Ich fuhr bei Sonnenschein weiter und hatte die Stadt ein Glück schnell hinter mir gelassen. An einem kleinen Cafe machte ich Pause. Ein besoffener LKW Beifahrer pöpelte mich kurz an, aber ein anderer Mann kam mir zu Hilfe und verjagte ihn.

Die freundliche Bedienung dagegen versüβte mir meinen neuen Start sehr. Sie schenkte mir ein so herzliches Lachen, dass ich mich einfach nur irre über ihre Zuneigung freute.

Sie sprach ein wenig Englisch und meinte, ich sei die zweite Ausländerin, die sie in ihrem Cafe begrüβen dürfte. Ein Italiener wäre letztes Jahr hier gewesen, allerdings mit dem Auto, nicht mit dem Rad. Eine wirklich herzliche Begegnung und so wichtig für mich, um Vertrauen zu gewinnen.

Ich fuhr nun also weiter nach Norden, Richtung Kosmo al Amur.
Der Abzweig nach Vanino, der Hafenstadt um auf die Insel Sakhalin zu kommen, war in etwa 200km entfernt. Der Verkehr war deutlich weniger, wenn auch immer noch zu viel für meinen persönlichen Geschmack.

Die Dörfer waren nicht mehr ganz so schäbig und die Leute machten von Anfang an einen freundlicheren Eindruck. Die Landschaft war weiterhin sehr reizvoll. Eine hügelige Landschaft, viel Wald und viele Insekten, die mich permanent begleiteten. Vor allem die Bremsen nervten mich.

Teils begleiteten mich 30 an der Zahl zur gleichen Zeit und ich konnte sie einfach nicht abschütteln. Immer wieder stachen sie zu und ich hatte riesige Placken am ganzen Körper. Wenn ich Pause machte, gesellten sich weitere Insekten dazu, vermehrt ganz kleine Mücken, so dass Pause machen,
wirklich kein Spaβ war.

Teils saβen sehr arme Leute am Straβenrand und verkauften Pilze oder Blumen. Ihre Klamotten zeigten wie bettelarm sie waren. Leider konnte ich keine Reaktion von ihnen erhalten, egal wie freundlich ich auf sie zu ging. Ihre Miene blieb die gleiche.

Es müssen unheimlich traurige Menschen sein, verbittert, so jedenfalls ist ihr Erscheinungsbild. Ich traute mich nicht sie zu fotografieren, wie bei vielen anderen Russen auch.

In einem kleinen Cafe traf ich auf Tadschiken, denen ich von ihrem schönen Land vorschwärmte. Gemeinsam lästerten wir über die ernst wirkenden Russen und am Ende musste ich den Tee nicht bezahlen.

Immer wieder kam ich an Imkern vorbei, die ihren Honig am Straβenrand verkauften. Eine „Imkerei“ wollte ich mir genauer anschauen und die Leute waren wirklich sehr nett gewesen und begrüβten mich freundlich. Sie hatten Asiatische Gesichter, ich konnte sie aber nicht zuordnen und wusste somit nicht, wo genau sie her kamen.

Sie boten mir ein Netz an, welches mich vor den Bienen schützen sollte, doch cool wie die Heike ist, braucht sie das natürlich nicht. Und was passiert? Keine zwei Minuten später greifen mich drei Bienen gleichzeitig an. Die eine stach mich genau neben mein Auge, die anderen verfolgten mich und vor lauter Schreck schmiss ich die Kamera auf den Boden. Doch nichts weiter passierte, nur machte ich, das ich weiter kam.

In einem anderen Cafe, fragten mich zwei Männer wen ich besser fände, Putin oder Obama?

Ich konnte nicht ganz einschätzen ob die Frage Ernst gemeint war und wusste nicht richtig
was ich antworten sollte. „Obama“. „Und Du?“ „Putin natürlich“ antwortete er mir. Das sollte mir noch ein paar Mal passieren und jedesmal wenn Leute mich fragten, ob ich Amerikanerin bin und ich sagte nein „Germania“ bekam ich ein zaghaftes Lächeln geschenkt.

Ich nahm mir vor, meine Zeltplätze nun etwas früher aufzusuchen und bog an einem Dorf Richtung Amur Fluss ab. Die Häuser sahen deutlich wohlhabender aus und als ich an einem Haus nach einem Zeltplatz fragte, lächelten mir die Besitzer freundlich zu und schickten mich zum Wasser.

Vor mir breitete sich das wunderschöne Panorama eines breiten Flusses aus. Es war herrlich. Nur die Insekten nervten mich kolossal. Ein Ehepaar strandete gerade mit ihrem Boot, und somit fragte ich sie, wie es hier mit den Bären sei.

„Kein Problem, ich könnte hier unbesorgt zelten“. Sie schenkten mir Essen und meinten ich solle auf jeden Fall ein Feuer machen, denn schon bald kommen die Moskitos. Ein weiterer Mann ging mit seinem Hund spazieren und grüβte mich freundlich.

WOW, ich war so erleichtert, ich konnte mein Glück kaum fassen. Endlich nette Menschen.

Die Moskitos kamen. In Scharen. Sobald ich mein Feuer auch nur 10 cm verlieβ, war ich nur so von Moskitos umzingelt. Doch es war mein erstes Lagerfeuer seit ewigen Zeiten und ich wollte die schöne Umgebung unbedingt noch so lange wie möglich geniessen.

Das Zelt stellte ich viel zu spät auf und bis ich schluβendlich in moskitofreier Innenzelt-Umgebung war, hatte ich sicherlich 50 Stiche abbekommen, obwohl ich mich total eingepackt hatte.

Am nächsten Morgen kam mir ein Mann entgegen und fragte wer ich sei und wo ich hin möchte. Er gab mir Wasser und lud mich zum chai ein. Denn der Tee heiβt hier wieder chai. Ein netter Mann, der bereits einige Male in Bayern war und mir seine Urlaubsbilder aus den Alpen zeigte.

Ich gewann mehr und mehr an Vertrauen und als ich an diesem Abend in einem Cafe sogar zum Essen eingeladen wurde und ich dort auch zelten durfte, schien das Eis gebrochen zu sein. Es gab also auch nette Russen und ich war irre froh drum.

Immer wieder fragten mich nun Leute wer ich bin und wohin ich möchte.
„Ad kudda“, woher kommst Du?

Der Abzweig war erreicht. Von hier ging es nun auf etwa 330 km in Richtung Osten nach Vanino zur Hafenstadt. Angeblich sei die Straβe in einem fürchterlichen Zustand. 

Ich allerdings fand eine super nagelneue, sehr wenig befahrene Teerstraβe vor, die besser war, als jede Straβe, die ich bisher in Russland gefahren war.

Die Landschaft war hinreissend. Hügelig, einsam, endloser Wald und einfach wunderschön. Ich hatte meine Wildnis, die ich unbedingt erleben wollte, zumindest annähernd, denn ich war ja immernoch auf der Strasse unterwegs.

Die einzigste Strasse weit und breit.

Etwa fünf Autos die Stunde zählte ich, somit war der Verkehr endlich sehr angenehm. Nachdem ich nun wieder mehr Vertrauen zu den Menschen hatte konnte ich mir ab jetzt Sorgen um die Bären machen, denn die soll es in dieser Gegend ganz besonders häufig haben. Bei diesem endlosen Wald glaubte ich das auch sofort.

Doch ich wollte mir nicht einreden, dass ich Angst haben muss. Ich hatte gerade eine Hürde überwunden, so werde ich auch diese überwinden können. Doch je später der Abend, desto mehr machte ich mir dann doch Gedanken.

Es gab Zeltstellen, das war kein Problem, doch die meisten direkt neben der Straβe, was mir nicht
sonderlich behagte. Doch andere Alternativen gab es keine. Dörfer gibt es auf der gesamten Strecke kein einziges. Und im dichten Wald kann ich vor lauter Gestrüpp nicht zelten.

Wie man im Allgmeinen weiβ, sollte man immer ein Feuer machen um die Bären fern zu halten und das Essen in den Baum hängen. Doch ein Feuer neben der Straβe, weisst ja jedem Trucker den Weg zu mir. Das schmeckte mir irgendwie nicht sonderlich.

Plötzlich höre und sehe ich für einen ganz kurzen Moment etwas im Wald rennen. War es ein Reh oder ein Elch? Keine Ahnung, aber es war ganz sicher kein Bär.

Doch wurde es nun immer spannender. Wildtiere zu beobachten und so ganz mutterseelen alleine hier drauβen, das hat was. Und ich kann nicht verheimlichen, dass ich nicht auch immer mehr schiss hatte.

Ein Transporter verlangsamte das Tempo und zwei nette ältere Herren lächelten mich an und fragten wo ich denn heute Abend übernachten werde, denn es war schon fast wieder dunkel, weil ich mich immernoch nicht zu einer Zeltstelle durchgerungen hatte.„Palatka“also im Zelt antwortete ich ihnen. Sie fingen an zu lachen und zeigten mir mit Gesten wieviele Bären es hier überall gibt.

Ich dachte mir nur so, ach bitte, was soll das denn jetzt. Bitte jagt mir nicht noch mehr Angst ein, als ich sowieso schon habe. Als Trostpflaster schenkten sie mir ein Snickers und fuhren lachend weiter.

Ich hatte nun noch mehr Grummel im Magen und kam mir ziemlich verloren vor und beobachtete den Wald mehr denn je. Meine Leuchtraketen machte ich startklar und mein Pfefferspray hatte ich greifbar in der Tasche. Meinen neuen mp3 Lautsprecher stellte ich auf volle Lautstärke, damit den Bären klar ist, dass ich hier bin.

Nun wurde es an der Zeit eine Entscheidung zu treffen und ich sagte mir, die nächste Stelle ist nun aber entgültig die Zeltstelle für die Nacht. Natürlich kam nun ewig nichts mehr.

Es war schon fast dunkel und ich wurde immer nervöser, denn eine Zeltstelle im dunkeln zu finden, bei dem dichten Wald, ist keine leichte Aufgabe. Dazu noch Feuerholz sammeln und mein Essen im Baum aufhängen, bis dahin ist es stockfinster.

Da sehe ich etwas im Wald. Einen Bauwagen und biege direkt den kleinen Weg von der Strasse ab und landete im Matsch. Alles ruhig, kein Mensch scheint hier zu sein.

Der erste Bauwagen war verschlossen, der zweite verlassen, aber im dritten stand die Türe offen und als ich rufe, fing ein Hund an zu kläffen und ich freute mich riesig über den kleinen Köter. Das erste Mal auf der ganzen Strecke von Deutschland bis hier her freute ich mich über Hundegebell. Es sind also Leute hier.

Ein Mann stand mit dem kleinen Hund in der offenen Türe und grinste mich an.
Sonst niemand mehr. Au Backe, dachte ich, nur ein Mann?

Es fing nun auch noch an zu regnen, der Boden war die reinste Matschepatsche und somit fragte ich ihn ob ich evtl. in dem verschlossenen Bauwagen schlafen könnte, anstelle zu zelten.

„Schlaf doch mit bei mir“, winkte er mich zu sich rein. „Nein, lass mal gut sein, ich möchte
dort drüben schlafen“. „Aber hier hast Du Video und ich kann Dir chai kochen und was zu Essen“.

„Danke fürs Angebot, den chai trinke ich gerne, aber ich würde lieber alleine dort drüben schlafen.“

Er zeigte mir den anderen Bauwagen von innen und ich betrat das komplette Chaos. Aber es war mir egal. Ich konnte den Wagen von innen verschlieβen, zudem war er bärensicher. Lieber schlafe ich heute Nacht zwischen Ratten und Ölkanistern, ohne Luft und tausend Moskitos, als dort drauβen alleine oder mit dem Typen in einem Bett.

Der Typ machte einen netten Eindruck, wenn ich auch unsicher war. Ich hasste mich selber dafür, dass ich ihm nicht traute, aber ich konnte den Gedanken nicht beiseite schieben. Da war nur er und ich und die Wildnis und dieser kleine Hund, der sein Freund war und nicht meiner.

Er half mir das Rad und meine Taschen in den Bauwagen zu verstauen und ich verprach ihm, dass ich zu ihm rüber kommen werde um chai zu trinken. Ich inspizierte das Bett und schmiss die stinkenden, total durchlöcherten Matten und Zudecken auf eine Seite und packte mein Zeug aus.

Ratten- oder Mäusekacke hatte es nirgendswo. Doch lies ich alles in meinen Packtaschen, im Falle eines Falles.

Der chai war lecker, die Suppe die er mir kochte ebenso. Es war bei ihm deutlich aufgeräumter
als in meinem Wagen. Ich hatte sicherheitshalber mein Pfefferspray in der Hosentasche gelassen und ich versuchte mich so abweisend wie möglich zu verhalten, was normalerweise gar nicht mein Stil ist.

Auf seine Frage ob ich einen „Musch“ habe, also einen Mann, antwortete ich natürlich mit ja und Kinder hatte ich plötzlich natürlich auch. Kurze Zeit später bedankte ich mich und ging zu meinem Bauwagen.

Ich verrammelte die Türe so gut ich konnte und versuchte zu schlafen, nachdem ich zig Moskitos erledigt hatte. Ein Glück scheint die Überlebens-Taktik der Russischen Moskitos nur aus der Masse zu bestehen und nicht durch Intelligenz. Die Moskitos sind nämlich so lahm und so dumm, dass man sie wirklich ganz leicht fangen und in der Hand zerquätschen kann.

Doch der Wagen hatte so viele Löcher, dass es nie ein Ende mit ihnen nahm.

Es regnete  weiterhin und plötzlich hörte ich etwas an der Türe und dachte, scheisse der Typ kommt. Ich machte sofort die Lampe an, schaute was los ist und sah statt eines Typen, ein Viech im Wagen umher rennen.

Puuh. Und irgendwann verschwand das Viech von ganz alleine und nur die Moskitos machten noch Krach. Der Regen hörte auf zu prasseln und die seltsamen knackenden Geräusche des Wagens knackten mich in den Schlaf hinein.

Um 7 Uhr morgens klopfte es an der Türe und der Typ schaute zum Fenster herein und rief „chai“.

Mit einer Abschiedssuppe machte ich mich wieder auf den Weg und der nette Kerl winkte mir noch auf der Straβe hinterher. Er war sicherlich sehr einsam gewesen und ich Angsthase dachte er würde mir vielleicht etwas antun. Dabei waren wir nur beide einsame Seelen, die sich nach etwas Unterhaltung sehnten.

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