Das neue Rad rollte prima. Doch bekam ich schon recht schnell Schmerzen im Nacken und war somit permanent damit beschäftigt meine Sattelposition zu ändern. Doch so richtig viel half das erstmal nicht.

Was mich richtig nervte war der fehlende Ständer. Surly sieht den Sinn eines Ständers nicht und hat dafür keine Vorrichtung am Rad montiert. Befestigt man selbst einen, gibt Surly auf Schäden keine Garantie.

Eines ist klar, ich brauche dafür eine Lösung, denn auf Dauer nervt mich das zu sehr.

Mein neuer Aufbau dagegen gefiel mir sofort sehr gut. Das Lenkverhalten ist deutlich besser. Die Gewichtsverteilung ist nun viel ausgefeilter und gibt mir dadurch ein richtiges Vergnügen auf den Pisten. Sicherlich werde ich daran noch einiges feilen, doch die Idee des bikepackings hat mich bereits überzeugt.

Ich sah vorerst den letzten Bären, oder besser gesagt ich sah den Hintern eines Bären, der mit einem wahnsinns Tempo vor mir weg rannte. Braun war er. Leider aber sah ich sein Gesicht nicht, so weiss ich nicht ob es ein Schwarzbär oder ein Grizzly war.

Montana war Anfangs etwas zu besiedelt, doch im Laufe der Strecke wurde die Gegend immer interessanter und die Route ein richtiger Spass !

Im Durchschnitt fuhr ich etwa 80 – 90 Kilometer am Tag. Genug um Spass zu haben und zusätzlich hatte ich abends noch ausreichend Zeit um ein Feuer im Wald zu geniessen. Mein Lagerfeuer ist für mich immernoch der entspannteste und irgendwie auch schönste Moment des ganzen Tages. Den Tag und das Erlebnis Revue passieren lassen und dabei die Wärme am Feuer zu geniessen macht mich glücklich.

Die Great Divide ist eine bekannte Strecke. Jedes Jahr fahren hier etliche Radler zumindest Teilstrecken davon. Daher bin ich hier nicht die faszinierende Unbekannte. Die Leute sehen dauernd Radler. Das macht mich zu eine unter vielen und das ist total neu und auch entspannt irgendwie.

Doch heisst das auch, dass Leute mich kaum zu sich einladen.  Ich bin plötzlich Teil einer Gruppe, obwohl da gar keine Gruppe ist. Ich hatte dadurch bisher etwas weniger Zugang zum normalen Volk als sonst, etwas was ich sonst so wichtig finde.

Doch eine super nette Familie lud mich zu sich und ihrem Ferienhaus ein. Gold waschen und Tischtennis spielen war unser Zeitvertreib. Zudem fragten sie mich Löcher in den Bauch, was ich sehr genoss, denn hier im Westen sind Amerikaner eher bescheiden mit dem Interesse an anderen Ländern.

Ein 65 Jähriger Mann mit einem 10 jährigen Sohn lud mich in einer Kneipe zu sich zur Übernachtung ein. Der Sohn war adoptiert. Ein paar Mal ist mir das nun schon aufgefallen, dass doch bereits relativ alte Leute noch Kinder adoptieren. Der Junge war aus Russland.

Es war ein winziger Ort und ich wunderte mich, dass niemand in der Kneipe die beiden kannte. Doch hatte er mich zu sich eingeladen, er musste ja hier irgendwo wohnen. Ich fuhr ihm hinterher und wir endeten an einem Hotel.

Der Besitzerin sagte er, dass ich bei ihnen mit im Zimmer schlafen werde, woraufhin sie mich anstarrte als wäre ich von einem anderen Stern. Auch ich war zugegebenerweise etwas überrascht.

Die Dame winkte mich in einen Nebenraum und fragte mich was denn da los sei und bot mir im Nebenzimmer ein Bett an, dass ich dankbar annahm.

Je südlicher ich kam, desto mehr verschwanden die Wälder. Worüber ich nicht wirklich traurig war. Was ich allerdings vermisste waren die trails, die die Route angeblich haben soll.

Der Kanadische Teil der Strecke und auch der nördliche Teil Montanas war voller schöner kleiner Pfade, doch nun weiter im Süden Montanas war davon nichts mehr zu sehen. Die Route bestand aus miteinander verbundenen Forststrassen, die auch nicht immer nur durch schöne Ecken gingen.

Was mich total beeindruckte war die enorme Freundlichkeit der Autofahrer. Selbst die sonst so rücksichtslosen 4x4 Fahrer passten auf, dass mir die Steine nicht um die Ohren donnerten und der Staub mich nicht total einhüllte. Eine Frau entschuldigte sich sogar bei mir: “I am so sorry for the dust“. Ein völlig neues Gefühl des Radfahrens hier in den USA.

Ich schloss mich ein wenig einer „Gruppe“ an, die sich aus Einzelradler zusammen gesetzt hatte. Wobei ich morgens immer die letzte war die los fuhr und abends die letzte die am ausgemachten Platz ankam.

Sie alle verwöhnten mich. Zudem war ich sehr froh über die interessanten Gespräche die wir führten.

Eines Abends zelteten wir alle hinter einem Restaurant und ich wachte mitten in der Nacht auf, weil ich ein Geräusch hörte. Sofort machte ich mein Zelt auf und sah eine riesen Elchkuh mit ihrem Jungen am Nachbarzelt schnuppern. Wow, das war ganz grosses Kino, doch ehe der halbe Zeltplatz wach war, waren sie leider schon wieder verschwunden.

Zu der Great Divide MTB Route gibt es parallel ebenso eine Wanderroute und ab und an schneiden sich die Wege. Ein Israeli mit seinem amerikanischen Kumpel kam mir entgegen. Sie waren völlig am Ende und zählten bereits die Tage bis zum Finale.

Bei dem Israeli hatte ich den Eindruck er hätte am liebsten sofort das Handtuch geschmissen. Er war nur noch ein Strich in der Landschaft und ich konnte ihn beim fotografieren nur schwer zum Lachen bringen. Sie waren in Mexiko gestartet und seit 4 Monaten unterwegs.

Ich traf weitere Wanderer, die alle ultralight unterwegs waren. Teils hatten sie ihre Rucksäcke selber gebastelt. Bei den meisten erinnerte mich der Anblick an die Szene von Forrest Gump, als Forrest am Monument Valley mit langem Bart und total zerzausten Haaren nach seinen vielen tausend joggenden Kilometern, zu seinen Folgern sagte: „Ich habe genug, ich will nach Hause.“

Im Vergleich zu den Wanderern sahen wir Radler aus wie gerade von daheim gestartet, was bei mir den Reiz auslöste so eine lange Wanderung auch mal irgendwann in Angriff zu nehmen. Sie strahlten alle sehr viel Ruhe aus. Die Reisegeschwindigkeit scheint sich in ihrem Charakter widerzuspiegeln.

Kurz vor den Wahlen hier in den USA, bleibt das Thema wer wird der nächste Präsident, natürlich nicht aus, auch wenn sich Amerikaner hier im Westen schwer tun über Politik zu reden. Man möchte den anderen nicht verletzen. Die vorsichtige Art der Amis ihre Meinung zu sagen ist auch sonst im Alltag immer wieder präsent.

Ich als Deutsche, die ich gewohnt bin, eine Frage so ehrlich zu beantworten wie sie mir gestellt wurde, komme da manchmal in Schwierigkeiten.

Amerikaner sind bei weitem nicht so direkt in ihren Aussagen. Oder aber sie übertreiben masslos und ein awesome, great, cool und wonderful, entspricht im Deutschen einem einfachen schön.

Eigentlich möchte ich gar nicht wissen wie oft ich den ein oder anderen Amerikaner mit meinen direkten Worten vor den Kopf gestossen habe. Ich versuche mit meinen Aussagen niemanden zu verletzten, doch das um den heissen Brei reden, ist einfach nicht mein Stil. Im Zeugnis würde sicherlich stehen: sie war stets bemüht 😉

Amerikaner, die bereits in Deutschland waren, sehen aber die postiven Seiten der direkten Art, denn ich habe mir immer wieder sagen lassen, dass selbst unter Freunden und in Familien man einfach nicht auf den Punkt kommt.

Bei den Wahlen heisst das, dass Meinungen nur selten ausgetauscht werden. Da sitzt man nicht am Stammtisch und diskutiert und jeder vertritt seine Meinung und am nächsten Morgen sind trotzdem alle noch Freunde. Nein, hier vermeidet man eher die Konfrontation um die Freundschaft nicht zu gefährden.

Einige sind auch überrascht wie sehr ich an den Wahlen interessiert bin.

Was mir hier im Westen immer wieder auffällt, ist das Desinteresse an der Aussenwelt. Die halbe Welt verfolgt die bevorstehenden Wahlen, weil die halbe Welt weiss, dass der Wahlausgang nicht nur die USA betrifft.

Die Amis dagegen fürchten sich oft nur um ihre Steuern, Arbeitsplätze und um Waffengesetze, weil leider zu viele den globalen Blick nicht haben.

Ich bin auch mehrfach um meine Meinung gefragt worden, weil die Leute hin und hergerissen sind und weder Hillary noch Trump als den geeigneten Kandidaten ansehen. Wobei ich sagen muss, dass ich mit den extremen Republikanern nicht geredet habe. Diese Welt ist mir einfach zu fremd und zu extrem.

Sicherlich gibt es auch den ein oder anderen Gedankengang wie: “8 Jahre Demokraten mit einem farbigen Präsidenten. Und jetzt auch noch eine Frau? Und nochmal die Demokraten? Das ist wohl einigen schon aus dem Prinzip heraus zu viel.
Wobei das mein Gedankengang ist, das hat mir niemand so gesagt. Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass ein Amerikaner, dass so offen zugeben würde, selbst wenn er so denken würde.

Ich bin zudem mehrfach in Montana angesprochen worden mit: “Glaube nicht, obwohl wir ein Republikaner Staat sind, dass wir den Trump wählen.“

Ich mag die Amerikaner sehr und ich hoffe wirklich, dass sie am Ende wissen was sie tun.

Einige „trip angels“ hatte ich natürlich auch wieder auf meiner Seite. Ein Kneipenbesitzer, der mich zum Abendessen und Frühstück, sowie zur Zeltübernachtung hinter seinem Haus einlud.
Eine alte Frau, in einem total abgelegenen Haus, bei der ich sicherlich die oder der 500’ste Radler dieses Jahr war, der nach Wasser fragte.

Eine organisierte Radgruppe, die mit Sherpa-Service unterwegs war und deren Mechaniker mir mein Rad durchcheckten, sozusagen der erste check-up nach dem Kauf.

In einem kleinen Ort in Idaho, traute ich der Gegend nicht so wirklich und ich wollte nicht einfach irgendwo auf dem Sportplatz zelten. So ging ich zur Kirche, nicht wissend, dass es eine Mormonen Kirche war.
Mormonen meinen es ganz besonders gut mit einem und ich konnte die beiden Männer nicht davon überzeugen, dass ich doch ganz einfach hier in dem Aufenthaltsraum der Kirche, auf dem Boden nächtigen kann. Nein, sie bezahlten mir ein Hotelzimmer.

Ein Feuer versperrte den Weg von Idaho nach Wyoming und somit musste ich über Jackson ausweichen um von dort wieder nördlich zurück auf die Route zu kommen.
Die Gruppe hatte sich durch das Feuer auseinander gerissen und die meisten stiegen sowieso aus, was wirklich sehr schade war. Ich mochte sie alle sehr.

In Jackson erhöhte ich meinen Vorbau, was mir sofort deutlich weniger Nackenschmerzen brachte. Jackson selber war ein Ort zum davon rennen. Viel Reichtum mit lauter arroganten Leuten und alles noch teurer als anderswo.

Die Fahrer in Wyoming waren das genaue  Gegenteil von denen in Montana. Super rücksichtslos. Mir flogen jedes Mal die Steine um die Ohren, wenn sie an mir vorbei rauschten. Einem Fahrer deutete ich von Weitem an doch bitte langsam zu fahren, da zeigte er mit den Stinkefinger und donnerte mit vollem Karacho an mir vorbei.

Die Great Divide hatte von nun an das Talent an interessanten Orten und Landschaften vorbeizugehen, weil die Erfinder der Route, sich an der Great Divide orientierten und nicht unbedingt an schönen Strecken.

Mir persönlich ist allerdings die Great Divide, also die Wasserscheide an sich ja egal, denn mir geht es um das Erlebnis. So richtig warm wurde ich mit der Route von nun an also nicht mehr, obwohl sie zwischendurch immer wieder tolle Ecken hatte und ich von dem Kanadischen Teil und auch von Montana total begeistert war.

Auch war mir auf Dauer diese rote Linie der ich folgte, diese vorgegebene Strecke irgendwie zu fad. Ich bin einfach niemand, die der Masse folgt. Mir war das alles zu einfach. Ich wusste ja laut Karte bereits wann ein Supermarkt kommt und wo es einen Radladen gibt. Selbst Zeltstellen waren eingezeichnet.

Es wird auch davon gesprochen, wie abgelegen die Route ist. Auch das ist natürlich alles relativ. Es ist und bleibt eben die USA und spätestens nach 3 Tagen kommt ein Supermarkt. Meine selbst gesuchte Strecke durch Nevada war da viel abgelegener und für mich deutlich reizvoller.

Das Great Basin war ein Windloch. Windgeschwindigkeiten von 70 km/h peitschten mir um die Ohren. Tag und Nacht. Dazu viele Gewitter und einiges an Regen. Zu sehen gab es vor allem nichts. Dazu Kühe und Pronghörner.

Die anfängliche Begeisterung, die ich für die Strecke hatte war leider ziemlich gesunken. Doch liess ich mir davon die Laune nicht verderben. Ich hatte nur das Gefühl ich muss die Route verlassen um wieder mehr Spass zu haben. Doch war ich wie immer hin- und hergerissen, denn ich wollte sie ja sehr wohl beenden.

In der Brush Mountain Lodge traf ich Kirsten, die, was ich erst hinterher erfahren habe, ganz besonders bekannt unter den Radlern ist. Sie schmiss sofort den Herd an, als sie mich sah, drückte mich zweimal ganz heftig und kochte mir ein perfektes Omelette. Ich konnte mich zudem an ihrer snack bar bedienen.

„Jeder Radler ist bei mir herzlich willkommen. Ihr seid alle total verrückt, so etwas unterstütze ich gerne! Schreib mir doch als Dankeschön eine Karte und ehe ich mich versah, drückte sie mir ihre Adresse in die Hand. Überall hingen Bilder und Plakate von Radlern und ich fragte sie wie oft sie denn die Great Divide schon geradelt ist? „Ich, keinen Meter davon, ich bin doch nicht bekloppt.“

In Colorado ging die Jagdsaison los. Pfeil und Bogen schiessen war ab sofort erlaubt und überall rannten die getarnten Leute mit ihren knall orangenen Mützen umher und suchten nach ihrer Beute.
Ja richtig, sie sind mit Tarnwesten und orangenen Mützen unterwegs, weil sie sehr wohl wissen, dass sie sich ab und zu auch selber erschiessen.

Wohl war es mir da nicht. Obwohl das Pfeil und Bogen Schiessen weniger gefährlich ist, als die Gewehre mit denen sie etwas später im Jahr den Wald unsicher machen dürfen.

An einem Berghang stand wirklich Auto an Auto und alles waren Jäger. Widerlich. Den einen schickte ich mit Absicht in die falsche Richtung, als er mich fragte ob ich Rehe gesehen habe, auch wenn ich wusste, dass das total albern ist.

Die Herbstfarben waren am explodieren und die Tage wurden immer kälter.

In Steamboat Springs sah ich dann meinen zwölften und letzten Bären. Am Parkplatz wurde er gerade von einer Frau zerstückelt. Ein Junge schaute mit betröppelter Miene zu. Ich konnte es mir nicht verkneifen zu fragen, wer ihn getötet hat. Der Junge sagte kein Ton, die Mutter meinte : „Mein Sohn“.

Ich weiss, dass die Jagd reglementiert ist und jeder der zur Jagd geht eine Erlaubnis braucht und doch werde ich niemals verstehen warum man zum Spass einen Bären tötet.

Ich hatte sofort die Bilder der goldigen Bärengesichter im Kopf, die mich mit ihren süssen Nasen und ihren riesig aufgestellten Ohren aus dem Wald heraus anschauten und ich sie dabei am liebsten geknuddelt hätte.

Bilder die ich nie vergessen werde. Begegnungen die so intensiv sind.

Sehen diese Leute so etwas nicht? Wollen sie das nicht sehen?

Doch der Junge war alles andere als glücklich über seine Tat, dass war offensichtlich. Das einzigste was mich in dem Moment irgendwie beruhigte.

Mit Tränen in den Augen verliess ich den Parkplatz und die Route war für mich entgültig gestorben, weil ich wusste, dass ich von nun an ständig Jägern begegnen werde.

Die Great Divide hat mich insgesamt fast 2900 KM lang beschäftigt und ich habe ganz sicher nicht bereut sie angefangen zu haben, ob ich es je bereuen werde, sie nicht zu Ende gemacht zu haben wird sich zeigen.

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