4 Jahre und 50.000 Kilometer……

VIER laaaange JAHRE und 50.000 laaaange Kilometer….

Mit einem kleinen Boot überquerte ich den Grenzfluss und die Grenze Frontera Corozal und war gespannt was kommen wird. Ich hatte große Hoffnungen auf nette Menschen und intaktere Natur.

Im ersten Dorf war ich sofort umzingelt von mindestens 50 Maya Kindern, von denen keines der Kinder Spanisch sprach. Auch die anderen Dorfbewohner waren neugierig wer ich bin und empfingen mich mit lachenden Gesichtern. WOW, was ein Unterschied zu Mexiko.

Die Schotterpiste war in einem guten Zustand. Die Grenzformalitäten wurden völlig problemlos in etwa 10 KM nach der eigentlichen Grenze vollzogen – ich bekam einfach einen Stempel ohne weitere Fragen.

Wie immer bin ich in einem neuen Land erst einmal zurückhaltend mit dem fotografieren und sehr oft warte ich ab wie die Menschen sich mir gegenüber verhalten. Meistens versuche ich zu spüren ob es für die Leute okay ist, wenn ich sie fotografiere. Daher gibt es kaum Bilder von dieser Anfangsphase in Guatemala.

In einer winzigen Unterkunft, die einzige auf der ganzen Piste, kochte ich mir mit meinem Holzkocher etwas zu essen und war auch dort sofort von Kindern umgeben. Es macht einfach immer wieder Spaß Kontakt zu den Kleinsten eines Landes zu haben, oftmals viel mehr als dass zu den Erwachsenen der Fall ist. Auch haben sie weitaus mehr Geduld und wiederholen ihre Fragen mehrfach wenn ich ihnen sage, dass ich sie nicht verstehe. In Mexiko wurde ich mehrmals von Männern sogar ausgelacht, wenn ich Fehler machte.

Oftmals ist es für mich einfacher etwas in Spanisch zu fragen, als die Antwort zu verstehen. Ich kann hundertmal sagen, dass sie doch bitte langsam sprechen sollen, aber das hilft alles nichts, sie sprechen einfach viel zu schnell.

Ich hatte mir eingebildet, dass ich in einem Gebiet unterwegs war indem es hauptsächlich Dschungel zu finden gibt, doch da war ich völlig falsch. Hier brannte es an so vielen Stellen, da war kein Dschungel mehr übrig. Auch hier, alles tot. Rinder soweit das Auge reicht.

Guatemala war nicht nur ein neues Land für mich, sondern Guatemala war das Land in dem ich zwei besondere Momente erwartete, denn es waren nur noch wenige Tage bis zu meinen beiden Jubiläen. 4 Jahre und 50.000 KM.

Irgendwie war ich nervös, obwohl es da gar nichts gab vor was ich hätte nervös sein müssen und trotzdem war ich es.

Was verändert einen mehr? Die Distanz, die sich immer weiter vergrößert hat oder die Zeit die ich in so vielen Ländern verbringen durfte? Am Ende ist der Abstand zum normalen Leben und der zu meiner Heimat wohl eine Kombination aus beidem und ging sicherlich nicht spurlos an mir vorbei.

Somit ist die Frage, bin ich noch die gleiche Heike wie vor vier Jahren?

Es war eine Gefühlsachterbahn die da auf mich einprallte. Sicherlich war ich in einem eher labilen Zustand, weil ich in Mexiko keine gute Zeit hatte, doch glaube ich ganz bestimmt, dass ich auch in einer anderen Gegend einige moralische Momente gehabt hätte – oder besser viele moralische Momente.

Ich glaube mir wurde zum ersten Mal so richtig bewusst wie lange ich schon von daheim weg bin. Wie lange ich meine Leute nicht mehr gesehen habe und wie oft sie mir doch fehlten. Und wie oft ich mir in letzter Zeit die Frage stellte was wohl aus ihnen allen geworden ist? Haben sie sich überhaupt irgendwie verändert? Oder bin das ausschließlich ich? Was wird sein, wenn ich wieder mal nach Hause komme? Halte ich es da überhaupt lange aus? Haben wir uns dann irgendwas zu erzählen? Mehr als über das normale Telefonat hinaus? Wird mir dann erst richtig bewusst wie weit ich weg war und es auch weiter sein werde?

Wenn man Langzeitreisende fragt was das schwierigste am Reisen ist dann bekommt man von den Allermeisten die Antwort: „Das nach Hause gehen“.

Genau. Man muss also wieder an den Punkt zurück an dem man gestartet ist. In meinem Fall vor VIER Jahren in dem kleinen Kaff Großsachsen in dem mein Elternhaus steht.

Zurück an den Startpunkt einer fantastischen Zeit, bei der ich nicht möchte, dass sie zu Ende geht. Da gibt es noch so irre viel zu entdecken, noch so viele Länder die ich noch nicht gesehen habe, so viele Kulturen die mir fremd sind.

Der Zeitpunkt des Jubiläums kam eher ungünstig und versetzte mich in eine schwankende Phase, die ich gerade gar nicht gebrauchen konnte, denn ich wollte mich ja von der schlechten Stimmung in Mexiko befreien und mir nicht das nächste gedankliche Problem aufhalsen. Ich wollte ja eigentlich in guter Laune ein neues Land erfahren. Doch irgendwie war mir die Kraft verloren gegangen und dieses Jubiläum machte mir ordentlich zu schaffen. Zudem hatte mich Mexiko richtig ausgelaugt.

Ich schmiss alle möglichen Bilder in meinem Kopf umher. Von meiner Kindheit, meiner Familie, von den unterschiedlichen Menschen die ich getroffen habe, von den tollen Orten und den gigantisch vielen tollen Momenten die ich auf der Reise hatte. Ich sprang von hier nach dort und von oben nach unten und fing dann gedanklich wieder von vorne an.

Ich erinnerte mich mit Wehmut an die 10.000 KM Marke in Armenien, als ich mega stolz und glücklich in der eiskalten bevorstehenden Nacht am Straßenrand ein Bild schoss. Ich war damals hochmotiviert und nichts hätte mich aufhalten können.

Dann an 20.000 KM als ich in der Wüste Gobi in China bei Affenhitze mir ein 20.000 KM Foto ausdenken musste und ich trotz des weiten Weges durch das Reich der Mitte eine riesen Motivation hatte den Weg auch wirklich zu meistern.

30.000 KM waren es in Südkorea ein Land was ich nicht besonders mochte und trotzdem war ich einfach nur happy, dass ich schon so weit gekommen war und ich freute mich damals auf das MEHR.

40.000 KM waren es in Oregon in den USA wo es zuvor 10 Tage lang wie aus Eimern goss, ich aber viel zu gespannt auf Kanada war um das mir das etwas ausmachte und ich somit den nächsten Meilenstein gerne als Motivationsspritze annahm. Zudem hatte mir die USA extrem gut gefallen und auch total gut getan.

Seit der USA verlangsamte sich mein Tempo enorm, wobei dass auch eher darauf zurückzuführen war, dass ich einfach auch gerne länger an einem Ort bleiben wollte und die Welt lieber mehr genießen wollte, als von einem Land zum nächsten zu hetzen. Zudem wählte ich immer schwierigere Strecken um ordentlich Abwechslung in mein Rad Leben zu bringen, was schon allein dadurch meine Distanz reduzierte.

Und nun waren es bereits 50.000 KM. Doch diesmal wollte der Motivationsschub nicht so richtig eintreten. Diesmal leider nicht.

Doch wie immer versuchte ich es so positiv wie möglich zu sehen und dem Jubiläum irgendwie auch mit Stolz entgegen zu gehen, denn schließlich habe ich mir einen Traum erfüllt. Einen genialen Traum – und auch wenn es Tiefpunkte gab, doch diese halfen die Höhepunkte umso fantastischer werden zu lassen.

Ich hatte eine megageniale Zeit gehabt! Ich habe so viel gelernt und erlebt wie die allermeisten Menschen nie erleben werden, selbst wenn sie die Chance hätten es zu tun. Sie würden es nie machen und die anderen können es nicht machen, weil ihnen die Möglichkeiten dazu fehlen.

Mir ging es nie darum etwas zu besitzen, reich zu sein. Ich bin in einer Wohlstandsgesellschaft aufgewachsen, Besitztümer langweilen mich. Ich sah nie den Sinn darin für einen Gegenstand hart arbeiten zu gehen. Ich wollte reisen, ich wollte die Welt sehen, von Kindesbeinen an. Arbeiten war für mich das Eintrittsgeld für die Freiheit – Freiheit auf Reisen, das war schon immer mein Ding und wird es wohl auch immer bleiben.

Meine Kinderzimmerwände waren nicht mit Popstars beklebt, nein meine Wände waren mit Weltkarten dekoriert. Mit Bildern von Australien, mit der Australischen Flagge und einem Bumerang den ich auf dem Flohmarkt gekauft hatte. Es war für mich mit 6 Jahren klar wie Kloßbrühe, dass ich nach der Schule nach Australien fliege. Damals vor fast 40 Jahren war Down Under weiter weg, als das heute der Fall ist, damals war Australien fast schon ein anderer Planet, aber es war meine Vision, mein Traum!

Ich arbeitete damals 10 Wochen in einer Fabrik um das Geld für den Flug zu verdienen und ein neues Leben zu beginnen. Die Kindheit war vorbei, mein Reiseleben hatte begonnen und hat nie wieder aufgehört, nein es wurde immer extremer! Bis zu diesem verrückten Tag an dem die 50.000 KM Marke immer näher rückte und ich auf 4 tolle Jahre zurückblickte und mit den Tränen kämpfte.

Wer bin ich nun eigentlich geworden? Bin ich wirklich so anders als früher?

Dann kommen auch so Gedanken wie: „Bist Du eigentlich bescheuert hier seit 4 Jahren um die Welt zu radeln?“ Doch diese werden dann gleich zur Seite geschoben mit: „Du spinnst wohl, gar nichts ist hier bescheuert, dass Leben ist genial hier draußen“.

Mein „50.000 KM Tag“ war ein richtig guter Tag gewesen. Ich hatte gute Laune, wie doch aller meistens, obwohl es eben in letzter Zeit deutlich weniger wurde.

Ich war patschnass geschwitzt und legte mich in den roten Dreck der die Straßen Guatemalas ziert und lächelte doch auch stolz und fröhlich in die Kamera. Die Selfie Aktion lenkte mich von dem eigentlichen EVENT ab.

Ich war ein wenig traurig und auch einsam und konnte diesen für mich so besonderen Moment mit niemandem teilen.

Aber es gab auch keinen Grund ihn zu teilen, denn es hätte sowieso NIEMAND meinen Gefühlszustand verstanden, außer denen die auch schon einmal an so einem 50.000 KM Punkt ein Bild gemacht hatten und dafür einige Jahre unterwegs waren. Doch die waren nicht hier – die waren irgendwo auf dieser Welt unterwegs und wahrscheinlich genauso alleine wie ich. Doch sicherlich hatten sie ähnliche Gefühle.

In Flores, einem Touristenort in der Nähe vom berühmten Maya Ort Tikal, waren es dann ein paar Tage später 4 Jahre. Doch auch hier kam keine wirkliche Freude auf, eher eine Verwunderung über mich selber.

Ich hätte wohl genauso vor einem riesigen Pottwal stehen können, vor Außerirdischen oder die Geburt eines Elefantenbabys miterleben können und hätte wahrscheinlich auch dazu nur müde gelächelt. Ich war einfach nur bis obenhin zu und es ging schlichtweg nichts mehr an Info in mich hinein und auch der Stolz auf meine Leistung und das Durchhaltevermögen versank in meiner bleiernen Müdigkeit.

Es war schon fast wie Basta – Finito. Ende – aus – Nikolaus.

Doch das sollte es noch nicht sein! Nein.

Eines ist jedenfalls ganz klar und möchte ich definitiv erwähnen, diese 4 Jahre waren die absolut besten 4 Jahre meines Lebens. Ich hatte also absolut nichts falsch gemacht und musste nun sehen wie es weitergeht. Denn wie gesagt meine Neugierde ist immer noch vorhanden und auch höre ich die Welt weiterhin rufen, wenn auch etwas leiser als sonst.

Eine Pause scheint dringend notwendig zu sein, doch wollte ich mir das erst einmal noch nicht eingestehen und lieber abwarten was Zentral Amerika zu bieten hat.

Ein paar Tage in dem Touristen-Nest Flores waren dann genug für mich und ich steuerte Tikal an. Eine Ausgrabungsstätte die ich schon seit Jahrzehnten besuchen wollte. Angeblich die schönste antike Maya Stadt die es gibt.

Heiß war es auch weiterhin! Die Landschaft nicht sonderlich spannend. Ein paar Hügel, ein paar Dörfer mehr nicht. 10 KM radeln, 30 Minuten Pause im Schatten und was Kaltes trinken, dann wieder 10 KM radeln usw.

Am Eingang des Nationalparks stand ich nun endlich im Dschungel. Wirklich schade, wenn man dadurch so richtig erlebt wie es auch in all den anderen Gegenden zuvor einmal ausgesehen haben muss! Wir Menschen bekommen einfach alles kaputt.

Tikal war klasse. Der Nebel hing morgens im Dschungel und legte sich in zarten mystischen Grautönen über die uralten Mauern und Pyramiden. Anfangs hatte ich die Anlage fast für mich alleine, außer die wenigen Touristen die nochmals deutlich mehr gezahlt haben als $15 und dadurch bereits 2 Stunden früher als alle anderen auf die Anlage durften.

Ich blieb den ganzen Tag und beobachtete nicht nur die Pyramiden, sondern auch jede Menge Tiere. Endlich! Vor allem die Brüllaffen die ich stundenlang faszinierend bestaunte, aber auch Tukane von denen ich 3 verschiedene Arten entdeckte, begeisterten mich.

Nachdem ich nicht noch einmal $5 für eine Wiese bezahlen wollte um dort zu zelten, fragte ich die Touristen Polizei ob sie eine Idee hätten wo es mir erlaubt ist die Nacht zu zelten. Am Ende hatte ich eine freie Fahrt zur Polizei und durfte bei ihnen auf dem Gelände mein Zelt aufstellen. Ganz tolle Leute!

Kurz vor den Yaxha Ruinen traf ich auf Karin aus Deutschland und Consuelo aus Guatemala. Die beiden Frauen waren richtig gut drauf und wir hatten riesen Spaß auf der großen Maya Anlage, die allerdings bei weitem nicht so eindrucksvoll war wie Tikal.

Mit mehr Kraft geht es nun nach Belize.

 

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