Die Landschaft war weiterhin einfach nur schön gewesen. An einem reissenden Fluss machte ich lange Pause. Endlich hatte es keine Insekten mehr und ich war mit mir und der Welt zufrieden. Ich hatte plötzlich wieder dieses wahnsinns Freiheitsgefühl, welches ich immer bekomme wenn ich in der Natur bin. Ich fühlte mich plötzlich einfach pudelwohl.

Nach etwa 60 km kam eine Baustelle und die wollte kein Ende nehmen. Groβe Steine und viel Staub und lauter nette Arbeiter, die sich immer wieder nach mir erkundigten und mir sagten, dass es nicht mehr weit bis zu einem Cafe sei, das einzigste Haus auf der ganzen Strecke.

Nicht mehr weit ist allerdings immer relativ wenn man auf dem Rad unterwegs ist. 40km pure Steine können lang werden. Mein Knie tat mir seit Tagen weh und ich hatte noch keine Begründung dafür warum. Ich hatte die Sattelhöhe immer wieder verstellt, weil ich mir nicht erklären konnte, wo die Schmerzen her kamen. Ich musste vor lauter Schmerzen am Hang immer schieben, somit dauerte alles noch länger. Je weiter ich fuhr, desto weiter wurde die Zahl der Kilometer, die mir die Jungs an der langen Baustelle als Info gaben.

Im Staub hätte ich sowieso nirgends zelten können, somit musste ich einfach weiter. An einer „Baustellen-Bauwagensiedlung“ fragte ich nach einer Zeltstelle, aber ich wurde weiter zum Cafe geschickt, welches ja nicht mehr weit sei. Da waren es immernoch 20km pure Steine.

Es war dunkel, als ich endlich das Cafe erreichte. Als ich freudestrahlend eintrat, schnauzte mich die eine Dame des Personals ersteinmal voll an und die Freude auf ein warmes Essen war wieder dahin.Ich überredete sie, dass ich hinterm Klo zelten durfte und verbrachte die Nacht also zwischen Truckern und stinkenden Klotüren, hatte dafür aber einen vollen Bauch und keine Bauchschmerzen mehr wie und wo ich die Nacht verbringen sollte.

Es ist schon seltsam. Da sehnte ich mich so sehr nach der Wildnis und nun versuchte ich doch unter meines Gleichen zu bleiben, weil es mir mit den Bären zu mulmig wurde. Doch mit den Russen eben irgendwie auch.

Doch ich hoffte noch auf Besserung und sicherlich hatte ich mich in ein paar Tagen an den Bärengedanken gewöhnt und werde über meine Schissergedanken nur noch lachen.

Ich machte einen Tag Pause und gönnte dem Knie etwas Ruhe. Ich saβ den ganzen Tag im Cafe, denn drauβen war es vor lauter Mücken einfach nicht auszuhalten und im Zelt wäre es tagsüber zu heiβ gewesen.

Die Leute sind auch untereinander sehr abweisend. Kaum jemand sagt Hallo wenn er zur Türe rein kommt. Das Personal ist schnippig und total kurz angebunden. Die Trucker wortkarg. Ein Typ sprach mich an, da er Englisch konnte und wollte wissen was ich mache.Er schüttelte nur mit dem Kopf und meinte: „Du bist ja nicht ganz dicht, in dieser Gegend hier alleine unterwegs zu sein. Wir sind hier am Ende der Welt und die Leute sind nicht ungefährlich und Bären hat es auch überall.

Obwohl ich den ganzen Tag dort verweilte, schenkte mir das Personal keinen einzigen freundlichen Blick. Ich glaube, sie fanden mich einfach nur seltsam.

Wald, Wald und noch mehr Wald. Eine Bergkuppe nach der anderen, hoch und runter und nur grüne Farbe soweit das Auge reichte. Der Weg nahm keine Ende und die nächste Nacht stand an.

Diesmal wollte ich mutiger sein und hatte sowieso keine andere Alternative. Ich sah einen kleinen Hang, auf den ein kleiner Weg führte. Von der Strasse nicht einsehbar stellte ich mein Zelt auf und machte etwas entfernt davon ein Feuer. Leider gab es genau hier nur junge Bäume. Mit Essen an den Baum hängen war also nichts.

Doch das Risiko, das Essen im Zelt zu lassen wollte ich nicht eingehen und so legte ich es eine ganze Ecke weiter weg auf den Boden, wohlwissend, dass die Chance gering ist, dass am Morgen noch etwas davon übrig ist.

Ich unterhielt mich ziemlich lange sehr laut mit dem Bären, der wahrscheinlich gar nicht da war, aber ich wollte ihm einfach erzählen, dass ich weiβ, dass er der Stärkere ist und wir doch sowieso die besten Freunde sind. Irgendwie beruhigte es mich.

Ich war so müde, dass ich keinen Hunger mehr hatte und somit nichts mehr aβ und sogar sofort einschlief. Allerdings wachte ich mit einem Bärenhunger auf und musste leider feststellen, dass absolut nichts mehr von meinem Essen übrig geblieben war.

Welches Tier am Ende meine Vorräte verpeist hatte, weiβ ich nicht, aber die Löcher in der Plastiktüte weisen auf jeden Fall auf ein gröβeres hin. Ich hatte also seelenruhig geschlafen und nichts gehört.

Der Tag ohne Essen war endlos. Wieder nur Wald, viele viele Höhenmeter und eine deutlich schlechtere Straβe. Ich überlegte mir Autos anzuhalten und nach Essen zu fragen, weil meine Kondition immer mehr in den Keller ging und mir bereits schlecht war, doch ich lies es bleiben. Wasser konnte ich aus den vielen Quellen zapfen, das war kein Problem.

Doch am Ende des Tages winkte ich kräftig, als ein nagelneuer 4x4 Wagen auf mich zu kam. Die zwei Männer fuhren allerdings an mir vorbei. Ich denke als sie realisierten, dass ich eine Frau bin, hielten sie am Ende doch an und kamen zurück.

Es seien noch 10km bis Vanino, gaben sie mir zur Antwort. Ist das nicht traurig? In der endlosen Taiga, trauen sich zwei Männer nicht für einen Radler anzuhalten. Keiner traut dem anderen.

Natürlich stimmte ihre Aussage genauso wenig, wie die Kilometer Angabe an der Straβe. 25 weitere Kilometer und etliche weitere Höhenmeter mehr. Ich bekam bereits Krämpfe in den Beinen.

Ein LKW hielt an und der besoffene Beifahrer pöbelte mich an, doch ich fuhr einfach weiter.

In Vanino angekommen, sah ich den ersten Mann mit Anzug, seit ich in Russland bin. Normalerweise achte ich auf so etwas nicht und Kleider bedeuten mir nichts weiter. Aber das stach mir voll ins Auge.

Ich hatte Glück und traf einen netten Kerl, als ich nach einer Unterkunft Ausschau hielt.

Alles war irre teuer und so half er mir ein Ticket für die Fähre nach Sakhalin zu besorgen, die noch in der gleichen Nacht ging. Perfektes timing also.

Die Dame am Schalter war ein, nunja, „Kotzbrocken“. So was von unfreundlich, dass es wirklich unglaublich war. Doch die Fähre war spottbillig. 30 Euro für die gesamte Strecke, allerdings ohne Bett. Die Dame meinte noch: „Ohne Bett müsse ich allerdings dann mit den Koreanern zusammen im Aufenthaltsraum schlafen“, woraufhin ich über mich selber lachen musste und dachte, dann doch lieber wieder mit Koreanern.

Eine alte Frau sprach uns an und fragte wie ich heiβe und wer ich bin. „Da hat Dir Deine Mutter aber keinen schönen Namen gegeben“ meinte sie ganz trocken zu mir. Dafür schätzte sie mich auf 32, was wiederum natürlich ein riesen Kompliment war.

Gegen 23 Uhr sollte die Fähre ablegen und schluβendlich ging es dann endlich um 3 Uhr morgens los. Ich stellte mein Zelt auf dem Deck auf. Das wiederum ist das geniale in Russland, es schert sich hier niemand um das was der andere macht.

Jede Menge Nord-Koreanische Gastarbeiter waren mit an Bord. Nette Männer. Zu meinem Entsetzen trugen viele von ihnen einen „Kim“ Pin an der Jacke, manche auch Kim mit seinem Vater zusammen. Alle sehr rücksichtsvolle Zeitgenossen.

Die Russen waren weiterhin einfach nur Russisch. Die meisten von ihnen sehr einfache Leute zudem jede Menge Soldaten. Die Dame im Bord-Cafe hatte wieder eine richtige, ätzende Art und ich fragte mich immer mehr wie lange ich noch in Russland bleiben werde.

19 Stunden war die uralte Fähre unterwegs gewesen und somit war es bereits lange Nacht als wir auf der Insel ankamen. In solchen dubiosen Ländern mitten in der Nacht irgendwo in einer Hafenstadt anzukommen ist nie gut. Doch ich hatte Glück und traf zwei Australier und einen Kiwi mit dem Motorrad, die ersten Ausländer seit Korea und somit konnte ich meine Laune kurz aufbessern und hatte Gelegenheit mal wieder richtig zu quatschen.

Sie nahmen die Fähre mit der ich gekommen bin, also Richtung Vanino. Ein Russe meinte noch zu mir, ich könnte ja hier am Hafen zelten, wobei ich das ganz sicher nicht gemacht habe. Nicht hier.

Es gab nur zwei Hotels und ich musste leider die teuerste Hotelnacht der ganzen bisherigen Reise bezahlen. 25 Euro für ein Bett, in das ich der Länge nach noch nicht einmal rein passte.

Ich traf zwei nette Männer, die zu mir meinten, ich soll lieber die Nebenstraβen meiden und nur auf der Hauptstraβe bleiben. Es gibt zu viele arme Leute, bei denen man nie weiβ, was sie im Schilde führen. Auf der Hauptstraβe Richtung Yuzno dagegen sei ich sicher.

Sie schenkten mir noch China Kracher gegen die Bären und ich fuhr meiner Wege Richtung Hauptstadt.

Sakhalin machte einen deutlich reicheren Eindruck. Schmucke Holzhäuser, dicke Autos und gute Straβen, zudem hatte es eine schöne Landschaft. Viele Wildblumen, Flüsse und wie immer viel Wald.

Ich suchte mir das schönste und gepflegteste Haus aus um zu fragen ob ich im Garten zelten darf. „Niet“ hörte ich schnippig von einer korpulenten alten Frau. Ich versuchte ihr nochmals zu verdeutlichen, dass sie vor mir keine Angst haben muss und sie mich doch bitte zelten lassen soll. „Niet, niet, niet“ antwortete sie im agressiven Ton.

Das nächste Dorf war keine 10 Kilometer entfernt und so probierte ich dort noch einmal mein Glück. Wie immer überall Hundegebell und die Häuser schon wieder deutlich schäbiger.Die Leute taten so, auch die Kinder, als würden hier pausenlos Radler mit Packtaschen vorbeikommen. Ich war einfach gar nicht anwesend. Wie unsichtbar.

Ich wurde schlichtweg total ignoriert. Auch die Kinder nahmen keine Notiz von mir. 

Ich habe es in Russland nicht geschafft ein einziges Kind zum lachen zu bringen, was mir sonst in keinem anderen Land jemals schwer gefallen ist.

Ich fuhr lange hin und her und entdeckte dann ein sehr nobles Haus wo ich sicher war, hier nehmen sie mich auf. Ein alter Mann arbeitete im Garten und ich lächelte ihn an und er schenkte mir ein Lächeln zurück. Bingo. Er wollte kurz meinen Pass sehen, ob ich auch wirklich Deutsche bin. Ich gab ihm zudem meinen übersetzten Zettel zum Lesen, woraufhin er mich in den Hof winkte.

Seine Frau war völlig angetan von mir und ich war vom ersten Moment an adoptiert. Herrlich.
Glück gehabt und die richtige Wahl getroffen.

Sie war eine richtige Babuschka. Zum Essen gab es frischen Frisch, dazu Borschtsuppe und leckeres Brot mit Butter. Doch zuvor standen wir auf und beteten und bekreuzigten uns ein paar Mal vor dem Jesus, der in allen Variationen an der Wand hing.Ich lies mir eine Ausrede einfallen, warum ich kein Kreuz um den Hals hängen habe und hoffte, dass wir nun endlich anfangen könnten zu essen.

Fotoalben durfte ich in allen Gröβen begutachten und zudem schauten wir ein Video von irgendeinem Gottesdienst.

Es waren wunderbare Menschen und ich war so sehr dankbar für ihre Gastfreundschaft. Das Bett war irre gemütlich. Daneben lag Jesus wieder in allen Variationen und beschützte mich sicherlich die Nacht lang. Am nächsten Morgen beteten sie nochmals für mich und als ich fragte ob es viele Banditen in der Gegend gibt, holte sie Jesus nochmals extra von der Wand, küsste ihn ein paar Mal, bekreuzigte sich und bekreuzigte sich für mich und war sich nun sicher, dass mir nichts passieren wird.

Mit einem Vesperpaket wurde ich verabschiedet, nachdem ich noch von beiden herzlichst gedrückt wurde.

Ganz liebe nette Menschen. Eine tolle Begegnung.

Bis Yuzhno war es nicht mehr weit. Eine reiche Stadt. Supermärkte wie bei uns. Viele Expats, die auf den Ölfeldern arbeiten, gute Straβen und teils nagelneue Fassaden.

In einem extrem angenehmen Hostel blieb ich ein paar Tage und entschied mich dem Land den Rücken zu kehren.Abenteuerliche 4,5 Wochen hatte ich hier verbracht und obwohl ich mich innerlich ärgerte, dass ich nun meinen Ursprungsplan nicht durchgeführt habe und ich zudem für 300 Euro
und auf sehr komplizierte Art und Weise das Visum organisiert hatte, wollte ich mich nicht
weiter quälen.

Doch war Russland mehr Abenteuer als die meisten anderen Länder, in denen ich auf meiner
Radreise nun gewesen bin. Und ehrlich gesagt liebe ich Abenteuer! Also im Nachhinein, mit
Abstand betrachtet, war es doch alles sehr spannend gewesen.

Ich organisierte das Ticket für die Fähre nach Hokkaido / Wakkanai in Japan um 10 Uhr am nächsten Morgen. Für wahnsinnige 200 Euro.Ich fuhr gegen 7 Uhr los, in der Annahme, es sei nicht weit bis zum Hafen und ich wäre locker um 8.30 dort. Ich sollte eigentlich bereits um 8 Uhr einchecken, aber das empfand ich als etwas zu früh.

Keiner sagte mir, dass es auf der Strecke jede Menge Hügel hat und keiner sagte mir zudem, dass die Entfernungen auf den Schildern wieder einmal frei erfunden waren.

Es regnete in Strömen und schluβendlich trudelte ich patschnass in der Hafenstadt ein und suchte vergeblich die Fähre. Wiedereinmal wusste niemand wo ich hin musste. 
Kein Hafenarbeiter kannte das Dock mit dem Boot nach Japan.

Es war bereits 9:15 und ich kam immer mehr ins Schwitzen. Da entdeckte ich das Boot. Ein nagelneues, japanisches Boot stach richtig blinkend aus der Ferne heraus. Ich fuhr direkt darauf zu, passierte jeden checkpoint ohne jegliche Probleme und fragte mich, wo denn nun die Einwanderungsbehörde sei.Direkt am Boot schickte man mich dann natürlich wieder zurück, an allen Offiziellen wieder vorbei und wurde am Ende nach dreimal nachfragen ins richtige Gebäude geschickt. Ein Glück noch rechtzeitig.

Muffig wurde ich von den Russen verabschiedet und überaus herzlich auf dem Japanischen Boot begrüβt.

Die nächste Kultur steht nun an.

Zuerst von den chaotischen Chinesen zu den liebenswerten Taiwanesen. Danach seltsame Koreaner. Gruseliges Russland und nun nach Japan. Irgendwie muss man sowas auch erst einmal alles verkraften.

Ciao Russland – Abenteuerland…..

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