Guelmim, am 89‘sten Tag meines Marokko-Aufenthaltes. Am nächsten Tag hätte ich eigentlich das Land verlassen müssen, doch war ich noch etwa 1300 KM von der Mauretanischen Grenze entfernt.

Mohammed kam morgens wie verabredet zu meinem Hotel-Café, um mit mir die Visum-Verlängerungsprozedur anzugehen. Wie am Vorabend besprochen, fuhren wir per Taxi zuerst zum Krankenhaus.

Hunderte bunt gekleideter Menschen saßen oder standen Schlange vor den vielen Behandlungszimmern. Es ist immer wieder toll zu sehen, wie schön farbenfroh die Frauen sich hier kleiden.

Etwa eine Stunde warteten wir auf Mohammeds befreundeten Arzt. Mit uns zudem ein Herr, der ebenso eine Bescheinigung für seine aus Spanien zu Besuch gekommene Mutter benötigte.

Die kleine illegale Bescheinigungsausstellung sollte natürlich geheim bleiben. Am Ende war sie aber extrem auffallend gewesen, denn wir drei betraten zusammen das Behandlungszimmer und ich wurde umgehend wieder nach draußen geschoben.

Mit dem Attest fuhren Mohammed und ich weiter zur Polizeistelle. Der zuständige Polizist hatte aber leider so gar keine Lust, sich um den Fall zu kümmern und wollte mich weiter nach Laayoune schicken, denn die Polizei dort würde das alles viel besser und schneller erledigen können als er.

Mohammed telefonierte nochmals eifrig mit seinem Polizeifreund, um weiteren Einfluss zu nehmen, bevor er mich alleine ließ.

Ich redete weiter auf den Polizisten ein und machte ihm klar, dass ich die Polizeistelle erst mit einer Visumverlängerung wieder verlassen werde, denn bis Laayoune schaffe ich es unmöglich innerhalb eines Tages und morgen war mein letzter legaler Aufenthaltstag in Marokko. Auf den Vorschlag mit dem Bus zu fahren, ließ ich mich nicht ein.

In solchen Situationen muss man immer Feingefühl walten lassen. Nicht zu viel und nicht zu wenig einfordern. Sicheres Auftreten, aber bloß nicht die Stimmung kippen lassen, dann geht man am Ende ganz leer aus.

Nach einer Stunde wurden mir 10 Tage Verlängerung angeboten, die mir aber nicht genug waren, denn schließlich war es eine beachtliche Entfernung bis Mauretanien. Verständlicherweise wusste natürlich keiner der Anwesenden, wie lange es dauert, um mit dem Fahrrad 1300 KM zu radeln. Ich pokerte somit weiter.

Zudem hatte ich ja das Attest des Arztes, dass ja belegte, dass ich sehr müde war und somit mehr Zeit brauchte.

Am Ende zahlte es sich aus, denn drei Stunden später bekam ich schlussendlich meine erwünschte 20- tägige Verlängerung.

Freudestrahlend schickte ich Mohammed eine WhatsApp Nachricht und bedankte mich nochmals recht herzlich, denn ohne ihn hätte ich es sicherlich nicht geschafft.

Ich freute mich auf die Westsahara und hatte von Marokko nun auch genug, obwohl ich Marokko wirklich ganz toll fand.

Ein Glück, wusste ich in Guelmim noch nicht, was da nun eigentlich vor mir lag.

Der Wind tobte, als ich mich auf den Weg machte. Der Verkehr war zudem heftig. Ein LKW nach dem anderen. Kein Seitenstreifen. Der ausgefranste Straßenrand endete im Sand.

Bei starkem Seitenwind und vorbeifahrenden LKWs wird man leider immer zuerst in die Straße hineingesogen und sobald der LKW an einem vorbei ist, wieder mit voller Wucht in Richtung Straßengraben geschoben. Ich musste immer höllisch aufpassen, nicht umzukippen, um vielleicht dabei auf die Straße zu fallen und dann womöglich vom nächsten LKW erfasst zu werden.

Ich schraubte mir meinen mitgebrachten Spiegel ans Rad und versuchte, immer rechtzeitig in den Graben zu fahren, wenn sich zwei LKWs auf beiden Straßenseiten gleichzeitig auf meiner Höhe kreuzten.

Dazu kam der Sand, der mir ständig um die Ohren peitschte. Teilweise waren Sandverwehungen auf der Straße, die natürlich immer wieder aufgewirbelt wurden. Ich hatte somit ständig Sand in den Augen und zwischen den Zähnen und wusste nicht wirklich, wie ich es vermeiden konnte. Und dann die Zahl, die ich vor Augen hatte. Noch 1300 KM. Extrem motivierend!

Es waren somit ätzende Tage, die da vor mir lagen. Und wenn ich ehrlich bin, hatte ich von Anfang an keinen Spaß dabei. Doch unter Tourenradlern gibt es einen Spruch, der da heißt:
 

>> Ein schlechter Tag auf der Straße, ist trotz allem immer besser als ein guter Tag im Büro << 
 

Und mit dem Gedanken kurbelte ich in Richtung Mauretanien!

Laurent, der radelnde Franzose, den ich bereits zuvor getroffen hatte, war zeitgleich mit mir in Richtung Westsahara gestartet. Er hatte aber schlauerweise die Parallelpiste genommen, da er nicht wie ich, nach Guelmim musste.

Doch klar war, dass wir uns schon bald wieder treffen werden, denn die Piste hatte kurz vor Tan-Tan ein Ende.

Die erste Nacht verbrachte ich in einem Internat. Ein kleines Gästezimmer direkt neben der Moschee wurde mir angeboten, als ich kurz an dem davor gelegenen Laden Halt machte. Ich bekam zudem leckere Suppe gereicht.

Dankbar ging es bei Sturm und öder Landschaft am nächsten Tag wieder weiter. Ein Glück hatte ich Zeitdruck, sonst wäre ich sicherlich gar nicht erst aus dem Bett gestiegen.

In Tan-Tan, der nächstgelegenen Stadt, fingen die Polizeikontrollen an. Passkontrolle. Die Westsahara wurde vor vielen Jahren von den Marokkanern annektiert und ist seither ein unsicheres Gebiet. Das Auswärtige Amt warnt sogar davor, dort zu reisen. Die ehemalige Westsahara Grenze hatte ich aber bis dahin noch nicht einmal erreicht.

Mit einem extrem starken Rückenwind düste ich am nächsten Tag bis zum Meer. El Ouatia, ein kleiner Küstenort, der allerdings nur 20KM von Tan-Tan entfernt lag. Von jetzt an ging die Hauptstraße am Meer entlang und somit bog die Straße um 90 Grad ab und der Seitenwind wäre an dem Tag einfach zu heftig gewesen, um weiter zu radeln.

Am Campingplatz traf ich auf Laurent sowie zwei radelnde Russen, für die der Verkehr total normal war. Sie sind seit St.Petersburg wohl nur auf Hauptstraßen unterwegs gewesen.

Jede Menge Franzosen hatten sich hier mit ihren Campingwagen eingefunden. Ein super unattraktiver Platz und somit war mir persönlich nicht klar, warum sich die Franzosen diese Gegend zum Überwintern aussuchten.

Es gibt so tolle Gebiete in Marokko und die Leute stellten sich auf den hässlichsten Platz, den man sich vorstellen kann. Nun ja, jeder so wie er denkt.

Die Marokkaner waren plötzlich eher unangenehm. Aufdringlich. Männer setzten sich einfach neben mich, ohne zu fragen. Sie waren zudem wenig freundlich und vom Typ Macho. Manchmal wurde ich sogar ganz ignoriert. Ich sah zudem nahezu keine Frauen mehr.

Die drei Jungs fuhren mir viel zu schnell. Mit dem Tempo konnte ich nicht mithalten, doch holte ich sie fast jeden Abend wieder ein. Irgendwo war das schon auch Motivation für mich, denn per WhatsApp wusste ich immer, wo sie waren. Erstaunlich war, wie gut auch weiterhin die Internetverbindung funktionierte.

Der Weg zog sich wie ein Kaugummi. Die Landschaft zum Einschlafen langweilig. Der Verkehr wurde zwar deutlich weniger, trotzdem war er mir noch viel zu viel gewesen, um es genießen zu können. Ich wunderte mich auch, wo die eigentlich alle hin fuhren?

Etwa 20KM vor Tarfaya bekam ich meine erste Polizei-Eskorte. Wie immer natürlich zu meiner Sicherheit. In dem Ort suchte ich mir ein kleines Zimmer. Bestellte mir leckeren Fisch und hatte ehrlicherweise sowohl die Menschen als auch die Landschaft innerlich bereits abgehakt. Ich mochte die Leute hier einfach nicht und die Gegend bereitete mir wenig Freude.

Vielleicht lag es auch an mir, weil ich innerlich die Strecke so ätzend fand, dass ich selber nicht mehr freundlich dreinschaute?

Es ging wirklich nur noch darum anzukommen. Den Bus nehmen wäre eine Alternative gewesen, aber natürlich kam das für mich nicht in Frage. Ich bin Radler und zudem bin ich davon überzeugt, dass ich mich auch den unangenehmen Strecken stellen muss und mir nicht nur die Sahnestücke rauspicken kann.

Ich glaube nämlich, erst wenn ich die weniger interessanten Gegenden auch gesehen habe, kann ich die tollen Gebiete auch wirklich genießen und wertschätzen.

Der Fisch dagegen machte mich glücklich. Er sollte von nun an jeden Abend meine Belohnung für den Tag sein, denn der war hier richtig lecker!

Von Tarfaya bis Laayoune gibt es einen Alternativweg, somit war hier weniger Verkehr. Doch der Wind war leider wieder ganz besonders heftig. Der Sand peitschte mir pausenlos um die Ohren.

Ein Auto hielt an und der Fahrer meinte er hätte mich heute Morgen in Guelmim gesehen. Also 450 KM entfernt. „Äh, nein, das war ich definitiv nicht. Kann es sein, dass das ein anderer Radler gewesen ist?“ fragte ich ihn.

Ich machte kaum Bilder. Erstens hatte ich Angst um meine Kamera und Objektive bei dem vielen Sand. Zweitens sah eh alles gleich aus und außerdem war meine Stimmung einfach nicht da, um hier etwas zu fotografieren. Abends war ich nur hundemüde und stellte wieder einmal fest, dass weniger einfach mehr ist.

Ich brauche für meine Fotografie einfach auch Zeit. Zudem Kontakt zu den Menschen. Ohne das geht es nicht.

Daher radle ich normalerweise auch keine 100 oder 150 KM am Tag. Ich würde viel zu viel verpassen. Für die kleinen Dinge hätte ich gar keine Geduld und Muße mehr. Das Genießen würde völlig fehlen. Und das, ist ja genau das, was mich am meisten reizt.

Ich hielt mich mit dem Podcast Weltwach über Wasser. Ein Abenteuer Podcast, den ich über meinen kleinen Lautsprecher hören kann. Riesen Ansporn und wirklich interessante Interviews zum Anhören.

Ein Glück, hatte ich auch viel Rückenwind und so waren auch Tage dabei, an denen ich 165 oder 150 KM schaffte, ohne wirklich viel dafür tun zu müssen. Die Westsahara ist eigentlich unter Radlern bekannt dafür, dass der Wind meistens von Nord nach Süd bläst. Das halt als Theorie.

Ab Laayoune wurde der Verkehr deutlich weniger. Im Ort gibt es einen großen Hafen, somit wusste ich nun auch, wo die LKW’s alle hinfahren. Eine heiße Dusche und leckerer Fisch waren wichtig, um mich bei Laune zu halten.

Immer wieder waren Polizeikontrollen und immer wieder wurde ich gefragt, wo ich denn übernachte. Einige der Polizisten waren wirklich sehr freundlich, andere dagegen auch patzig und genervt.

Bei dem starken Wind hatte ich eh kein großes Interesse, irgendwo wild zu zelten und somit war ich eigentlich immer irgendwo in einem Raum untergekommen und wurde somit bisher von weiteren Eskorten verschont.

Doch änderte ich meine Taktik. Denn meistens hatte ich bis etwa 15 Uhr Seitenwind und erst danach drehte der Wind zum Rückenwind. Und somit fuhr ich von nun an viel nachts. Das passte der Polizei allerdings gar nicht, aber sie hielten mich nicht davon ab.

Die Westsahara ist nicht nur landschaftlich trostlos, nein. Immer wieder hat es auch kleine Häuser aus Plastikplanen in der Nähe des Ufers. Kläffende Hunde und ein Soldat oder Fischer der darin lebt. Die Plastikplanen flattern pausenlos im Wind. Ringsherum der Müll, der einfach in der Landschaft verteilt wird.

Was machen die Leute hier, geisterte mir immer wieder im Kopf herum. Wie hält man es hier aus?

Es gab auch ab und an Geistersiedlungen. Nichts übrig, außer vom Sand eingenommene Häuser.
Zudem gab es Siedlungen, in denen die Menschen in Zelten als Dauerbehausung lebten.

Slums hätte ich es auch nennen können. Es sah trostlos aus. Und die Männer, denn Frauen habe ich nahezu nirgends in der Westsahara gesehen, taten mir einfach nur leid.

Ab Boujdour wurden die Abstände zwischen den Tankstellen und Trucker-Kneipen immer grösser. Um in einem Raum schlafen zu können, musste ich also die Distanz immer wieder schaffen. Und so kam ich wenigstens vorwärts.

Als ich an einer Stelle Pause machte, tauchte plötzlich eine Radfahrerin hinter mir auf. „Pushbikegirl“ rief da eine junge Frau mir zu. Charline aus Frankreich, die sich von Tan-Tan bis hierher hat mitnehmen lassen. Sie will nach Dakar. Freunde besuchen. Sie folgte mir bereits auf Instagram und wusste, dass ich irgendwo in der Gegend war.

Für mich war das eine willkommene Abwechslung. Ich hatte jemanden zum Reden, wir hatten etwa das gleiche Tempo und Charline war heilfroh, dass sie mich getroffen hatte und vertraute mir sofort.

Wir spornten uns immer wieder gegenseitig an und es half mir wirklich sehr die Laune aufrecht zu erhalten. Charline war klasse.

Leider fing nun aber die Polizei an, etwas nervig zu werden.

Nicht ganz optimal war leider, dass Charline sich nun mit den Polizisten auf Französisch austauschen musste. Sonst habe ich einfach immer gesagt, ich kann kein Französisch, was ja auch stimmte, und deren Englisch beschränkte sich auf drei Wörter und die Diskussion war schnell vorbei und ich radelte weiter.

Einer Französin nahm das aber natürlich niemand ab, zudem war Charline einfach auch noch zu unsicher, um bestimmt zu argumentieren. Jede Polizeikontrolle dauerte somit deutlich länger.

Aber im Laufe der Zeit wurde das immer besser und die Vorteile Charline an meiner Seite zu haben überwogen auf jeden Fall die kleinen Nachteile. Es war einfach toll mit ihr unterwegs zu sein und sich zusammen durch die Öde zu kämpfen. Oft saßen wir auch einfach am Straßenrand und philosophierten über die Welt.

Generell war es natürlich auch in meinem eigenen Interesse, dass die Polizei uns beschützen wollte, aber wie bereits in den ersten beiden Wochen meines Aufenthaltes in Marokko, ist die Art und Weise der Polizisten manchmal etwas seltsam.

In Bir Anzarane, einem nahezu verlassenen Ort, wurden wir von einem Ehepaar ins Haus gewunken. Die Polizei würde sie beauftragen, Radfahrer aufzunehmen. Sie gaben uns Tee und Suppe und ließen uns an einer wunderbar warmen Quelle baden.

Der Schwefelgeruch erinnerte mich an die Onsen in Japan, die ich auf der Insel so sehr liebte. Das warme Wasser war eine absolute Wohltat und tat meiner nicht ganz so positiven Laune richtig gut.

Der Mann wohnt hier seit 13 Jahren. Seine Frau seit drei. Langweilig, wie es dem Herrn wohl gewesen sein muss, schaute er jedes Mal, wenn ein LKW am Haus vorbeifuhr, aus der offenen Türe heraus. Klar, was soll man auch sonst hier machen?

Etwa 120 Radfahrer kommen laut ihm hier im Laufe eines Jahres vorbei. Er führt ein Gästebuch und zeigte uns stolz die Einträge der anderen Tourenradler.

Die Polizei tauchte auf und checkte unsere Pässe. Wo sie herkamen und wo sie hinfuhren war mir an diesem Abend ein Rätsel.

Leider fing der Herr am nächsten Morgen an, nach Geld zu fragen. 100 Dirham pro Person. Also 10 Euro. Das letzte Mal ist mir das in Bulgarien passiert, also vor 6 Jahren, dass mich jemand nach einer Einladung nach Geld fragte. Nachdem wir aber eh der Meinung waren, dass er von der Polizei bezahlt wird, fuhren wir weiter.

Zum Abzweig nach Dakhla, eine auf einer kleinen Landzunge gelegene Stadt, kamen wir kurz vor der Dunkelheit an. Uns wurden nun zwei Möglichkeiten von der Polizei zur Verfügung gestellt. Die erste sei nach Dakhla zu radeln und dort in einem Hotel zu schlafen.

„Schlechte Idee“ antwortete ich, denn ich wollte ganz sicher nicht noch weitere Kilometer radeln. Zweite Alternative war, hier auf der Polizeistation zu übernachten. Auch das passte uns gar nicht, denn der Wind hatte gerade erst gedreht und wir wollten den starken Rückenwind ausnutzen. Zudem waren die Polizisten alles andere als freundlich gewesen.

Ich sagte somit „wir nehmen die dritte Möglichkeit und radeln weiter“.

Kurze Zeit später entdeckten wir, dass wir verfolgt wurden. Ein Zivilauto fuhr uns hinterher.

Es war bereits seit einiger Zeit stockfinster, als wir 40KM später an einer Kaserne ankamen. Die freundlichen Soldaten durften uns aber leider nicht aufnehmen. Doch 5 KM später kam ein Dorf. Nachdem allerdings hier nahezu keine Frauen leben, wollte ich nicht an irgendeinem Haus klopfen, denn nur mit Männern im Haus schlafen, war mir zu unsicher.

Da entdeckten wir ein großes Gebäude neben einer Moschee. Eine Art Restaurant. Es brannte noch Licht und so klopften wir ans Fenster. In dem Moment tauchte unser Polizeischutz auf und stieg aus. Der Besitzer wurde sofort zu den Polizisten gerufen und ich dachte nur so, na das ist ja wieder toll.

Bei der Kaserne wollten sie uns nicht helfen, eine Übernachtung zu finden. Wenn wir uns einfach in den Sand gelegt hätten, wären sie ganz sicher hinterhergekommen und hätten uns nicht erlaubt, dort zu zelten und jetzt, wo wir fast eine Möglichkeit hatten, mischten sie sich ein.

Wir sollten vor dem Gebäude zelten. Woraufhin ich sagte „das ist aber gar keine gute Idee. Schließlich ist das ja angeblich eine unsichere Gegend, da lässt man doch zwei Frauen nicht vor dem Gebäude schlafen.“

Am Ende durften wir auf dem Dachboden nächtigen und die Polizei schlief im Auto vor dem Gebäude. Warum sie das taten, wussten wir nicht, denn das Haus war abgeschlossen. Der Polizist warf uns noch vor, dass er wegen uns nun nicht zu Hause schlafen konnte.

Im Prinzip sagten sie uns immer wieder, dass es ihnen nur darum geht, dass sie verantwortlich dafür sind, dass uns nichts passiert. Und sagten ebenso, dass die Gegend sicher sei, sie machten halt ihren Job.

Der Besitzer war super freundlich. Machte uns noch schnell eine heiße Schokolade und zeigte uns, wo wir schlafen konnten.

Wieder radelten wir lange Zeit in der Nacht, als wir an einem Café ankamen und die Besitzer und Laurent bereits auf uns warteten.

Wunderbare Menschen empfingen uns hier. Eingeborene, Sahrauis, also keine Marokkaner. Der Besitzer sprach Spanisch und kochte uns nachts um 23 Uhr noch leckere Tortillas und Reis mit Tintenfisch. Die Polizei hatte ihn bereits beauftragt, ihnen Bescheid zu geben, wenn wir eintreffen. LKW Fahrer hatten ihm gesagt, wo wir in etwa waren. Er wusste somit, dass wir noch kommen.

Wir durften in einem Zimmer schlafen und bekamen zum Frühstück selbstgebackenes Brot mit Olivenöl oder Mandelpaste Dip gereicht. Genial. Und am Ende mussten wir nicht einmal etwas dafür bezahlen.

Am Ufer nicht weit vom Haus entfernt gab es Gezeitenbecken. Das Meer war an dem Tag ruhiger als sonst. Die Ebbe lies es zu, dass ich ein wenig auf den Felsen klettern konnte und ich entdeckte dabei Krabben und Fische.

Ich genoss den Moment ganz besonders, denn es hatte an dem Tag deutlich weniger Wind und ich hatte das Gefühl endlich mal wieder was zu entdecken und meine Zeit nicht nur sinnlos auf der immer gleichen Straße zu verbringen.

Als wir losfuhren sagte uns der Besitzer des Cafés noch, er würde einem Autofahrer ein Essen für uns mitgeben.

Etwa 2 Stunden später hörten wir heftiges Gehupe und ich rief Charline voller Vorfreude zu „unser Essen kommt!“. Und so hatten wir zwei Mädels inmitten der öden Landschaft tatsächlich leckeren Reis mit Gemüse und Tintenfisch zu essen und dazu ein kaltes Getränk.

Das war dann kurzzeitig wie Weihnachten und Geburtstag an einem Tag.

Was mich bis dahin immer wieder wunderte ist, dass nicht ein einziges Touristenauto je angehalten hat, um zu fragen, ob ich oder wir vielleicht etwas brauchen. Und es waren hunderte von Touristen, die da an mir vorbei donnerten.

Doch muss ich sagen, dass die Versorgung in der Westsahara wirklich sehr einfach ist. Somit war das überhaupt kein Problem gewesen.

Mich hat es nur gewundert, zudem ich auch gerne mal ein Schwätzchen gehalten hätte und es mich überrascht hat, dass keiner der Touristen angehalten hat und gefragt hat, wo ich denn hin radle. Ein Austausch unter Reisenden ist doch normalerweise selbstverständlich oder nicht?

Denn es fuhren dort ja nicht nur weiße Rentnerbüchsen, wie sie treffend von den 4×4 Expeditionsmobilen genannt werden, sondern eben auch die richtigen Langzeitmobiltrucks. Also Leute, die was erleben wollen.

Doch der ein oder andere Marokkanische LKW-Fahrer hielt an und schenkte mir Orangen oder Wasser. Einfach eine sehr wertvolle Geste, die die Motivation ungemein steigert.

An der Grenze gab es leider keine Möglichkeit zu übernachten. Die wenigen Unterkünfte waren alle ausgebucht. Somit fragten wir die Polizei, ob sie ein geeignetes Plätzchen für uns hätten. Zuerst wurde uns eine Stelle zum Zelten innerhalb eines kleinen Hotels angeboten. Es stank nach Pisse und der Platz war Durchgangsort für alle Hotelgäste.

Ich versuchte somit andere Gebäude ausfindig zu machen, doch leider durften wir dort nicht schlafen. Wir sollten doch neben dem Grenzzaun zelten. Da hätten sie uns im Blick.

„Neben dem Grenzzaun, wo die LKWs an uns vorbei donnern?“ fragte ich ihn.

Am Ende organisierte und bezahlte uns die Polizei dann sogar ein Zimmer, eines, welches zuvor angeblich ausgebucht war. Die Polizei war auf jeden Fall in der ganzen Zeit in Marokko immer wieder voller bereit haltender Überraschungen, langweilig wurde es mit ihnen nie. Die meisten wirklich sehr hilfsbereit und freundlich.

Unser Zelt stellten wir im Hotelzimmer auf, denn die vielen Fliegen waren an diesem Abend ganz besonders aufdringlich gewesen.

Ich war heil froh, endlich am Ziel zu sein und wusste innerlich aber, dass der Wind und die öde Landschaft ganz sicher nicht an der Grenze zu Mauretanien plötzlich aufhörten.

Aber zumindest hatte ich die lange Strecke hinter mir und das war das, was im Moment wirklich zählte. Am Ende hatte ich es deutlich schneller geschafft als erwartet. 14 Tage war ich unterwegs gewesen.

Die Ausreise war unkompliziert, meine 20-tägige Verlängerung wurde anstandslos akzeptiert. Dankbar ein tolles Land erlebt zu haben rollte ich das Rad in Richtung des 5 KM No-man’s Land Streifens und war mir sicher eines Tages wieder nach Marokko zurück zu kehren.

Das No-man’s Land sind 5 KM, in denen der Asphalt aufhört und der Schrott und der Müll sich an der Straßenseite stapelt. Ein Ort, an dem angeblich Autos geschmuggelt werden. An dem keine Gesetze gelten. Ein Gebiet voller Landminen.

Es sah aus wie auf einem Schlachtfeld. Die wohl verwahrlosteste Grenzregion, die ich je passiert habe. So stelle ich mir Krieg vor.

Doch die 5 KM waren schnell geradelt und die Mauretanische Flagge wehte vor uns im Wind. Ein neues Land lag vor mir. Mal sehen, was ich Euch davon erzählen darf.

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