„What‘s your mission? – Was ist Deine Mission?” knallte mir der Grenzbeamte um die Ohren, als ich über den winzigen Grenzübergang ganz am östlichen Ende des am Gambia Fluss liegenden kleinen und unbekannten Landes um einen Stempel bat.

Puh, endlich sprechen die Leute wieder Englisch war mein erster Gedanke. Und der zweite war, dass ich aber nun auch sicherlich endlose Diskussionen haben werde. Diskussionen darüber, ob ich sie mit nach Deutschland nehme und warum ich hier bin.

„Ich habe keine Mission. Ich möchte Afrika sehen“, gab ich zur Antwort.

„Mit dem Fahrrad?“, hörte ich als provokante Frage. „Ja, mit dem Fahrrad!“ legte ich nach.

Irritierend schaute er mir in die Augen und schüttelte den Kopf und fügte hinzu „und wer bezahlt dich dafür?“

„Natürlich niemand. Ich mache das freiwillig. Es macht riesen Spaß die Welt kennenzulernen. Afrika ist faszinierend“ setzte ich hinzu.

„Ich glaube dir kein Wort“ schnippte er nach. Dann überlegte er und meinte „Wer schickt dich? Dein Land?

„Nein, wer sollte daran Interesse haben, außer ich selber?“

Wo willst du hin? Hast du eine Karte? Zeige sie mir!“ wurde sein Ton lauter.

„Ich reise seit vielen Jahren mit dem Fahrrad, ich finde den Weg schon alleine, keine Sorge“ und versuchte ein Lächeln mit dran zu hängen.

„Ich bin hier der Boss. Zeige mir Deine Karte sonst kannst Du gleich wieder zurück nach Senegal radeln“, kam als nächstes.

Nachdem er nach 5 Minuten noch nicht deuten konnte, wo wir uns auf der Karte befanden, zeigte ich ihm die Stelle, nahm ihm daraufhin die Karte aus der Hand und stellte ihm die Frage ob ich hier irgendwo zelten könnte.

Während er meinen Pass stempelte und mir erklärte, dass das aber nicht das eigentliche Visum sei, sondern dass ich mir das erst im nächsten Ort besorgen muss, etwa 50 km von hier, grummelte er irgendetwas von „du kannst ja da vorne auf der Straße schlafen!“

Dann aber mischte sich ein anderer Beamter ein und half mir.

„Komm ich zeig dir unseren Hof. Hier kannst du zelten. Wir haben Wasser und ein Klo. Du solltest nur einfach morgen weiterfahren.“ Kaum später brachte er mir noch etwas zu Essen und einen Eimer zum Waschen.

Gambia war einst Britische Kolonie. Manche Gambier sprechen ein hervorragendes Englisch, andere wiederum kein Wort, aber ich war wirklich sehr überrascht wie gut ich mich hier unterhalten konnte.

Im Allgemeinen muss ich sagen, bin ich tiefst beeindruckt wie viele Sprachen hier in diesem Teil Afrikas jeweils von den Menschen gesprochen werden.

Da wird von Wolof nach Mandinka gewechselt und von Pular zu Englisch. Als wäre es das normalste der Welt. In jedem Dorf spricht man eine andere Sprache und selbst innerhalb des Dorfes gibt es unterschiedliche Volksgruppen.

Freundliche Menschen, die stolz sind, dass ihr Land „The smiling coast“, also die lächelnde Küste genannt wird.

„Toubab Toubab – Weisser Weisser“ riefen und winkten mir die Menschen auch hier pausenlos zu. In jedem noch so winzigen Dorf mindestens 20-mal. Lachende Kinderaugen, neugierige Blicke. Hände schütteln, dann zwischendurch noch ein „give me – gib mir“ und weiter geht’s.

Am Dorfende sehe ich bereits am Horizont die nächsten Häuser. Zeit zum Durchatmen bleibt mir da nur für 2-3 Minuten, dann wieder „Toubab Toubab und immer wieder auch „give me – give me“.

Den ganzen Tag lang.

Es ist anstrengend. Die Hitze kommt dazu. Es hat täglich über 40 Grad. Dafür aber hat es große Bäume, unter denen ich immer wieder im Schatten sitzen kann um Pause zu machen. Genau wie die Männer. Nur sitzen sie dort den ganzen Tag.

Hier ganz im Osten des Landes gibt es keine Arbeit. In der Trockenzeit ist auf den Feldern nichts zu tun. In den winzigen Dörfern hat es evtl. einen kleinen Lebensmittelladen, aber das war es auch schon an Dienstleistungsjobs. Und sonst? Kein Strom und nahezu nichts zu kaufen. Einseitige Ernährung wo immer man schaut.

Hausarbeit ist Frauen- oder Mädchenarbeit. Wie im Senegal auch, tragen sie das Wasser vom Brunnen per Kanister auf dem Kopf nach Hause. Waschen, kochen, putzen und versorgen die Kinder.

Und die Männer? Eine patriarchalische Gesellschaft! Sie schauen halt zu.

Friedlich ist es hier. Ich sehe keine Aggressivität. Ich sehe vor allem unendlich viele Kinder.

Ich machte Pause bei einer Polizeikontrolle und wurde dort zum Mangoessen eingeladen. Autos hielten an, die Fahrer steckten den Beamten Geld in die Hand und fuhren weiter. Irgendwann fragte ich die Polizistin warum sie ihnen Geld geben müssen, daraufhin sagte sie: „Sie helfen uns. Wir verdienen nicht viel, das ist unser Zubrot.“

Einer der Polizisten fragte mich wo ich hin möchte. „In Richtung Banjul,“ gab ich zur Antwort. „Banjul? Das sind 450 km, das kannst du niemals mit dem Fahrrad fahren“ meinte er zu mir. „Doch, glaube mir das kann ich.“

„Ich habe noch nie eine Frau gesehen, die bis ins nächste Dorf mit dem Fahrrad fährt. Frauen können das nicht, sie sind zu schwach dafür. Genau wie in der Schule, die Jungs haben immer bessere Noten als die Mädchen,“ legte er nach.

Die Baobabs begeisterten mich weiterhin.

Ich entdeckte eine riesige Eule und sah die ersten Paviane. Eine große Herde von bestimmt 50 Pavianen querte die Straße.

Ich bin in Afrika, wow, wie genial ist das denn? Ein Blitzgedanke der mich die Anstrengungen und die brutale Hitze für einen kurzen Augenblick vergessen ließen.

“Sie haben mich manchmal Affe genannt“ gab mir ein aus England nach 10 Jahren zurückgekehrter Gambier zur Antwort, als ich ihn fragte wie er in Europa behandelt wurde.

„Mein Platz ist hier in Afrika. Ich bin Afrikaner, ich möchte wieder zu Hause leben. Afrika macht mich glücklicher“ fügte er hinzu.

„Es war oft kalt, dann der viele Regen und die fremde Kultur. Klar, im Sicherheitsdienst habe ich viel Geld verdient, aber es hat mich nie wirklich befriedigt. Zu Hause habe ich meine Familie und Freunde.“

„Wir haben es doch so schön hier. So viel Natur. Wir leben draußen, sitzen zusammen und plaudern und verbarrikadieren uns nicht hinter verschlossenen Türen. Aber wir sind arm, sehr arm.“

In jedem Dorf scheint es eine Flüchtlingsgeschichte zu geben. „Nimm mich mit nach Deutschland“ ist auch hier die tägliche Standardfrage“.

Eine Nacht verbrachte ich auf einer Polizeistation. Drei junge Polizisten ließen mich bei ihnen zelten und luden mich zum Essen ein. Sie alle träumten davon eines Tages als Polizisten in Deutschland zu arbeiten.

Ich versuchte ihnen den ganzen Abend ihre paradiesischen Vorstellungen meiner Heimat in eine realistische Form zu rücken und vor allem versuchte ich ihnen klar zu machen, dass sie ganz sicher niemals als Polizisten einen Job bei uns bekommen werden.

Das traurige ist, sie glaubten mir kein Wort, wobei es wirklich eine sehr interessante Unterhaltung war.

Sie sehen Bilder und Videos aus der Westlichen Welt und den Wohlstand den wir besitzen und wollen natürlich das gleiche besitzen – das ist völlig menschlich – und somit sind da jegliche Erklärungen meinerseits fast schon Zeitverschwendung.

Sie hatten irgendwelche Kumpels die über Libyen nach Europa geflüchtet sind. Und anscheinend sind sie pausenlos in Kontakt mit ihnen und bekommen nur positive Nachrichten.

„Sie haben Jobs und verdienen viel Geld“ hörte ich sie sagen.

Auf meine Frage hin, was denn diese Kumpels an Arbeit haben, kam allerdings nicht mehr viel. Sie wussten es nicht. Und auf meine provokante Frage hin, ob es vielleicht sein könnte, dass die Kumpels ihnen nur Lügen auftischen, um damit die Situation besser darzustellen als sie ist, fingen sie plötzlich an untereinander heftig zu streiten.

Der eine gab zu, dass er diese Gedanken auch schon hatte, während die anderen das Gegenteil behaupteten.

Auf dem Weg nach Georgetown traf ich einen Teenager. „Kannst Du mir ein Visum nach Deutschland besorgen“ waren seine Worte. „Das Visum ist sehr teuer. Ich habe keine 1000 Euro. Kannst Du mir helfen?“

„Was willst Du denn dort?“ antwortete ich ihm. „Ich möchte dort arbeiten. Ich möchte meine Familie unterstützen. Wir sind arm.“

„Und warum gerade Deutschland? Du sprichst kein Wort Deutsch. Warum nicht England?“ legte ich nach.

„Deutschland ist das beste Land und sie nehmen uns Afrikaner auf und sind freundlich zu uns“, bekam ich zu hören.

Ich unterhielt mich auch mit ihm sehr lange und erzählte ihm von unserem ansteigenden Rassismus und den vielen negativen Begleiterscheinungen denen er ausgesetzt sein wird, sollte er jemals nach Europa kommen.

„Es gibt keinen Job für dich und mit einem 3 Monatsvisum kannst Du sowieso nicht arbeiten“, legte ich nach.

„Aber die anderen haben doch auch Jobs und schicken Geld heim. Ihre Familien in unseren Dörfern haben schöne Häuser und immer was zu Essen. Ich habe oft gar nichts zu Essen. Sie haben es doch auch geschafft. Ich will es auch schaffen!“ und mit diesen Worten beendeten wir das nicht zu lösende Thema.

Zum Abschluss fragte ich ihn, wie denn Georgetown sei. „Georgetown ist ganz toll“ antwortete der Junge. Und was ist daran so toll fragte ich ihn. „Dort gibt es Strom“.

Viele Leute glauben oft, dass so eine Radreise vor allem wegen des Radfahrens anstrengend ist. Da muss ich aber sagen, dass das Radfahren oftmals das kleinste Problem ist, vor allem hier in der bolzgraden Ebene entlang des Gambia Flusses und vor allem auch bei dem langsamen Tempo mit dem ich unterwegs bin.

Die mentalen Anforderungen hier in Afrika sind da doch weitaus anspruchsvoller, vor allem, weil ich alleine bin. Ich kann mich nie mit anderen Westlern austauschen, außer per Telefon.

Ich würde andere Reisende gerne fragen, wie es ihnen hier draußen ergeht. Was sie denken und fühlen, wenn sie die geballte Ladung Afrikas täglich erleben.

Bin ich die einzige, die Schwierigkeiten mit der Bettelei, dem Müll und der Ungerechtigkeit des Lebens hat? Es fühlt sich manchmal an wie eine innere Ohnmacht? Achterbahnfahrt der Gefühle trifft es wohl am besten.

Die Stimmungsschwankungen, denen ich pausenlos ausgesetzt bin, sind extremer als anderswo. Dieser Teil Afrikas ist anders als alles was ich bisher erlebt habe. Einfach sehr intensiv. Außerdem weiß ich natürlich, dass ich noch lange nicht im ärmsten Land Afrikas angekommen bin. Das ist wohl erst der Vorgeschmack. Gambia liegt auf Platz 20 der ärmsten Länder der Welt.

Wenn ich in die Kinderaugen schaue, die mir ihre Hände entgegenstrecken und nach meiner Flasche fragen, nach meinem T-Shirt oder gleich nach meinem ganzen Fahrrad, kann ich mir hundertmal einreden, dass es nicht meine Schuld ist, dass es hier so ist wie es ist. Doch der bittere Beigeschmack geht davon nicht weg.

Ich komme aus einer privilegierten Welt. Ich habe alles was ich brauche, weil ich Glück hatte an der richtigen Stelle des Planeten geboren worden zu sein. Diese Kinder hier hatten das nicht.

Doch mein innerer Schutzengel kommt dann mit so Gedanken wie diesen hier:

Ich bin aufgewachsen mit den Zweite-Weltkrieg-Schuldgefühlen, die wir Deutschen der Welt gegenüber bis heute haben, und wenn ich ehrlich bin, bin ich es leid, für etwas verantwortlich gemacht zu werden, wofür ich nichts kann. Ich persönlich habe diese Menschen hier weder kolonialisiert noch ausgebeutet.

Und doch ist meine Hautfarbe weiß und ich muss gefühlsmäßig dafür geradestehen, was wir Weißen hier hinterlassen haben. Ob ich das will oder nicht.

Doch weiß ich noch nicht einmal ob die Menschen mir das überhaupt vorwerfen oder ob es sich für mich einfach nur so anfühlt? Ich habe erst ein einziges Mal von einem Afrikaner gesagt bekommen, dass wir Weißen an allem Schuld haben. Sonst immer nur von anderen Weißen, die wohl die gleichen Gewissensbisse durchmachen wie ich.

Schuldgefühle sind unangenehm und ich versuche mich täglich davon zu befreien. Sie lähmen mich und nehmen mir die Freude und das ist nicht gut.

Wenn ich wollte könnte ich es mir ja auch einfach machen und wie andere Touristen am Strand liegen und in die touristischen Ecken reisen. Dort wo sie auf andere Westler treffen, leckeres Essen bekommen, in tollen Unterkünften schlafen und den Rest der Wirklichkeit einfach ausblenden und das dann Urlaub nennen.

Aber das ist für mich wie Nudeln ohne Sauce oder Party ohne Gäste. Oder wie ein Mann wohl sagen würde, wie Sex mit Gummi.

Wenn ich mich gerade von den letzten Kinderaugen losgerissen habe, schaue ich schon bald darauf in die nächsten und das Spiel geht von vorne los. Manchmal sehe ich darin einfach nur Freude und Leichtigkeit, aber mindestens genauso oft sehe ich auch eine Hoffnung, eine Erwartung die ich nicht erfüllen kann und auch nicht erfüllen will. Ich kann diesen Menschen nicht helfen, sie müssen sich selber helfen.

Vielleicht sehe ich in ihren Augen aber auch immer mich selber. Bin ich gut drauf, sehe ich sie positiv leuchten, bin ich schlecht drauf sehe ich die Erwartungen. Ich glaube am Ende ist es wohl so, dass ich des Öfteren einfach überfordert bin.

Wer will schon gerne sehen, dass Menschen unter miserablen Bedingungen leben?

Und was sind eigentlich miserable Bedingungen?

Hungern sehe ich hier niemanden, auch sehen die Menschen nicht krank oder unterernährt aus. Die Männer sind muskulös, die Kinder klettern und rennen deutlich besser als Kinder in der westlichen Welt es können und die Frauen sind durchtrainierter als Westlerinnen, die ins Fitness-Studio gehen.

Ich glaube, wovon ich wohl am meisten überrascht, schockiert oder auch enttäuscht bin, ist die Tatsache, dass ich mir eingebildet habe, dass Afrika noch ein wenig heile Welt ist. Eine Welt in der es eben nicht nur ums Geld geht. Allerdings war das wohl nur eine Phantasie.

Vielleicht hat sich das auch erst in den letzten Jahren so sehr ins Negative entwickelt, seitdem der Feind – das Handy – in unsere Welt getreten ist und uns die fernen Welten direkt vor die Haustüre gebracht hat. Selbst irgendwo in den Busch in Afrika. Denn wenn die Menschen hier etwas besitzen, dann ist es ein Handy.

Weiß sein in Afrika ist natürlich bei weitem nicht mit den Problemen zu vergleichen wie schwarz sein in Europa oder anderswo, aber immer Mittelpunkt des Geschehens zu sein und als Geldgeber und Helfer in allen Lebenslagen angesehen zu werden ist nicht einfach.

Doch gibt es eben auch die andere Seite. Die Menschen teilen gerne. Jeden Tag aufs Neue werde ich aufgerufen bei ihnen zu essen, bei ihnen zu übernachten oder mit ihnen Tee zu trinken. Dann löffele ich mit den Männern aus einer gemeinsamen Schüssel, wir lachen und die Welt ist wieder in Ordnung.

Gambier haben ein ganz besonderes lachen. Herzlich, offen und vergnügt. Und was mich noch mehr beeindruckt ist wie schön sie alle sind. Wunderschöne Menschen.

Ihre Häuser und Grundstücke halten sie sauber. Die Frauen kehren jeden Tag den Sand vor dem Haus zusammen. Pausenlos sehe ich die Wäsche in den Büschen hängen und ich bin immer wieder beeindruckt wie Menschen in dieser Hitze und unter diesen Lebensumständen es schaffen so saubere Kleidung zu tragen.

Ich dagegen sehe immer aus, als hätte ich gerade ein Schlammbad hinter mir, so dass ich oft aufgefordert werde, ob ich mich waschen möchte, was ich natürlich immer gerne annehme.

Mein Handtuch ist mir bereits lange abhandengekommen, aber bei der Hitze braucht kein Mensch ein Handtuch, ganz im Gegenteil. Bei jeder „Eimerdusche“ wasche ich meine Klamotten gleich mit, ziehe sie patschnass an und habe wenigstens für wenige Minuten ein bisschen Kühle.

Ich habe mich jeden Tag gefreut, wenn Kinder mir Mangos vom Baum holten ohne eine Gegenleistung zu erwarten. Wenn ich gefragt wurde, wie ich heiße und die Leute es schafften meinen Namen auf Anhieb richtig auszusprechen und dann sagten „Heike, das ist ein schöner Name“.

Wenn die Leute neugierig waren und mich fragten, woher ich komme und wohin ich gehe. Wenn ich Wasser bekam oder Tee. Wenn sie mich aufforderten, bei ihnen zu sitzen und zu erzählen. Tolle Menschen mit viel Herz.

Ich erinnere mich gerne an ein kleines Mädchen in einer Familie irgendwo in einem ganz kleinen Ort. Ich zeltete bei ihnen auf dem Grundstück und der Vater ließ über sein altes Handy Bob Marley – Buffalo Soldier – laufen und dazu tanzten wir den halben Abend. Immer das gleiche Lied.

Das Mädchen schaute mich jedes Mal strahlend dabei an, wenn sie versuchte „Buffalo Soldier“ zu sagen.

Dabei lief ihr der Rotz aus der Nase und die Augen leuchteten. So unbefangen wie nur Kinderaugen leuchten können. Ich hätte das Mädchen am liebsten auf meinen Gepäckträger gesetzt und sie mitgenommen, um ihr die Welt zu zeigen. Sie hatte mein Herz gewonnen.

Buffalo Soldier war schon immer eines meiner liebsten Lieder, von nun an werden die Augen dieses Mädchens immer damit verbunden sein.

Ein ganz besonderer Abend, der damit endete, dass ich die Nacht kaum schlafen konnte, weil Ziegen und Rinder um mein Zelt umher liefen und mich immer wieder aufweckten.

In jedem noch so kleinen Kaff haben die unzählig vielen Hilfsorganisationen nicht nur ihre Projekte hinterlassen, sondern auch ihre riesigen Schilder. Schilder auf denen die Hilfsorganisationen ihre Namen und ihre Gründe nennen warum sie hier zum Einsatz kamen.

Ob es das Krankenhaus ist, die Schule, die vielen Brunnen die gebaut wurden oder irgendwelche Projekte die sich für die Gleichberechtigung der Frau einsetzen.

Wie ist es eigentlich, wenn ein Mensch jeden Tag an einem Schild vorbeiläuft auf dem steht: „Unicef – gegen Hunger, Mangelernährung und Armut.“

Wird ein Mensch dadurch nicht jeden Tag aufs Neue daran erinnert, dass er arm ist und dass die Weißen ihm helfen müssen oder wollen, damit er nicht hungern muss. Was löst so etwas in diesen Menschen aus? Warum hinterlassen Hilfsorganisationen diese riesigen Schilder – es ist oftmals das einzige Schild im Ort.

Ich bin sehr oft gefragt worden, ob ich für die Friedenscorps unterwegs bin. Eine Organisation aus den USA. Sie verbinden einen Weißen anscheinend sehr häufig mit jemandem, der nur hier ist um zu helfen.

Ich traf zwei Amerikaner, die seit zwei Jahren im Land lebten und einen kulturellen Austausch mit ihren Gastfamilien als Projekteinsatz machen. Auf meine Frage hin ob sie ihren Einsatz hier für sinnvoll halten, konnten sie mir keine richtige Antwort geben. Der eine sagte mir: „Ich zweifle jeden Tag an meiner Mission.“

Georgetown brachte mir die Chance mit Flüchtlingsrückkehrern zu sprechen. Die in Libyen gefoltert wurden und es nicht bis Europa geschafft haben. Leider durfte ich bei deren Zusammentreffen nicht teilnehmen, weil die Leute Angst hatten, dass ich ein Spitzel sei und von Deutschland geschickt wurde.

Doch konnte ich mit zweien davon außerhalb des Treffens reden und was mich dabei positiv stimmte ist, dass sie von nun an ihr Leben selbst in die Hand nehmen. Der eine hat seit seiner Rückkehr einen großen Gemüsegarten angelegt und hat mir ganz stolz erzählt, dass er nun endlich jeden Tag etwas Gesundes zu Essen hat.

„Ich habe verstanden, dass abhauen keine Lösung ist“ und er strahlte dabei und fügte hinzu: „Ich wollte nur einfach wieder nach Hause. Ich hatte solche Angst sie würden mich töten, ich bin so froh wieder hier zu sein.“

In der Kneipe diskutierten wir stundenlang über das Leben in Afrika und in Europa. Manchmal endete es in einer hitzigen Diskussion, weil auch sie mir nicht unbedingt vertrauten.

Der eine hatte die Chance seinen Bruder in der Schweiz zu besuchen. „Nie wollte ich dort leben. Die Polizei hat mich jeden Tag kontrolliert, die Menschen haben mich ignoriert, niemand hat mich gegrüßt. Sie sind keine freundlichen Menschen. Sie sind Rassisten“ war er sichtlich noch geschockt davon wie er in der Schweiz behandelt wurde.

„Ich erzähle das allen hier immer wieder, aber sie glauben mir nicht, ich verstehe nicht warum sie nach Europa wollen, bei uns ist es doch viel schöner“ legte er nach.

Über die in der UNESCO Welterbe gelisteten Steinkreise ging es weiter in den River Gambia National Park in dem ich eine tolle Zeit hatte.

Ich hatte einen ganz besonderen Baobab als meinen Schlafplatz auserkoren und nächtigte dort einige Tage im Mondschein. Paviane kamen zu Besuch, Vögel zwitscherten jeden Morgen ihre Lieder. Rinder grasten um mich herum und nachts war es angenehm ruhig und nicht so heiß.

Ich hatte mich mit ein paar Männern angefreundet, die jeden Tag zusammensaßen und Tee tranken.

Wir besuchten einen Markt im Nachbarort, holten Baobabfrüchte vom Baum oder hörten Musik.

Einer von ihnen zeigte mir die Gegend. Wir entdeckten Hippos im Wasser, hörten Schimpansen von Weiten rufen, sahen Wildschweine und neben Pavianen noch weitere Affenarten.

Zudem gingen wir Angeln und erkundeten mit den Rädern die Umgebung. Es war einfach toll. Abends kochten wir oder tranken Tee.

„Warum habt Ihr keine Solaranlagen auf Euren Dächern?“ fragte ich sie. Die Deutschen haben sie installiert, aber nach 3 Monaten gingen sie nicht mehr. Schlechte Qualität aus China. Nun sitzen wir halt nachts wieder im Dunkeln.“

Der Ramadan fing an und mit ihm die Zeit, an dem die Menschen bis abends um 19.25 Uhr nichts trinken und essen durften. Eine Tortur, wenn es über 40 Grad sind und die einzige Möglichkeit sich zu kühlen daraus besteht im Schatten zu sitzen.

Ich wunderte mich wie sehr gut gelaunt die Menschen trotz allem weiterhin waren. Oft wurde ich gefragt wie spät es ist, denn jede weitere Stunde wurde zur Qual. 19.25 Uhr brachen sie dann das Fasten, saßen zusammen und aßen und tranken. Ich durfte oft daran teilnehmen.

Auch bin ich immer wieder beeindruckt, wie sehr religiös die Leute sind. Immer zu den vorgeschriebenen Zeiten am Tage beten, sich davor waschen und den Teppich ausrollen und sich auch wirklich daran zu halten erfordert Disziplin.

Manchmal denke ich mir, dass es sicherlich sinnvoller wäre, diese Disziplin anderweitig einzusetzen, aber das sage ich natürlich, weil ich als Atheistin den Sinn von Religionen noch nie wirklich verstanden habe und sie auch für viele Probleme, die wir auf der Welt haben, verantwortlich mache.

Ein Mann zeigte mir voller Stolz sein Kinderlexikon über Tiere. Das einzige Buch, dass ich seit Marokko gesehen habe. Er schlug die erste Seite auf und deutete auf einen Elefanten und fragte mich, welches Tier das sei. Dann waren es Kängurus, Wölfe, Bären oder Haie. Jedes Mal schien er überrascht, dass ich die Tiere alle kannte.

Als wir zu dem Kapitel der Dinosaurier kamen, erklärte er mir, dass diese Tiere schon sehr lange ausgestorben sind. Bestimmt schon 400 Jahre.

Ein alter Mann kam auf mich zu. „Toubab, Toubab bitte, ich möchte Dir meinen Garten zeigen. Vor 20 Jahren hat ein Toubab aus Amerika zu mir gesagt, ich solle Setzlinge züchten und damit Geld verdienen. Ich habe ihm geglaubt und bin seinen Anweisungen gefolgt und hatte Erfolg. Nun bin ich alt und meine Jungs möchten weiterhin damit Geld verdienen. Wir brauchen aber unbedingt einen Brunnen, weil wir nicht genügend Wasser haben.“

„Dann baut doch einen, Du hast doch gesunde starke Jungs“ gab ich ihm zur Antwort. „Wir? Nein wir können das nicht, das können nur Toubabs, wir haben solche Maschinen nicht“, sagte er zu mir.

„Und Du glaubst jetzt, dass ich eine Maschine bei mir habe? Aber wenn Du an Toubabs glaubst, dann bitte ich darum in deinem Dorf mal allen Müll zusammen zu sammeln und irgendwo zu verbrennen, damit nicht alles davon im Meer landet!“ antwortete ich.

„Ja Toubab, das mache ich. Ich glaube an Toubabs, ihr wisst viel mehr als wir“ fügte er hinzu.

Je weiter ich Richtung Westen kam, desto wohlhabender wurde es. Es gab nun viel mehr Einkaufsmöglichkeiten, Schulen und Krankenhäuser. Die Infrastruktur war deutlich besser, eine ganz andere Welt. Viel mehr Menschen als im Osten.

Handwerker, Dienstleistungsbetriebe in jedem Dorf. Marktfrauen, die nicht nur müde am Straßenrand saßen, sondern eifrig den Autofahrern die Ware bis ans Autofenster brachten.

Leider wurde hier aber die Bettelei immer schlimmer. „Toubab – give me money – gib mir Geld.“

Ein Mann lud mich zum Tee ein. Wir unterhielten uns und er erzählte mir, dass er mit vier Frauen verheiratet ist und 32 Kinder hat. Er war nicht der erste, dem ich begegnete der mehrere Frauen hatte.

Erschreckenderweise sind sie davon überzeugt, dass es viel mehr Frauen auf der Welt gibt als Männer. „Polygamie ist daher richtig und die Religion empfiehlt es uns ja“ wurde mir ein paar Mal erzählt.

Doch muss ich sagen, dass die meisten Männer zu mir sagten, dass sie mit einer Frau schon genug zu tun haben und sie nicht noch mehr Stress in ihrem Leben brauchen und daher niemals eine Zweite heiraten werden.

„Du fährst nach Senegal? Im Senegal, leben unfreundliche Menschen, die wollen alle nur dein Geld. Sie betrügen dich. Sie sind reicher als wir. Aber wir haben keine Probleme, uns geht es gut, wir lachen viel und sie nicht“ hörte ich immer wieder.

Als ich mich mit anderen Radfahrern per WhatsApp austauschte, die ebenso in Westafrika unterwegs sind, kam der Gedankengang auf, dass die Kinder hier, wenn sie betteln, mich als Elternersatz sehen könnten.

In der Westlichen Welt fragen und betteln Kinder ja auch – nur betteln sie eben ihre Eltern an und nicht fremde Leute. Frei nach dem Motto, fragen kostet ja nichts, mehr als nein sagen kann ihnen ja nicht passieren.

Ich werde diesen Gedankengang ab sofort übernehmen, er gefällt mir, es befreit mich ein wenig von meinen Schuldgefühlen.

Auch habe ich mich am letzten Abend meines vierwöchigen Aufenthaltes mit wohlhabenden Gambiern aus Banjul, der Hauptstadt, unterhalten, die meine Fragen an sie gut nachvollziehen konnten.

„Ich muss meine ganze Familie ernähren, das passt mir nicht. Aber meine Familie erwartet es von mir. Das setzt mich sehr unter Druck“ sagte der eine.

Während der andere meinte: „Mein Vater hat zum Glück zu uns fünf Brüdern immer gesagt, dass wir für uns selbst sorgen müssen. Dass wir uns eben nicht darauf verlassen sollen, dass uns einer unserer Brüder Geld gibt. Wir arbeiten alle gleich viel. Ich kann es nicht leiden, wenn ich sehe, dass so viele Menschen im Land sich nur selber bedauern und warten bis jemand ihnen was zu Essen gibt, anstatt etwas zu tun.“

„Wir brauchen Bildung. Die Leute müssen verstehen lernen, dass sie für sich selber sorgen müssen. So ist unsere Kultur. Wir teilen und das nutzen viele aus. Wir haben zu viele Kinder. Das Geld der Hilfsorganisationen landet in den falschen Taschen. Zu viel Korruption.“

Ich kaufte mir eine eiskalte Cola, mangels Strom gab es etwas Kühles nur sehr selten. Ein Junge beobachtete mich und ließ mich nicht mehr aus den Augen.

Als ich die Glasflasche leer hatte, stellte ich sie vor mich hin und der Junge kam zu mir, nahm die Flasche und lutschte an der Flaschenöffnung und versuchte noch einen letzten Tropfen daraus zu gewinnen.

Ja, Afrika ist eine andere Welt und eine ewige Achterbahn der Gefühle.

Die ersten Schweine tauchten auf, kurz danach die ersten Kirchen und kaum später die ersten weißen Nonnen.

Als ich die Grenze erreichte, stellte ich fest, dass ich meinen mp3 Lautsprecher nicht mehr hatte. Ist er mir geklaut worden? Oder ist er mir aus der Tasche gefallen? Er hat mich um die halbe Welt begleitet und hat mir in vielen einsamen Stunden tolle Unterhaltung geboten. Ich hoffe ich bekomme irgendwo einen neuen.

Mein Gepäck wurde auf Drogen untersucht. Es wunderte mich nicht, der Marihuana-Konsum ist hoch im Land.

An dieser Grenze dachte ich dann, endlich wieder Senegal, endlich wieder Französisch, endlich kann ich wieder abwinken und sagen, „Tut mir leid, ich kann kein Französisch“, und jegliche Fragen, Betteleien und Diskussionen ersticken in diesem einen Satz.

Die Pause hatte ich dringend nötig.

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