Vor Monaten hatte ich mich schon bei einem Vipassana Meditationskurs in Taichung angemeldet. Ich war allerdings auf der Warteliste gestanden, doch dann kurz vor Kursanfang, bekam ich per Mail die Zusage.

Viele werden nun denken, warum ich denn meditieren wolle, das würde ich doch sowieso immer den ganzen Tag automatisch machen, während ich stundenlang vor mir her strample.

Stimmt, aber ich habe den Kurs von insgesamt 4 anderen Langzeitradlerinnen empfohlen bekommen und so war ich einfach neugierig und wollte es wagen.

10 Tage meditieren und schweigen standen an und ich war ziemlich nervös als ich an diesem Morgen in Richtung Mediationszentrum fuhr.

Ich sah ein paar westliche Gesichter, was mich etwas beruhigte, denn somit war ich nicht die einzigste, die sich das freiwillig antat.

Der Tagesablauf war wie folgt:

4:00 am                 Morning wake-up bell

4:30-6:30 am        Meditate in the hall or in your room

6:30-8:00 am        Breakfast break

8:00-9:00 am         Group meditation in the hall

9:00-11:00 am      Meditate in the hall or in your room according to the teacher’s instructions

11:00-12:00           Lunch break

12:00-1:00 pm      Rest and interviews with the teacher

1:00-2:30 pm         Meditate in the hall or in your room

2:30-3:30 pm         Group meditation in the hall

3:30-5:00 pm         Meditate in the hall or in your own room according to the teacher’s       instructions

5:00-6:00 pm         Tea break

6:00-7:00 pm         Group meditation in the hall

7:00-8:15 pm         Teacher’s Discourse in the hall

8:15-9:00 pm         Group meditation in the hall

9:00-9:30 pm        Question time in the hall

9:30 pm                  Retire to your own room–Lights out

Die Regeln knallhart.

Schweigen. Nur den Helfern durfte man Fragen zum täglichen Ablauf stellen, ebenso durfte man mit der Lehrerin zu bestimmten vereinbarten Zeiten sprechen. Duschzeiten waren auf 20 Minuten täglich fest gelegt. Welche Kabine ebenso. Ich bekam einen bestimmten Platz zugeteilt im Essensraum und im Meditationsraum. Zudem war ich eine Nummer.

Geschlafen wurde im Mehrbettzimmer auf extra harten Betten. Auslauf hatten wir auf wenige Meter begrenzt auf dem Gelände. Das Gelände durften wir nicht verlassen. Männlein und Weiblein waren streng getrennt. Uns wurden alle Sachen abgenommen, da wir nichts lesen, nichts notieren und auch sonst keinen Kontakt zur Aussenwelt aufnehmen durften. Meine Kamera durfte ich auch nicht benutzen, daher gibt es für diesen blog keine Bilder.

Kein Rauchen, kein Alkohol, kein Sex, kein Essen ausserhalb der Essenszeiten. Nicht töten, das bezog sich darauf, dass man auch keine Insekten töten durfte, da es Moskitos zu hauf hatte, war das nicht ganz einfach. Nicht stehlen und nicht lügen.

Für alle die sich nun fragen, was denn so etwas kostet, der Kurs basiert auf Spenden.

Ich hatte kurz Gelegenheit mit anderen zu sprechen und erfuhr, dass angeblich die beiden härtesten Tage 1 und 2 sind, danach wird es einfacher. Gut, das war absehbar und beruhigte mich ein wenig.

Nachdem alle Formalitäten organisiert waren, stand die 1.Meditationsrunde an und als ich den Herrn Goenka aus Indien, der Gründer von Vipassana, das erste Mal vom Band habe singen hören, denn der Gesang beendet jede Meditationsstunde, musste ich mir meinen Lachkrampf, den ich manchmal bekomme, ordentlich verkneifen.

Seine Stimme war einfach zum Lachen und sein Talent fürs singen hatte er nicht gerade vererbt bekommen. Auch dachte ich, nein das ist nicht Euer Ernst, das soll ich mir nun 10 Tage anhören?

Die Englisch sprachigen, welche wir nicht viele waren, bekamen abends immer den Original Videovortrag gezeigt. 1 Stunde wurden uns die neuesten Gedanken und Instruktionen von Herrn Goenka, mit seinem immens starken indischen Akzent vorgespielt und nachdem der erste Vortrag gezeigt wurde, hieß es ab jetzt wird nur noch geschwiegen.Humor hat der Mann und das ein oder andere Mal musste ich wirklich über seinen Vortrag herzlich lachen.

Geweckt wurden wir um 4 Uhr morgens mit einem Gong. Für mich als Morgenmuffel ist das die absolute Hölle. Den ersten Morgen stand ich auf und trottelte mit allen anderen in die Meditationshalle. Insgesamt waren wir etwa 80 Leute. Davon alte Studenten und neue Studenten. Deutlich mehr Frauen als Männer.

Nachdem ich aber mehr am schlafen war als die Fähigkeit hatte mich zu konzentrieren, legte ich mich wieder ins Bett und beschloss bereits am 1.Tag, dass ich den Tag ab sofort mit dem Frühstück um 6.30 beginnen werde, dann hatte ich immernoch genügend Zeit, nämlich ganze 9 Stunden Meditation am Tag. Mehr als genug, für mich jedenfalls.

Die Technik war simpel. Man sollte sich auf den Nasenraum konzentrieren und den Luftzug am Naseneingang spüren. Ich sags ganz ehrlich, es war einfach nur langweilig. Mir ging alles durch den Kopf und ich war überall in der Welt unterwegs, nur nicht dort wo meine Nase war.
 

Der erste Tag war wohl der längste Tag meines Lebens. Man sitzt einfach nur da, 11 Stunden lang, mit geschlossenen Augen. Ich wartete minütlich auf den Abgesang eines alten Inders, damit ich als Belohnung für 5 Minuten wie eine Gestörte die Füße vertreten konnte.

Das Schlimmste war das still sitzen, im Schneidersitz, mit geradem Rücken und nicht bewegen. Für mich und alle anderen um mich herum, war es absolut unmöglich über Stunden ruhig zu bleiben und nicht zu zappeln. Die Schmerzen gingen ins uferlose. Ich hatte Krämpfe und konnte mich vor lauter Schmerzen nicht aufs Wesentliche konzentrieren, aber das sollte wohl so sein und ist total normal.

Die Zeit ging einfach nicht um, eine Stunde wurde zu einem ganzen Tag.

Die Lehrerin war nur zu bestimmten Zeiten anwesend. Am Anfang war ich schwer beeindruckt von ihrer Ruhe, die sie ausstrahlte. Wie sie seelenruhig ihre Zudecke auseinanderfaltete, sich in Zeitlupentempo hinsetzte und sich dann kein bißchen mehr bewegte.

Ab und an mussten wir in kleinen Gruppen nach vorne kommen und wurden befragt ob wir die Aufgaben verstanden hatten und wie wir uns fühlten. Ich saß immer mit einer Französin und einer Amerikanerin, so hörte ich, dass sie die gleichen Probleme durch machten wie ich und das beruhigte mich dann doch. Die beiden direkt ansprechen durfte ich ja leider nicht.

Als wir nach dem 1. Tag zusammen im Videoraum saßen, stöhnten wir alle, jeder für sich selber und machten Gymnastikübungen, da wir alle irre Schmerzen hatten vom vielen sitzen. Ich dachte mir, das halte ich keine weiteren 9 Tage mehr aus, das ist unmöglich, das ist ja die Hölle. Eine Kombi aus Gefängnis und Strafgefangenenlager, aber sicherlich keine Erholung.

Die Erleuchtung werde ich hier sowieso nicht erfahren, also was solls? Warum soll ich mir das antun? Und innerlich tat mir Siddartha Gautama ordentlich leid, der sein halbes Leben im still sitzen verbrachte um Buddha zu werden. Meins wäre das jedenfalls nicht.

Ich reise seit vielen Jahren in Asien und habe mir eigentlich immer geschworen nie einen Ashram zu betreten und nun bin ich doch hier gelandet und fragte mich pausenlos warum eigentlich? 

Was ich immer wieder von anderen erfolgreichen Absolventen gehört habe, „breche es niemals ab, denn sonst bekommst Du den erwünschten Effekt nicht.“ Ich fragte mich was für ein Effekt das sein sollte. Das Rad konnten sie hier auch nicht neu erfinden und es ging mir gut, also was soll das? 

Am 2. Tag war der Unterschied zwischen den Sportlern und den Dauersitzern klar erkenntlich, denn die Sportler rannten wie gestört, die 100 qm, die wir zur Verfügung hatten, immer auf und ab. Ich dehnte mich nach jeder Meditationsstunde und war immer wieder froh, wenn ich wieder mal meine Beine ausschütteln durfte. Während die Dauersitzer auch nach etlichen Meditationsstunden in den Pausen noch irgendwo saßen. 

Zumindest wusste ich jetzt wie sich ein Tiger im Zoo fühlen muss, der immer wieder wie gestört auf und ab geht. Genauso ging ich auch. Immer auf und ab, 5 Meter nach vorne, 5 Meter wieder zurück. Ich dachte ich drehe durch und beschloss an diesem Tag nie wieder einen Zoo zu betreten.

Die Mahlzeiten waren eine gerne gesehene Abwechslung, nur aus meiner Sicht heraus, machte man hier einen Denkfehler.

Zum Frühstück gab es das Gleiche wie zum Mittagessen, allerdings waren die Bleche zum Frühstück deutlich voller als zum Mittagessen. Nachdem das Mittagessen bereits um 11.30 war und es um 17 Uhr nur noch irgendeine Frucht und ein seltsames Reispulver gab, welches man mit heißem Wasser zu einem Brei verrührte, drehte sich bei vielen, zumindest hatte ich den Eindruck, vieles nur ums Essen.

Sobald der Gong ertönte, fielen wir wie die Geier übers Essen her. Nur die 2 Nonnen, die es in der Gruppe gab, durften als erstes, bereits Minuten vor uns, seelenruhig ihre Bettelschalen füllen. Der einen hätte man dabei die Zehnägel schneiden können, bei dem Schneckentempo mit dem sie unterwegs war. Es war wirklich sehenswert sie zu beobachten. 

Den Gedankengang des wenigen zur Verfügung gestellten Essens habe ich nicht wirklich verstanden. Mit vollem Magen meditiert es sich angeblich nicht so gut. Ich persönlich würde sagen, ein knurrender Magen ist viel schlimmer. Ich bunkerte mir immer eine extra Portion Reispulver, so dass ich als Nachtleckerli noch etwas hatte, wobei das Pulver eher mit Nahrungsaufnahme und Frustessen gleichzusetzen war. Lecker war das jedenfalls nicht.

Am 3. Tag hatte ich morgens bereits alles gepackt. Ich halte das hier nicht länger aus, ich konnte vor Schmerzen die halbe Nacht nicht schlafen und sagte der Helferin, dass ich gehen werde. „Ich musste noch warten, dass ich mich von der Lehrerin verabschieden könnte, erst dann würde ich meine Sachen bekommen“, erklärte sie mir die Situation. 

Die Lehrerin überredete mich mit ein paar cleveren Argumenten zu bleiben. Sie schloss ihre Worte damit ab, dass es ja keine lange Zeit sei, nur insgesamt 10 Tage und es würde mir einen riesen Mehrwert für meine Zukunft bringen, ich solle durchhalten, am Ende wäre ich ihr dankbar dafür. Naja, ich wusste zwar nicht, was das sein sollte, aber ich lies es mal so stehen und packte meine Sachen wieder aus und beschloss das Ganze zu beenden. Weil neugierig war ich ja eben schon.

Am Tag 4 verschwand die erste aus meinem Zimmer und verlies den Kurs. Es blieben somit nur noch 3 weitere in meinem Zimmer. 2 davon flüsterten andauernd miteinander, die 3. schien den Kurs sehr ernst zu nehmen und meditierte pausenlos. Die beiden anderen schliefen mehr als dass sie in der Halle waren. Die eine las in ihren Büchern oder machte sich Notizen.

Auch einige weitere Teilnehmer verschwanden im Laufe der Zeit. Ein Mann fehlte bereits am 2 Tag. Insgesamt schätze ich waren es wohl 10 Abbrecher gewesen.

Herr Goenka hatte die Gabe sich jeden Abend darüber lustig zu machen, was man im Laufe des Tages durchgemacht hatte. Diese Häppchenweise verteilten Infos fand ich irgendwie nicht besonders gut gelungen und ich fragte mich was dieser Spannungsbogen sein soll, der da aufgebaut wurde. Seine allerwelts Weisheiten waren für mich nichts neues.

Ich fing irgendwann an auch mit meiner Zimmerkollegin zu kommunizieren und so hatte ich den Eindruck ich hätte eine Verbündete, die ähnlich dachte wie ich. Auch sie hatte ihre Zweifel an dem Kurs. 

Am Nachmittag wurden wir in die Technik des Vipassanas eingeführt, eine seltsame Theorie, mit der  man angeblich seine schlechten Gedanken los wird. Sie basiert auf dem Naturgesetz. Alles ist vergänglich, somit auch die schlechten Gedanken, man muss sie nur an die Oberfläche bringen und aus dem Unterbewusstsein hervor holen und dann werden sie von alleine ausgelöscht. 

Mit der Französin tauschte ich mich ab und an per Zettelpost aus und kam mir dabei vor, wie damals in der Schule oder was man immer von Gefangenen hört, die sich so auf einen gemeinsamen  Ausbruch vorbereiten. 

Das Schweigen untereinander wurde uns als Massnahme schmackhaft gemacht, das man dadurch nicht abgelenkt wird von anderen Gedanken und sich tief in die Meditation einfinden kann. Meine Theorie dazu ist, dass man den ganzen Kurs unmöglich so ablaufen lassen kann, wenn Leute untereinander reden dürften, denn in der Masse hätten sicherlich alle pausenlos gemeckert und sich dieses Zwangslager nicht bieten lassen. 

Beängstigend fand ich, wie einfach es doch ist 80 Leute zu lenken. Man verspricht ihnen ein glücklicheres Leben und schon befolgen sie die irrwitzigsten Sachen. Eigentlich ging es immer nur um unser unglücklich sein. Immer und immer wieder wurden wir mit den gleichen Worten zugeballert.

Anitsche, Anitsche…misery, misery….. Ich konnte es zum Schluss nicht mehr hören. Anitsche ist ein Begriff der in der Vipassana Praxis grosse Bedeutung hat, mich aber am Ende nicht weiter interessiert hat, was wirklich damit gemeint ist. 

Sein Gesang ging mir immer mehr auf den Keks und irgendwie kam ich mir veräppelt vor. In der Halle sprach immer nur Mr. Herr Goenka, die Lehrerin hatte nur die Aufgabe zu wiederholen was er sowieso schon gesagt hatte. „Ruhe Dich aus, Ruhe Dich aus.“  Die letzten Worte vor der Nacht.

Es gab einige Taiwanesen im Raum, die einfach immer laut waren. Rülpsen war voll angesagt und die Dame neben mir rülpste wohl ihre ganzen schlechten Gedanken an die Oberfläche, es war wirklich unglaublich gewesen. Ich persönlich weiß gar nicht wie man so laut rülpsen kann und das dann noch andauernd.

Am Tag 6 gab ich alles was in mir steckte, befolgte jeder Anweisung, die seit dem 4.Tag eine andere war, als an den ersten 3 Tagen. Denn zu Anfang waren es nur die Luftbewegungen an der Nase, nun aber sollte man die Veränderungen am ganzen Körper spüren. Wärme, Kälte, Zuckungen, Schmerz alles was sich irgendwie am Körper tat. Man zerlegt dabei den Körper gedanklich in Würfel und spürt genau in diesem Bereich hinein ob sich da etwas tut. Wenn ja, dann sollte man sich sofort mit dem nächsten Bereich beschäftigen.

Seltsamerweise spürte ich wirklich Dinge, die ich noch nie zuvor gespürt hatte. Und somit versuchte ich mich voll zu konzentrieren. Doch am Abend war ich so fertig gewesen, ich hatte solche Schmerzen am ganzen Körper, dass ich mir sagte, dass halte ich nicht weiter aus und ich sehe auch den Grund nicht, warum ich das weiterhin machen sollte.

Ich sah auch nicht, dass es einfacher wurde, ich fand jeden Tag brutal. 

Zudem war ich keine Maschine, auch keine 20 mehr, ich war ein Mensch und ich wollte mich nicht mehr quälen und ich wollte auch keine Schmerzen mehr durchstehen müssen. Ich hatte die Nase gestrichen voll. 

Mir wurde schon vorher von den anderen 4 Radlerinnen gesagt, Du wirst sehen, dass ist das brutalste was Du je gemacht hast und genau so war es auch. Ich hatte die seltsamste und brutalste Woche meines Lebens hinter mir. Doch es waren noch ein paar Tage vor mir. 

Abends entschied ich mich wieder einmal am nächsten Tag zu gehen, doch am Morgen schüttete es und ich verschob den Abgang auf den nächsten Tag, doch auch da regnete es wie aus Kübeln. Ich hatte den Kurs für mich gedanklich abgehakt, denn ich glaubte einfach an die ganze Theorie nicht und wollte einfach nur noch gehen. Allerdings fand ich die Alternative im strömenden Regen unterwegs zu sein, als keine bessere. 

Am Abend erlebten wir ein Erdbeben. Während der Mediation bewegte sich unter uns der ganze Boden. Es war gespenstig, aber auch faszinierend zugleich. 

Als wir uns zum Video schauen trafen sprach ich das allererste Mal laut mit den anderen und sagte, „Wow, habt Ihr das Erdbeben gespürt, wahnsinn.“ Keiner reagierte. Das kann doch nicht sein, fragte ich mich. Soviel Gehirnwäsche kann man doch nicht für gut heißen lassen. Und ich dachte mir, das war ein Erdbeben Leute, seid Ihr total aus dem normalen Leben ausgestiegen oder was ist los? 

Am letzten Tag erklärte mir allerdings die Französin, dass sie bereits darüber sprachen bevor ich in den Raum kam, sie aber von dem Helfer zurecht zitiert wurden und somit auf meine Aussage nicht mehr reagierten. 

Die letzten Tage saß ich einfach ab und kümmerte mich nicht weiter um Anitsche und all den anderen Kram und wartete einfach nur darauf, dass der Regen aufhörte. Es fühlte sich von nun an deutlich entspannter an und mit dem Zustand konnte ich gut leben.

Ich hatte Zeit alle anderen zu beobachten, was ich allerdings von Anfang an immer getan hatte. Ich sah viele andere ebenso leiden. Die beiden Amerikaner, schafften es auch nicht eine Stunde still zu sitzen, auch die Französin nicht. Es gab eine Taiwanesin, die mir vor dem Kurs sagte, dass sie Wiederholungsstudentin ist und jeden Tag eine Stunde meditieren würde. Sie saß da wie eine eins, sie bewegte sich nie. 

Die Lehrerin bestellte mich zu einem Gespäch und fragte mich wie es mir geht. Ich sagte ihr ganz offen meine Meinung, über was sie doch sehr überrascht war, aber ganz professionell reagierte. Sie wiederholte noch einmal, „am letzten Tag werden sie glücklich sein.“ Innerlich dachte ich mir, ja glücklich darüber, dass ich wieder ein freier Mensch sein darf. 

Irgendwo war ich auch neugierig, wie die Gedankengänge der anderen waren. Ich war neugierig was sie aus dem Ganzen heraus gezogen haben. 

Am Tag 10 durften wir dann nach irgendeinem hundersten Gongschlag wieder miteinander reden und wurden an eine Stelle im Männerbereich geführt an der wir unsere Sachen zurück bekamen. Gleich daneben wurde dann nach Spenden gefragt. Wir waren umringt von Bildern eines Tempels und einem riesen Gebäude in Indien, welches ich mehr als einen riesigen Palast bezeichnen würde und ganz sicher sehr sehr viel Geld gekostet hat. 

Der Inder stellte sich bei allen Video Vorführungen immer wieder als den super netten Mann vor, der jedem nur Gutes tun möchte, der schon so vielen Leuten weltweit geholfen hat und das ja seine Theorie so genial ist und somit auch vielen weiteren Leuten helfen wird. 

Die Tage zuvor wurde von Goenka immer öfters erwähnt, dass ja Spenden gesammelt werden und das es gut für sein eigenes Karma ist, wenn man sich als Helfer zur Verfügung stellen würde. 

Ich hatte bereits seit ein paar Tagen das Gefühl, dass eine Sekte hinter der Veranstaltung stecke. Als ich die Bilder sah und von mehreren Leuten sofort Spenden nach dem Erhalt des Geldbeutels eingesammelt wurden, bestätigte es meine Annahme.

Endlich hatte ich die Chance die anderen nach ihrer Meinung zu befragen. Der eine Amerikaner meinte er habe es ok gefunden, aber glaubt auch auf keinen Fall an die Theorie die dahinter stecken würde. Der andere Ami war noch völlig fasziniert von dem Erlebnis und sagte für ihn wäre es klasse gewesen. Gerade bei ihm hatte ich den Eindruck als hätte er besonders gelitten.

Die Amerikanerin fragte mich erst einmal wie ich eigentlich hier her geraten wäre, sie hätte sich die ganzen 10 Tage gefragt, was ich hier machen würde. Ich musste lachen und antwortete, dass ich da keine Antwort darauf habe, ich weiß es selber nicht warum. Sie meinte für sie wäre es genau das Richtige gewesen, doch bei mir hätte sie von Anfang an gedacht, ich hätte mich wohl verlaufen. 

Die Französin konnte ich nicht einschätzen, denn sie war auf der einen Seite wohl von dem Ergebnis enttäuscht, da sie mehr erwartet hatte, aber auf der anderen Seite fand sie es auch gut. 

Zwei Singapurianerinnen, die extra für den Kurs nach Taiwan kamen, äußerten sich ebenso positiv und ich war nun noch mehr irritiert, weil ich wohl die einzigste war, die mit den 10 Tagen nichts anfangen konnte, außer natürlich die ganzen Abbrecher, die bereits seit ein paar Tagen gegangen waren. 

Was sie am Ende alle so gut fanden, konnten sie mir allerdings auch nicht sagen. Und was es ihnen gebracht haben soll auch nicht. Waren sie nun glücklicher? 

Über was wir uns allerdings alle einig waren, war die Tatsache, dass wir alle wahnsinns Schmerzen ausgestanden haben und keiner wirklich wusste wofür.

Bin ich zu skeptisch? Bin ich zu anders? Sitzen die anderen die ganze Zeit am Schreibtisch und waren froh mal etwas anderes zu erleben, sich mit sich selbst auseinander zusetzen, etwas was ich sowieso schon die ganze Zeit mache?

Das allerdings widerspricht sich mit den Empfehlungen der anderen Radlerinnen, denn auch sie haben davon profitiert, sonst hätten sie mir es nicht empfohlen. 

Was genau am Ende hätte passieren sollen und durch was man nun am letzten Tag glücklicher sein sollte, konnten wir alle nicht beantworten, denn das scheint niemand gespürt zu haben. Einige haben auch gar keine Empfindungen am Körper wahr nehmen können. 

Die Sonne kam raus und für mich wurde es Zeit den Kurs zu verlassen. Die Lehrerin meinte noch, aber der Kurs ist erst morgen zu Ende. Sollte ich nochmals an einem Kurs teilnehmen wollen, dann müsste ich wieder als Erststudentin teilnehmen. Lass gut sein dachte ich, ich werde sowieso nie wieder einen Kurs besuchen. 

Am Nachmittag wäre noch eine Vorstellung über den freiwilligen Einsatz als Helfer gewesen, noch ein paar Meditationsstunden und weiterhin Reispulver mit Wasser. Nein danke, ich hatte genug.

Ich verabschiedete mich und fühlte mich noch freier als jemals zuvor. Ich hatte es geschafft, 10 Tage zwanghaftes still sitzen waren vorbei und ich war stolz darauf, denn irgendetwas hat es sicherlich gebracht und wenn es nur das Gefühl war, es zu schaffen ein Gefangenenlager durchzustehen.

 Bye bye Vipassana…

 

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