„Bonjour Madame, bitte waschen sie sich hier ihre Hände“, waren die ersten Worte im neuen Land. Wow, das sind ja ganz neue Methoden, dachte ich und hatte schon Hoffnung, auf etwas bessere hygienische Verhältnisse zu stoßen. Die Hoffnung stirbt ja bekanntlich zuletzt.

Der Grenzpolizist fotografierte mich von allen Seiten, checkte meinen Impfpass nach einer aktuellen Gelbfieberimpfung, knallte einen Stempel auf mein Visum, machte nebenbei noch ein bisschen auf wichtig und wünschte mir aber dann recht schnell eine gute Zeit.

Das hundertste Land meines Lebens zelebrierte ich mit einem Tee mit Milchpulver, etwas Zucker und irgendeiner scheppernden Afrikanischen Hip-hop Musik, die einer der Jungs, die um den Kaffee-Tee-Spaghetti Stand saßen, aus seiner kleinen Jukebox spielte.

Auffallend war von Anfang an, dass Leute hier wieder etwas konsumierten, denn sie saßen nicht mehr nur einfach zur Unterhaltung und als Treff um den Teestand herum, wie zuvor in Liberia oder Sierra Leone, nein, sie hatten wohl auch etwas Geld, um dort etwas zu trinken und zu essen.

Bis Danane, der erste größere Ort kurz hinter der Grenze, war es nicht weit. (Karte) In Danane wollte ich Chi treffen, ein Chinesischer Motorradfahrer, der mir ein paar Sachen aus Europa mitgebracht hatte. Facebook macht es möglich.

Eine super nette Dame lud uns in ihr Hotel ein. Vom Essen war ich sofort begeistert, denn es gab hier endlich auch mal was anderes, als immer nur Reis und Sauce.

Fufu nennt man die gestampften Kochbananen-Klöße. Futu, wenn Maniok und Kochbananen gemischt gestampft werden. Dazu kommt eine richtig scharfe Soße – oftmals mit Erdnüssen, viel Chilli und Bittertomaten serviert. Wie immer mit Fisch.

Gerade aus der Lassa-Fieber Ausbruch Region, ein durch Ratten übertragenes Hämorrhagisches Fieber, herausgekommen, hörte ich etwas in der Ecke rascheln. Doch nicht nur ich, sondern der Security Typ des Hotels ebenso und somit gab es für ihn an diesem Nachmittag auf der Holzkohle gegrillte Ratte.

Elfenbeinküste hat Strom. Hier brannten nachts wieder Lichter – eine neue Welt. Das Land ist leider wieder einmal Französisch geprägt – ich glaube wir beiden, also die Sprache und ich, werden wohl nie mal irgendwann dicke Freunde werden ?

Mein Pedal war leider abgebrochen, doch zu meiner totalen Überraschung, konnte ich es schnell ersetzen. In Abidjan gibt es einen Rad-Laden, der Teile aus Europa führt und diese innerhalb des Landes per Bustransfer verschicken kann.

Ich zahlte der Hotelbesitzerin die Rechnung, sie überwies den Betrag per Telefontransfer und drei Tage später waren die neuen Pedale in Danane. Sehr beeindruckend!

Die Landschaft wurde endlich wieder abwechslungsreich und auch richtig schön. Es regnete weiterhin, aber deutlich weniger als zuvor. Kurz und heftig, anstelle von pausenlos und heftig.

Die Dörfer waren etwas weiter auseinandergezogen als bisher, somit hatte ich zwischen den vielen Begegnungen und den vielen „ça va“Rufen auch mal etwas Zeit zum Schnaufen.

Auch nach vielen Monaten Dorfleben, in den entlegensten Ecken Westafrikas, hatte ich noch immer Spaß, die neugierigen und teils aber auch scheuen und nahezu immer extrem freundlichen Kinder zu begrüßen.

Es ist schon auch immer wieder etwas Besonderes, die Frau aus dem anderen Universum zu sein. Es kann natürlich auch nervig werden, immer im Mittelpunkt zu stehen, aber meistens ist es sehr angenehm. Ich mag lachende Kinder einfach zu gerne, um davon müde zu werden.

Ich saß in einem kleinen Laden und aß Fufu und wollte mit den Kindern um mich herum ein wenig teilen. Erstaunlicherweise wollte aber niemand etwas essen. Das erste Mal, dass Kinder anscheinend keinen Hunger hatten.

Die Elfenbeinküste machte Anfangs einen etwas wohlhabenderen Eindruck aber in den Dörfern sieht es am Ende aus wie überall zuvor auch. Wobei Sierra Leone und Liberia schon nochmal deutlich weniger entwickelt waren.

Auch hier gab es manchmal Leute, wie in Guinea auch, die richtig Angst vor mir hatten. Sobald ich Frauen außerhalb des Dorfes traf, die alleine oder in einer kleinen Gruppe unterwegs waren, sah ich wie unsicher sie wurden, wenn sie mich sahen. Sie änderten oft sogar plötzlich die Richtung, manche wurden immer schneller, andere wiederum versteckten sich im Gebüsch.

Leute rasten manchmal aus. Es wirkt ein wenig, als würden sie sich in Ekstase schreien. Es hat etwas befremdliches an sich.

Die Strecke schlängelte sich wunderschön durch Wälder. Endlich einmal eine Gegend, die nicht komplett abgeholzt war. Felsen, schön gelegene Dörfer – sehr idyllisch alles. Allerdings war der Matsch leider an vielen Stellen wieder einmal extrem nervig.

Handyempfang war in dieser Ecke sehr dürftig. Die Dorfbewohner hatten sich deshalb aus Bambus ein paar Halterungen gebaut, um genau an den Stellen, an denen es evtl. ab und zu einmal Empfang gab, nicht pausenlos ihr Handy in die Höhe halten zu müssen. Neben den Tee-Buden ein weiterer Dorftreffpunkt, denn es kann teils Stunden dauern, bis die Gesprächspartner erreicht werden.

Direkt im Grenzbereich zu Guinea gab es wie immer viele Polizeikontrollen. Für mich als Radfahrerin, sind das aber immer sehr einfache und kurze Stopps, mit freundlichen Beamten, die sich über ein kleines Schwätzchen sehr freuen.

Der Bildungsstand in der Elfenbeinküste ist deutlich höher als in den drei Ländern zuvor. Ich konnte mich hier – selbst mit meinem mangelnden Französisch – meistens besser austauschen, als zuvor in den abgelegenen Ecken in Liberia und Sierra Leone, wo Englisch gesprochen wird. Von Guinea ganz zu schweigen.

Ich hatte das erste Mal das Gefühl, dass es schade ist, dass ich kein Französisch kann, denn hier hätte ich mich sicherlich das ein oder andere Mal etwas anregender unterhalten können. Es kann schon sehr einsam werden, wenn man sich nie austauschen kann.

Allerdings, wenn ich mich mal unterhalten konnte, egal wo, wurde mir oft erst richtig bewusst, wie niedrig der Bildungsstand wirklich ist. Das war teilweise noch bedrückender zu erleben, als wenn man denkt, nun ja, es liegt ja an mir selber, weil ich deren Sprache nicht kann.

Es fühlt sich an wie Planeten voneinander entfernt zu sein. Ich dringe hier in Welten ein, die wirklich teils unglaublich sind und es erschüttert mich auch nach fast einem Jahr Afrika noch immer unter was für desolaten Bedingungen die Menschen leben. Es tut mir auch nach so langer Zeit noch immer weh. Vor allem, weil ich nichts machen kann. Man fühlt sich einfach nur hilflos.

Manchmal geht es in Abneigung über, dann denke ich, „Mann“ – ihr seid ja auch selber schuld, bewegt euch doch mal ein wenig und tut was gegen eure Armut. Dann wieder wäge ich ab und sage mir, ja aber wir Industrienationen beuten diese Menschen aus, wir hinterlassen diesen Scherbenhaufen hier.

Und manchmal winke ich ab und sage mir, ach ist mir doch egal, sollen sie doch in ihrem Dreck ersticken, einfach nur um innerlich etwas Luft zu bekommen und um mir nicht die Freude am Leben nehmen zu lassen.

Die abgelegenen Ecken in Westafrika sind eine harte Nummer. Für jemanden wie mich, die sensibel ist, wirklich nicht immer einfach zu ertragen.

Ich hatte das Glück einen Markttag zu erleben. Es schüttet zwischendurch immer wieder und doch war die Atmosphäre dort richtig toll und ich blieb Stunden in dem kleinen Ort.

Ich traf auf eine Frau aus Liberia, die im Krieg geflohen ist und sich in der Elfenbeinküste angesiedelt hat. Ihre Eltern hat sie im Chaos auf der Flucht verloren und seitdem nie wiedergefunden. Sie kann nur eines ihrer Kinder in die Schule schicken, denn die Jahresschulgebühr von 10 Euro kann sie sich nicht für alle Kinder leisten. Ihr Mann ist vor kurzem an Diabetes gestorben.

Polizisten ließen mich in ihrer Küchen-Hütte am Wegesrand zelten. Ich musste mich natürlich, wie immer, zuvor beim Dorfchef anmelden und um Erlaubnis bitten. Das sind oft sehr interessante Begegnungen. Meistens sehr alte Männer, die in etwas bessergestellten Häusern leben und immer extrem freundlich und hilfsbereit sind.

Westafrika ist wirklich die Ecke der Welt, von der ich sagen kann, es gibt nahezu nie eine Situation, die nicht mit einem Lächeln beginnt und mit einem Lächeln endet. Hier ist einfach nie wirklich mal irgendwie oder irgendwo ein Problem.

Nur meine westlichen Gedankenwelten sind hier ein Problem. Eine Frau aus Deutschland, die sich immer noch nicht wirklich damit arrangieren kann, wieviel Dreck es hier überall hat. Die hygienischen Bedingungen sind absolut katastrophal und ich wunderte mich schon lange, dass ich noch nie ernsthaft krank war.

In einem Dorf landete ich in einem Puff, die einzige Unterkunft, die ich an diesem Abend fand. Die Gegend war voller Betrunkener. Und Betrunkene mag ich nicht. Genauso wenig wie Jäger, Verkehr und Wachhunde.

Meine unliebsamsten Begegnungen weltweit, die mich immer wieder nervös machen. Aus meiner Sicht heraus, neben den Krankheiten übertragenden Moskitos, die ich natürlich auch nicht mag, die gefährlichsten Momente im Leben einer solo Fahrradweltreisenden.

Der Puff war erträglich gewesen. Ich stellte natürlich auch hier wieder mein Zelt auf der Matratze auf und somit hatte ich das Gefühl, etwas Abstand zu den Überbleibseln der Vorgänger zu haben. Es ist schon manchmal eklig, wo man so nächtigt.

Zurück auf der Hauptstraße Richtung Norden, fühlte es sich schon fast an, wie auf dem Donauradweg. Eine super intakte Straße, ab und zu was zu essen und auch sonst keine weiteren Zwischenfälle, die mich davon abhielten, vorwärts zu kommen.

Ich lauschte interessanten Podcasts und versüßte mir mein Leben auf der Straße mit Weiterbildung aus sehr unterschiedlichen Bereichen des Lebens.

Vom Norden versprach ich mir erstens weniger Regen, interessante Kultur, wenig Verkehr und allgemein vielleicht auch eine interessantere Landschaft, als an der Küste. Doch je nördlicher ich kam, desto weniger Auswahl hatte es wieder einmal an Essen.

Die frischen Papayas und Ananas, die ich die letzten Tage essen konnte, gehörten wieder einmal der Vergangenheit an. Ich war zurück im Reis & Sauce Territorium. Und ich kann euch sagen, ich hatte diesen Reis und diese Sauce so dermaßen satt, dass ich an dem einen Tag vor lauter Ekel fast brechen musste.

Ich merkte auch, wie sehr ich mittlerweile an Substanz verloren hatte. Meine Ernährung ist seit etwa sechs Monaten eine Katastrophe, der Körper findet das natürlich alles andere als positiv.

Ich wundere mich jeden Tag immer wieder, wie Frauen hier, unter diesen Bedingungen, so viel Kraft haben, um riesen Ladungen an Holz auf ihren Köpfen zu tragen und dabei noch ein Baby auf dem Rücken transportieren. Wirklich Wahnsinn was die Frauen hier leisten, teilweise auch Kinder.

Der Norden ist Muslimisch. Man merkt das sofort. Männer sitzen wieder zusammen und trinken Tee, die Frauen arbeiten und die Menschen sind allgemein sehr gastfreundlich.

In Odienne sah ich dann die erste Verkehrsampel seit Mauretanien, wow, nach 6 Monaten, das stach sofort ins Auge.

Irgendwann endete dann der Teer und ich war zurück auf der Piste. Die Temperaturen stiegen und die Regengüsse wurden endlich, nach drei langen Monaten, weniger.

Was mich immer wieder in der Elfenbeinküste irritierte, war, dass mich die Leute auslachten. Oftmals lachen Menschen ja aus Verlegenheit, aus Überforderung oder aus Unsicherheit. Ich konnte den Leuten, dies also theoretischerweise gar nicht krumm nehmen. Mich störte es aber trotzdem.

Westafrika fing an zu nerven. Es fing an mich zu langweilen und ich fragte mich, ob es wirklich so schlau ist, immer und immer wieder in diesen Dörfern unterwegs zu sein. Ich wollte mich endlich mal wieder unterhalten, austauschen, verstehen und hinterfragen.

Auf den Dörfern komme ich da aber nicht weiter – die Städte allerdings sind vom Verkehr her einfach kein Spaß und oftmals auch lebensgefährlich, bei der Fahrweise der Autofahrer. So jedenfalls stelle ich mir die großen Straßen an der Küste vor. Aber egal, ich beschloss schon bald in Ghana in den Süden zu reisen, um wieder Anschluss am Leben zu haben. Monrovia war schon wieder viel zu lange her.

Ziel war erst einmal Samatiglia, ein Ort mit einer alten Moschee im Sudanesischen Stil. Ich kam dort spät abends an und fragte nach einem Unterschlupf bei der Polizei. In dem Ort waren die Leute irgendwie seltsam.

Die Moschee durfte ich leider nicht betreten, die Bewohner traten mir sehr skeptisch gegenüber und bei der Polizei kamen zig Menschen vorbei, die sich für besonders wichtig hielten und meinen Pass und mein Visum sehen wollten und mich dort eine ganze Weile warten ließen. Daher bereute ich schon schnell, dass ich nicht einfach fünf Kilometer vor dem Ort irgendwo gezeltet hatte.

Am Ende landete ich beim Bezirkschef – der Oberboss der Region, pompöses Haus mit Gästezimmer, Klimaanlage und, man sollte es kaum glauben: es gab heißes Duschwasser! Wow, die vierte heiße Dusche seit Marokko.

Der Oberchef kochte mir zudem ein Omelette, was wirklich das leckerste seit Marokko war. Ein super Typ, der die ganze Polizeitruppe, die mich durch den Ort begleitet hatte, gleich noch mit zum Getränk einlud.

    

Ich hatte seit Tagen immer wieder einen Platten und fand aber absolut nicht den Grund dafür. Doch an diesem Morgen hatte ich endlich den Übeltäter ausfindig gemacht – einen ganz winzig kleinen Draht, den ich nach etwa 30 Minuten intensivster Suche entdeckte.

Über die Dörfer ging es nach Koura zu einer weiteren Moschee, die mich interessierte. Leider sind ja sowohl Mali als auch Burkina Faso derzeit zu unsicher zu bereisen und somit wollte ich wenigstens ein wenig von der tollen Lehmarchitektur in der Elfenbeinküste erleben.

Die Leute waren wie überall absolut super. Die pausenlos fröhlichen Menschen begeistern mich immer wieder. Zudem die tollen Kleider, die die Frauen tragen. Die vielen Farben, wie hübsch die Menschen sind und wie herzlich und hilfsbereit. Einfach toll.

Auch in der Elfenbeinküste wurde nahezu nie nach Geld gefragt. NGO’s & Co waren hier auch nicht weit verbreitet.

Kurz vor der Dunkelheit wollte ich mein Zelt im Wald aufstellen, als es von weitem schon anfing zu gewittern. Na super, wieder eine nasse Nacht aber ich hoffte noch, dass es nur wenige Tropfen regnen würde und entschied mich, den Regenguss abzuwarten und erst danach mein Zelt aufzustellen.

Schon bald kam der Wind und mit ihm der Regen und das Gewitter – es fühlte sich an, als würde die Welt gerade untergehen. Ich stand im Wald und war patschnass und wartete und wartete und ewige Zeit später entschied ich, das Zelt nun doch im Starkregen aufzubauen, mir wurde nämlich mittlerweile auch kalt.

Ich steckte die Zeltstangen in die Hülsen, klippte die Laschen ein und plötzlich machte es einen lauten Knall und das Zelt fiel in sich zusammen. „Nein, bitte nicht“ ließ ich als Seufzer los.

Die Zeltstange war gebrochen. Nun musste ich also meine Taschen aufmachen, wo mein ganzer Elektronik-Kram offen rum lag und nach meinen Ersatzteilen schauen. Natürlich lief das Wasser in die Tasche und wie immer in solchen Situationen, waren die Batterien von meiner Taschenlampe bereits sehr schwach. Allerdings wollte ich eh nicht zu viel Licht machen, denn es sollte ja niemand sehen, wo ich bin.

Ich suchte also und suchte und fand diese eine Reparaturhülse nicht, die ich unbedingt brauchte, um die Stange wieder in Gang zu bekommen. Sie war aber nirgendwo. Und somit fing ich an, Tape und zwei Heringe um die Stange zu wickeln, um das Ganze provisorisch für die Nacht zu reparieren.

Natürlich war nun wieder einmal alles patschnass. Innen und außen. Aber das war ich ja nun mittlerweile seit Monaten gewohnt.

Leider hörte es die ganze Nacht gar nicht mehr auf zu regnen. Normalerweise kann ich im Zelt immer sehr gut schlafen, aber Regen, der pausenlos auf das Zeltdach knallt, nervt mich total. Ich vermeide daher, so oft wie es nur irgendwie geht, bei Regen ohne irgendein Schutzdach zu zelten.

In Boundiali genoss ich mein erstes Eis. Man kann sich das sicherlich nicht vorstellen, dass es eine Zeile in einem Blog wert ist, zu beschreiben, dass ich ein Eis hatte. Aber das sind wirklich richtige Schätze, hier draußen. Es war bereits zig mal geschmolzen und wieder gefroren, das merkte ich sofort, aber was solls, es war ein Eis und ich zelebrierte den Geschmack förmlich auf meiner Zunge und hatte an dem Tag ganz sicher ein ganz besonderes Grinsen im Gesicht.

Plötzlich krachte es seltsam und die Feder meiner Bremsbeläge war total verbogen, das zweite Mal, dass mir das nun passierte. Das letzte Mal war es allerdings die andere Bremse.

Im Prinzip konnte ich mittlerweile sagen, es gab kaum noch irgendwas in meinen Taschen oder auch am Rad, das noch richtig funktionierte.

Niofin ist ein süßer kleiner Ort, fernab der Hauptstraße, mit ganz toller Architektur. Allerdings merkte ich sofort, dass hier immer wieder mal Ausländer vorbeikommen, denn die Leute behandelten mich wie eine Touristin, nicht wie eine Reisende.

Auf dem Weg dorthin fuhr ich Piste und hatte mein Handy vorne in meine Flaschenhalterung gesteckt. Ein tiefes Schlagloch, das Handy fällt raus und knallte genau mit der Vorderseite auf den einzigen Felsbrocken weit und breit. Klatsch und Display total im Eimer. Super.

In der Stadt Korhogo traf ich in einem Supermarkt auf eine Amerikanische Missionarin. Völlig happy, ein paar Englische Sätze mit einer Amerikanerin auszutauschen, musste sie mir leider im fünften Satz bereits ihren Glauben übermitteln und mir die Geschichte von Jesus erzählen, was mich dann schnell dazu bewog, die Flucht zu ergreifen. Komisch, die Muslime hier haben mich noch nie konvertieren wollen.

Ich hatte Glück und fand in dem Ort einen Handy-Doktor, der mir das Display und die dazugehörige Elektronik wechselte, so dass das Ding schnell wieder funktionierte. Mein China Handy von Tecno, kann hier super mit Ersatzteilen versorgt werden.

In Afrika wird ja alles repariert – nicht einfach nur weggeschmissen und neu gekauft, wie bei uns. Not macht erfinderisch.

Soll nochmal jemand sagen, die Afrikaner belasten die Umwelt! Auch wenn sich hier der Müll auf der Straße stapelt, die wenigen Ressourcen, die hier pro Einwohner verschwendet werden, sind wirklich das kleinste Problem, das wir derzeit weltweit haben.

Die Bevölkerungsexplosion dagegen könnte man als beängstigend ansehen.

1950 hatte es in Afrika 227 Millionen Menschen. Heute leben hier 1.3 Milliarden und man schätzt 2050 werden es 2,5 Milliarden sein. 2100 bereits 4,4 Milliarden.

Im Jahre 2100 schätzt man die weltweite Bevölkerungszahl auf 11.2 Milliarden Menschen. Heute sind wir 7.6 Milliarden.

2019 ist demnach fast jeder sechste Mensch ein Afrikaner. Im Jahre 2100 jeder 2.5ste.

Die Straße nach Kong ist eine nagelneue Teerstraße. Wer sie gebaut hat und warum sie gebaut wurde, weiß ich nicht, ich weiß nur, dass es sicherlich die beste Straße des Landes ist und das in dieser abgelegenen Gegend.

Genau auf dieser Straße hörte ich dann wieder einmal „Toubab – Toubab“, genau wie in Senegal und Gambia. Es ist schon immer wieder beeindruckend, wie viele Stämme, Sprachen und Kulturen es hier gibt und wie weit sie über die von den Kolonialherren wahllos gezogenen Grenzen hinweg, verbreitet sind.

Es gibt auch immer wieder Momente, in denen jemand auf Französisch spricht, der Gesprächspartner aber in einer anderen Sprache antwortet. Er versteht also Französisch, kann es aber nicht sprechen. Während der andere aber die Sprache von ihm zwar ebenso versteht, diese wiederum aber auch nicht wirklich beherrscht.

Was alleine diese Sprachbarrieren für immense Auswirkungen in den Ländern hat, ist kaum vorstellbar. 60 verschiedene Sprachen werden alleine in der Elfenbeinküste gesprochen. Die Unterhaltungen sind ja dadurch allermeisten auf sehr niedrigem Niveau, weil sie immer in einer Fremdsprache abgehalten werden, es sei denn, man redet eben innerhalb der eigenen Familie. Selbst in einem Dorf werden verschiedene Sprachen gesprochen. Wie soll sich eine Gesellschaft mit dieser Problematik entwickeln?

Kong hatte die bedeutendste Lehmmoschee des Landes und ich war auch wirklich schwer von dem Bauwerk beeindruckt. Der Eingang für die Frauen ist links, der für die Männer rechts.

Innen ist die gesamte Decke mit Fledermäusen bedeckt, ein sehr dunkler Innenraum, nicht das, was man von außen erwarten würde.

Ich aß an einem kleinen Stand gebackene Bananen mit Fisch und hatte, obwohl ich seit Monaten an solchen Ständen esse, schon so eine Vorahnung. Die Dame nahm jedes einzelne Bananenstück in ihre Hand, knetete die Stücke dabei schön durch die Finger, nahm zwischendurch die total dreckigen Geldscheine der anderen Kunde entgegen und legte dann alles nach und nach auf meinen Teller.

Natürlich waren überall Fliegen und es sah alles andere als appetitlich aus, aber das war ja immer so. Jeden Tag.

Es schmeckte nicht schlecht, aber ich wusste irgendetwas stimmte mit dem Essen nicht.

Ich suchte mir eine Zeltstelle und sobald das Zelt stand und ich meinen Kram verstaut hatte, merkte ich schon wie es im Magen drückte. Die Moskitos kamen in Scharen und ich konnte nicht einschlafen, weil ich wusste, es geht sicherlich gleich los.

Ich hangelte mich also, zwischen im Zelt liegend, ein bisschen dösend und draußen von Moskitos befallen in den Büschen sitzend, mit Durchfall und Brechattacken, durch die ganze Nacht.

Völlig fertig packte ich am nächsten Morgen im strömenden Regen mein Zelt zusammen, denn ich brauchte unbedingt Wasser. Ich schleppte mich also bis zur Hauptstraße und wollte dort nach einer Schule Ausschau halten, doch so nah an der Grenze zu Burkina Faso hielt mich die Polizei auf und ich durfte auf keinen Fall in der Schule schlafen, das war angeblich viel zu gefährlich.

Ich solle bei ihnen hier übernachten, das sei sicher. Darauf ließ ich mich aber nicht ein. Unter einem Palmwedel Dach und einer offenen Schutzhütte, wo ich nicht einmal mein Zelt hätte aufstellen können und sicherlich die halbe Nacht der Unterhaltung der Männer hätte lauschen müssen, wollte ich in meinem müden und ausgelaugten Zustand nicht einwilligen.

„Dann radle wenigstens bis zum nächsten Ort und übernachte dort im Hotel“, meinte der eine zu mir.

„Dreißig Kilometer durch den strömenden Regen, eine sandige und katastrophale Piste und nichts im Magen“, antwortete ich und dachte innerlich, naja gut, was solls und beugte mich den Anweisungen.

Ich fuhr also weiter und bekam sogar Begleitschutz, wer weiß schon warum. Das Hotel entpuppte sich als ein Safari Camp, welches nur teure Zimmer zur Verfügung hatte und am Ende schlief ich doch wieder in der Schule, das war nämlich der Platz, den mir der Dorfchef zuwies.

Mit neuen Kräften ging es am nächsten Morgen Richtung Ghana. Immer der Grenze des Comoe National Parks entlang. Das Gras war allerdings so hoch, dass ich wusste, dass ich hier sowieso kein Tier zu sehen bekomme. Allerdings kreuzten Affen mehrfach meinen Weg.

Die Piste war in einem fürchterlichen Zustand, ich musste zudem mehrfach durch knietiefe Bäche waten, die mich immer wieder an die Bilharziose Gefahr erinnern ließ, die es bekanntlich im Süßwasser in ganz Afrika gibt. Eine ernstzunehmende Krankheit.

Aber es half da ja kein Meckern und kein Schimpfen, es musste ja weiter gehen. Abends überredete mich ein Mann, im Dorf zu bleiben. Nachdem ich von Jägern Schüsse hörte, war mir das sogar nicht ganz unrecht gewesen.

In dieser Nacht fing ich mir dann einen Floh ein. Und zwar heftig. Ich war von oben bis unten total verstochen und sah aus wie ein Streuselkuchen. Das juckte ohne Ende und ich hatte wieder einmal so einen Moment, an dem ich dieses Fahrrad und diese Reise am liebsten in den Gulli gekippt hätte.

Essen gab es hier draußen eigentlich nur an den Spaghetti-Tee-Café Ständen. Da liegen dann die gekochten Spaghetti stundenlang im Wasser, bis halt vielleicht mal ein Kunde kommt und etwas essen möchte. Die alten Spaghetti, vielleicht von gestern oder auch von vorgestern, kleben nicht nur an der Pfanne, sondern auch am Kocher, auf der Arbeitsfläche, auf dem Boden und überall sonst, wo sie halt kleben können. Dazwischen blankes Chaos.

Die Spaghetti werden in der Pfanne mit viel Öl gebraten. Dann kommen entweder Sardinien aus der Dose oder einfach nur Tomatenpaste dazu. Vielleicht gibt es aber auch nur Nudeln an dem Tag, weil alles andere halt gerade alle ist, obwohl es gegenüber einen Laden gibt, der zumindest Zwiebeln und Eier verkauft.

Gewürzt wird das dann natürlich mit Maggi, denn Maggi kommt an jedes Essen in Westafrika.

Ich bevorzugte allerdings, an diesem Tag den Besitzer der Bude zu fragen, ob ich seinen Gaskocher nutzen darf, um mir selbst etwas in meinem eigenen Topf zu kochen. Wie immer ist das in Afrika kein Problem gewesen. Weil hier wirklich nie irgendwann mal irgendwas ein Problem ist.

Ranger tauchten auf, die mir erzählen wollten, dass ich bereits im Park unterwegs sei und sie wollten meine schriftliche Erlaubnis sehen, mich hier aufhalten zu dürfen. Auf so etwas lasse ich mich aber natürlich nicht ein. Es gab nur diese eine Straße und die war die Grenze zum Park.

Ich hätte nie geglaubt, dass die Strecke so abgelegen ist und konnte leider von dem Park nicht profitieren, denn es gab nur eine Piste, die hineinführte und die war total bewachsen. Es gab angeblich im Park nur an einer Stelle Trinkwasser und wer weiß, wo am Ende die Elefanten wirklich zu sehen gewesen wären?

An einem Abend zeltete ich im hohen Gras und hörte wieder einmal Jäger, die relativ in der Nähe ihr Wild schossen. Kein Wunder, sieht man hier keine Tiere. Andererseits ist es auch total verständlich, denn die Leute haben Hunger.

Hurra, es regnete die ganze Nacht keinen Tropfen, dafür wachte ich dann am nächsten Morgen auf und war umgeben von hunderten von Bienen, die wohl mein knallorgangenes Zelt als Leckerli ansahen.

Heute müssen Zelte ja vor allem für Instagram & Co cool aussehen und nicht mehr ihren ursprünglichen Zweck erfüllen, nämlich um sich zu tarnen und in der Natur zu überleben. Ich hoffe, Zeltfirmen verstehen das irgendwann mal wieder, dass Grün die deutlich sinnvollere Farbe wäre.

Morgens hielt ich eine Sitzung im Gras. Völlig panisch entdeckte ich dann weiße Würmer auf meinem Geschäft, doch eine Sekunde später sah ich, dass eine Flieger sie in Windeseile auf meinen Hinterlassenschaften verteilte. Ein Wurm nach dem anderen. Ich dachte immer, die Fliegen legen erstmal Eier, aber diese Würmer werden krabbelnd geboren.

Auch Wahnsinn, dass die Fliege, das zeitlich schön genial abpassen kann. Bestimmt hat sie schon vor dem Zelt gelauert und gedacht, die Heike muss doch bestimmt gleich eine Sitzung halten. ?

Die Elfenbeinküste endete dann mit einer Nacht neben einer lauten Disco in einem weiteren Puff. Eine Dusche, lecker gegrillter Fisch mit Pommes und eine Möglichkeit, die Klamotten zu waschen, um diesen verdammten Floh wieder los zu werden.

Die Grenzpolizei war bereits 30 Km vor der eigentlichen Grenze und ich war froh, dass mir Laurent, der Franzose, den ich aus Marokko kannte, per WhatsApp Bescheid gab, dass ich bereits in Bouna den Ausreisestempel besorgen muss.

Der Polizist auf der Wache sprach zu meiner riesigen Überraschung dann sogar ein wenig Deutsch.

Am Grenzfluss angekommen, wurden dort Waren auf die andere Seite gebracht. Der eine LKW abgeladen, die Kisten auf Kanus verladen und der LKW auf der anderen Seite wieder beladen.

Ja, all das ist Afrika.

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