Das Chinesische Grenzgebäude war wieder einmal ein massiger Protzkasten. Die Abwicklung ging schnell von statten und somit war ich nun zum 3.Mal im Reich der Mitte, seit ich die Heimat verlassen hatte.

Diesmal wird das Land sicherlich anders auf mich wirken, denn diesmal werde ich in den bevölkerungsreichen Gegenden unterwegs sein und ich war sehr gespannt wie es sich anfühlen wird unter 1.3 Milliarden Menschen unterwegs zu sein.
 

Zu meiner Überraschung sprachen immer wieder vereinzelt Leute ein paar Brocken Englisch und wenn nicht, dann schaffte ich es auch sonst mit ihnen zu kommunizieren.

Sie waren alle viel williger etwas verstehen zu wollen. Es gab nur noch selten ein „mei you“ oder „ting bu dong“, nein, sie kamen oftmals sogar von sich aus auf die Idee, Zettel und Stift zur Hilfe zu nehmen, hinzuschauen und zuzuhören um mir zu helfen oder im Restaurant die Bestellung aufzunehmen. Die Leute dachten hier mit.

 

In den kleinen Unterkünften fragten sie noch nicht einmal mehr nach meinem Pass,
keine ewigen Diskussionen und ich durfte zudem überall übernachten.

Anfangs gab es sogar fast an jeder Tankstelle saubere Toiletten, alle mit eigener Kabine.

Auch nach dem Weg fragen war plötzlich irre einfach. Nahezu jeder wusste wo es lang geht und gab mir die richtige Auskunft.

Kinder rannten mir hinterher oder lachten wenn sie mich sahen. Feldarbeiter riefen mir lauthals zu oder schenkten mir ein nettes Lächeln. Ein Motorradfahrer fuhr langsam an mir vorbei und sagte in Englisch: „Welcome to China“.

In einer Unterkunft hing eine Weltkarte an der Wand und die Besitzerin fragte wo ich her kam, ich deutete auf Deutschland und sie sagte prompt „De Gua“. Das war China? Ich konnte es kaum fassen.

Ich fuhr die ersten Tage hunderte von Kilometern nur an Zuckerrohr Plantagen vorbei.
Die Ernte war in vollem Gange. Randvoll mit Zuckerrohrstangen beladene Laster,
Wasserbüffel Kutschen und im Feld arbeitende Menschen bestimmten das Bild was
mich umgab. Dazu ein welliges Landschaftsprofil. Keine endlosen Berge mehr.

Ich kam endlich wieder vorwärts und genoss es nicht pausenlos im 1.Gang fahren
zu müssen. Meine Schaltung hatte ich ein Glück wieder hinbekommen, so dass ich
seit Monaten mal wieder Kette rechts fahren durfte, ich schätze seit der Wüste Gobi
das allererste Mal, also mehr als 6000km her.

Ich kam durch Städte, die so verwahrlost waren, dass ich es nicht glauben konnte.
Dreck, Chaos, verlassene oder verfallene Häuser. Ohne Ende Staub und selbst die
Haupstraße bestand teils nur aus Schotter oder brutalen Schlaglöchern. Es sah
manchmal aus wie kurz nach dem Krieg.

 

Ich war gespannt ob ich jemals noch in eine Gegend kam in der der angebliche Reichtum
dieses Landes auch mal zu sehen war. Bisher habe ich fast ausschließlich 3.Welt in China erlebt.

Das Wetter war sehr diesig, die Sonne kam kaum zum Vorschein, es hatte fast schon eine
mystische Stimmung. Die Temperatur war perfekt. Tagsüber etwa 20 Grad, nachts kühlte
es angenehm ab.
 

Nanning war erreicht. Eine 7 Millionen Stadt. Die Vororte waren grau in grau.

Doch irgendwann näherte ich mich dem Zentrum. In einer Fußgängerzone überraschte
mich dann der Prunk. Es war überall alles wie geleckt. Eine kleine Luxusinsel inmitten
von Chinas grauen Fassaden.

Ich traf einen Schotten, mit dem ich mich lange unterhielt. Nach einiger Zeit kam ein in Anzug und Krawatte gekleideter Herr mit einem iphone auf uns zu und zeigte uns einen übersetzten Satz im Display: No parking space. (Kein Parkplatz) Ich musste sofort lauthals los lachen.

Ich fuhr in diesem Land tausende von Kilometer durch Dreck und Gestank, durch verfallene Gegenden, Armut und Staub. Kinder kacken keinen Kilometer von diesen künstlich errichteten Luxus Quadratmetern auf die Straße, Müllberge stapeln sich an jeder Ecke und ich darf hier mein Rad nicht abstellen? Das war wirklich der absolute Witz.

Am Ausgang von Nanning traf ich einen Chinesischen Radler, der auf dem Heimweg war.
Zufälligerweise fuhr ich in die gleiche Richtung und somit hatte ich für 3 Tage Begleitung.

Lue war gerade erst 20, doch zu meiner Überraschung war er keinesfalls fitter als ich,
obwohl er sogar noch deutlich weniger Gepäck hatte.

Leider war sein Englisch nicht gut genug um eine Unterhaltung zu führen, oder komplexe
Fragen zu stellen, aber wir verstanden zumindest ein paar Sachen untereinander und
somit hatte ich für 3 Tage einen Reiseleiter und fand es sehr spannend mit ihm
unterwegs zu sein.

Der Verkehr war die ersten 2 Tage von Nanning aus mörderrisch. So viel Staub und Krach
hatte ich so noch nirgends zuvor auf der Reise erlebt gehabt. LKWs mit beladenem
Bauschutt donnerten pausenlos an uns vorbei. Deren Sandladung rieselte andauernd
auf die Straße und wurde permanent wieder aufgewirbelt. Eigentlich war es wie ein nicht
endend wollender Sandsturm der uns umgab.

Lue meinte der Verkehr hätte erst in den letzten 2-3 Jahren so stark zugenommen.

Abends brannten mir die Augen und ich war völlig erschlagen von der wahnsinns Lautstärke und den vielen Menschen die es überall gab. Doch muss ich sagen, die Fahrweise der Chinesen ist in der Provinz Guangxi deutlich angenehmer als in den anderen Provinzen in denen ich zuvor gefahren bin.

Wir kamen durch mehrere Städte, die für Chinesische Verhältnisse kleine Orte waren,
auf mich allerdings wirkten sie wie Hauptstädte. Diese wahnsinns breiten Straßen,
die Menschenmassen und die vielen Geschäfte. An jedem Laden trönte Musik aus
riesigen Lautsprechern dazwischen Dauergehupe.

Aber ich fand es auch amüsant und es machte richtig Spaß mit dem Verkehr durch
die Städte zu schwimmen. Wenn ich an einer Ampel gleichzeitig mit hunderten von
Mopedfahrern in die Pedale trete hat das schon auch irgendwo seinen Reiz. Ein Glück
dürfen LKWs nicht durch die Städte fahren und somit war es hier deutlich angenehmer
zu radeln, als auf den Landstraßen.

Ich musste super dringend auf Toilette, als wir in einer der vielen Städte irgendwo in
einem kleinen Restaurant etwas aßen. Natürlich gab es nirgendswo eine, denn auch hier
in der Gegend sind Toiletten Mangelware. Man sieht häufig, dass Mütter ihre Kinder einfach an der Straße in die Rinne pinkeln lassen. Kein Wunder, Kinder halten es ja nicht so lange aus.

Wir wurden ein paar Straßen weiter zum Krankenhaus geschickt. Das einzigste was mir
durch den Kopf geisterte war, dass doch nicht alle diese vielen vielen Menschen dort auf
Toilette gehen können? Wo gehen diese Menschen aufs Klo? Verstanden habe ich das
immernoch nicht.

Das Krankenhaus sah aus wie irgendwo in Afrika. Das Klo war zugemüllt bis zum Anschlag. Davor stapelte sich Säckeweise der medizinische Abfall.

Die Kontraste in dem Land könnten nicht größer sein. Mal fährt ein Luxusschlitten
an einem vorbei, dann wieder sieht man Bettler in total zerlumpten Kleidern ihr Hab
und Gut durch die Straßen tragen.

 

Wir machten Pause an einer Landstraße und ich setzte mich zu einer alten Frau auf die Bank. Sie musterte mich von oben bis unten und ich merkte wie sie immer weiter von mir weg rückte. Sie hatte Angst vor mir, das stand ihr im Gesicht geschrieben.

Ich bat Lue um eine Übersetzung, doch die Dame sprach kein Mandarin sondern irgendeine lokale Sprache. Doch andere Leute halfen Lue.

Die Dame hatte noch nie zuvor einen Ausländer gesehen und sie war total überrascht wie groß ich bin.

Was mich am meisten interessierte, war die Frage, wie sie mit dem wahnsinns Krach zurecht kommt. Wir saßen keine 5 Meter von der Straße entfernt und es war teils so laut, dass wir uns richtig anbrüllen mussten. Ich wollte gerne wissen wie sie mit dem Fortschritt klar kommt. Zu meiner Überraschung sagte sie, dass sie froh ist, dass es ihr nun möglich ist, die Nachbarorte zu besuchen und man mobiler ist.
Der Lärm macht ihr nichts aus.

Leute sitzen den ganzen Tag am Straßenrand. Verkaufen an ihren Markständen alles mögliche und sind den wahnsinnigen Abgasen permanent ausgeliefert. Die Häuser sind alle so nah an der Straße gebaut, dass man im Haus sicherlich das Gefühl hat, die Laster fahren mitten durch die Küche.

Überall wird gebaut. Riesige Wolkenkratzer enstehen in jeder noch so kleinen Stadt.

Plastik, überall Plastik. China erstickt in Verpackungen. Eine Ware ist nicht einmal in Plastik eingepackt, nein mindestens zweimal, eher dreimal. An der Kasse wird dann nochmals alles in Plastik eingepackt, wenn man nicht wie ich die Plastiktüte ablehnt.

In kleinen Restaurants sind die Köche anscheinend zu faul um das Geschirr zu spülen,

denn der Teller wird zuerst in eine Plastiktüte eingewickelt bevor darauf das Essen serviert wird.

Suppen, die die Leute an kleinen Suppenständen kaufen, tragen sie in Plastiktüten nach Hause. Tee serviert man in Plastikbechern. Hühnerbeine, eingelegtes Gemüse und sogar gekochte Eier lassen sich in eingeschweißten Verpackungen im Regal finden. Und all diese Verpackungen fliegen dann irgendwo in der Gegend herum. Wo China seinen Müll entsorgt bleibt mir ein Rätsel.

LKW Fahrer reparieren am Straßenrand ihre Motoren und lassen das Öl einfach in den Boden sickern. China hat noch einen langen Weg vor sich bis es dort ist, wo es anscheinend gerne hin möchte.

Doch ich fand es wieder aufregend. An jeder Ecke gibt es etwas zu erleben und das find ich sehr reizvoll.

In einer schmalen Gasse beobachtete ich eine sehr alte, in Lumpen gekleidete Frau, die einen voll beladenen Karren hinter sich herzog und sich sichtlich schwer damit tat.

Ihr folgte ein junger Mann, am Steuer eines nagelneuen Mittelklassewagens. Er hupte und hupte und versuchte die Frau von der schmalen Gasse zu vertreiben. Und ich schüttelte nur mit dem Kopf und dachte wie ekelhaft die Menschheit doch untereinander sein kann.

 

 

Leider waren wir nach 3 Tagen bereits bei Lue zu Hause. Ich wäre super gerne noch
länger mit ihm unterwegs gewesen. Obwohl wir 3 Tage zusammen radelten, lud er mich
nicht zu sich nach Hause ein. Chinesen sind da einfach anders.

Genau das finde ich so sehr schade an dem Land und das macht es für mich als solo Radlerin nicht einfach, denn ich bin immer alleine. Das ist auf Dauer wirklich nicht schön.Wie toll war es in den Muslimischen Ländern bei den Großfamilien zu sitzen und zu sehen, wie die Menschen leben. Ich sehnte mich sehr nach Anschluß.

 

 

Der Verkehr wurde nun deutlich ruhiger. Die Straßen waren fast schon menschenleer
und ich war umgeben von Wald und ein paar Hügeln.

 

Leider wurde das Wetter immer schlechter, und als ich in Huangyao ankam,
ein kleiner Ort der wirklich noch sehr ursprünglich ist, hatte das Land eine Kaltfront erwischt. Es war schlagartig eiskalt und regnete.

Die Gassen des Ortes waren bezaubernd. Außer mir und ein paar anderen Chinesischen
Touristen, war es kaum touristisch. Nachts wurde alles super schön beleuchtet und ich
verbrachte Stunden in den kleinen Straßen.

Der Ort ist ein bekannter Drehort für Chinesische Filme. Die Film Crew hatte das halbe

Dorf in Beschlag genommen und ich fühlte mich ein wenig an meine Zeit als Kamerafrau
zurück versetzt.

 

Doch muss ich dazu sagen, dass ich bereits 8 Tage und etwa 700km unterwegs gewesen bin, um etwas historisch schönes zu sehen, dazwischen gab es außer Verfallenem oder
Baustellen nichts ansprechendes zu finden.

Wie das in China immer ist, wurde für das Dorf Eintritt verlangt. Und nicht wenig.

 

Ich gönnte mir einen Regenpausentag bevor ich weiter zog. Doch auch am nächsten Morgen war es grau in grau und immernoch eiskalt.Nirgends gibt es Heizungen. Die Leute sitzen am Feuer neben der Straße und versuchen sich zu wärmen.

Die Läden sind immer sperrangelweit offen und die Leute sitzen frierend an der Kasse.Auch in den kleinen Restaurants gibt es oftmals keine Türe. Im Prinzip sind es alles Garagen in denen die Leute ihre Ware verkaufen und nach Geschäftsschluß wird das Tor einfach herunter gezogen.

Nun war es nicht mehr weit bis Yangshou. Eines der bekanntesten Wahrzeichen Chinas.

Bereits auf dem Weg von Huangyao in Richtung Yangshou wurde mir die Strecke mit
schönen Karstbergen versüßt. Doch leider war es weiterhin eiskalt. 3 Grad und Regen,
nicht wirklich gemütlich also.

Bald wieder mehr….

 

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