In eigener Sache:

Wie schreibe ich über eines der ärmsten Länder der Welt? Wie kann ich fair und objektiv über ein Land berichten, ohne die Einheimischen damit zu verletzen oder herabzustufen, ohne ungerecht zu urteilen?

Wie über Westafrikaner erzählen, die mir ans Herz gewachsen sind?

Wie bleibe ich bei meinen persönlichen Erfahrungen, ohne Kritik dafür zu ernten? Kritik von Menschen, die selber nie in meiner Lage waren.

Afrika ist ein sehr sensibles Thema. Westafrika, ein Teil der Welt, der kaum besucht wird und von dem nicht viele Leute etwas wissen. Eine Ecke der Welt, von der ich, so scheint es manchmal, nicht immer das erzählen sollte, was ich erlebt habe.

Es gibt immer wieder Menschen, vor allem in den sozialen Medien, die sich angegriffen fühlen, es besser wissen oder glauben, sich eine Meinung bilden zu können, obwohl sie selber noch nie dort waren oder falls doch, dann höchstwahrscheinlich in den Ecken jener Länder, die deutlich besser entwickelt sind.

Auch ist es ein großer Unterschied, wie lange jemand bereits unterwegs ist und mit welcher Art Fahrzeug. Wenn ich entspannt und gut genährt aus Europa anreise und in drei Wochen wieder daheim bin, sind die Eindrücke normalerweise ganz anders.

Natürlich habe auch ich wenig Durchblick von dem, was die Menschen hier täglich durchmachen und was ihnen durch den Kopf geht. Ich beobachte und versuche zu verstehen. Doch Westafrika ist extrem komplex und schwer zu begreifen.

Afrikaner, die mich als „white saviour“ also als weißen Retter bezeichnen oder Westler, die aus meinen Zeilen Rassismus herauslesen. Oder andere, die glauben, ich würde die Einheimischen und deren Großzügigkeit ausnutzen, um billig reisen zu können.

Rechtsradikale Webseiten, die meine Berichte auf ihren Seiten verlinken und diese nutzen, um ihre rassistischen Argumente zu untermauern. Genau das Gegenteil also, von dem, was ich mit meinem Berichten erreichen möchte.

Es ist unheimlich schwer für mich, meine Gedanken so zu formulieren, dass ich niemanden verletze und trotzdem der Welt ein Bild von dem vermittle, was ich erlebt und gesehen habe.

In vielen Reiseberichten, auch von Langzeitreisenden, lese ich normalerweise Positives heraus. Wenige getrauen sich anscheinend, ein wahres Bild zu vermitteln, weil negative Artikel einfach auch viel schwieriger sind zu schreiben.

Wer will schon lesen, wie arm und chaotisch es in manchen Regionen dieser Welt zugeht? Und wer von den Reisenden will sich schon rechtfertigen müssen und Kritik ernten?

Und noch viel wichtiger, wer will schon zugeben, dass er mit den Bedingungen vor Ort Schwierigkeiten hat und eine Reiseregion gewählt hat, die nicht nur bunte Bilder liefert, Spaß und tolle Landschaften.

Doch habe ich beschlossen, mir selber treu zu bleiben und die Länder so zu portraitieren, wie ich sie erlebt habe. Westafrika ist eine Welt, die mir stark unter die Haut geht, eine Welt, die ich so nicht erwartet hatte.

Was ich übrigens auch immer wieder lese und höre, ist das Wort „Afrika“. Und mit „Afrika“ wird der ganze Kontinent als „Land“ bezeichnet. Dass aber Afrika aus 54 Staaten besteht und ein riesiger facettenreicher Kontinent ist, scheinen nicht alle zu wissen.

Zumal Süd- und Teile Ostafrikas ganz anders entwickelt sind, als West- und Zentralafrika.

Was ebenfalls ein riesiger Unterschied ausmacht, ist, ob man auf den Hauptstraßen unterwegs ist, oder sich Zeit nimmt und sich in die Pampa begibt.

Die abgeschiedenen Ecken Westafrikas sind mit Abstand das Anstrengendste, was ich je erlebt habe, der Monsun hat das noch verstärkt. Hier alleine unterwegs zu sein, erschwert die Reise zudem enorm.

Doch nun zu Sierra Leone.

An der abgelegenen Grenze in Madina-Oula (Karte) hatte ich wie immer keine Probleme. Mein Online-Visum wurde anstandslos akzeptiert und die Beamten begrüßten mich sehr freundlich.

Sierra Leone war einst Britische Kolonie. Bürgerkrieg und Ebola haben das Land extrem gebeutelt.

Im ersten Dorf traf ich auf Mohammed, ein studierter junger Mann aus der Hauptstadt Freetown, der seine Familie besuchte. Eine der ganz wenigen Unterhaltungen, die ich in Sierra Leone mit Einheimischen führen konnte.

„Wir sind arm, sehr arm. Während der Regenzeit ist unser Dorf abgeschnitten von der Außenwelt. Die Straße ist so schlecht, dass kein Warenverkehr mehr stattfinden kann, wir haben außer Reis nicht viel.

Unser Bezirkschef hat 11 Frauen und 32 Kinder. Viele Männer haben mehrere Frauen, denn es gibt viel mehr Frauen als Männer auf der Welt. Doch wir haben keine Arbeit. Es ist schwierig den ganzen Tag nur rumzusitzen und nichts zu tun. Die Zeit vergeht nicht. Wenn wir Reis kaufen, kaufen wir ihn auf Pump und hoffen, das Geld im nächsten oder auch erst im übernächsten Jahr zurückzahlen zu können.

Malaria ist ein großes Problem, doch die Regierung bezahlt jedem Kind und allen schwangeren Frauen die Medikamente. In fast jedem Dorf gibt es eine kleine Krankenstation. Haben wir uns gerade von einer Malaria-Erkrankung erholt, erkranken wir schon bald erneut. Es ist wirklich schlimm.“

Der Dorfchef und seine einflussreichen Freunde empfingen mich herzlich. Überall sehr freundliche Leute. Wie immer schlief ich in der Schule. Die Gegend ist muslimisch geprägt.

Die Wege waren eine Katastrophe. August ist der regenreichste Monat in Sierra Leone, genau der Monat, in dem ich dort war. Die Niederschlagsmenge beträgt im Monat August etwa 800mm, das ist mehr als in Deutschland im ganzen Jahr. Es regnete also nahezu pausenlos, wobei ich besser sagen sollte, es kübelte nahezu pausenlos.

Mein Hauptgrund, in diese abgelegene Gegend zu reisen, war der Outamba Kilimi Nationalpark.

Die durch Amerikanische Entwicklungshilfe gebauten Einrichtungen waren, wie so häufig, in einem sehr schlechten Zustand. Die Motorsägen machten einen Heidenlärm, das Tropenholz geht – laut den Einheimischen – direkt nach China.

Wie so vieles andere auch, war die Wasserpumpe der Ranger Station kaputt. Es gab somit nur Regenwasser, welches vor dem „Ranger Büro“ in einem Eimer ohne Deckel bereitstand. Katzen rannten umher, Affen und Vögel. Ganz sicher tranken auch sie das Wasser aus dem Eimer – es war dasselbe das auch ich zu trinken bekam – es gab kein anderes.

Zu den Park Rangern hatte ich gleich zu Anfang gesagt, ich würde sie zum Essen einladen. Lethargisch nahmen sie das als Selbstverständlichkeit hin. Einer von den beiden lief ins nächste Dorf und kaufte Reis, Sardinen in der Dose sowie Tomatenpaste, mehr gab’s in dieser Gegend nicht zu kaufen. Der andere lag vor dem „Ranger Büro“ und hielt seinen Dauerschlaf.

Die Männer hatten Hunger, richtig Hunger. Bei der Verteilung der Essensration, hatte ich daher selber gar keinen Appetit mehr, es fühlte sich an, wie ein Kloß im Hals, doch als ich meine Portion an die beiden verteilen wollte, schlugen sie das Angebot vehement aus.

Motiviert waren sie nicht. Sie vermittelten mir nicht den Eindruck, als hätten sie Lust, mir den National Park zu zeigen, nein, es kam mir eher so vor, als hätten sie genau das bekommen, was sie für den Tag benötigten, nämlich etwas zu Essen. Der Rest schien nicht weiter wichtig.

Und so kam es, dass ich beim Kanufahren mitpaddeln musste, was mir natürlich nichts ausmachte, was ich aber als zahlender Gast eher ungewöhnlich fand. Der Ranger wäre zudem, nachdem wir die Hippos endlich erreicht hatten, am liebsten nach fünf Minuten wieder umgedreht. Er hatte überhaupt keinen Bezug zu dem Park, die Tiere interessierten ihn nicht.

Beim SafariSpaziergang rannten wir wie gestört durchs hohe Gras, ohne auch nur einmal anzuhalten und uns umzusehen. Hauptsache schnell wieder zurück zur Parkstation, um weiter vor den Türen der Einrichtung schlafen zu können.

Natürlich war es Klasse, die Hippos aus nächster Nähe zu sehen, aber die Umstände waren alles andere als positiv gewesen. Unter einem Nationalpark verstehe ich etwas ganz anderes.

Auf meine Frage, wie sie sich die Zukunft vorstellen, wenn die Bäume irgendwann alle in China sind und die Einrichtungen total zerfallen, kam nur die knappe Antwort: „Nur Gott kann uns helfen“.

Es geht hier scheinbar wirklich nur darum, wo sie heute etwas zu Essen herbekommen und wie sie den Tag überstehen? Doch eben auch, wie können sie mit dem minimalsten Einsatz das Beste für sich herausholen? Und morgen? Ich glaube, über morgen denkt hier niemand nach.

Überdimensioniert gebaute Einrichtungen, die von Amerikanern finanziert wurden, die sicherlich dachten, sobald dort Einrichtungen vorhanden sind, können Mensch & Natur davon profitieren.

Amerikaner die ihr Geld spendeten, um anderen zu helfen und am Ende nicht sehen, was mit ihrem Geld gemacht wurde.

Wir Westler scheinen immer zu vergessen, dass in solchen Regionen andere Gedanken, Lebensstrukturen und Umstände dominieren. Einfach mal eben ein paar Einrichtungen bauen und dann wird das schon funktionieren, ist eben der falsche Ansatz. Es funktioniert nicht.

Doch welcher ist der richtige Weg? Viele kamen, um zu helfen, wenige scheinen erfolgreich gewesen zu sein. Auch ich habe keine schlaue Lösung parat. Ich bewundere jeden, der versucht, hier etwas zu erreichen und verstehe jeden, der frustriert sein Projekt verlassen hat.

Überall in Westafrika werden zudem Schulen durch Entwicklungshilfe gebaut, doch gibt es scheinbar nur wenige Lehrer, die unterrichten. Entweder weil sie extrem schlecht bezahlt werden oder weil niemand kontrolliert, ob sie überhaupt zum Unterricht erscheinen. Warum baut dann jemand eine Schule und sorgt nicht als erstes für fähige Lehrer?

Mit allen Menschen, mit denen ich eine Unterhaltung führen konnte – leider waren es bisher zu wenige – die etwas besser gestellt waren, kam immer und immer wieder die Argumentation, dass sie ihre Familienangehörigen ernähren müssen.

Ob Onkel, Bruder oder Cousin, alle klopfen sie an die Türe und wollen Geld, weil sie glauben, dass derjenige der etwas hat, ihnen etwas abgeben muss. Das hat so Tradition, das muss so sein.

Mir ist selbst schon direkt gesagt worden: „Du bist weiß, Du hast Geld, Du musst mir etwas davon abgeben.“

Als Weiße bewege ich mich also in einer Welt, in der ich verständlicherweise als reich angesehen werde, als ein Geldgeber und Retter in der Not. Weil es scheint, dass alle Weißen hier in dieser Gegend Retter in der Not sind, denn sie kommen nur hierher, um Entwicklungshilfe zu leisten oder zu missionieren. Es gibt in diesen Ländern nahezu keinen Tourismus und wenn, dann nur an den Stränden.

„What is your mission – was ist deine Mission?” „Bist du Mann oder Frau?“ weil niemand verstehen kann, wie eine Frau alleine, auf dem Fahrrad, durch Afrika fahren kann und das auch noch freiwillig tut ohne weitere Hintergedanken.

Im Prinzip ist es ja so, dass wir mit Entwicklungshilfe unser Gewissen beruhigen möchten. Ob aber Entwicklungshilfe irgendeinen Nutzen oder sogar eher Schaden verursacht, will am Ende ja nahezu niemand sehen. Auch können wir nicht überblicken, inwieweit wir den Kontinent ausbeuten und den Menschen alles wegnehmen, was sie haben.

Wie hat ein Bekannter einmal zu mir gesagt: „Ich will das Elend nicht sehen“.

Was mir auch immer wieder durch den Kopf geht, ist, dass andere Länder auch kolonialisiert oder ausgebeutet wurden oder werden. Auch in anderen Ländern gab es Kriege. In vielen Teilen Asiens hat sich in den letzten Jahrzehnten so viel getan – warum aber nicht in Afrika?

Natürlich haben die Menschen hier im Krieg und in der Ebola-Zeit viel durchgemacht – so viel, dass ich mir das nie vorstellen kann, weil ich es gar nicht nachempfinden kann. Weil ich alles Glück der Welt hatte, an der richtigen Stelle geboren worden zu sein.

Trotzdem, in anderen Regionen gab es auch Kriege und die Leute wollten ihre Lebenssituation anschließend wieder verbessern. Sie waren fleißig, haben gearbeitet, haben für ihre Rechte gekämpft, haben stabile Staatsformen kreiert und sich aus den Trümmern befreit.

Es liegt aus meiner Sicht heraus nicht nur an der Ausbeutung durch die reichen Nationen, es liegt auch an der Kultur hier vor Ort. Eine Lebenseinstellung, die man wohl als Westler nur ganz schwer nachempfinden kann – oder wahrscheinlich auch nie verstehen wird.

Ich würde liebend gerne jedem hier helfen. Doch im Laufe der Zeit tendiere ich mehr und mehr dazu, dass sie verstehen müssen, dass weder Gott noch der „weiße Mann“, noch der große Bruder oder der korrupte Präsident ihnen ihr Leben finanzieren kann. Sie müssen ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen.

Wie hat der eine Ranger so schön gesagt: „Nur Gott kann uns helfen.“ Danach drehte er sich um und schlief weiter.

Dann ist die Frage, schlief er weiter, weil er den Sinn, die Motivation und die Kraft im Leben verloren hat? Weil es ihm egal ist und ihm sein Leben so gefällt wie es ist? Oder weil er durch das wenige Essen geschwächt war? War er vielleicht krank?

Oder hatte er einfach keine Lust, die einzige Touristin des Monats mit Infos und Naturerlebnissen zu versorgen, um vielleicht dann doch noch etwas mehr Geld verdienen zu können, wenn er sich ein wenig Mühe gegeben hätte?

Bekommt er womöglich von den Nationalpark- und Tourengebühren gar nichts ab? Wandert das vielleicht alles in korrupte Taschen? In die Erhaltung der Gebäude und des Nationalparks wird es ganz sicher nicht gesteckt, das ist ganz offensichtlich.

Prinzipiell macht es aus meiner Sicht heraus keinen Sinn, Geld für etwas zu geben, wofür es keine Gegenleistung gibt. Die Lebenseinstellung „weißer Mann bezahlt für alles“ will ich nicht unterstützen. Das ist kontraproduktiv. Es hilft den Menschen nicht weiter, ganz im Gegenteil.

Doch wie kann ich sowas als Besucher einschätzen? Ich sehe die Umstände, die Gegebenheiten, aber ich sehe nicht, was dahintersteckt, zumindest nicht detailliert genug.

Als ich vom Nationalpark wegfuhr, saß ich das erste Mal am Wegesrand und fing an zu heulen. Ich heulte über die Ungerechtigkeit der Welt, darüber dass ich niemandem zum Reden hatte, über die Sinnlosigkeit meines Tuns und über die Aussichtslosigkeit der Menschen hier in Sierra Leone.

Und ich heulte, weil wir diese Welt aus Habgier und Geldgeilheit zerstören. Ein tropischer Regenwald, der sich langsam aber sicher in Luft auflöst. Und mit ihm alle Lebewesen, die dort zu Hause sind.

War ich überfordert? Wahrscheinlich. Fühlte ich mich alleine? Nirgendwo mehr als hier in Westafrika.

Wie ich schon oft gesagt habe, fühle ich mich in einsamen Gegenden und in der Natur nie alleine. Aber ich fühle mich brutal einsam, wenn ich von Menschen umgeben bin, mit denen ich mich nicht so austauschen kann, wie ich das gerne täte.

Der Bildungsstand in den abgelegenen Ecken Sierra Leone’s ist eine Katastrophe. Es war nahezu nie möglich sich zu unterhalten und nein, es lag nicht nur an der Sprache.

Der Austausch mit Freunden war mir immer wichtiger geworden. Ich sprach mit Gott und der Welt per WhatsApp und wollte einfach reden. Ich wollte meine Gedanken an den Mann bringen und ich wollte verstehen, doch niemand wusste verständlicherweise auf meine Gedanken eine Antwort. Und trotzdem war ich froh über jene, die mir zuhörten.

Auf dem weiteren Weg Richtung der ersten größeren Stadt kam ich wie immer durch kleine Dörfer. Wie überall waren die Leute sehr freundlich. Aber ich hatte in den Nordwestlichen Teilen Sierra Leone‘s das erste Mal das Gefühl, dass die Menschen nicht wirklich fröhlich sind. Es vermittelte eine gedrückte Stimmung.

Bisher hatte es mich immer wieder zutiefst beeindruckt und begeistert, dass Menschen unter diesen desolaten Bedingungen trotz allem so fröhlich sind. Hier war das irgendwie anders.

Ich kaufte mir eine SIM-Karte in einem kleinen Telefonkarten Laden und wollte diese aufladen, um im Internet zu surfen, doch der Ladenbesitzer wusste nicht, wie er die Karte aktivieren kann. Er wusste die dreistellige Zahlenkombination nicht, die von Land zu Land verschieden ist.

Ich hatte meine Hose bei einem der vielen Schneider abgegeben. Ich wollte ein Loch am Knie flicken lassen. „Ich mache das seit 20 Jahren – ich bin der Beste im Ort“, sagte der erste Schneider und die Naht platzte nach der ersten Bewegung wieder auf.

Der nächste Schneider nähte zuerst am unteren Ende der Hose, um dann festzustellen, dass er ja am Knie nähen sollte. Die Naht wurde also wieder aufgetrennt und im chaotischen Zick-Zack Kurs um das eigentliche Loch herum genäht, bis meine Hose also überall Nähte hatte, nur das Loch war noch immer nicht geflickt.

Der dritte Schneider schaffte es dann in die Hose reinzuschneiden und somit liess ich sie am Ende in einem Dorf liegen und trug wieder meine etwas wärmere Hose, bis ich Ersatz gefunden hatte.

Objektiv gesehen, kann ich all die negativen Gedanken und Ängste, die wir uns in der Heimat über Westafrika machen, nicht bestätigen. Die Menschen sind super freundlich.

Ich hatte noch nicht eine einzige Situation erlebt, in der es unangenehm wurde. Ich fühle mich hier sicher. Die Menschen würden auch ihr letztes Hemd noch teilen aber wie bereits erklärt, hat genau das eben auch seine Schattenseiten.

Ich sehe hier auch keinen Nachteil als Frau unterwegs zu sein. Alleine allerdings ist das hier grenzlastig. Monatelang sich nicht unterhalten können, ist heftig.

Krankheiten sind natürlich ein großes Thema, ich hatte bisher Glück. Ich versuche Malaria zu vermeiden so gut ich kann und ziehe abends Regenklamotten oder meine Windbreaker Jacke an, durch die Moskitos nicht durchstechen können.

Für die Einheimischen ist es eine bereits vielfach durchgemachte Krankheit, bei der sich im Laufe des Lebens eine gewisse Immunität gebildet hat. Westafrika ist die durchseuchteste Region weltweit.

Sobald man sich sofort nach Ausbruch des Fiebers behandeln lässt, scheint es keine größere Gefahr zu geben, auch für uns Westler nicht. Ich hoffe, das trifft dann auch auf mich zu, sollte es mich irgendwann erwischen.

„Coartem“ habe ich mir bereits vor Ort besorgt, angeblich die bessere Wahl zur Behandlung, als alles, was man bei uns zu kaufen bekommt. Schnelltests habe ich auch dabei, wobei diese umstritten sind.

„White man, White man gib mir Geld“. Ich antworte dann manchmal mit „ich bin übrigens eine Frau“, woraufhin dann kommt „oh yes, white woman, white woman gib mir Geld“.

Manchmal antworte ich auch mit „Black man, what‘s up?“

Auch hier war die Bettelei nervig – vor allem wieder in jenen Regionen, in denen Entwicklungshilfeorgansiationen ihre Spuren hinterlassen hatten – in allen anderen Teilen hörte ich die Frage nach Geld nahezu nie.

Wie immer hatte ich einen super Draht zu den Kindern. Viele Reisende scheinen von den Kleinen am meisten genervt zu sein, ich allerdings muss sagen, dass ich mehr von den Erwachsenen genervt bin, die die Kinder wegschicken und mir dann die immer gleichen Fragen stellen. Mit Kindern spielen, macht oftmals viel mehr Spaß.

Kamakwie war der erste größere Ort auf meiner Route. Ich fand das Dorf attraktiv. Der Baustil war anders, dort war interessantes Leben auf den Gassen. Angenehme Menschen und sehr bunt.

Ich durfte in der Kirche mein Zelt aufschlagen und mich ein wenig mit dem Priester unterhalten. Priester sind meistens deutlich besser ausgebildete Leute und somit eine gute Anlaufstelle in einem Ort.

Was mich bisher immer wieder beeindruckt, ist, wie kreativ die Leute manchmal sind. Der Sohn des Priesters versuchte seine Kabel an seinem MP3 Player zu löten und nutzte einen kleinen Ventilator,  um die Kohlen im Bügeleisen am Glühen zu halten.

Toll finde ich auch die Autos, die sich die Kinder aus Müll zusammenbasteln.

Es schüttete jeden Tag. Alles war immer nass, nichts trocknete mehr. Es war zum Glück nie kalt, aber Spaß war das keiner.

Auf dem Weg nach Makeni schlief ich in einer weiteren Kirche. Das Dorf feierte eine Party bis morgens um fünf Uhr, wie immer war es unendlich laut gewesen. Neugierige standen bereits bei Sonnenaufgang an den Fenstern um zu schauen, was ich machte.

Kaum geschlafen, muss ich mich dann auch immer wieder bemühen, bereits morgens schon zu lachen und jedem „Hallo“ zu sagen und freundlich zu sein. Die erste Überlegung ist dann oftmals, wo gehe ich jetzt eigentlich pinkeln, ohne dass mir jeder dabei zuschaut?

Sierra Leone war für mich richtig hart gewesen. Ich hatte mehrere Tiefpunkte und war kurz davor, das Handtuch zu schmeißen. Aber ich hoffte noch auf eine Besserung der Verhältnisse, auch wenn ich anfing zu realisieren, dass die wohl vor Namibia nicht mehr eintreffen werden. Doch Namibia war noch richtig weit.

In Ghana wird das Essen besser, war die Info, die ich von anderen Radlern bekam. Gut, wenigstens etwas. Denn der Reis mit Maniokblätter-Sauce hing mir mittlerweile zum Hals raus. Bis dorthin lagen aber noch Liberia und die Elfenbeinküste dazwischen.

Kurz vor den Toren Makenis riss mir meine Kette und leider hatte ich keine Ersatzkette dabei, allerdings Kettenschlösser und somit war das nicht weiter ein großes Problem, aber ich brauchte dringend eine Neue, doch wo bekomme ich die her?

Reis kommt aus Pakistan und Indien, Zucker und Milch aus Deutschland. Angebaut wird hier nahezu nichts. Ich sehe hier weder kleine Gemüsegärten noch sehe ich Felder, auf denen etwas anderes wächst als Maniok.

Klamotten vom Roten Kreuz werden auf den Märkten verkauft. Industrie gibt es nicht.

Die Landschaft war, wie so oft, nichts Besonderes. Grün, aber langweilig. Die Straßen weiterhin katastrophal.

Kurz vor den Toren Makenis schlief ich in der Uni. Mir wurde ein Klassenraum zugeteilt. Angeblich eine Privat-Uni, in der das Studieren teuer ist. Aber auch da herrschte blankes Chaos im Klassenzimmer.

Wobei ich sagen muss, dass Sierra Leone deutlich sauberer ist, als die Nachbarländer, denn an jedem ersten Samstag im Monat, ist im ganzen Land Putztag. Bis 14 Uhr wird sowohl im Haus als auch auf den Straßen aller Müll zusammengesammelt und mit LKW’s weggeschafft.

Männer wie Frauen kehren die Straßen, eine bemerkenswerte Aktion und sie scheint zu funktionieren.

Ich versuche sonst immer auf Augenhöhe mit den Leuten zu stehen. Ich möchte auf keinen Fall arrogant auftreten. Ich habe bereits öfters gesehen, dass reiche Schwarze, die mit dicken Autos vorbeifuhren, sich ziemlich angeberisch verhielten und die Leute zu ihnen aufschauten.

Ich wollte sehen, wie es sich anfühlt, wenn ich mich anders verhalte als sonst. Ich hatte angefangen, den ein oder anderen zum Tee einzuladen oder zum Essen. Habe mich gönnerhaft und fast schon arrogant gegeben und war überrascht, wie selbstverständlich die Menschen es angenommen und sich auch nicht dafür bei mir bedankt haben.

Aber ich fühlte mich dabei nicht mehr wie die Heike, das war nicht ich. Ich möchte die Menschen gleichwertig behandeln und nicht als Menschen dritter Klasse.

Ein Priester sagte mir: „Gib ihnen jeden Tag einen oder zwei Dollar, dann hälst du sie klein. Sie haben dadurch genug zum Leben und machen sich von dir abhängig. Sie werden nicht auf die Idee kommen, sich etwas damit aufzubauen, weil sie davon ausgehen, sie bekommen ja genügend Geld, um auch morgen wieder satt zu werden.

Wir brauchen Bildung, die Kinder müssen in eine vernünftige Schule geschickt werden, nur so können wir unsere Probleme auf Dauer lösen.“

In Makeni ging es mir nicht gut. Ich hatte leichtes Fieber und war schlapp. Der Malariatest war – ein Glück – negativ ausgefallen. Ansonsten hatte ich Durchfall, aber nichts weiter Tragisches. Ich nistete mich in einem Zimmer ein und wollte mich erholen und abwarten, bis ich wieder fit war.

Es schüttete und schüttete und ich fragte mich jeden Tag von Neuem: Wie um Himmels Willen kann es so viel regnen?

Der Ort war angenehm. Es dauerte nicht lange und die ganze Straße kannte meinen Namen und wollte mit mir reden. Wie immer, extrem freundliche Menschen.

Hörte es ausnahmsweise einmal auf zu regnen, wurde in der Nachbarschaft die Musik auf Anschlag gedreht und ich tanzte mit den Leuten auf der Straße.

Der Unterschied zwischen Land und Stadt war natürlich immens, doch selbst hier konnte ich nicht verleugnen, dass Westafrika einfach ganz speziell ist.

Brunnen gab es meistens hinter oder vor den Häusern, fließendes Wasser war auch hier in der Stadt Mangelware. In meinem Zimmer hatte ich allerdings Wasser aus dem Hahn, wenn auch nicht immer. Auch der Strom war einigermaßen konstant vorhanden.

In dem kleinen Hotel gab es ein winziges Restaurant. Ich blieb dort sieben Tage und hatte jeden Morgen und Abend einen Tee bestellt, also insgesamt 14-mal.

„Ich hätte gerne einen Tee mit Milch und ein wenig Zucker“, woraufhin die immer gleiche Dame antwortete: „Einen Kaffee?“. „Nein, einen Tee, genau wie heute Morgen“.

„Kaffee?“, „Nein, einen Tee. Wie jeden Tag“. Und ich ging mit ihr in die Küche und zeigte ihr die Box, in der die Beutel, das Milchpulver und der Zucker waren und sie wunderte sich jedes Mal von Neuem, was für eine seltsame Bestellung ich da aufgab.

Auch am letzten Abend hieß es noch immer: „Kaffee?“. „Nein, Tee“.

In der Nähe gab es zwei Inder, die einen Laden frisch aufgemacht hatten. Picobello sauber. Alles akkurat in den Regalen einsortiert, super freundlich und hilfsbereit. Der Laden sieht schon von außen absolut nicht Afrikanisch aus.

„Was kann ich für sie tun?“ und wir fingen an uns zu unterhalten. Die beiden waren gar nicht glücklich. „Wir können uns mit den Leuten nicht unterhalten. Die Kultur ist ganz anders. Die meisten Menschen sind auch nicht gebildet, es ist wirklich schwierig hier, Freunde zu finden. Wir haben Heimweh.“

Nicht weit davon war ein Libanese, der einen Eisenwarenhandel hatte. Auch da war es picobello aufgeräumt. Ein sehr freundlicher Besitzer, der sich genauso freute sich mit mir unterhalten zu können, wie andersrum.

Was super funktioniert, ist der Austausch mit den anderen Radlern, die ebenso in Westafrika unterwegs sind. Die beiden Schweizer Adrian & Fabian geben mir immer wieder neue Infos. Auch Jörg hielt mich bisher immer wieder bei Laune. Und ganz besonders Laurent und Rita & Fernando. Übrigens hatten sie alle, außer Laurent, bereits Malaria, einige von ihnen sogar mehrfach.

Von den beiden Schweizern hatte ich die Info, dass in Lunsar, etwa 80 KM entfernt, Briten und Amis ein Radladen-Projekt aufgebaut haben. Dort sollte es gebrauchte Teile geben.

Ich kontaktierte den Besitzer und er versprach mir, per Bus eine 10fach Kette nach Makeni zu schicken. Heute Nachmittag sollte ich sie bei seiner Kumpeline, die er in Sachen Radtechnik angelernt hatte, abholen. Die Kette kam, war aber eine 8fach. Somit schickte er eine weitere los und drei Stunden später erhielt ich die zweite 8fach Kette.

„Sag mal, hast du wirklich eine 10fach Kette und hast nur aus Versehen zweimal eine 8fach Kette geschickt?“, fragte ich ihn am Telefon. „Jaja, das tut mir leid, aber ich habe eine 10fach, ganz bestimmt“, meinte er zu mir.

Am sechsten Tag meines Aufenthaltes entwickelte ich einen seltsamen Ausschlag an den Armen. Es tat so weh, dass ich nachts nicht schlafen konnte.

Doch 24 Stunden später war der Spuk vorbei und ich radelte weiter und entschied mich, den Radladen aufzusuchen, auch wenn er so gar nicht an meiner Strecke lag.

In den vielen Kisten und Tüten fanden wir alles, nur keine 10fach Kette. Dafür aber reparierte er mir meine Schaltung und das machte er wirklich super.

In einem Dorf wurde ich schlecht empfangen. „Money, money“ riefen die Leute. Kurz darauf sah ich das „Plan International“ Schild und ich stand vor einem reißenden Fluss.

„Kannst Du schwimmen?“, fragten sie mich. „Natürlich kann ich schwimmen, aber das hatte ich nicht vor. Bringt mich einer von euch auf die andere Seite?“, gab ich zur Antwort. „Wir haben keine Schwimmwesten an Bord und du musst selber paddeln“, antworteten sie mir. Abzocken wollten sie mich noch zusätzlich.

„Gib den Kindern Bonbons“, rief der eine mir zu.

Ich wunderte mich, wie die Jungs hier in dieser absoluten Pampa darauf kamen, mir zu sagen, dass sie keine Schwimmwesten besitzen?

Auf der anderen Seite sah ich eine Farm. Gewächshäuser, Maschinenpark. Wow, was ist denn hier los, hier wohnt garantiert ein Ausländer.

Den Aufpasser-Typen fragte ich: „Wer wohnt denn hier?“ „Francis“, meinte der Typ. „Aha, wo kommt er denn her? Vielleicht aus Frankreich oder England?“ „Ja, er kommt aus England“ und er öffnete mir die Türe.

Francis kam aus Uganda und war ein super Kerl. Gegenseitig erzählten wir uns die erlebten Geschichten aus Sierra Leone und es war einfach toll, mit jemanden richtig Sinnvolles reden zu können.

Er ist übrigens derjenige, der nicht schwimmen kann und deshalb nach Schwimmwesten fragte und die Jungs am Fluss würden ihn jedes Mal peinigen, wenn er den Fluss überqueren muss.

Mit frischem Hollandkäse in der Tasche, den Francis aus Freetown hatte, radelte ich im strömenden Regen in Richtung Hauptstraße.

Eine nagelneue Teerstraße erwartete mich. Von der EU bezahlt, fühlte sich das dann schon fast an wie Weihnachten und Geburtstag zusammen. Ich hatte diesen Matsch so was von satt und wollte hier einfach nur noch raus.

Hauptstraßen haben natürlich eine viel bessere Versorgung und so kaufte ich mir eine Cola und setzte mich neben den Laden, um Pause zu machen. Es dauerte keine drei Minuten und die Halbstarken des Ortes versammelten sich um mich.

„Ich möchte auch eine Cola“, sagte der eine.

„Dann geh in den Laden und kauf dir eine“, gab ich ihm zur Antwort.

„Ich habe aber kein Geld, kaufe du mir eine, du hast doch Geld“, meinte er zu mir.

Wortlos packte ich zusammen, radelte etwa 300m weiter und setzte mich dort erneut irgendwo hin. Drei Minuten später die gleiche Leier wieder von vorne.

In der Stadt Bo durfte ich bei einem Priester im Haus übernachten. Priester sind oftmals nicht nur gebildet, sondern sie sind allermeistens auch wohlhabend. Die Kirche macht es möglich. Bei Priestern gibt es immer reichlich zu essen und nahezu immer Bedienstete, die für sie arbeiten.

Eine weitere Nacht verbrachte ich im Gefängnis. Na ja nicht wirklich, sondern direkt neben der Gefängniszelle, in dem mich der Gefangene mit großen Augen anschaute, als ich mein Zelt im Nebenraum aufstellte.

Irgendwann endete die Straße. Etwa 80 KM vor der Grenze zu Liberia fing der Matsch wieder an. Und wen sehe ich? Frank aus Hamburg, Bauleiter, der hier den Straßenbau überwacht. Wir freuten uns beide ganz irre, eine Unterhaltung führen zu können. Für mich der erste Weiße, seit etwa 5 Wochen.

Er ließ mich auf dem Firmengelände übernachten und ich genoss die zweite warme Dusche seit Marokko, inklusive einer sehr interessanten Unterhaltung mit einem Ingenieur aus Äthiopien.

Regenwald umgab mich. Autos steckten im Matsch fest, Leute warteten am Straßenrand auf eine Lösung des Problems.

Zwei ganz junge Ärzte aus Holland kamen gerade von einem Ausflug aus Ghana zurück und erzählten mir, dass sie ein ganzes Krankenhaus leiteten und wirklich ihr Bestes geben würden, um zu helfen, aber manchmal einfach auch überfordert seien.

„Ja, wir sind viel zu jung und unerfahren, aber wenn wir nicht hier wären, würden noch mehr Menschen sterben und ältere, erfahrenere Ärzte wollen den Job nicht machen.“

Einige Zeit später schickte mir meine Mutter einen Artikel über zwei Holländische Ärzte, die in Sierra Leone an Lassa-Fieber erkrankt waren und nach Holland gebracht wurden. Einer davon verstarb. Ob es die beiden Jungs waren, weiß ich nicht.

Und Frank, der Ingenieur, schickte mir einen Artikel über einen mysteriösen Fall, in dem ein Deutscher in seinem Overland-Truck tot aufgefunden wurde. Keinen Kilometer davon entfernt, wo ich meine zweite heiße Dusche genoss.

Es war schon fast dunkel, als ich die Grenze erreichte. Nach knapp vier Wochen in Sierra Leone konnte ich wie immer sagen: ich habe sehr viel dazu gelernt. 

Fandest Du den Artikel interessant? Dann teile ihn doch bitte mit deinen Freunden 😉 

By continuing to use the site, you agree to the use of cookies. / Durch die weitere Nutzung der Seite stimmst du der Verwendung von Cookies zu. more info / weitere Infos

The cookie settings on this website are set to "Allow cookies" to provide the best browsing experience. If you use this website without changing the cookie settings or clicking "accept", you agree. Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

close / schließen