Wie immer hatte ich an der Grenze keine Probleme. Drei super freundliche Grenzpolizisten begrüßten mich mit dem typisch coolen „alles easy“ Lachen. Auch sie wollten natürlich gerne nach Deutschland.

90 Tage bekam ich für Ghana, obwohl man mir in Monrovia auf der Botschaft was völlig anderes erzählt hatte, doch umso besser. Ich konnte mir also Zeit lassen und musste somit nicht gleich wieder ins nächste Land hetzen.

Ghana wird als das Anfängerland Westafrikas bezeichnet. Bessere Infrastruktur, mehr Auswahl an Essen, höherer Bildungsstand zudem Englischsprachig. Ich hatte also eine gewisse Vorfreude.

Bevor ich nach Afrika aufbrach, hatte ich mir vorgenommen, mindestens einen Monat in jedem Land zu verbringen, um auch wirklich einen kleinen Eindruck von den Ländern zu bekommen und nicht um einfach nur durchzuradeln und abzuhaken.

Bisher war mir das, mit Ausnahme von Guinea-Bissau, auch gelungen.

Mein Reisetempo fand ich angenehm, obwohl ich oftmals dachte, dass schneller unterwegs sein, auch schneller Abwechslung bringen würde, denn es wiederholte sich doch vieles immer wieder und langweilte mich daher oftmals auch.

Für mich sind Motivationskiller entweder große Länder, bei denen es oft ewig dauert, bis man sie durchquert hat oder Länder, die nicht abwechslungsreich genug sind. Und Westafrika hatte von Letzteren leider zu viele.

Im ersten Ort namens Bole konnte ich es nicht glauben, als ich im Gästehaus meinen gefüllten Papierkorb vor die Türe stellte – ja, es gab dort einen Papierkorb im Zimmer – und dieser wirklich innerhalb weniger Minuten geleert wurde. Bin ich noch in Afrika?

Über den Ort machte sich eine Heuschreckeninvasion breit. Leider machten die Biester auch vor meinem Zimmer nicht Halt. Sie kamen wirklich durch alle Ritzen, obwohl sie eine beachtliche Größe hatten. Auf der Straße sprangen sie mich an, beim Essen landeten sie auf meinem Teller oder in meiner Tasse Tee.

Als ich nach ein paar Tagen weiter wollte, stellte ich fest, dass meine hintere Bremse nicht mehr funktionierte. Leider waren Pannen mittlerweile Standard, immer wieder ging irgendetwas kaputt.

Ich checkte also wieder ins Gästehaus ein und versuchte den ganzen Tag lang, meine BB7 Bremse in Ordnung zu bringen. Mit Hilfe eines Amerikanischen Kumpels, der gerade in Australien mit dem Rad unterwegs war, probierten wir per Telefon nochmals alle Möglichkeiten durch, um das Teil wieder zum Laufen zu kriegen. Leider erfolglos.

Um auf Nummer sicher zu gehen, wechselte ich vorne noch die Bremsbeläge und hoffte, zukünftig auch mit nur einer Bremse auszukommen, denn ich setzte wenig Hoffnung darauf, irgendwo Ersatz zu bekommen.

Das Gras war richtig hochgewachsen und so kam es, dass der Trail, den ich wählte, total überwuchert war. Das hatte aber natürlich den Vorteil, dass – außer mir – dort niemand unterwegs war.

Es war einfach nur herrlich. Ruhe, keine Dörfer, keine Menschen – was für eine Erholung. Leider war der Pfad aber nicht lang genug, um wirklich einen Erholungseffekt zu erzielen, denn irgendwann stand ich wieder in irgendeinem Dorf.

Als ich abends einen Zeltplatz suchte, wartete ich wie immer, bis es fast dunkel war und schob das Rad durchs hohe Gestrüpp in der Hoffnung, dass nun bereits alle zu Hause waren.

Menschen habe ich keine gesehen aber die Musik, die plötzlich von etwas weiter weg losschepperte, war nicht zu überhören. Egal wo, man kann in Westafrika den Menschen nicht aus dem Weg gehen und ich sag’s ganz ehrlich, auf Dauer nervt das. Und zwar richtig.

Der Mole Nationalpark war dann eine ganz andere Liga. Meine Wohlfühloase. Sieht man einmal von den tollen Dromedaren in Marokko und Mauretanien ab, hatte ich hier die ersten wirklich interessanten Tierbegegnungen innerhalb eines ganzen Jahres in Afrika.

Am ersten Abend zeltete ich zusammen mit Iranern auf dem Campingplatz. Wobei man sich da jetzt nicht einen super luxuriösen Platz vorstellen darf. Es gab eine Wiese, eine funktionierende kalte Dusche, sowie ein Klo. Für mich war das absolut okay, für viele andere Touristen aber wohl nicht, denn die schliefen alle im Hotel nebenan. Mit Klimaanlage und TV.

Der Park war das erste touristische Reiseziel seit Atar in Mauretanien. Also mehr als neun Monate her. Das Hotel hatte einen Pool, ein richtiges Restaurant und jede Menge Besucher aus der ganzen Welt.

Ornithologen aus Finnland und England, Backpacker aus allen Herren Ländern, junge Volontäre, die nach dem Abi in Ghana ihrem Voluntourismus nachgehen und NGO’s, die übers Wochenende aus Accra zu Besuch kamen. Alles Kurzzeitreisende.

Und dann gab es mich, mit dem Fahrrad – ich war also wieder mal die Exotin.

Doch hatte ich super Unterhaltungen – und zwar mit nahezu jedem. Ich bin mir ja auch nie zu schade dazu, die Leute einfach anzuquatschen.

Die beiden Iraner waren, wie die meisten Iraner, super freundlich und luden mich sofort zum Essen ein und so verbrachten wir den ganzen Abend am Feuer und erzählten über Gott und die Welt. Iraner haben oft einen ganz anderen philosophischen und oft auch sehr poetischen Gedankengang. Ich finde das sehr anregend.

Mit zwei jungen Schweizern und einem Deutschen versuchten wir gedanklich die Umweltprobleme der Welt zu lösen. Von den Ornithologen ließ ich mir die endemischen Vögel des Parks erklären.

Ein Ärzte – sowie ein Steuerberater-Paar stellten mir jede Menge Fragen zu meiner Reise und durch einen Skilehrer aus Österreich erfuhr ich, wie sehr sich das Verhalten von Eltern und Kindern in den letzten 20 Jahren in seinem Heimatland verändert hat.

Zudem sprach ich mit einem Engländer, der mit einer Chinesin verheiratet ist und mir seine Sichtweise zu China erklärte. Und es gab noch viele andere.

Das sind die tollen Momente einer Reise. Ich liebte den Park alleine schon dafür, dass er es mir ermöglichte, andere Touristen zu treffen und nicht nur solche, die nur auf ihrem Handy rumdrückten, sondern welche, die wirklich Interesse an ihrer Umwelt hatten.

Ich buchte für morgens eine Safari-Fahrt – angeblich die billigste Safari in ganz Afrika. Und ich hatte richtig Spaß. Es war eine Gaudi dort auf dem Jeep zu sitzen und die Welt von hoch oben zu sehen.

Die Landschaft war wie immer: Nichts, was ich nicht schon gesehen hätte. Doch die Tierwelt war natürlich eine andere.

Paviane, verschiedene Antilopenarten, jede Menge Vögel und man sollte es nicht glauben wir sahen sogar Elefanten.

Zu Fuß ging es durchs Gestrüpp. Die Elefanten waren nicht zu überhören und plötzlich drehte der Ranger sich in Windeseile um und sagte, wir sollten Abstand halten.

Und irgendwann sahen wir sie: zwei Elefanten, keine 10 Meter von uns entfernt. Super!

Insgesamt nahm ich an einer ornithologischen Führung, zwei Safarifahrten und einer Nachtfahrt teil und ich muss sagen, der Park war einer der Highlights meiner Zeit in Westafrika.

Die Ranger waren sehr gut ausgebildet und wirklich interessiert, uns die Tierwelt zu zeigen. Eine völlig andere Welt, als etwa im Outamba Kilimi Nationalpark in Sierra Leone.

Als ich von der einen Safari zurückkam, hatten die Paviane mein Zelt durch die Gegend geschmissen und dabei ein Loch in den Boden gerissen. Nun ja, das Zelt war ja eh schon vorher total hinüber, zumal ich es gut mit Klebeband flicken konnte.

Geärgert hatte ich mich nur über die Iraner, die die Paviane fütterten und diese dann natürlich aggressiv wurden.

Eigentlich dachte ich, es haette sich bereits herumgesprochen, dass Wildtiere füttern keine gute Idee ist!

Tsetse Fliegen waren im Park weit verbreitet. Ich war wie immer dauerzerstochen. Es gab keinen einzigen Tag auf dieser Westafrika-Reise, an dem ich nicht irgendwelche juckenden Stiche hatte.

Zumal die Tsetse Fliege auch nicht ganz ungefährlich ist – an der Schlafkrankheit zu erkranken, ist sicherlich nicht empfehlenswert. Die Stiche schmerzen zudem tagelang.

Ich merkte immer mehr, wie müde ich war, müde von Westafrika. Mich zog nichts mehr so richtig auf die Straße.

Ich kam bereits durch zu viele Dörfer, die am Ende alle gleich aussahen. Das Essen war zwar seit Ghana deutlich besser, mit den Leuten konnte ich mich auch etwas besser austauschen, als in den vorherigen Ländern, aber es war doch immer noch sehr dürftig.

Ich merkte, dass ich mit Westafrika schon ein bisschen abgeschlossen hatte. Ich fing an, den Menschen aus dem Weg zu gehen, es war mir zu anstrengend geworden. Sicherlich tat ich dabei dem einen oder anderen Unrecht, aber mein Interesse war einfach verflogen.

Ich brannte nicht mehr darauf, zu erfahren, wie oder warum sie die Dinge so tun, wie sie es machen. Das einfache Leben der Menschen hatte ich gesehen – da kam nicht mehr viel Neues – da war ich mir nun sicher.

Aber aufgeben? Der Gedanke tat erstmal noch weh.

In Damango erfuhr ich durch Zufall, dass in dem Dorf Missionare leben und so erhoffte ich mir Kontakt zu Westlern.

Die Missionarsfamilie empfing mich herzlich. Ich hatte den Eindruck, sie freuten sich genauso auf Abwechslung, wie ich. Wir besuchten zusammen ein Fest, aßen leckeres Essen, schauten Filme und redeten über alles Mögliche. Keiner wollte mich bekehren, was ich den Menschen immer hoch anrechne.

Der Regen war vorbei und die drückende Hitze zurück. Die Baobabs verloren schon wieder ihre Blätter und die matschigen Pisten waren nun wieder nur noch staubig.

Wahnsinn, wie schnell der Wechsel von der Regen- zur Trockenzeit stattfindet. Normales Wetter oder sagen wir, angenehmes Wetter, gibt es hier anscheinend nicht. Schon bald wird der „Harmattan“ wieder durchs Land peitschen und Wind und Sand werden mir erneut um die Ohren fliegen. Bock hatte ich da keinen drauf.

Zumal ich nun immer wieder gelegte Brände sah und der Rauch in der Luft lag. Farmer brannten die Gräser ab, um die Böden zum Anbau zu nutzen.

Was für eine Tortur, hier sein Leben unter diesen klimatischen Bedingungen zu verbringen – und wie wird das erst für die Menschen, wenn die Klimakrise schon bald ihre vollen Auswirkungen zeigt?

Kaum vorstellbar! Sie werden sich irgendwann alle auf den Weg machen müssen – in eine für sie fremde Welt – es bleibt ihnen gar nichts anderes übrig.

Hoffentlich begreifen wir reichen Nationen irgendwann einmal oder am besten schon bald, dass die Leidtragenden unseres immensen Wohlstandes die ganz armen dieser Welt sind. Die Menschen, die am allerwenigsten etwas dafür können, werden am meisten bestraft.

An einer Tankstelle fragte ich nach einer Möglichkeit, zu zelten. Ein Junge sagte: „schlaf doch in meinem Bett. Ich habe heute an der Tankstelle Nachtdienst, ich gehe heute sowieso nicht schlafen.“

„Prima, lieben Dank“, und er zeigte mir sein Zimmer und ich schlief die Nacht über super gut. Kaum Lärm, keine Musik, keine Ziegen oder sonstige Dauerbeschallung. Angenehm. Zudem perfekte Gastfreundschaft!

Auch in so einer Situation denke ich dann immer wieder an die Heimat.

Wie viele Afrikaner werden wohl in irgendwelchen deutschen Schlafzimmern eine Nacht verbringen dürfen? Würde ich einen Fremden in meinem Bett schlafen lassen, den ich gerade erst auf der Straße aufgegabelt habe?

Warum tun wir uns so schwer damit und warum haben andere Kulturen so eine außerordentliche Gastfreundschaft?

Durch die Missionare in Damango kam ich mit weiteren Missionaren in Tamale in Kontakt. Tamale ist eine größere Stadt – laut, hektisch, dreckig und unattraktiv.

Christy, Daniel, Nathaniel, Anna und Ruth empfingen mich wie ein Familienmitglied. Eine wunderbare Missionars-Familie aus den USA.

Jeder der meinen Blog regelmäßig liest (und ich hoffe, es sind ein paar von Euch 😊), weiß ja mittlerweile, dass ich nicht gläubig und wirklich auch sehr kritisch den Missionaren gegenüber bin.

Und doch muss ich sagen, dass es mich immer wieder beeindruckt, wenn Menschen so sehr mit ihrem Gott und sich selbst im Reinen sind, dass sie täglich aus tiefster Dankbarkeit einfach glücklich und vor allem zufrieden sind.

Es gibt wie bei allem eben immer zwei Seiten. Und ich versuche immer beide Seiten zu sehen.

Dankbar sein ist etwas ganz Wichtiges im Leben und viele von uns haben schon lange vergessen, für all das, was wir haben, auch dankerfüllt zu sein. Wir nehmen Dinge viel zu sehr für selbstverständlich.

Wie gesagt, ich bin nicht gläubig und habe es auch nicht vor, zu werden. Ich bin aber dennoch beeindruckt, wenn ich unter Menschen bin, die nicht aus „Macht“ einen Gott verehren und diese „Macht“ missbrauchen, sondern wenn Menschen ehrlich und aus tiefster Überzeugung an Gott glauben.

Vor allem dann, wenn sie auch weltoffen sind und wirklich jeden Menschen achten, willkommen heißen und ehren, egal welcher Hautfarbe, Religion oder Nation er oder sie ist.

Die Wärme, die diese Menschen ausstrahlen, ist einfach Klasse. Der respektvolle Umgangston untereinander, die Freundlichkeit und der Zusammenhalt sind beeindruckend.

Die Familie arbeitet hart, die Kinder sind fleißig und man hört keine Klagen, kein Meckern, keine Unzufriedenheit. Die ganzen 10 Tage waren sie gut gelaunt.

Die Mutter hatte durch ihre ruhige Art eine besondere Ausstrahlung und den Kindern gegenüber eine Autorität, ohne auch nur einmal ein böses Wort zu sagen.

Eines ist auf jeden Fall sicher: Gläubige ziehen eine enorme Kraft aus ihrem Glauben.

Im Laufe der Jahre habe ich das immer wieder feststellen können und ich lehne mich heute nun ziemlich weit aus dem Fenster und behaupte, dass Gläubige, also nicht die, die den Glauben ausnutzen, sondern die, die wirklich überzeugt davon sind, dass Gott auf sie aufpasst, die glücklicheren Menschen sind.

Wie auch immer der Gott heißen mag, den sie anbeten, er oder sie gibt ihnen Hoffnung, Wärme, nimmt ihnen die Angst und beschützt sie jeden Tag.

Christy war eine super Köchin, zudem unterrichtete sie ihre Kinder zu Hause. Ich bekam dreimal am Tag etwas Leckeres serviert und mir wurde jedes Mal genau erklärt, wie es zubereitet wurde.

Und ja, ich war richtig dankbar.

Mit neuer Kraft ging es nach 10 Tagen weiter. Die Familie stand gemeinsam mit draußen, winkte mir noch lange nach und rief mir zu: „Heike, we love you“.
Ich hatte Tränen in den Augen, so gerührt war ich.

In einer Privatklinik ließ ich mein Blut untersuchen. Ich wollte wissen, ob ich mir bisher irgendetwas eingefangen hatte. Ein Glück war soweit alles in Ordnung.

Die staubige Piste, entlang des drittgrößten Stausees der Welt – der Voltasee – war nichts Besonderes. Staub halt, Büsche und Dörfer.

Mit der Kraft, die mir die Familie gab, radelte ich am ersten Tag fast 100 Kilometer. Dann versteckte ich mich in den Büschen, stellte mein Zelt auf und lauschte den Afrikanischen Klängen der Nacht.

Motorradfahrer, scheppernde Musik und Stimmen bis spät in die Nacht.

All diese Klänge hatte ich mir in meiner Naivität total anders vorgestellt. Bevor ich nach Afrika kam, hatte ich mir einsame Nächte ausgemalt: Tierbegegnungen, ab und an trommelnde Menschen, die bis spät in die Nacht hinein miteinander tanzten.

Doch davon war hier keine Spur. Nirgends in Westafrika.

Am nächsten Morgen fuhren auf der Piste viele Autos an mir vorbei und ich wurde pausenlos in Staub eingenebelt, nichts, was ich nicht kannte, aber es löste etwas in mir aus. Irgendwo brachte es ein wenig das Fass zum Überlaufen.

Ich dachte an John, einem Tourenradler aus Australien. Er postete vor ein paar Jahren auf seiner Facebook Seite: „I have enough of this shit, I am going home – ich habe genug von dem Scheiß, ich geh‘ nach Hause.“

Oder Forrest Gump, der vorm Monument Valley seinen jahrelangen Lauf durch die USA abbrach und sagte: „Ich bin müde, ich geh‘ jetzt nach Hause.“

Westafrika war anstrengend, arm, schockierend. Trotz der vielen sehr freundlichen Menschen, die kunterbunt und sauber gekleidet waren, war ich isoliert.

Ich war immer die Weiße, die Reiche, die Besondere. Ich war immer und überall herzlich willkommen, ich hätte auch sicherlich überall bleiben können, wenn ich gewollt hätte.

Aber: Es machte mich einsam.

Ich konnte zudem den Menschen nicht aus dem Weg gehen – meine so sehr geliebte Freiheit und Weite hatte ich hier nicht, die vielen Menschen waren nicht mein Ding. Der geringe Bildungsstand brachte mir keine intellektuelle Herausforderung, interessante Gespräche gab es viel zu selten. Es war einfach zu wenig.

Ich hatte das Gefühl, depressiv zu werden, – ich fühlte mich einsam unter ganz vielen lieben und herzlichen Menschen.

Ich setzte mich an den Straßenrand, überlegte und beschloss, mir eine Bleibe zu suchen, um eine Entscheidung zu treffen.

Obwohl ich nur noch wenige Kilometer von Togo entfernt gewesen war, – ein neues Land zum Greifen nahe hatte ich das Interesse verloren. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass es dort in irgendeiner Form irgendetwas Neues zu sehen gab.

Auf dem Weg dorthin funktionierte meine vordere Schaltung nicht mehr. Ich entdeckte, dass die Hülse des Schaltkabels nicht nur total verrostet, sondern auch total zerfetzt war. Die Schaltung konnte somit nicht mehr funktionieren.

Ich versuchte die Hülse freizulegen und ersetzte das Schaltkabel. Doch die Schaltung wollte einfach nicht mehr schalten. Um den automatischen Sprung der Kette vom großen zum mittleren Kettenblatt zu unterbinden, fing ich an, den Umwerfer abzubauen, doch der war nur mit Nieten zusammengehalten und daher konnte ich den nicht einfach so entfernen. Die Idee war, zumindest noch händisch schalten zu können.

Ich musste also die Kette mit meinem Kettennieter öffnen und – wer hätte es gedacht? Mein Kettennieter brach und der Niet steckte im Kettenglied fest. Jackpot!

Bei 40 Grad Hitze und ohne Schatten versuchte ich also mit aller Kraft, diesen blöden Bolzen wieder zu entfernen und nachdem ich seit Monrovia wieder eine Ersatzkette dabei hatte, ging es irgendwann dann doch wieder weiter.

Zum Glück musste ich in dieser flachen Gegend ja nicht oft händisch schalten.

„Was mache ich jetzt?“ Stand mit riesigen Buchstaben auf meiner To-do Liste?

Meine Ausrüstung ist total im Eimer und ich bin in Westafrika – egal wo ich von hier aus hinfliege, es wird teuer.

Ich rief Frank an – einen Kumpel von zu Hause – und fragte ihn um Rat. Wir diskutierten hin und her und er meinte zu mir: „Komm‘ doch erstmal nach Hause. Deine Mutter freut sich, deine Ausrüstung bringst du wieder auf Vordermann, du kannst ein bisschen durchatmen und dann geht’s wieder weiter. Jeder braucht mal eine Pause.“

„Nach Hause? An Weihnachten? In die Kälte? Und in den Weihnachtswahnsinn? Da hast du ja eine tolle Idee“! (wobei mir natürlich dieser Gedanken schon lange selber durch den Kopf ging).

Ich versuchte aber krampfhaft, doch noch eine andere Lösung zu finden, zudem wollte ich auch aus Umweltgründen den Flug umgehen. Aber Schiffe und Segelboote von Ghana aus zu finden, war aussichtslos.

„Ich fliege nach Südamerika, das ist doch viel besser. Dann habe ich endlich wieder Natur, Weite und kann mein Zelt aufstellen, wo ich möchte.“

Woraufhin Frank meinte: „Ich kenn‘ dich, wenn ich dir jetzt zu irgendetwas rate, dann machst du eh genau das Gegenteil.“ Womit er natürlich Recht hatte, das hörte ich von meinen Freunden ja nicht zum ersten Mal 😉

Das Gespräch ging sicherlich 2 Stunden und ich wollte den Flug nach Brasilien bereits buchen, war mir aber eben doch noch nicht ganz sicher.

„Weißt Du was, ich gehe jetzt erst nochmal spazieren und ruf dich wieder an“. Und ich lief durch die dunkle Nacht, schaute in die Sterne, soweit ich sie in der städtischen Umgebung sehen konnte, und trank einen Tee; dachte an die Missionarsfamilie und wie schön es dort in dieser familiären Umgebung war und redete mit meiner Kumpeline Anette über WhatsApp.

„Wenn ich dir jetzt was rate, dann machst du eh genau das Gegenteil“, bekam ich auch von ihr zu hören. „Aber wenn du mich fragst, dann komm’ nach Hause, ich freu‘ mich sehr, dich zu sehen und deine Mutter ganz sicher auch. Du bleibst ja dann eh nicht lange. Du kannst doch jederzeit wieder losziehen, mach doch einfach mal Pause.“

Frank sollte mir den Flug buchen, denn ich selber habe keine Kreditkarte. Ich rief ihn also wieder an und er meinte: „Und – was buchen wir jetzt?“

„Frankfurt, ich komme heim“ und ich hörte jemanden auf der anderen Seite laut lachen. Dann lachten wir beide und ich spürte eine richtige Erleichterung. Ja ich wollte nach Hause!

Auf dem Weg zum Flughafen entwickelte ich plötzlich wieder neue Energie, die, die mir zuvor verloren gegangen war. Ich kam plötzlich wieder vorwärts, das Ziel Heimat gab mir Kraft.

Doch war ich weiter hin- und hergerissen, ich traf so viele freundliche Leute, so viele Menschen, die mich herzlich begrüßten und sich freuten, mich zu sehen, dass ich schon wieder fast bereute, was ich entschieden hatte.

Ich sah Kinder, die mit ihren eigenen Stühlen zur Schule liefen und Schulunterricht, der im Freien stattfand.

Doch dann spielte Alkohol plötzlich mehr und mehr eine Rolle. Ich war aus den muslimischen Gegenden nun draußen und kam zu den Christen. Der Verkehr nahm zu, es tauchten ein paar Hügel auf, aber es war deswegen noch lange nicht wirklich spannend.

Leute wurden aggressiver und ich wurde automatisch schneller. Zumal ich kaum noch Zeit hatte, der Flug ging ja schon bald. Doch den Bus nehmen wollte ich nicht, denn ich bin bisher, außer der unvermeidbaren Bahnfahrt in Mauretanien, noch keinen Meter mit einem anderen Verkehrsmittel gefahren, da wollte ich mir doch nicht am Schluss noch meine Statistik versauen.

Zum Abschluss in Accra ging ich zu einem der vielen Automechaniker am Straßenrand, um mir einen 15’er Schlüssel auszuborgen, um meine Pedale für den Flug abzuschrauben. Natürlich fanden wir in dem Chaos nicht den passenden Schlüssel.

Erst versuchten wir es mit einer Zange und einer der Jungs, ruinierte damit fast das Gewinde. Danach kam ein anderer auf die glorreiche Idee, einen 17‘er Schlüssel mit einer Zange auf die Größe eines 15‘er Schlüssels zu hauen. Wie man sich sicherlich vorstellen kann, scheiterte das kläglich.

Ein anderer radelte los und brachte von irgendwoher einen 15’er Schlüssel, den er dann aber ruinierte, da der Schlüssel auseinanderbrach.

Gebrüll und hektisches Diskutieren und wieder fuhr einer los und holte von irgendwoher einen weiteren 15’er Schlüssel, der dann geschickt mit einem 18’er eingekeilt wurde, um damit einen besseren Hebel zu bewirken und am Ende waren beide Pedale locker.

„Was, Du bist den ganzen Weg von Deutschland hierher geradelt und nun fliegst du heim? Nimmst du mich mit?“ fragte einer und ich konnte nur mit dem Kopf schütteln und dachte, dass sich seit Marokko bei der Unterhaltung nichts verändert hat, es sind und bleiben die gleichen Fragen.

Ich schob mein Rad das letzte Mal durch Dreck und Müll, querte den stinkenden und chaotischen Verkehr der Hauptstadt und nahm Abschied von einer Reise, die die reinste Achterbahn der Gefühle war.

Afrika hat mich tief beeindruckt, erschüttert und berührt. Meine Erlebnisse werde ich sicherlich so schnell nicht wieder vergessen – ich denke sogar sie werden mich mein Leben lang begleiten.

Es war ein hart erarbeitetes aber ein sehr lehrreiches Jahr.

Was ich definitiv gelernt habe, ist, dass Westafrikaner ihre teils verheerenden Lebensumstände deutlich positiver und fröhlicher meistern als wir unseren unendlichen Reichtum.

Die vielen fröhlichen Menschen, die leuchtenden Augen der Kinder, wenn sie mir zuriefen „Weißer Mann, weißer Mann“ in die Hände klatschten und zu tanzen begannen, werde ich ganz sicher vermissen.

Ich bin dankbarer geworden, ruhiger, ausgeglichener, geduldiger und habe gelernt, dass nahezu nichts ein Problem ist, solange es nicht um Leben und Tod geht. Afrikaner sind Meister darin, die positiven Seiten des Lebens zu sehen, selbst wenn alles noch so negativ erscheint.

Wir alle können voneinander lernen und obwohl ich oft Schwierigkeiten hatte, mich mit den Menschen auszutauschen, habe ich eines ganz sicher gelernt: dankbar zu sein.

Danke Afrika, irgendwann komme ich wieder, vielleicht sogar schon sehr bald, dann jedoch sicherlich nicht noch einmal nach Westafrika. Aber wer weiß, manchmal ändere ich meine Meinung ja sehr schnell.

Die Flughafenhalle war das Paradies auf Erden. Kein Staub, kein Dreck, keine Hitze, sondern Klimaanlage. Zudem Sitzplätze und so sauber wie seit Spanien nicht mehr. Ich hatte vor lauter Freude sicherlich feuchte Augen.

Dass ich, Heike, jemals erwähnen würde, dass ich eine Flughafenhalle als angenehm empfand, zudem sauber und paradiesisch, ist erschreckend, da ich die Natur und den Dreck ja eigentlich liebe.

Aber Dreck und Dreck sind auch verschieden, was nicht heißen soll, dass die Menschen dreckig sind, nein ganz sicher nicht. Ich war oft extrem beeindruckt wie die Menschen unter diesen Bedingungen so saubere Kleider tragen können. Afrikaner legen viel Wert auf ihr Äußeres.

Wenn ich die Heimreise von dieser Reise mit jener der letzten vergleiche, weiß ich, dass das zweite Mal heimkommen kein Problem mehr ist. Ich freute mich diesmal richtig auf „zu Hause“. Vor allem wusste ich ja, dass ich schon bald wieder losziehen würde.

Drei Monate war ich auf Asyl bei meiner Mutter, bevor ich Anfang März 2020 wieder aufbrach:

Südamerika ist nun an der Reihe. Startpunkt ist Kolumbien und diesmal wird die Reise anders weiter gehen, sofern sie unter den derzeitigen Covid-19 Umständen weiter gehen kann.

Seit 5 Wochen sitze ich in einem Hostel in Kolumbien im totalen lockdown, der nun vorerst bis zum 11. Mai verlängert wurde. Was dann passiert steht in den Sternen.

Ich hoffe, dass die Welt in dieser Krise auch auf Afrika schaut – einem Kontinent, auf dem nicht nur die nötigen medizinischen Einrichtungen fehlen, sondern auf dem sicherlich viele Menschen an Hunger sterben werden!

 

An meine lieben Unterstützer:

Wartest Du sehnsüchtig auf eine versprochene Postkarte von mir?
Es tut mir sehr leid, dass ich seit Dezember keine mehr verschicken konnte!
Sobald Geschäfte und die Post wieder geöffnet sind, schicke ich sie so schnell wie möglich los!

Nochmals herzlichen DANK für Deine Unterstützung und Geduld!

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