Guinea war anders – Guinea war klasse.

Was ich an Guinea ganz besonders mochte, waren – wie so oft – die Menschen. Freundlich und wenig aufdringlich. Nahezu keine Bettelei. Erholung pur. Allerdings war auch Guinea kein Zuckerschlecken.

Die Grenzstation war im absoluten Niemandsland. Dort, wo die eine Pfütze endete und die andere nicht weit weg war, stand eine Bambushütte, in der ein Grenzpolizist saß und mich herzlich willkommen hieß. (Karte mit gefahrener Route)

Regen hatte ich von nun an immer öfter. Vor allem nachts regnete es stundenlang wie aus Kübeln.

Die Hitze war somit kein Problem mehr und in den ersten beiden Wochen der beginnenden Regenzeit, waren die Regengüsse eine willkommene Abwechslung zur wahnsinns Hitze, die ich zuvor durchgemacht hatte.

Guinea, oder besser gesagt Guinea Conakry, wie es von den Afrikanern genannt wird, war einst Französische Kolonie.

Und somit war meine tägliche, extrem ausführliche Unterhaltung wieder einmal: „Bonjour, ca va?“ „Ca va bien!“ „Hallo, wie geht’s Dir? Mir geht’s gut!“ Denn weder ich noch viele der Dorfbewohner konnten viel mehr als das.

Die Piste von der Grenze in Guinea-Bissau nach Boke, der ersten Stadt in Guinea, war nahezu flach, ein paar kleine Hügel, aber nichts, was mich davon hätte abhalten können, vorwärts zu kommen.

Doch ließ ich mir Zeit. Die Menschen hatten es verdient. Wir lachten, wir tanzten und wir versuchten mit Händen und Füßen zu kommunizieren.

Die fast schon kindlich, aber für meinen Geschmack wunderschön bemalten Häuser faszinierten mich und gaben mir von Anfang an das gewisse Extra.

Guinea fühlte sich einfach richtig afrikanisch an. Was auch immer richtig afrikanisch sein soll, da hat sicherlich jeder andere Vorstellungen.

„Fote, Fote“, riefen und klatschten die Kinder am Straßenrand, wenn sie mich sahen. Es war einfach nur richtig goldig. Wie immer heißt das natürlich: weißer Mann.

„Fote, Fote“ ohne Zusatz des Bettelns und das war das, was in Guinea einfach toll war. Ehrliche Freude mich zu sehen, ohne Hintergedanken.

Sie tanzten, sie lachten und ich freute mich darüber, als wäre ich selber wieder Kind. Wenn ich auf den Pedalen hin- und hersprang, flippten sie fast aus vor Begeisterung und mehr und mehr Kinder feuerten mich an.

„Fote, Fote“ den ganzen Tag.

Wie bereits in Guinea-Bissau auch, schlief ich in Guinea in Schulen. Trocken und etwas außerhalb der Dörfer, so, dass ich meistens schlafen konnte, weil es etwas ruhiger war.

Nur die Regengüsse nachts waren mega laut, denn wenn der Starkregen auf die Blechdächer prasselt, hat man das Gefühl, die Decke fällt über einen zusammen.

Es gab Frauen, die sich an ihren Busen langten und dabei auf mich deuteten, um mich damit zu fragen, ob ich eine Frau oder ein Mann bin. Ich fand die direkte und offene Kommunikation ziemlich spaßig.

Wundern tue ich mich hier eigentlich über fast nichts mehr. Und dass eine Frau alleine auf dem Fahrrad und noch dazu eine Weiße, in den oft sehr abgelegenen Dörfern, in denen ich unterwegs bin, kein täglicher Anblick ist, dürfte klar sein. Daher hatte ich für deren Frage auch mein vollstes Verständnis.

Ich hatte eine ähnliche Deutung bereits zuvor in anderen Gegenden erlebt. Im Senegal etwa, wenn Frauen ihren Busen in der Hand hin- und her schüttelten und dabei auf ein Kind deuteten, war es klar, dass sie die Mutter des Kindes waren. Oder sie deuteten dabei auf mich und fragten damit ob ich Kinder habe.

Auch hier gab es in jedem Dorf mindestens einen Brunnen. Wobei in Guinea mit dem Fuß gepumpt wird, nicht mit den Armen.

Auch ich trinke das Wasser vom Brunnen. Ungefiltert. Alles zubetonierte, von Westlern fachgerecht installierte Brunnen. Bisher hatte ich noch nicht einmal ein Problem.

Ich weiß, dass viele Touristen auf Flaschenwasser zurückgreifen, was allerdings auf den abgelegenen Wegen eh fast unmöglich zu bekommen ist, denn für die Einheimischen ist das Flaschenwasser viel zu teuer, also verkauft es auch niemand. Touristen stolpern hier nur ganz wenige vorbei, gesehen hatte ich noch keine.

Wenn hier Wasser verkauft wird, dann in Plastiktüten. Manchmal bekommt man diese auch zum Essen gereicht und sie sind bei den 30 Cent, die ein Gericht etwa kostet mit im Preis inbegriffen. Ich aber trinke nur aus dem Brunnen, Plastikmüll haben wir bereits genug überall.

Normale Haus-Fliegen hatte es ohne Ende – zum Glück wenige Moskitos. Westafrika ist Hochrisikogebiet für Malaria und ich nehme keine Prophylaxe. Ich war somit froh darüber.

Saß ich irgendwo an einem kleinen Essensstand und fiel mir dabei irgendein Essenskrümel aus der Hand, dauerte es etwa 2-3 Minuten und die ersten Ameisenkolonien rückten an und räumten den Platz innerhalb kürzester Zeit blitzblank. Manchmal waren die Hühner allerdings schneller.

War der Brocken etwas größer, waren stattdessen die Ziegen zur Stelle. Manchmal kletterten sie sogar auf Tische und Bänke um sich dort die Essensreste zu holen – ganz zu schweigen davon, dass sie aus den Schüsseln und Töpfen fraßen, wenn keiner aufpasste. Verloren geht hier jedenfalls nichts.

Während ich dort saß und die Welt um mich herum erlebte, fielen mir wieder einmal die Gegensätze ein. Wie etwa ein Post auf Facebook. Eine Deutsche verkaufte ihren gebrauchten Thermomix, ein 1000 Euro Küchengerät, welches angeblich das Kochen revolutioniert hat.

In der Anzeige stand, dass die Verkäuferin des Thermomixers keine Haustiere besitzt. Nach meiner neugierigen Nachfrage, was denn nun Haustiere mit einem Thermomix zu tun haben, wurde mir gesagt, dass solche Anzeigen mittlerweile üblich seien, da Mütter von Kleinkindern ängstlich sind, dass die Haustiere das Gerät kontaminiert haben könnten.

Ja, und während ich das dann so lese, sehe ich die Gegebenheiten um mich herum und kann nur den Kopf schütteln und denken, die Welt ist wirklich bekloppt. Von einem Extrem zum Anderen.

Ich gewöhnte es mir an, immer mal wieder Reis und Sauce auf dem Teller zurückzulassen, weil ich wusste, dass die Kinder der Verkäuferinnen, dann den Rest essen durften. Meine Unterstützung war somit nicht auffällig und es war nicht die weiße Frau, die was verteilt hat.

Nein, denn es waren nur die Reste, die ich nicht mehr essen konnte, das gab mir ein besseres Gefühl und regt beim nächsten Mal hoffentlich nicht zum Betteln an. Der Teller wanderte immer sofort zu den Kindern, die sich gierig darüber hermachten. Die Gegend war arm. Bitterarm.

Jeder der das nun hier liest, muss sich allerdings im Klaren sein, dass ich dabei vor allem mein eigenes Gewissen beruhigt habe und nicht irgendetwas Gutes damit getan habe. Die Welt hat sich dadurch in Afrika nicht verändert.

Viel Auswahl an Essen gab es nicht. In jedem kleinen Ort hatte es einen winzigen Laden. Oftmals ein paar Kekse, Reis, Maggi Brühwürfel, Tomatenpaste, Zucker, Zwiebeln.

Obst oder Gemüse gab es eigentlich nahezu nie, außer in größeren Orten, doch die sind selten.

Importierter Reis aus Pakistan, China oder Indien gab es fast überall. Dazu Maniok- oder Süßkartoffel Blätter, die klein geschnitten und gekocht werden. Dazu kommt Palmöl, Fisch und Chillies.

Der Fisch wird geräuchert und kann somit lange gelagert werden. Er wird im Fleischwolf zerkleinert und dadurch kaut man eigentlich dauernd auf irgendwelchen Gräten herum.

Wenn ich Glück hatte, gab es zur Abwechslung auch mal Okra-Sauce oder Fisch in Erdnusssauce, leider aber zu selten.

Den extrem starken Tee, wie in all den Ländern zuvor, hatte ich nun los, denn der wird hier nicht mehr getrunken. Dafür gab es jetzt Schwarztee in Beuteln. Dazu Milch und Zucker und Teewasser das nach Feuer schmeckte.

Toll dabei fand ich die Tee– und Kaffeebuden, die ich nun öfters sah. Endlich konnte ich mich mal irgendwo gemütlich hinsetzen und Pause machen. Leute beim Spielen beobachten oder beim Plaudern zuhören. Gemütlichkeit ist sonst sehr schwer zu finden, vor allem während der Regenzeit.

In größeren Orten hatte es oft frisches Brot. Manchmal gab es dazu Bohnen und Fischsauce, oder Nudeln, die zusammen mit den Bohnen zu einem Sandwich verarbeitet werden. Klingt vielleicht jetzt nicht sonderlich lecker, ist es aber.

Generell ist das Essen nach meinem Geschmack, nur leider absolut immer das Gleiche. Reis und Fisch mit Maniokblättern. Es ist zudem sehr scharf, es brennt also immer zweimal.

In kleinen Ortschaften und draußen auf dem Land, war es leider so, dass es nur Frühstück gab, also Reis mit Sauce, den Rest vom Tag gab es nur noch Kekse, in Fett gebratene Teigbollen oder auch gar nichts.

Viele der Menschen in den abgelegenen Gegenden essen nur einmal am Tag, für mehr reicht das Geld nicht.

Boke war ein chaotischer Ort, wie eigentlich jeder afrikanische Ort bisher. Laut, dreckig und eine Bude nach der anderen. Abgase und ewiges Gehupe. Doch mir gefiel es.

Obwohl ich Städte echt nicht mag, sind Städte in Afrika das Tor zum Luxus. Ein kleines Zimmer für mich alleine, evtl. sogar fließendes Wasser und wenigstens für 2-3 Stunden Strom.

Ein Klo, dass man morgens ohne Überlegungen benutzen kann, ohne dass man sich verstecken oder krampfhaft ein stilles Örtchen suchen muss um eine Sitzung zu halten.

Toiletten hat es meistens inmitten des Dorfes. Ein kleiner Sichtschutz drumherum, der allerdings nur etwa 80 % bedeckt, denn der Eingang steht offen. Gemütlichkeit kommt dort jedenfalls nicht auf.

Leider ist es einfach schwierig, abseits der Dörfer zu zelten. Es hat fast überall Menschen.

Luxus, wobei dieser Begriff in Afrika eine andere Dimension aufweist, ist zwischendurch einfach schön. Denn es hat was, wenn man in einem Zimmer schlafen kann, in dem keine Fledermäuse nachts an den Decken umherfliegen.

Keine Ziegen oder Kühe nachts zu Besuch kommen und ums Zelt schleichen, oder Spinnen und Ameisen, die noch die letzten winzigen Öffnungen des Zeltes finden um an die Brotkrümel zu kommen, die mir beim Gute Nacht Essen im Zelt heruntergefallen waren.

Was aber am wichtigsten ist, wenn ich in Städten bin, ist die Auswahl an Essen. Hier gibt es einfach auch mal was anderes. Aber natürlich auch hier, viel Reis und Sauce.

Die kleinen, primitiven Zimmer sind oftmals verhältnismäßig teuer. Manchmal kosten sie bis zu 20 Euro die Nacht, für viele Einheimische fast ein Monatslohn.

Ab und an war der Wald etwas dichter, aber leider ist auch hier, wie in Guinea-Bissau auch, bereits viel zerstört worden.

Von der einstigen Pracht des Regenwaldes ist nichts mehr übrig, wenn dann vielleicht mal ein einzelner riesiger Baum, aber das war es auch schon. Die Natur ist tot! Alles ausgebeutet und zerstört.

Die Gegend um Boke ist voller Minen. Bauxit wird hier abgebaut. Nahezu keine Vögel und wilde Tiere sowieso nicht. Alles kaputt!

Das Handynetzwerk haben die Chinesen aufgebaut, sie behaupten dabei auf ihren Schildern, die sie hinterlassen, dass es sich um Entwicklungshilfe handelt.

In Gambia hatte ich mich mit einem Chinesen unterhalten, der als Ingenieur im Land war.

Der Straßenbau in Gambia war auch dort laut ihm Entwicklungshilfe. Nun ja, man muss ja nicht immer alles glauben was man gesagt bekommt.

Spuren von China findet man immer wieder, ich habe sogar mehrfach Leute erlebt, die mich gefragt haben, ob ich Chinesin bin.

Die Strecke von Boke nach Sangaredi war geteert und wirklich angenehm zu fahren. Überall nette Leute. Guinea machte richtig Spaß. Keine endlosen Diskussionen, kein Mann fragte mich, ob ich ihn heiraten möchte oder ob ich Geld gebe.

Eine Nacht schlief ich nicht alleine in einer der vielen Schulen. Im Klassenraum nebenan schliefen Bauarbeiter, die an der Straße arbeiteten. Sie kamen aus Sierra Leone.

Während ich im Zelt und auf meiner 100 Euro teuren Isomatte schlief, lagen sie, ohne zu meckern, auf den kleinen harten Kinderbänken ohne Moskitonetz.

Mir war in dem Moment wieder einmal bewusst, in was für einem Luxus ich lebe, obwohl ich nur ein paar Taschen besitze.

In Sangaredi durfte ich zwei Nächte auf dem Kirchengelände schlafen. Wie immer versuche ich in solchen Momenten ein guter Gast zu sein und somit nahm ich an all den kirchlichen Aktivitäten teil und hatte dabei sogar das Vergnügen ein Deutsches Weihnachtslied vorzutragen.

Mir war nämlich kein anderes christliches Lied auf die Schnelle eingefallen, gemerkt hat es sowieso niemand.

Der Gottesdienst am Sonntag war voller Menschen. Links die Frauen, rechts die Männer. Hier wird gesungen und geklatscht und es geht deutlich lockerer zu, als in unseren Gottesdiensten, wie mit allem bisher in Afrika.

Die lockere Lebensweise gefällt mir gut, auch wenn sie natürlich die teils negativen Begleiterscheinungen mit sich bringt, denn der Müll und der Dreck ging mir mittlerweile extrem auf die Nerven.

Zum Gottesdienst waren die Leute alle sehr fein angezogen, was mir wiederum total peinlich war, da meine Klamotten wieder einmal nicht die Besten waren. Doch zum Glück hatte ich die Möglichkeit gehabt sie am Tag zuvor zu waschen.

Von Sangaredi aus ging es so richtig in die Pampa. Eine abgelegene Piste in Richtung Fouta Djalon, in die Berge Guineas. Der Regen wurde immer intensiver und somit die Straßen immer schlechter.

Eine Nacht durfte ich bei Leuten in der Küche schlafen, als draußen fast die Welt unterging. Ein Gewitter jagte das andere und ich war schwer beeindruckt, dass das Strohdach wirklich dicht war.

Was mich in Guinea sehr überrascht hat, war, wie distanziert und auch respektvoll die Menschen waren. Ich hatte somit meine Nächte immer für mich alleine, wie in Guinea-Bissau auch und konnte in Ruhe schlafen, ohne dass Kinder ständig ums Zelt rannten und schauten, was ich machte.

In dieser Gegend gibt es deutlich weniger Hinterlassenschaften irgendwelcher Hilfsorganisationen. Die Leute leben zudem noch deutlich abgeschiedener als etwa in Gambia oder Senegal. Das führt dazu, dass sie es wirklich nicht gewohnt sind, eine Weiße zu treffen.

Es gab daher mehrere Situationen, in denen Kinder schreiend vor mir wegliefen. Ein Junge hatte jede Menge Holz gesammelt und balancierte es auf seinem Kopf nach Hause. Als er mich sah, schmiss er das Holz vom Kopf und rannte querfeldein um sein Leben.

Bei einer anderen Szene waren vier Kinder auf dem Feld. Drei davon standen in einer Gruppe zusammen, der eine etwas weiter weg. Die Gruppe fing zuerst an zu schreien und wegzurennen und der arme Junge, der im Abseits stand, schrie schon bald wie am Spieß und rannte zu den anderen Kindern.

Ich sah die Tränen, die vor Angst liefen und mir tat es einfach nur leid, konnte aber leider nichts machen, außer schnell weiter radeln.

Mopeds sind hier die Taxis in dieser abgeschiedenen Welt. Ab und an kommt ein Auto, aber selten. Mopedfahrer haben den absolut nervigen Drang immer genau dann zu hupen, wenn sie auf meiner Höhe sind. Genau in mein Ohr. Jedes Moped, jeden Tag, immer wieder das gleiche Spiel.

Ich sah von weiten einen an Albinismus leidenden kleinen Jungen. Die Sonne war an diesem Tag ausnahmsweise mal zu sehen und der Junge lief mit dem erhobenen Arm durchs Dorf, um seine Augen zu schützen. Es muss ihn wahnsinnig geblendet haben.

Neben ihm stand ein Mann mit einer Baseballkappe. Ich kaufte ihm die Kappe ab und gab sie dem Jungen und versuchte ihm klar zu machen, dass er die ab sofort tragen soll. Seine Haut war in einem katastrophalen Zustand. Er trug ein T-Shirt und kurze Hosen.

In diesem abgelegenen Ort mit dem Namen Missira gab es ein durch deutsche Entwicklungshilfe entstandenes Kulturzentrum. Ich versuchte den Schlüssel für das Gebäude ausfindig zu machen, war aber erfolglos, da keiner wusste, wo er war. Ich fand aber einen Übernachtungsplatz bei der Polizei.

Der Polizist half mir, die Eltern des Albino-Jungen zu finden und er bestellte sie zu einer Unterhaltung ein. Interessant war, dass alle pünktlich und zahlreich eingetroffen waren, ich hatte nämlich verkündet, dass ich dem Jungen gerne lange Kleidung kaufen möchte, um ihn vor der Sonne zu schützen.

Freunde von mir haben einen Jungen, der ebenso an Albinismus leidet und von daher war ich bei dem Thema etwas sensibilisiert und versuchte herauszubekommen, ob der Junge eine richtige Brille braucht oder ob eine Sonnenbrille ausreichte.

Leider konnte ich in dieser abgelegenen Gegend nichts kaufen, sonst hätte ich das natürlich selber gemacht. Die angefragten Preise für Sonnenbrille, evtl. Arztkosten, zudem langärmlige Kleidung uferten dann irgendwann aus.

Ich möchte den Menschen hier nun wirklich nicht unrecht tun, es kann auch an der Verständigung gelegen haben, aber es machte den Anschein, dass sie dachten je höher wir die Kosten ansetzen, desto mehr Geld bekommen wir von der weißen Frau.

Ich wollte dem Jungen wirklich helfen, doch je länger wir diskutierten, desto mehr hatte ich ein ungutes Gefühl.

Ich kam mir auch so lehrerhaft vor, als hätte ich kleine Kinder vor mir, die zu mir aufschauten. Ich mag so etwas nicht, ich möchte mit den Menschen auf Augenhöhe stehen, doch oftmals ist das hier nicht möglich und einfach auch extrem schwierig, wegen des niedrigen Bildungsniveaus und der für mich fremden Kultur.

Zudem bin ich keiner von ihnen und sie haben innerlich Komplexe, das spüre ich immer wieder.

Sind das wirklich noch immer die Hinterlassenschaften der Kolonialherren, weshalb viele Afrikaner zu uns aufschauen? Oder ist es der Respekt vor einem angeblich reichen Menschen, der oder die es anscheinend zu mehr gebracht hat, als sie selber?

Sie schauen nämlich auch zu reichen Afrikanern auf, jeder der in ihren Augen Geld hat, ist angeblich etwas Besseres.

Die Frage war nun, wenn ich diesen Leuten jetzt Geld gebe, bekommt der Junge dann wirklich was er für seine Gesundheit braucht? Oder wandert das Geld in irgendwelche alltäglichen Dinge?

Wird der nächste Weiße nun angebettelt und der Albino-Junge vorgeschickt um Geld zu erfragen? Letzteres in dem Fall eher nicht, denn in diese Gegend kommt nahezu nie jemand vorbei.

Am Ende wusste ich es nicht und es war mir in dem Fall auch egal. Ich hoffe die Eltern haben den Ernst der Lage des Jungen verstanden und das für unsere Verhältnisse sehr wenige Geld, was ich ihnen gegeben habe wird gut eingesetzt.

Eigentlich ist es lächerlich, es hier überhaupt zu erwähnen, aber es zeigt die Zerrissenheit und die Problematik, mit der ich hier ständig konfrontiert werde.

Es blutet mir innerlich immer wieder das Herz und ich würde gerne helfen, vor allem auch die Leute dazu animieren, ihr Leben etwas zu verbessern, aber es prallen hier so viele Probleme auf einen ein, dass auch ich keine Lösung habe, wie so viele andere vor mir auch nicht.

Im Prinzip ist es ja auch die Sicht einer Westlerin, denn fraglich ist ja auch, ob meine Gedanken richtig sind, indem ich sage, dass sie ihr Leben verbessern sollen? Was verbessern? Den Wohlstand und mit ihm die daraus resultierenden Probleme?

Ich sehe ja jeden Tag auch immer wieder die guten Seiten in Afrika. Die oft fröhlichen und meist sehr freundlichen Menschen sind für mich etwas ganz Besonderes.

Ist das nicht das, wonach der Westen strebt? Nach Glück und Zufriedenheit? Doch sind diese Menschen hier wirklich zufriedener?

Würde es die Freundlichkeit in Westafrika nicht geben, hätte ich sicherlich schon längst das Handtuch geschmissen, denn eine Kaffeefahrt ist das hier keine.

Ich fühlte mich in Guinea wohl. Trotz all der widrigen Umstände hat mir Guinea immer wieder tolle Stunden geschenkt. Einfach war es nicht, aber einfach geht in Westafrika auch nicht, das habe ich mittlerweile verstanden.

Der Regen fing an richtig zu nerven. Nichts trocknete mehr. Meine Sachen fingen an ekelhaft zu stinken. Meine Klamotten zog ich am nächsten Morgen genauso patschnass wieder an wie ich sie abends hingehängt hatte. Meine Isomatte stank bestialisch, wie vieles andere auch.

Mein Zelt hatte mittlerweile so sehr im Sand und Dreck gelitten, dass ich bereits vor einiger Zeit den allerletzten meiner acht Ersatz-Reißverschluss-Schuhe hatte einnähen müssen. Nun half nur noch „Konrads-Spezialkleber“ (Wer Pippi Langstrumpfs Geschichten kennt, weiß was ich meine).

Ich klebte also meinen unteren Reißverschluss komplett zu, um den Moskitos den Weg nach innen zu versperren, doch leider verbarrikadierte ich damit nicht nur den Plagegeistern den Eingang, sondern auch mir selber und musste somit von nun an akrobatische Verrenkungen leisten, um auch weiterhin ins Zelt zu kommen.

Ich finde es von Firmen ja immer wieder eine Frechheit, dass sie teure Produkte vertreiben, die ganz spezielle Teile verbaut haben, die man nur bei der einen einzigen Firma bekommt und nirgendswo sonst. Wirklich sehr hilfreich im Busch in Afrika.

Der Weg wurde immer schlechter. Mehr und mehr ausgewaschen, teils richtig steile Wege, aber einfach auch wunderschön. Es hatte was von <<am Ende der Welt unterwegs sein>>, denn es gab hier wirklich nahezu nichts, außer viele freundliche Leute.

Abgeholzte Flächen, auch hier eine tote Landschaft, keine Vögel. Dafür Ameisen in allen Größen und Formen. Es gab hier so große Ameisen, dass ich sie, wenn es nachts im Zelt ausnahmsweise einmal ruhig war, habe laufen hören können. Verrückt, ich weiß, aber so war es.

Die Decken in den Schulen waren alle verschimmelt. Die Dächer sind undicht und die Decken aus Spanplatten gefertigt. Den beißenden Schimmelgeruch kannte ich mittlerweile gut.

An den Decken nisten zudem große Insekten. Die Fledermäuse hatte ich ja schon erwähnt. Oftmals haben die Klassenzimmer keine betonierten Böden, Ameisenstraßen beleben den Raum.

Was mich ganz besonders wunderte waren die zurückgelassenen Taschen, denn es ist Ferienzeit, hier kommt monatelang niemand mehr ins Klassenzimmer. Müll und Zigarettenstummel lagen überall verstreut.

Die Schulen werden durch Entwicklungshilfe bezahlt. Sie sind also am Anfang in einem guten Zustand, warum aber verkommen sie innerhalb weniger Jahre?

Sehen und erleben die Menschen das hier anders? Was ist der Grund, warum Menschen hier so ohne weiteres im Dreck leben können, ohne es ändern zu wollen?

Die Frage ist zudem auch, warum Entwicklungshelfer veranlassen, Spanplatten als Decken zu verbauen, wenn sie wissen, wie oft es hier regnet und die Dächer nicht dicht sind. Man muss wohl auch nicht immer alles verstehen.

Was ich auch nicht verstehe ist, warum man Kindern das Rechnen auf Französisch beibringt? Warum dürfen sie nicht ihre eigene Sprache im Unterricht nutzen, damit sie wenigstens verstehen, was der Lehrer ihnen sagt? Auf jeder Tafel war alles auf Französisch geschrieben.

Sicherlich gibt es für einige der Sprachen vor Ort keine Schrift und wahrscheinlich spricht im Dorf nicht jeder die gleiche Sprache, trotzdem würde ich behaupten wollen, dass ein Lehrer mit seiner Muttersprache verbal mehr vermitteln kann, als mit Französisch an der Tafel, dass die Kinder kaum verstehen.

Angehörige des Pular Volkstammes waren auch hier anzutreffen. Seit Senegal treffe ich sie immer wieder. Allerdings waren Susu’s in dieser Gegend der dominierendere Volksstamm.

Was ich immer wieder lustig finde, ist ihre laute „Aaaeeeehhh“ Ausdrucksform, wenn sie über irgendetwas überrascht sind.

Wenn Einheimische mich fragen, wohin ich möchte und ich nenne ihnen dann den nächsten Ort, der vielleicht 50 Kilometer weit weg ist, dann schauen sie mich an und deuten auf das Fahrrad und fragen „Mit diesem Rad?“

Wenn ich nicke, kommt keine Sekunde später ein „Aaaaeeeehhhh“? So, dass der ganze Ort Bescheid weiß, dass die Weiße gerade was ganz Seltsames gesagt hat.

Auch sonst sind die Leute sehr laut, wenn sie miteinander reden. Sie diskutieren und streiten viel. Sowohl die Frauen als auch die Männer.

Kurz vor der angeblichen Hauptstraße und dem Abzweig Richtung Teleme erhoffte ich mir eine bessere Straße, doch es blieb bei der Hoffnung, denn die Straße war weiterhin in einem katastrophalen Zustand, obwohl sie mittlerweile eine Nummer hatte.

Es regnete und regnete und hörte nicht mehr auf. Gewitter, Starkregen und immer wieder Matsch oder tiefe Pfützen. In die Ortlieb Taschen regnete es mittlerweile rein. Ich wunderte mich auch, dass mein Laptop noch lebte. Meine Bikepacking Taschen sind zudem alle undicht und somit war auch da alles nass und nichts wurde wieder trocken.

Es fing an zu nerven und ich hatte zwischendurch wirklich die Nase gestrichen voll. Dazu kamen die immer wieder gleichen Probleme. Kein gesundes Essen, keine Unterhaltungen, kein Komfort, kein nix.

Eine Krise kam daher ins Rollen und ich merkte, wie ich meine Zeit hier in Westafrika anfing in Frage zu stellen.

Über WhatsApp holte ich mir immer wieder gedanklich Unterstützung von anderen Solo-Radlern denen es ähnlich erging. Das hilft zwischendurch immer wieder sehr, allerdings zieht es einen dann auch noch weiter runter, wenn man zu hören bekommt, dass es drei Länder weiter noch immer nicht besser geworden ist.

Patschnass und voller Dreck traf ich in Teleme ein. Ein kleiner Ort umgeben von vielen Hügeln und schöner Landschaft. Ich mochte den Ort auf Anhieb, wobei die Leute hier sehr zurückhaltend waren.

So richtig warm wurde ich mit ihnen nicht. Außer mit den zwei Automechaniker-Jungs, die den ganzen Tag schufteten. Sie arbeiteten am meisten und waren die fröhlichsten.

Ich übernachtete in einem kleinen Gästehaus. Wasser stand in einem großen Fass bereit. Strom ging nur, wenn der Generator angeschmissen wurde.

Wenn die Sonne wenigstens für 10 Minuten zum Vorschein kam, versuchte ich, meine Kleidung trocken zu bekommen, oftmals vergeblich, weil der nächste Schauer sofort wieder die nächsten wahnsinns Wassermassen vom Himmel schickte.

In jeder Unterkunft hat es immer wieder die gleichen Probleme. Ob das in der Schule ist oder in kleinen Gästehäusern. Erstens wo ist der Schlüssel zu dem Zimmer und wenn der gefunden wurde, wie bekommt man nun die Türe auf?

Es gibt selten eine Türe, die man vernünftig aufschließen kann. Doch Öl wirkt wie so oft Wunder und verblüfft zudem Einheimische 😊

Manchmal waren die Leute skeptisch, wenn ich fotografiert habe. „Bist Du ein Spion?“ fragten sie mich immer wieder.

Die Menschen waren toll gekleidet, der Markt in Teleme voller Leben. Ich hätte gerne mehr fotografiert, aber oftmals wollten die Leute es nicht und das respektiere ich.

Mangels Strom findet man in vielen Orten eine Handyladestation. Oftmals in der Hand von jungen Männern, die per Dieselgeneratoren die Handys des ganzen Ortes laden.

Der Generator läuft den ganzen Tag, die Abgase verpesten die Luft und die Jungs sitzen direkt daneben. Genau wie die Verkäufer den ganzen Tag am Straßenrand sitzen und die Dieselabgase der LKW’s einatmen. Jeden Tag aufs Neue.

Die Einfahrt nach Kindia war dann der absolute Super-Regen-Gau. Es regnete so heftig, dass die Wassermassen sturzflutartig die Straße runtergeschossen kamen, es war schon fast gruselig.

Die Großstadt Kindia brachte mich wieder auf die Teerstraße. Hier machte ich Pause. Ich wollte wenigstens für kurze Zeit dem ewigen Regen entkommen und nistete mich für ein paar Tage in einem Zimmer ein.

Abends entdeckte ich in einem kleinen Restaurant eine weiße Frau, die erste weiße Person seit mehr als vier Wochen.

Ich brannte förmlich darauf mich mit ihr zu unterhalten, doch leider hatte die Dame, die als Deutsche Entwicklungshelferin in Guinea im Einsatz ist, nur etwa zehn Minuten Zeit.

Fünf Minuten gingen dabei für die Bezahlung ihrer Rechnung drauf.

Es tat schon fast weh, als sie sich verabschiedete und mit ihren Afrikanischen Kollegen ins Auto stieg. Ich glaube sie hatte keine Ahnung wie sehr gerne ich mich länger mit ihr unterhalten hätte.

Sie war die erste Deutsche seit Mauretanien. Ganze vier Monate hatte ich kein Deutsch mehr gesprochen.

An einem Morgen wachte ich auf und das ganze Zimmer war voller fliegenden Riesenameisen. Eine ganze Invasion. Überall, auf dem ganzen Hotelgelände – zigTausende.

Bis zur Grenze war es nicht mehr weit. Das $100 teure Visum für Sierra Leone hatte ich mir online besorgt, daher musste ich nicht nach Conakry, der Hauptstadt Guineas.

Die Grenze Madina-Oula (Route) war sehr abgelegen. Die Straßen einfach zu schlecht, um dass viele Autos dort entlang fahren würden.

Die netten Grenzpolizisten wünschten mir wieder einmal eine schöne Weiterfahrt.

„Bon Voyage Madame“.

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