familie stoppte mich und gab mir eine Art heisse Maultaschen und Tee.

Irgendwann erreichte ich Turkmenabad und war sichtlich erleichtert, dass  es nun nicht mehr weit war. Ich fuhr noch aus der Stadt heraus und war froh, dass mich Leute zum Essen einluden.
Es gab frischen Fisch.
Die Maenner kamen gerade vom angeln zurueck. Das Haus war gross genug, so hatte ich sogar einen Raum fuer mich alleine zum schlafen.

Morgens waren es noch etwa 25 km bis zur Grenze. Ein Sandsturm faegte ueber das Land und der Gegenwind war brutal.

Wieder schauten zig Uniformierte meinen Pass an, doch es ging diesmal deutlich schneller.

Ich hatte es geschafft, kassierte meinen Stempel und fuhr rueber nach Usbekistan.

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