Als treue Leserin und treuer Leser, weißt du sicherlich mittlerweile, wie sehr ich den Amerikanischen Westen liebe!

Eine Ecke des Westens ist mir dabei ganz besonders ans Herz gewachsen: Arizona. Auch Utah steht bei mir natürlich ganz hoch im Kurs. Doch ob ich nun Arizona oder Utah bevorzuge, ist jetzt erst mal egal, ich finde sie beide richtig toll.

Ich betitle sie jetzt einfach mal als „Outdoor-Paradiese“!

Der Arizona Trail ist ganze 800 Meilen lang, oder: 1287 Kilometer. Er startet an der Grenze zu Utah und endet dort, wo einst eine Mauer stehen soll, nämlich an der Mexikanischen Grenze.

Weite, Freiheit, Ruhe. Viel Platz und richtig viel Natur!

Die Idee, den AZT zu laufen, war mehr „Plan B“, als etwas, auf was ich so richtig brandheiβ war.

Zugegebenerweise war ich müde, denn auch für mich war 2020 kein einfaches Jahr. Auch wenn ich natürlich deutlich mehr Freiheit hatte als die meisten anderen – sieht man mal von den 10 Wochen Total-Lockdown in Kolumbien ab – bin ich als Langzeitreisende doch irgendwo davon abhängig, reisen zu können, denn ich habe ja keine Bleibe.

Das ewige Hin- und Her, wo darf ich hin und wo nicht und wie geht es weiter, ließ mich, wie so viele andere auch, pausenlos in der Luft hängen.

Doch hatte ich noch eine „Rechnung“ mit dem Trail offen, denn ich hatte 2015 schon einmal versucht, den AZT mit dem Rad zu bewältigen. Die Aktion scheiterte damals allerdings wegen Schnee und Matsch und zu viel Ausrüstung.

Ich hatte noch zwei Monate, bis ich die USA wieder verlassen musste und da passte der Trail ganz gut in den Zeitplan. Obwohl ich Arizona wirklich liebe, war trotz allem von Anfang an bei mir nicht so wirklich die Stimmung aufgekommen, diesen Thru-Hike auch mit voller Kraft anzugehen.

Natürlich wollte ich ihn laufen, aber meine Einstellung dazu stimmte diesmal nicht. Die mentale Stärke war einfach nicht da, ich war zu sehr abgelenkt und gedanklich woanders.

Corona, die bevorstehende amerikanische Wahl, kehre ich zu meinem Rad zurück oder werde ich nun um die Welt wandern? Wie geht es nach diesem verflixten Jahr weiter?

Alles ungeklärte Fragen und gerade deutlich wichtiger, als dieser Trail.

Auf der anderen Seite war es das Beste, was ich zu dem Zeitpunkt machen konnte – ich war in der Wildnis und ganz weit weg von all den Problemen der Welt. Und ändern konnte ich an der Situation ja sowieso nichts. Trotzdem, so ganz ignorieren kann man die Welt ja dann eben doch nicht.

Auch hatte ich die Länge des AZT’s unterschätzt. Jeder weiß, dass 1287 Kilometer ganz schön lang sind, wie lange sie aber am Ende wirklich sind und was das bedeutet, das als Thru-Hike zu laufen, ist dann doch noch mal was anderes. Auch die Anstrengung hatte ich unterschätzt!

Wenn ich eines wieder einmal gelernt habe, dann ist es das, dass ich mental stark sein muss, um so ein Projekt zu meistern – so etwas mache ich nicht mal ebenso im Vorbeigehen!

Ich hatte also von Anfang an eine unausweichliche Deadline! Ich hätte versuchen können, mein USA-Visum zu verlängern, das hätte mich aber etwa 500 $ gekostet und das Geld wäre weg gewesen, egal ob ich eine Verlängerung bekommen hätte oder nicht.

Und wer weiß schon, wie die USA das alles in Zeiten von Corona und Trump abgewickelt hätten.

Zudem sind die USA teuer! Die Lebensmittelpreise hoch und von daher war es sowieso an der Zeit, das Land zu verlassen und nach Neuem Ausschau zu halten.

Aber wie bereits erwähnt, wusste und weiß ja bis jetzt noch niemand, wie sich die Sache mit Covid-19 entwickeln wird und wo ich am Ende einreisen darf und das hatte ich als Beigeschmack leider mit auf den Weg genommen.

Mein Kumpel Ron hieß mich in Arizona wieder einmal herzlich willkommen und bot mir an, mich auf dem Trail zu unterstützen!

Wir trafen uns zum ersten Mal 2015, als Ron mich als Warmshowers Gastgeber in seinem Haus viele Wochen lang übernachten ließ, damit ich mich von den Strapazen meiner Reise erholen konnte. Wir waren Freunde vom ersten Moment an!

Ich durfte damals sogar mit seinen Enkelkindern mein erstes Halloween in Amerika feiern, zudem Heilig Abend mit seiner ganzen Familie verbringen!

Als ich 2016 von einem Auto in Montana angefahren wurde und dabei eine Gehirnerschütterung und ein Schleudertrauma erlitt, kam Ron zudem den ganzen Weg aus Arizona gefahren und half mir ein neues Fahrrad zu besorgen.

Er selber hatte das letzte halbe Jahr Teile des AZT‘s in Angriff genommen und kannte somit den nördlichen Teil des Trails sehr gut, da er als Streckenwanderer alles zweimal laufen musste.

Also einmal vom Auto loslaufen und wieder zum Auto zurück, Auto umparken und den nächsten Abschnitt laufen etc.

Ron fuhr mich netterweise an den abgelegenen Startpunkt des Trails, der Grenzlinie zwischen Utah und Arizona.

Ganz weit draußen in der Wüste, umgeben von endloser Weite!

Es hatte dieses Jahr in vielen Gebieten der USA gebrannt, so auch in Arizona. Daher war von Anfang an klar, dass ein paar Streckenabschnitte noch gesperrt waren. Am Startpunkt hatten die Ranger allerdings die Sperrung gerade wieder aufgehoben und ich wanderte somit die ersten Meilen durch verbranntes Gebiet.

Es war somit von Anfang klar, dass ein Thru-Hike – also den ganzen Trail an einem Stück wandern – dieses Jahr gar nicht möglich ist – außer natürlich, man ignorierte die Vorschriften.

Auch war es dieses Jahr extrem trocken und die ganzen Tümpel und natürlichen Wasserstellen, die vor allem von Kühen und Wildtieren als Anlaufstelle genutzt werden, waren nahezu alle ausgetrocknet.

Wenn ein winziger Rest Wasser übrig war, war das dann mehr Schlamm und Kuhscheiße als sonst was.

Doch war ich ja im Amiland und da passt dann schon immer wieder irgendjemand auf einen auf! Auch hier, wie auch auf dem Colorado-Trail, gibt es den ein- oder anderen Trail Angel, der am Wegesrand den Wanderern Wasser bereitstellt.

Ich finde so was ja immer und immer wieder total Klasse, dass Menschen ihre Freizeit opfern und Wasserflaschen verteilen. So traf ich auch James, der sich richtig viel Mühe gibt, den Wanderern zu helfen!

Der Trail war einsam, zu einsam. Ich liebe ja einsame Gegenden aber ich stellte dieses Jahr fest, dass ich es eben auch liebe, auf Menschen zu treffen, mich auszutauschen und jemanden bei mir zu haben. Ich traf insgesamt nur drei Thru-Hiker – auf dem ganzen langen Trail.  

Es gab somit keine Trail-Begegnungen. Keine Möglichkeiten, abends mit anderen Wanderern zusammenzusitzen und zu reden. Etwas, das ich auf dem Colorado Trail total genossen hatte.

Im nördlichen Teil, also nördlich von Flagstaff, gab es immer wieder Zubringer-Pisten, so traf ich ab und zu auf Camper, Jäger oder Streckenwanderer. Und ich traf mich immer wieder mit Ron, damit wir beide Gesellschaft hatten.

Auch arbeitete er meine Einkaufslisten ab, um dann gerne meine Kochkünste zu geniessen, sofern wir uns irgendwo trafen, wo Ron mit seinem Auto auch Zugang hatte.

Wir verstanden uns wieder auf Anhieb. Es schien sich in den Jahren, in denen wir uns nicht gesehen haben, nichts an unserer Freundschaft geändert zu haben. Wir hatten richtig Spaβ zusammen.

Auch war es mir wichtig, die Debatten vor der US-Wahl nicht zu verpassen. Und so machte ich an den Tagen lieber eine Pause, um auch sicherzugehen, dass Ron mich treffen konnte und wir gemeinsam irgendwo an der Strecke TV schauen konnten.

Manchmal schauten wir sogar „Tatort“ – den gibt es online mit englischen Untertiteln – so dass auch Ron verstand, worum es jeweils ging.

Ich konnte ihm dabei etwas von unserer Deutschen Kultserie näherbringen und hatte zudem ein wenig das Gefühl von Heimat.

Der Norden ist vor allem viel Wald. Aspens, die tolle Herbstfarben zeigten, Ponderosa-Tannen und Wacholdersträucher, – die sogenannten Juniper trees – die ganz lecker riechen und das Holz brennt super. Nur leider war dieses Jahr – verständlicherweise – im ganzen Staat Feuerverbot!

Ich muss leider sagen, dass ein USA-Trip ohne abendliches Lagerfeuer schon wirklich eine traurige Sache ist. Die Gemütlichkeit eines Lagerfeuers am Ende des Tages ist einfach unbezahlbar.

Zumal das Feuer mit einem redet, es Zuneigung und Wärme gibt, einem Licht spendet und den Gaskocher ersetzt. Lagerfeuer macht einfach Riesenspaß, – doch sicherlich werden wir weltweit immer mehr darauf verzichten müssen – Klimawandel lässt grüßen.

Der Trail war im nördlichen Teil sehr einfach. Supergut ausgebaut und toll markiert.

Doch war es eine lange Latscherei! Vieles sah doch auch immer wieder sehr gleich aus! Und wenn man dann mal mehrere 100 Kilometer an Ponderosa-Tannen vorbeigelaufen ist, hat man sie irgendwann auch gesehen.

Wild sah ich nicht wirklich viel – was mich dieses Jahr in den ganzen 6 Monaten USA sehr überrascht hat – es gab wenige Wildtiere! Klar, es gab kein Wasser und es gab viele Brände aber die Tiere müssen ja trotzdem irgendwo Zuflucht gefunden haben.  

Natürlich sah ich Rehe und ab und zu mal ein paar Vögel – aber insgesamt doch sehr wenige.  

Ich lief also oft den ganzen Tag und muss zugeben, dass ich mich ein wenig quälte. Klar war mir irgendwann schon bald, dass Thru-Hiking okay für mich ist, wenn ich das mal ausprobiere aber auf Dauer ist das nicht mein Ding.

Vielleicht war ich auch noch zu sehr geflasht vom Colorado-Trail, den ich den Sommer mit totaler Begeisterung gelaufen bin. Oder aber ich war gedanklich noch auf dem Kanutrip hängen geblieben, der ja leider nicht wie erhofft endete.

Obwohl ich es täglich immer wieder versuchte, kam ich auf dem Trail einfach nicht an.


Ich bin sicherlich schlichtweg zu sehr ein „Entdecker“, um bloss immer nur dem gleichen Weg hinterhertrotten zu können. Und trotzdem war es eine Erfahrung, die ich nicht missen möchte, da ich wieder einmal viel gelernt habe!

Viele starten so einen Trail ja sicherlich oftmals auch aus dem Grund heraus, sich selber zu finden, an Grenzen zu gehen oder einfach mal ein paar Monate aus dem Trott des Alltags auszusteigen. Das muss ich nicht mehr, dazu bin ich viele viele Kilometer bereits geradelt – diesen Prozess habe ich hinter mir.

Mich treibt es in die Welt, um meine Neugierde zu befriedigen und ich merke, dass ich in eine andere Richtung gehen werde. Ich habe mich ja in den mehr als 7 Jahren, in denen ich nun schon unterwegs bin – auch weiterentwickelt – hoffe ich zumindest. 😊  

Es scheint, als müsste ich nicht mehr alles mit Gewalt schaffen, ich möchte lieber detaillierter hinschauen und mir mehr Zeit lassen. Und ich möchte Orte und Themen lieber genauer unter die Lupe nehmen.

Im Prinzip habe ich das die letzten Jahre ja schon so gehandhabt, aber ich werde das in Zukunft noch mehr verstärken.

Was ich früher nie gemacht habe, nämlich Podcasts oder Audiobooks anhören, habe ich auf dem AZT vom ersten bis zum letzten Schritt des Tages getan. Die Umgebung gab mir nicht genug, womit ich mich hätte geistig beschäftigen müssen.

Doch jetzt wieder zu den positiven Seiten dieses Trails, damit hier niemand denkt, ich hätte keine Freude gehabt.

Der Grand Canyon! Jeder kennt die Bilder. Viele standen dort bereits am Abgrund und ganz sicher wird niemand diesen Canyon unbeeindruckt wieder verlassen. Der Grand Canyon ist grandios!

Der Trail führt ja bekanntlich einmal der Länge nach durch den Bundesstaat und somit einmal durch den Grand Canyon – am Nordrand angefangen, runter zum Colorado River und den Südrand wieder hoch.

Glücklichweise hatte ich es geschafft, ein Permit zu bekommen, welches mir erlaubte, zweimal im Canyon zu übernachten. Ich hatte also viel Zeit und genoss das natürlich sehr.

Beeindruckt war ich vor allem vom Nordrand, der Südrand war doch sehr überlaufen. Unterwegs traf ich auf jede Menge Trail Runners. Die entweder Rim to Rim unterwegs waren, oder Rim to Rim to Rim, also runter, wieder hoch, wieder runter und wieder hoch.

Natürlich gibt es da Streckenrekorde dafür – wie ja auf fast jedem Trail. Insgesamt sind es bei R2R2R dann 6000 Höhenmeter und 80 Kilometer und natürlich machen die Trail Runners das alles an einem Stück.

Temperaturunterschiede zwischen Tag und Nacht sowie zwischen Canyonrand und der Schlucht sind ebenso beachtlich.

Eine Begegnung hatte mich sehr beeindruckt: Ein 85-jähriger Thru-Hiker, der vor 3 Jahren den Appalachian Trail gewandert ist – über 4000 Kilometer im Osten des Landes. Er gilt als der älteste Thru-Hiker, der den Trail je gelaufen ist.

Diesmal wollte er den Rekord brechen und der älteste Rim to Rim to Rim Wanderer werden. Auch das schaffte er.

Als Nächstes will er dann den Mississippi als ältester Kanute paddeln. Toll, wenn Menschen in dem Alter noch so fit sind und so viel Willen zeigen!

Abgesehen von einer schönen und mit weiten Blicken versehenen Strecke über die Babbit Ranch, lief ich die nächsten beiden Wochen ziemlich viel durch den immer gleich aussehenden Wald.

Die Wahl rückte näher, die Nervosität der wenigen Menschen, die ich traf, war spürbar. Auch ich hoffte natürlich auf den richtigen Wahlausgang, denn weitere 4 Jahre Trump wollte ich, wie so viele andere Menschen weltweit auch, nicht mehr haben!

Es wurde zunehmend kälter. Die Nächte waren ungemütlich bis hin zu einem mit Eis bedeckten Zelt am Morgen.

Ron hatte mir zuerst sein Zelt geliehen, da ich selber derzeit kein UL-Zelt besitze – schlieβlich wollte ich ja eigentlich mit einem Esel durch Südamerika wandern, da nimmt man kein Leichtzelt mit.

Sobald es möglich war, kaufte ich mir dann aber selber eines, welches allerdings vor lauter Kondenswasserproblemen nicht lange in meinem Besitz war. Ich konnte es wieder zurückgeben – REI (der amerikanische Globetrotter) machts möglich.

Wenn ich mit Ron irgendwo zeltete, nahm ich immer mein „Hilleberg Soulo – 1 Personen Zelt“, welches für mich immer noch das beste Zelt überhaupt ist.

Allerdings ist es leider viel zu schwer zum Tragen, deshalb fuhr es Ron für mich in seinem Van spazieren.

Und dann fing die Kakteenwelt an und ich war in meiner geliebten Wüste. Der viele Wald lag hinter mir und der Trail wurde richtig spannend – aber auch anstrengender – denn jetzt gab es Steine, viele Steine auf den Wegen.

Steile Anstiege, Berge und schroffe, trockene Gebiete. Doch die Landschaft entschädigte für allen Schweiß!

Leider handelte ich mir vor lauter Stacheln mehrere Löcher in meine Isomatte ein, die unterwegs – ohne Badewanne oder Pool – gar nicht so einfach zu flicken war.

Ich wachte also nachts mehrmals auf und musste die Matte wieder aufblasen. Nun ja, meistens hatte ich dann die Chance, den Sternenhimmel zu genießen, denn der verschiebt sich ja im Laufe der Nacht und so sieht er immer wieder anders aus.

Der Mars war dieses Jahr so hell, wie ich ihn noch nie gesehen hatte. Es fühlte sich fast so an, als hätte er mich jeden Abend gegrüßt. Seine rote Farbe konnte ich selbst mit blossem Auge erkennen.

Auch der Jupiter war super zu sehen, ohne dass ich groß suchen musste.

Das Wasserproblem war hier, im südlichen Teil, weniger vorhanden, denn die AZT Association hat sich bei den ganz abgelegenen Streckenabschnitten sowie in den Wildnisgebieten einiges einfallen lassen, damit die Wanderer trotz der Trockenheit noch an Wasser kommen.

Nachdem es hier keine Zufahrtswege mehr gibt, können auch Trail Angels nicht mehr helfen.

Einige Wasserbecken mit Quellzugängen wurden daher von Ehrenamtlichen aufgestellt und haben eine fast 100 % Wassergarantie. Oftmals teilte ich die Wasserstellen mit vielen Bienen und Vögeln – echt nett anzuschauen war.

Zum Navigieren, besser gesagt, um zu wissen, wo es Wasser gibt, nutzt man auf solchen Thru-Hikes die APP „Guthook“. Darin werden einem Wasserstellen angezeigt und Wanderer können ihre Kommentare hinterlassen, ob und wann sie an den Stellen Wasser gefunden haben – oder eben auch nicht.

Um genau berechnen zu können, wie viel Wasser man von der letzten bis zur nächsten Wasserstelle tragen muss, ist diese Info in Wildnisgebieten wichtig. Aber das macht es natürlich auch supereinfach – und hat mit einem Abenteuer nicht so wirklich etwas zu tun.

Eine Wasserstelle hatte ich vorher nicht recherchiert und sah sie nur zufällig. Das Wasser war eklig grün und sicherheitshalber nutzte ich meinen UV-Filter und trank eine Tasse davon, bevor ich dann auf „Guthook“ den Kommentar lesen musste, dass vor ein paar Tagen jemand eine tote Ratte aus dem Wasser gefischt hatte.

Nun ja, ich hatte das Wasser ja gefiltert, also konnte von daher ja nichts anbrennen.

Trotzdem muss ich sagen, dass auf dem Trail schon das ein- oder andere Mal richtig ekliges Wasser anzutreffen war.

Die Sonnenuntergänge hier in Arizona sind der Kracher! Besser geht es nicht! Viele Abende konnte ich somit diese spektakulären Farben bewundern und dabei die Ruhe und Weite genießen.

Das Beste an Arizona ist die unberührte Natur, es ist einfach toll, wenn man ewig weit schauen kann und nie irgendetwas im Weg ist.

Da sind keine Strommasten, kein Haus, keine Lichtverschmutzung und kein Auto, da ist nichts – absolut nichts, einfach nur Natur. Aber es ist oft windig und den Wind hört man fast immer.

Kaum vorstellbar heutzutage, wie ruhig diese Welt einmal gewesen sein muss!

Der Trail zog sich und schien kein Ende zu nehmen. Ich lief jeden Tag etwa 25 Kilometer über Stock und Stein und fing an, die Kilometer zu zählen.

Die Landschaft und vor allem die Kakteenwelt waren immer wieder toll, doch gab es auch langweilige Abschnitte und das machte das Ganze umso anstrengender.

Dann traf ich Zelzin. Eine junge Mexikanerin, die den Titel „Triple Crown“ verliehen bekommen hat, denn sie hat alle großen Thru-Hikes in den USA bereits hinter sich gebracht. Also den Appalachian Trail (2810 Meilen), den Pacific Crest Trail (2653 Meilen) und den Continental Divide Trail (3100 Meilen).

Und wenn man das geschafft hat, ist man ein „Triple Crowner“. Sie war zudem die erste Mexikanerin, die das je geschafft hat. Insgesamt gibt es etwa 450 Menschen, die sich diesen Titel erwandert haben.

Da es bald dunkel wurde, war ich damit beschäftigt mein Zelt aufzustellen, als wir uns trafen. Wir freuten uns beide jemanden zu sehen und Zelzin gönnte sich eine kurze Pause mit mir, musste dann aber weiter, weil sie an dem Tag 35 Meilen laufen wollte.

Eine bemerkenswerte Leistung. Sie ist klein und zierlich und ihr Rucksack wog sicherlich nicht viel weniger als meiner.

Das Problem beim Weitwandern in den USA ist, dass man viel ab vom Schuss ist, was ja den eigentlichen Reiz dieser Trails ausmacht. Das hat aber eben auch zur Folge, dass man neben der Zeltausrüstung, Klamotten und Kocher auch sein Wasser und Essen für viele Tage schleppen muss.

Je länger man für den Streckenabschnitt braucht, desto mehr Essen und Wasser muss man logischerweise tragen.

Hätte ich Ron nicht gehabt, der mich alle paar Tage wieder mit gutem Essen versorgt hat, wäre ich wieder zwei Monate lang mit Tütensuppen und Fertiggerichten unterwegs gewesen. Was mir auf Dauer total auf den Keks geht.

Einige Thru-Hiker ernähren sind nur von Chips oder Schokoladenriegel.

Wenn man das mal einen oder zwei Monate lang macht, ist das ja okay, aber als Lebensstil ist das auf Dauer nichts für mich.

„Ich komme aus Mexiko, ich bin die Hitze gewohnt, ich brauche viel weniger Wasser als andere, aber dafür habe ich immer viel Hunger, weil ich immer so viele Kilometer am Tag laufe.“

Zelzin

Bei mir kommt dann noch die Kamera dazu, denn alle anderen tragen meistens nur ihr Smart Phone.

Thema Nummer 1 auf so einem Trail ist somit also immer wieder die Gewichtsoptimierung des eigenen Rucksacks. Und da wird gerne lange darüber diskutiert und gefachsimpelt.

Geschwindigkeitsrekorde und das Abhaken von Trails und Routen sind ja bekanntlich sowieso nicht mein Ding!

Somit trage ich am Ende halt etwas mehr an Essen und Wasser! Und jeder der mich kennt weiß auch, dass ich sowieso immer mehr Hunger habe, als die meisten anderen und von daher immer eine Extraportion noch mit eingepackt habe.

Etwas anderes, das beim Thru-Hiking ein wenig schade ist, ist, dass man ja im Allgemeinen ein kurzes Zeitfenster für gutes Licht zum Fotografieren hat; früh morgens und spät abends.

Das bedeutet, dass ich den ganzen Tag lang durch fabelhafte Landschaften mit unbrauchbarem Licht wandere und dann evtl. zum besten Licht auch noch gezwungen bin, weiterzugehen, um das nächste Wasserloch noch vor der Dunkelheit zu erreichen.

Und am Ende muss ich irgendwo zelten, wo es vielleicht nicht ganz so spannend aussieht, obwohl das Licht dann am Morgen super wäre.  

Der Wahlabend war gekommen und Ron und ich schauten zum zweiten Mal zusammen die US-Wahl an, denn auch vor 4 Jahren, saßen wir zusammen und hofften auf das richtige Ergebnis.

Damals war Ron in Tränen ausgebrochen, als feststand, dass Trump es geschafft hatte und er war supernervös, was diesmal passieren würde.

Vor den Toren Phoenix’s – wir gönnten uns am Wahlabend ein Hotel – sah ich eine Frau mit einer Trump-Rambo-Flagge und mit einem Schild in der Hand: „God wins!“

Als dann viele Tage später das Ergebnis endlich feststand, liefen bei Ron wieder die Tränen und wir beide tanzten zusammen in der Wüste und freuten uns wie Bolle, dass nun wieder etwas mehr Ruhe in unsere Welt einkehren wird und vor allem auch, dass nun die Umwelt wieder mehr Chancen bekommt, beachtet zu werden!

Corona sollte uns allen zeigen, dass wir als oberste Priorität setzen müssen, die Natur zu schützen, damit wir uns selber schützen können. Denn Corona ist nur der Anfang, die eigentliche Krise, nämlich die Klimakrise und ihre Folgen, steht uns noch bevor!

Aber ich weiß, das wollen viele Menschen nicht wahrhaben.

Die Saguaros Kakteen sind absolut superschön anzuschauen! Die Riesen sind definitiv die Queens und Kings der Landschaft.

Die Zeit lief mir davon, die Tage wurden immer kürzer, es war nun bereits früh dunkel und die Frage, wie es weiter geht, stand im Mittelpunkt meines Tages. Ich musste ja irgendwo hin, nur wohin? Es gab ja nur sehr wenige Möglichkeiten!

Das Einfachste war natürlich, nach Mexiko auszureisen, da die Grenze zwar offiziell geschlossen ist, aber inoffiziell dann doch weit offen steht. Also offen Richtung Mexiko, – nicht von Mexiko Richtung USA.

Doch so ganz gefiel mir der Gedanke nicht, obwohl ich mich nach nichts mehr sehnte als nach einer langen Pause.

Ich überlegte also hin und her, während ich den ganzen Tag an Kakteen vorbei stolperte und die Schönheit der Natur bestaunte und doch war ich gedanklich eben nicht ganz im Hier und Jetzt.

Im Prinzip ist es ja das erste Mal in meinem Leben, dass ich nicht dort hin kann, wo ich möchte. Mir und allen anderen Menschen werden Grenzen aufgezeigt. Das allererste Mal in vielen Jahrzehnten. Allerdings gilt das natürlich nur für die westliche Welt.

Vielen Menschen auf diesem Planeten geht das immer so! Wie viele Nationen dürfen ihre Nachbarstaaten nicht besuchen. Wie oft habe ich im Iran gehört: „Ich habe den falschen Pass, ich darf nirgendwo hin!“

Oder wie viele Menschen besitzen erst gar keinen Pass, weil sie sich den gar nicht leisten können?

Als ich in Kolumbien 10 Wochen lang in einem Hostel eingesperrt war, dachte ich oft an unsere Flüchtlinge, die bei uns zwangsweise in einem Haus mit vielen Nationen nahezu abgeriegelt vom Rest der Welt sind, ohne Abwechslung in ihrem Alltag und in einer Gegend, die sie zudem nicht kennen.

Wir bekommen schon nach 14 Tagen Quarantäne einen Koller – haben aber für Flüchtlinge in überfüllten Flüchtlingsheimen und Camps wenig Verständnis.

Und ich dachte an Menschen, die in Gefängnissen stecken und nie einen Schritt vor die Türe machen dürfen.

Ein absoluter Albtraum für jemanden wie mich, die ihre Freiheit liebt, aber eben auch für jeden anderen, der es gewohnt ist, das Leben so zu leben, wie er oder sie es möchte.

Ich war ja nun die meiste Zeit während der Coronazeit in der Wildnis und habe mich wenig mit Menschen über die Pandemie ausgetauscht. Ich frage mich daher, ob die westliche Welt, die nun unter der Corona Krise leidet, eigentlich auch darüber nachdenkt, wie privilegiert wir sind?

Für den Bauern auf dem Land irgendwo in Afrika hat sich das Leben in der Coronazeit wenig verändert, davon gehe ich jetzt einfach mal aus.

Neben Corona leidet er vor allem an Hunger, einseitiger Ernährung, Malaria, Bilharziose und vielen weiteren Krankheiten. Zudem unter dem Klimawandel, Korruption und evtl. sogar unter einem Krieg.

Und das wird er auch nächstes Jahr und Übernächstes noch und auch noch viele weitere Jahrzehnte, weil nämlich Malaria und alle anderen extrem gefährlichen Tropenkrankheiten nicht bei uns vor der Haustüre zu finden sind, zumindest im Moment noch nicht. Das wird sich aber sicherlich durch den Klimawandel noch ändern, sofern wir nicht bald was dagegen unternehmen!

Doch im Moment sind diese Krankheiten zu weit weg, somit sehen wir da scheinbar keine wirkliche Dringlichkeit, uns darum kümmern zu müssen, so wie das bei Corona der Fall ist!

Gegen Corona hat es weniger als ein Jahr gedauert, einen Impfstoff zu entwickeln, eben weil es uns reiche Nationen betrifft und weil die Pharmazie-Unternehmen natürlich richtig ordentlich daran verdienen können.

Wir Westler können also davon ausgehen, dass spätestens Ende nächsten Jahres der Spuk vorbei ist und wir wieder zur Normalität übergehen können.

Haben wir dann etwas aus der Krise gelernt? Oder gehen wir über in „Business as usual“?

Fangen wir an zu begreifen, dass wir riesige Fehler machen, so wie wir heute unsere Umwelt behandeln, unsere Mitmenschen? Begreifen das nur diejenigen, die ihre Liebsten unter Corona verloren haben, oder verstehen wir das alle? Wie gehen wir unsere Zukunft an – was kommt danach?

Sorry, ich bin etwas vom Trail abgeschweift, doch auf so einer langen Wanderung hat man viel Zeit und als Aussteiger denkt man wahrscheinlich einfach globaler.  

Auf diesem Planeten läuft nämlich verdammt Vieles schief und das sollten wir schleunigst ändern! Nur zweifle ich stark daran, dass das auch geschehen wird. Weil viele Probleme eben weit weg sind oder weit weg geschoben werden! Und weil es am Ende immer nur ums Geld geht!

Doch zurück zum Trail.

In einigen Gebieten wurde dann endlich das Feuerverbot aufgehoben und ich hatte daher an ein paar Abenden die Möglichkeit, ein Lagerfeuer zu genießen. Meine liebsten Stunden des Tages!

An einem Abend raschelte es hinter mir und als ich mich umdrehte, schaute mir ein neugieriges Stinktier in die Augen. Der wohl schönste Moment des ganzen Trails.

Wobei das nicht ganz stimmt, denn es gab da noch einen anderen tollen Augenblick: Eine Begegnung mit einem Rotluchs. Ich sah ihn von Weitem und zuerst dachte ich, es sei eine normale Hauskatze, doch das war ja unmöglich hier draußen, weit weg von allem.

Der Bobcat, wie er im Englischen genannt wird, schaute mir richtig tief in die Augen und verschwand dann kurze Zeit später im Gestrüpp. Ausserdem sah ich noch eine Gruppe von Halsbandpekaris und einige Taranteln.

Also am Ende sah ich zwar wenig Wildtiere, aber wenn, dann doch sehr spezielle!

Zum Schluss musste ich den Trail leider abbrechen, da die Zeit für mich in den USA abgelaufen war. Insgesamt hatte ich somit – incl. der wegen Bränden gesperrten Gebiete – etwa 150 Meilen auslassen müssen – es war also kein richtiger Thru-Hike, doch das wusste ich ja von Anfang an. Also halb so tragisch.

Die Frage, die nun ansteht war und ist: Wie geht es weiter?

Und genau das werde ich nun in Mexiko, auf der Baja California, in einem kleinen Strandhaus für mich klären!

Ich mache somit nun erst einmal eine Reisepause und starte mit der Arbeit, die man als Blogger und One-Woman-Show so hat, um Euch weiterhin auf dem Laufenden zu halten und um mein Aussteigerleben auch finanzieren zu können.

Herzlichen DANK an Ron, der mich immer wieder bei Laune gehalten hat! Das Porträt, welches ich von ihm gemacht habe, wurde die Tage von einem Maler entdeckt und hängt nun irgendwo in Mexiko in einer Galerie.

Und wie immer, herzlichen DANK an alle, die ich getroffen habe und die mir ein Gespräch oder einfach nur ein Lächeln geschenkt haben. Die USA war wie immer großartig!

Ich wünsche Dir liebe Leserin und lieber Leser, sowie Deiner Familie ein tolles Weihnachtsfest und alles Gute für 2021! Bleib gesund!

Ganz besonderen Dank natürlich an alle, die meine Arbeit am Blog und meine Fotografie und Reise wertschätzen und mich dieses Jahr wieder finanziell unterstützt haben!

Ich hoffe, die Postkarte ist bei Dir angekommen!

Bis demnächst – mit mehr Geschichten von unterwegs – Du hörst wieder von mir!

Und nun könnt Ihr mir gerne Eure Kommentare hinterlassen und mich bombardieren mit Euren Gedanken und Fragen! Darüber würde ich mich sehr freuen!

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