Haida Gwaii wird auch als die „Kante der Welt“ bezeichnet, denn westlicher geht es in Kanada nicht mehr. Bis vor einigen Jahren hat die Inselgruppe noch Queen Charlotte geheissen, doch nun wurde die Insel in Haida Gwaii umbenannt. „Land der Haida“, denn die Ureinwohner die hier leben sind die Haida. 
 

Haida Gwaii zieht besondere Charaktere an. Nicht nur Holzfäller und Fischer haben sich hier breit gemacht, nein auch Künstler, Aussteiger, Ausländer und Geniesser findet man hier. Die Haida selbst leben vor allem in Massett und Skidegate, zwei kleine Dörfer auf der Graham Insel. Insgesamt ist es ein sehr interessanter Mix an Leuten. Bei gerade mal 5000 Einwohnern kennt fast jeder jeden.

Die Hälfte der Einwohner sind Haida, die die Inseln und die westlichen Küstengebiete seit jeher besiedeln und es deutlich einfacher hatten zu überleben, als die anderen Indianerstämme weiter im Landesinneren. Die Winter auf Haida Gwaii sind nicht kalt. Zudem bietet der Lebensraum so viel Nahrung, dass die „First Nations“ wie man die Indianer in Kanada nennt, nicht hungern mussten und somit auch Zeit für andere Dinge hatten, als nur für  den Kampf des Überlebens. Die Kunst der Haida ist daher ein Teil ihrer Kultur und weit über die Inselwelt hinaus bekannt.

Obwohl sie doch sehr unterschiedlich sind, scheinen die Menschen jedoch alle etwas gemeinsam zu haben. Sie sind alle extrem hilfsbereit und freundlich. Die Uhren ticken etwas langsamer als anderswo. Leute haben einfach viel Zeit. 
 

Türen werden nicht abgeschlossen, jeder scheint jederzeit willkommen zu sein. Man unterstützt sich zudem wo es geht. Und ein Schwätzchen halten ist immer gerne gesehen. Ich liebe so etwas.

Die Waren auf Haida Gwaii sind extrem teuer. Das Essen im Supermarkt so teuer, dass sich viele Leute aus dem Meer, dem Wald und dem eigenen Garten ernähren. Es wird auch viel getauscht. Einen frischen Lachs gegen frisches Gemüse. Oder eine helfende Hand gegen ein geschossenes Reh.

Doch was ich im Laufe meines Aufenthaltes auch gelernt habe, war die Tatsache, dass sich auf der Insel nicht nur Fuchs und Hase Gute Nacht sagen, sondern auch jeder Nachbar dem anderen.

Ich kannte innerhalb kürzester Zeit die ersten Geschichten über einzelne Bewohner des Dorfes Sandspit. Ein 200 Seelenort am Ende der Welt. Ob mich die Geschichten interessierten schien niemanden wirklich zu kümmern, denn ich bekam sie trotzdem erzählt.

Haida Gwaii war mein ersehnter und total überfälliger Pausenort. Einen besseren Ort zum erholen hätte ich nicht finden können. Meine bleierne Müdigkeit zwang mich in die Knie. Ich war dauermüde. Es ging einfach nichts mehr. 
 

Nachdem ich bei Carol aus meiner Krise heraus deutlich länger blieb als je geplant war, machte ich mich irgendwann nach 10 Tagen dann aber doch auf den Weg die Inseln zu erobern. Ich war Carol unendlich dankbar dafür, dass sie mich so lange aufgenommen und so fürstlich verpflegt hatte.

 

Richtig Kraft hatte ich noch keine, aber die Inseln zu erobern ist nicht sonderlich kräftezehrend und so strampelte ich die ersten KM ziemlich lustlos und auch zwangsweise in eine neue Welt hinein. Ich wäre gerne noch länger bei Carol geblieben, fing aber an ein schlechtes Gewissen zu bekommen und wollte sie nicht länger in Anspruch nehmen. Obwohl ich auch den Eindruck hatte, dass nicht nur ich eine einsame Seele war, sondern Carol sicherlich auch froh darüber war etwas Gesellschaft zu haben.

Monty lud mich kurz darauf ein und servierte mir den besten Lachs meines Lebens. Er bekam ihn von einem seiner Haida Freunde geschenkt und bereitete ihn ohne Salz und Gewürze zu. Er bestrich ihn nur mit braunem Zuckerwasser. Einfach unglaublich lecker.

Haida Gwaii verwöhnte mich von nun an jeden Tag. Landschaftlich ist die Inselgruppe ein Traum. Durch den extremen Titenhub von bis zu 10 Metern, den die Insel aufweist, sieht die Welt alle sechs Stunden völlig anders aus. Entweder das Wasser peitscht nahe an der Küste entlang, oder man kann ewig weit hinauslaufen und sich an den Gezeitenbecken satt sehen. Wirklich faszinierend was es hier alles zu entdecken gibt.

Gray Bay war mein zu Hause für zwei Nächte. Ich hatte den Strand für mich ganz alleine. Eigentlich hatte ich immer jeden Strand für mich ganz alleine. Doch Gray Bay war definitiv mein Lieblingsstrand.

Feuer machen war nicht ganz so einfach, denn es hatte zuvor fast eine Woche lang durchgeregnet und das Holz war wirklich patschnass. Aber ich schaffte es mir trotz allem mein Standardessen, welches Reis und Linsen ist, auf einem kleinen Lagerfeuer zu kochen.

Ein Waschbär kam zu Besuch. Leider war er etwas lediert, denn ihm fehlte der Schwanz und er hatte zudem ein krankes Auge. Zu meiner Überraschung hatte er überhaupt keine Angst vor mir und ich konnte ihn seelenruhig beobachten, wie er am Strand die Steine umdrehte und nach Krabben und Muscheln suchte und auch immer wieder fündig wurde und mit seinen goldigen Tatzen die Schalen fest hielt und seinen Fund gierig ausschlabberte.

Es war herrlich hier draussen. So ruhig und erholsam. Der Wald um mich herum war eine Art Zauberwald. So ein bisschen wie man sich eine Elfenwelt vorstellt. Ursprünglich. Alt und nass. Voller Moose und herrlich frisch und auch so sehr einsam. Ein wenig gruselig war es schon, wenn ich so durch den Wald kreuz und quer auf einem der Trails stapfte.

Bären gibt es hier. Schwarzbären. Und somit redete ich immer wieder laut vor mich hin oder sang ein Lied um den Bären zu zeigen dass ich in der Gegend bin. Auch meinen MP3 Lautsprecher machte ich immer wieder an um damit auf mich aufmerksam zu machen. Denn Regel Nummer eins ist: Überrasche niemals einen Bären.

Insgesamt sah ich auf Morseby Island, eine der beiden Hauptinseln auf Haida Gwaii, drei Schwarzbären. Der eine war extrem nahe als ich auf der Strasse an ihm vorbei fuhr. Er erschrak sich heftigst und rannte die Böschung hoch, während ich erst kapierte, dass dort gerade ein Bär ein paar Meter von mir entfernt stand, als ich ihn in seiner Panik hörte. Natürlich hielt ich sofort an und wir beide schauten uns kurz ganz intensiv in die Augen. Was für eine wahnsinns Begegnung. 
 

Den zweiten Bären entdeckte ich im Wald, als ich auf einer Schotterpiste unterwegs war. Ich sah ihn schon von weitem und weil ich meine Musik laufen hatte, bemerkte er mich sehr früh und trottete seines Weges und interessierte sich für mich überhaupt nicht. 
 

Den dritten Bären sah ich wieder von der Teerstrasse aus, die auf Morsbey Island ganze 11 km lang ist. Er wollte irgendwie partout nicht im Wald verschwinden und ich hatte ewig Zeit ihn zu beobachten und zu überlegen was ich denn nun machen soll, wenn ihm einfallen sollte näher zu kommen. Aber auch er verschwand irgendwann im dichten Wald.

Die nächste sensationelle Begegnung war ein Grauwal. Nichtsahnend machte ich an einem Strand halt und schaute aufs Meer hinaus, als ich plötzlich eine Wasserfontäne und einen Walrücken entdeckte. Absolut kein Mensch ausser mir.

Keine 50 m von mir entfernt dreht ein riesen Wal seine Runde und ich habe dieses Spektakel ganz für mich alleine. Er tauchte immer wieder auf und ab und nach etwa einer Stunde war er schlussendlich verschwunden. Momente, die ich sicherlich nie vergessen werde.

Es ist einfach immer wieder bezaubernd, was die Natur zu bieten hat und Morsbey Island meinte es wirklich richtig gut mit mir. 
 

Springende Fische entdeckte ich, endlos viele Weisskopfseeadler, Seehunde, Rehe, Eistaucher, Seesterne, Krabben, Anemonen und alle möglichen Kreaturen im Gezeitenbecken, die ich noch nie zuvor gesehen hatte.

Eine Frau erzählte mir, dass nicht weit von Sandspit ein Buckelwal gestrandet war. Leider nannte sie mir den falschen Strand und ich suchte dort vergeblich, doch kaum später traf ich einen Biologen, der vor ein paar Tagen ein paar Proben des Wales entnommen hatte, um herauszufinden woran er gestorben war. 
 

Er wusch ein paar seiner Barten im Wasser und ich hatte die Chance sie anzulangen. Es fühlte sich ein wenig an wie richtig extrem dicke Fingernägel und die Haare deutlich borstiger als Pferdehaare.
 

Er nannte mir die Position des Wales, doch musste ich bis zum nächsten Morgen auf Ebbe warten, da der Wasserstand des Flusses den ich queren musste zu hoch war und die Zugänge der Buchten bei Flut versperrt sind.

 

Carol hatte mich wieder aufgegabelt und nochmals eingeladen und mit ihren Gummistiefeln bewaffnet stapfte ich mit einer riesen Vorfreude los um eines der grössten Säugetiere der Welt zu entdecken. Einen Wal zu sehen, direkt am Strand und die Chance zu haben dieses Tier in der wahren Grösse zu sehen, lies meinen Entdeckergeist Purzelbäume schlagen. 
 

Die Haida die ich hier traf fanden die Idee diesen Wal zu suchen ziemlich seltsam, doch meinten sie der muss hier irgendwo sein. Ich lief bei minus 0.1 Ebbe los, eine Info die man der Gezeitentabelle entnehmen kann. 
 

Die erste Bucht, die zweite Bucht, die dritte Bucht. Kein Wal zu sehen. Langsam machte ich mir Sorgen, da ich das Wasser kommen sah und absolut nicht einschätzen konnte wie schnell ich hier in Schwierigkeiten komme, denn mittlerweile kletterte ich auf Felsen umher und es war leicht auszumachen, dass in kurzer Zeit der Rückweg versperrt war, denn auf den Felsen auf denen ich herumkraxelte gab es Gezeitenbecken. In 4,5 Stunden spätestens war die Flut wieder auf ihrem höchsten Stand. Ich gab mir noch eine halbe Stunde und drehte dann zähneknirschend um. 
 

Die Haida empfingen mich mit den Worten: „Wir haben uns schon Sorgen um Dich gemacht. Die Flut ist im Moment sehr hoch, lange hättest Du dort draussen nicht mehr sein dürfen.“

„Ich weiss, doch wo ist denn der Wal?“ „In der nächsten Bucht, hast Du ihn nicht gesehen?“ fragten sie erstaunt. „Nein, wo genau ist er denn?“ fragte ich nochmals nach, denn dann komme ich eben heute Abend nochmal wieder dachte ich. 
 

Eine etwas genervte Frau meinte, dass er sicherlich durch die zwei extrem grossen Fluten, die es die letzten zwei Tage gehabt hat wieder ins Meer gespült worden ist, denn er wäre nicht zu übersehen, so gross wie der Wal ist. Ausserdem würde er ordentlich stinken, den Gestank hält man kaum aus, wenn man dem Tier zu nahe kommt. 
 

Die wohl einzigste Chance meines Lebens einen gestrandeten Wal zu entdecken hatte ich also leider verpasst. Vor lauter Enttäuschung hatte ich fast Tränen in den Augen. 
 

Carol kochte mir als Trostpflaster frischen Heilbutt, den sie an dem Tag geschenkt bekommen hatte. In Papierfolie eingepackt und mit Kräutern bestückt genoss ich diesen edlen Fisch in ganzen Zügen. Und nachdem Fisch auf Haida Gwaii so zahlreich ist, bekamen selbst ihre Hunde ein riesen Stück davon ab.

Mit der Fähre ging es zurück nach Graham Island, auf der es insgesamt 120 KM geteerte Strasse sowie einige Holzfällerpisten gibt.

In Tlell traf ich auf jede Menge interessanter Menschen. Dave&Kathryn, die sich als Fischer ihr Geld verdienten und mich in ihrem Trailer übernachten liessen. Veronika aus Deutschland, die hier seit ein paar Jahren hängen geblieben ist. Judy eine frühere Lehrerin bei der ich im Garten zeltete und Marco&Julia und Jule, drei Deutsche, die hier als Woofer arbeiteten.

Bei Suzan, die ich selber nie getroffen habe, hatte sich die Tage ein Bär ins Haus geschlichen und an ihrer Kühltruhe zu schaffen gemacht. Seine Wahl viel auf ihr Eis, dass er aus ihrer Truhe stibizt hatte. Ich denke der Bär wird es leider nicht überlebt haben, denn am Ende mussten sie ihn sicherlich erschiessen, sonst wäre er immer wieder gekommen. 
 

Je mehr Zeit ich mit netten Leuten verbrachte, am Strand die Seele baumen lies und die Natur in mich aufsog, desto klarer wurden meine Gedanken und je mehr kam meine Kraft zurück und vor allem auch der Wunsch nach mehr.

Port Clemens hat einen anderen Schlag von Leuten. Viele Holzfäller, die sich hier fast jeden Abend im einzigen Pub des Ortes treffen und sich dort teils die Kanne geben. Eine lustige Truppe, mit denen ich allerdings nicht wirklich etwas gemeinsam hatte. Die Terrasse des Pubs war ein wunderschöner Ort um den Sonnenuntergang zu geniessen, der hier wirklich besonders farbenfroh erschien.

Von Massett war ich etwas enttäuscht, denn ich hatte von dem Ort im Norden deutlich mehr erwartet. Eigentlich war es eine nichtssagende Ansammlung an Häusern am Ende der Insel.

Unweit davon liegt North Beach. Von dem alle besonders schwärmen. Ich war zu faul um den ewig langen weissen Strand mit dem Rad bis ans Ende zu radeln. Weisse Strände sind einfach nicht mein Ding. Wobei ich zugeben muss, dass die Nacht am Wasser wieder absolut klasse war. Mit Meeresrauschen in den Schlaf geschaukelt zu werden hat schon auch was.

Zurück in der Nähe von Skidegate, sah ich 75 Weisskopfseeadler an einer Stelle. Was sie dort gefunden oder gesucht hatten, war mir nicht klar, denn ich sah keinen der Vögel etwas an den Steinen picken.

 Ich nahm an einer kleinen Strandexkursion teil, bei der uns Teilnehmern das Leben um die Gezeitenbecken erklärt wurde. Einfach genial was dort alles so kreucht und fleucht und ich von alleine nie gesehen hätte.

 
Vier lange Wochen verbrachte ich auf Haida Gwaii und hatte keinen Tag davon bereut. Die Inseln haben etwas ganz besonderes an sich und werden sicherlich mein Highlight in Kanada werden, obwohl ich noch lange nicht am Ende meiner Entdeckung von Kanada angelangt war, wusste ich das aber bereits ganz sicher.

 Die Leute sind hier einfach anders. Die Ruhe und Gelassenheit, die die Inseln auf mich ausstrahlten war genau das was ich gebraucht habe. Ganz wieder hergestellt bin ich noch nicht, auch zweifel ich noch etwas wie mein Weiterweg aussehen wird, aber es geht aufwärts.

Vielen herzlichen Dank Haida Gwaii – ich werde Dich so schnell nicht vergessen.

Übrigens bin ich bereits seit 3 Jahren unterwegs…..verrückt, ich weiss !

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