Ich sprang auf, Panik überfiel mich. Was war passiert?

Mein Fahrrad – die blöde Kuh, mit ihrem dicken Auto steht auf meinem Fahrrad. Sie bewegte sich nicht. Keinen Meter. Sie sass wie angwurzelt in ihrem Wagen.

Ich schrie sie an, “Good job – lady! Falls Dir nicht aufgefallen sein sollte, du stehst auf meinem Fahrrad!”

Keine Reaktion. Die Frau ignorierte mich. Sprach kein Wort.

“Fahr endlich von meinem Fahrrad wieder runter”, schnauzte ich sie an.

Leute kamen herbei geeilt. “Brauchst Du einen Zeugen? Ich habe alles gesehen! Die Frau ist Schuld. Ich gebe Dir meine Telefonnummer”. Eine andere Frau fasste mich am Arm und fragte “wie geht es Dir? Bist Du verletzt? Komm, geh von der Strasse runter, ich bin Krankenschwester, ich checke Dich durch. Wo tut es Dir weh?”

“Das Rad ist kaputt! Meine Sachen, alles hin!” meinte ich zu ihr.

“Wir kümmern uns um Dein Fahrrad, mach Dir keine Sorgen.”

Meine Gedanken kreisten nur um das Rad. Bilder der letzten Jahre gingen mir durch den Kopf. Was hatte ich alles mit dem Rad erlebt und nun hatte diese unfähige Kuh, die sich nicht mal entschuldigt oder aus dem Auto bewegt, einfach alles ruiniert. Wie kann es sein, dass sie mich nicht gesehen hat?

Ich schnauzte sie nochmal an, nachdem sie endlich ein wenig zurück gesetzt hatte: ” Mach Deinen Motor aus! Mach endlich Deinen blöden Motor aus!”

Sirenengeräusche. Polizei und Krankenwagen kamen vorgefahren. Noch mehr Leute standen um mich herum. Jeder schien an mir zu zerren und dauernd redete irgendjemand auf mich ein.

“Wie heisst Du”, fragte mich eine Frau. “Heike” gab ich als Antwort. “Dann bist Du aus Deutschland! Ich bin auch Deutsche!” erwiderte sie mit einem breiten Lächeln.

Sie luden mich in den Krankenwagen ein und als ich auf der Liege lag fühlte ich mich zunehmens schlechter. Der Kopf tat mir weh, der Nacken und ich hatte das Gefühl ich müsste brechen.

Jeder war super nett zu mir, alle total besorgt und sie checkten mich sofort durch und fuhren mich ins Krankenhaus was keinen KM entfernt war.

Röntgenaufnahmen waren alle in Ordnung, keine Auffälligkeiten und die Diagnose lautete Gehirnerschütterung und Schleudertrauma.

Etwas später als ich langsam realisierte was passiert war, fragte mich der Polizist “hast Du Freunde hier?”. Er hatte mein Fahrrad bereits aufgeladen, den Polizeireport gebracht und er stand mir zudem als Ansprechpartner zur Seite. “Nein, ich kenne hier niemanden”, gab ich mit einem etwas traurigen Ton zur Antwort.

Die Ärztin lud mich daraufhin zu sich nach Hause ein, auch die Deutsche Krankenschwester meinte dass ich jederzeit bei ihr willkommen sei. Doch der Polizist hatte eine noch bessere Idee, denn er rief den Pfarrer des Ortes an, der mir die erste Hotelnacht in Eureka bezahlte und mir mein Fahrrad sogar bis ins Hotelzimmer trug.

Ich war diesen fremden Menschen so dankbar und muss immer wieder sagen, Amerikaner sind einfach ein tolles, hilfsbereites Volk.

Mein Kopf donnerte, mein Nacken tat höllisch weh und mein Schockzustand ging ein wenig in Besorgnis über, nicht mehr so sehr um das Rad, nein mehr um mich selber, denn mir was es hundeelend.

Es fühlte sich so an, als wäre gerade ein pick-up über mich drüber gerollt 😉

Meine Leute zu Hause schliefen bereits, die konnte ich nicht anrufen und den einzigsten richtigen Freund, den ich in Amerika hatte, der sogar in der gleichen Zeitzone lebte, war Ron aus Arizona, bei dem ich im letzten Jahr, zusammen mit seiner Familie, Weihnachten feiern durfte.

Ron war vor zwei Tagen in Rente gegangen und meinte: “Gutes timing – ich fahr sofort los – ich schätze ich bin in weniger als 24 Stunden bei Dir”. Auch das sind Amerikaner, sie scheuen sich nicht 1600 Meilen einfach mal eben so zu fahren! So etwas würde doch in Deutschland nahezu niemand machen!

Auch Rick aus Oregon, bei dem ich im Frühjahr übernachtet hatte, bot mir sofort an zu mir zu kommen, doch da war Ron schon im Auto und auf dem Weg zu mir.

Die Versicherungsdame war am Telefon extrem nett und machte mir sofort alle möglichen Versprechungen. Sie sagte mir klipp und klar, sie kommt für die Hotelkosten auf, ich kann mir ein neues Fahrrad kaufen, die kaputten Sachen wird sie bezahlen und sie gibt mir auch ein wenig Schmerzensgeld.

Nach ein paar Tagen ging es mir langsam besser und Ron und ich fingen an eine Strategie zu entwickeln wie und wo wir nun ein neues Fahrrad her bekommen, denn Eureka ist sozusagen am Ende der Welt.

Wir entschieden uns für Nelson in Kanada, denn durch einen Tipp über Facebook, hatte ich erfahren, dass dort das Lager von Surly ist. Und ein Surly sollte es werden. Genau das Rad was ich seit langem haben wollte!

Ich hatte der Versicherungsdame von State Farm bereits alle nötigen Unterlagen, Fotos der beschädigten Sachen, Hotelrechnungsinfos etc. zugeschickt und wartete vergeblich auf eine Antwort.

Andere Leute, die sich zuvor mit mir in Eureka im Hotel aufhielten, meinten bereits zu mir, “Pass auf, Versicherungen machen immer jede Menge Versprechungen und am Ende bezahlen sie nicht.”

Mein Rad wurde von Travis im “Gerick Cycle” Radladen nach meinen Wünschen aufgebaut und über den Chef des Radladens wurde mit der Versicherung besprochen, dass ein Scheck über den ausgemachten Preis noch am selben Tag durch eine Kanadische Niederlassung los geschickt wird.

Überweisungen kann State Farm nicht tätigen, egal auf welches Konto auch immer, paypal ist nicht möglich und alles andere auch nicht.

Doch uns wurde versprochen, dass der Scheck in spätestens drei Tagen im Radladen sei.

Die Tage vergingen und kein Scheck kam an. Verschiedene Teile mussten für das Rad sowieso bestellt werden und von daher mussten wir eh warten, trotzdem wurde ich zunehmens nervöser. Ron zahlte jeden Tag aufs neue das Hotel, da er, im Gegensatz zu mir, im Besitz einer Kreditkarte ist.

Ein ganzer Radladen war viele Stunden mit meinem Rad beschäftigt und ich hatte zunehmens mehr den Eindruck, dass ich das Geld von der Versicherung nicht bekommen werde und die anfänglichen Versprechungen alle nur Taktik waren.

Auf meine weitere Anfrage, bei der ich zuvor zig Mal mit dem Anrufbeantworter vertröstet wurde, ob ich denn nun mal eine Antwort über email zu meiner Schadensliste bekommen könnte, wurde mir von der Versicherungsdame gesagt, dass sie noch nie jemals eine email von mir bekommen habe und dass sie das auch nicht verstehen könnte. Sie hätte den Scheck in Auftrag gegeben und sie prüft nach wo er sei.

Wir sollten es doch mal über Ron’s email Adresse versuchen, anscheinend kann ihr System mit einer Deutschen email Adresse nichts anfangen. Auch dieses Spiel spielte ich noch mit. Und somit schickte ich ihr erneut die ganzen Daten.

Wieder vergingen drei lange Tage und ich hörte absolut nichts von der Versicherungsdame zudem war kein Scheck in Sicht. Mein Geduldsfaden war spätestens jetzt am Ende. Ich war nun überzeugt, dass die Versicherung mich beschummeln will, weil so viel Unfähigkeit kann es nicht geben.

Zugegebenerweise bin ich am Telefon total ausgerastet und habe den Vorgesetzten verlangt, der mir dann nach längerem – ich habe doch keine Ahnung Taktik – gesagt hat, dass der Scheck nie losgeschickt wurde.

Ich drohte mit einem Anwalt – etwas was ich hasse – aber ich sah keinen anderen Ausweg. Und siehe da, es eröffnete plötzlich Türen.

Amerika ist ja nun weltbekannt für Klagefälle die ins Uferlose gehen und ich denke einmal State Farm hatte nun richtig bedenken, dass ich vor Gericht gehe und mir plötzlich alle möglichen Verletzungen und Psychische Folgen des Unfalls ausdenke.

Nun kam endlich die erste Antwort auf eine meiner vielen emails, mit einer riesen Fehleransammlung zurück. Keine Excel Tabelle, einfach eine wirre Aufzählung von Daten. Zahlen falsch übernommen und zudem falsch addiert – doch alles zu meinen Gunsten, somit beschwerte ich mich nicht.

Ich handelte für Ron KM Geld aus, denn schliesslich wäre ich von Eureka, ausser per Anhalter, niemals ohne ihn weggekommen.

Komischerweise fragte nie mal jemand, wieviel mein altes Rad gekostet hatte, denn mit dem Betrag des neuen Fahrrads waren sie einverstanden, aber wie gesagt ob ich das Geld je bekommen werde, stand ja in den Sternen.

Angeblich wurde ein neuer Scheck ausgestellt und wieder sofort losgeschickt. Der Geschäftsführer des Radladens lies mich am Ende mit dem Fahrrad gehen ohne den Scheck in der Hand zu haben. Als Sicherheit hatte er zwei Unterschriften von zwei Kollegen von State Farm die per Fax gesendet wurden. Hiermit nochmals lieben DANK!

Ron hatte jeden Tag mehr als 100 CAD $ fürs Hotel bezahlt, denn Kanada ist irre teuer. Auch sein KM Geld war eine stolze Summe. Mir fehlte noch das Geld für meine kaputte Ausrüstung sowie das versprochene Schmerzensgeld.

State Farm hat online entsetzlich viele Beschwerden erhalten. Extrem viele Menschen, deren Geschichten ähnlich zu meiner klangen und viele davon die ihr Geld nie bekommen haben. Ich war also weiterhin auf Halbachtstellung.

Zur ausgemachten Geldübergabe, standen wir vor einer Bank, zudem ein Vertreter extra aus dem Bundesstaat Washington geschickt wurde. Anreise über vier Stunden.

Ist das nicht unglaublich? Ich fühlte mich mal eben in die Zeit der Post-Kutschen zurückversetzt. Der Wilde Westen wie vor 200 Jahren.

Ein Kaugummi kauender Baseballkappen Typ stand mit einem ausgebleichten State Farm Shirt vor uns und händigte mir einen Zettel zum unterschreiben aus. >Durch die Bezahlung habe ich keine weiteren Ansprüche an State Farm< stand dort in schwarzen Buchstaben.

Man hatte mir im Vorfeld versprochen, dass der Vertreter sicherstellt, dass ich das Geld in der Bank sofort entgegen nehmen kann.

“Ohne Geld – keine Unterschrift”, sagte ich ihm. “Das habe er ja noch nie erlebt, in 15 Jahren nicht”, meinte er zu mir. “Es gibt immer ein erstes Mal”, antwortete ich ganz cool und traute diesem Herrn keinen Meter über den Weg. Denn schon wieder stimmte die Aussage und das Verhalten nicht mit dem überein was mir gesagt wurde.

Am Schalter kam dann das nächste Problem. “Der Scheck ist nicht gedeckt, wir wissen über diesen Scheck nicht Bescheid”, meinte die Dame am Schalter.

Ich drehte mich zu dem Vertreter um und meinte nur “diese ganze Versicherungsabwicklung ist das absolut unglaublichste was ich in meinem ganzen Leben je erlebt habe!”

Ron rief sofort den Radladen in Kanada an um sicher zu gehen, dass sie auch wirklich das Geld bekommen haben, bevor ich unterschreibe. “Ja, haben sie”, bekamen wir als Antwort.

Nach langem hin und her und mehreren Telefonaten, machte die Bank eine Ausnahme und vertraute dem Scheck und zahlte mir das Geld aus.

“Das Einlösen des Schecks kostet eine Gebühr von 7$”, sagte mir die Dame am Schalter und ich antwortete, “der Gentleman hier neben mir wird das übernehmen”, woraufhin er meinte “dann muss ich das aus eigener Tasche zahlen”, woraufhin ich sagte, “das ist nicht mein Problem!”.

Hätte ich sofort unterschrieben wäre ich dem Geld sicherlich viele weitere Tage hinterher gerannt. Vielleicht sogar für immer.

Anschliessend habe ich natürlich mit einigen anderen Amerikanern darüber gesprochen und die meinten ausnahmslos, dass viele andere Geschädigte irgendwann den Kopf in den Sand stecken und auf das Geld am Ende verzichten. Davon profitieren die Versicherungen natürlich. Frei nach dem Motto, man kann es ja mal probieren. Willkommen in Amerika.

Sieht man nun mal von dem ganzen Stress ab, kann ich nur sagen, ich habe ein 15 Jahre altes Fahrrad gegen einen nagelneuen Flitzer eingetauscht und habe zudem alle Unkosten, auch die von Ron, bezahlt bekommen. Zudem etwas Schmerzensgeld. So grosszügig wäre eine Versicherung in Deutschland niemals gewesen.

Und hier präsentiere ich Euch nun mein neues Rad, dass allerdings noch nicht ganz fertig aufgebaut ist.

Vielen Dank an alle die mir geholfen haben. Die mir emails, Kommentare, Genesungswünsche und aufmunternde Worte gesendet haben !

Allen voran natürlich vielen lieben Dank an Ron, der mir eine riesen Hilfe war! Aber auch vielen Dank an den super Service im Radladen, allen voran dort an Travis. An Martin von biketour-global.com der mir mit Tipps fürs Rad geholfen hat. Zudem lieben Dank an Don, ein in Deutschland lebender Amerikanischer Freund, der durch weitere Kontakte, mir mit Rat und Tat zur Seite stand, wie ich mit der Versicherung verhandeln soll.

Ende gut – alles gut ! Und jetzt gehts, nach fast vier Wochen, zurück auf den Trail !

 

1 Kommentar

  1. Petra

    Ende Gut, ALLES GUT!

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