Die Landschaft präsentierte sich wunderschön, wenn es auch anstrengend war, denn es ging immer wieder rauf und runter und rauf und runter.

Die Berge grün bewachsen, die Felder in den unterschiedlichsten Farben. Zwischendrin kleine Dörfer, perfekt in die Landschaft integriert. Leute arbeiteten auf den Feldern, im Hof oder auf den Straβen. Die Ernte wurde eingeholt, bearbeitet oder abtransportiert. Es herrschte viel Leben in den Gassen.

Die Temperatur war perfekt, das erste Mal seit langem.

Ich kam im Dunkeln an einem Schlagbaum an, das Tor zu einem Tempelkomplex – Shibaoshan – und verbrachte die Nacht im Kassenhäuschen,  schaffte es aber leider nicht mich am Eintrittspreis vorbei zumogeln.

Der nächste Morgen war herrlich frisch. Nebelverhangen. Der Wald bezaubernd. Ich hatte ihn für mich ganz alleine. Die Tempelanlagen waren teils tief im Wald platziert. Ich gönnte mir viele Stunden in der weit verzweigten Anlage und traf gegen Nachmittag ein Schweizer Pärchen, sowie 2 Deutsche Rucksackreisende. Zusammen liefen wir querfeldein nach Shaxi.

Shaxi, ein Dorf wie einige andere, so jedenfalls würde ich diese kleine Siedlung bezeichnen.

Es ist im Reiseführer „lonely planet“ erwähnt und somit war es der Ort mit den meisten westlichen Touristen, die ich bisher in China gesehen habe. Für mich eine wunderbare Möglichkeit mich unterhalten zu können, wenn ich dem Dorf auch nicht viel abgewinnen konnte.

Die Bewohner taten mir leid, denn überall gab es Unterkünfte, Cafes und Souvenirstände, zwar kein Vergleich mit Lijiang, aber trotz allem war es bereits viel zu viel. Ich versuchte mich in die alten Leute reinzuversetzen, die dort aufgewachsen sind und auch dort sterben werden. Ja, es ist der Wandel der Zeit, und doch muβ es schockierend für die Einwohner sein, wenn sie plötzlich von Westlern nur so überrannt werden.

Ein Problem, mit dem ich seit vielen Jahren kämpfe, denn auch ich hinterlasse Spuren und verändere dadurch Kulturen, indem ich meine Neugier befriedige und mir die Welt anschaue.

Langsam aber sicher rollte ich weiter gen Süden. Die Preise wurden immer billiger. Die Unterkünfte waren nun oftmals für kleines Geld zu bekommen und waren deutlich komfortabler, als die, die ich in den Provinzen zuvor hatte. Ich konnte plötzlich überall übernachten, kein „mei you“ mehr an jeder Hoteltüre.

Die Toiletten waren nun im Hotelkomplex integriert, teils sogar mit im Zimmer, zudem endlich heiβe Duschen. Ein Schlüsselproblem hatten sie allerdings weiterhin. Zelten war in den nun doch sehr bevölkerten Gegenden immer schwieriger.

Das Essen dagegen wurde immer schlechter. In der ganzen Provinz Yunnan geht man in einem kleinen Restaurant an den Kühlschrank und deutet auf das was man gerne hätte. Wenn ich mehrere Gemüsesorten aussuchte, hieβ es immer, dass das nicht zusammen passt, allerdings Alternativvorschläge bekam ich keine.

Somit war der kulinarische Teil der Reise durch China nun irgendwie zu Ende, denn es gab meistens das Gleiche. Entweder gebackene Auberginen oder Tomaten mit Eiern. Dazu immer Reis. Beim Reis bekommt man Nachschlag, soviel wie man möchte. Die Nudelsuppen zum Frühstück muβ man sich nun leider selber würzen, da ich die ganzen Gewürze nicht kenne, und ich auch immer auf das Glutamat verzichte, führt es dazu, dass es wirklich nach fast gar nichts mehr schmeckt. Schade, das leckere Chinesische Essen der anderen Provinzen werde ich so schnell nicht vergessen.

Von nun an tranken die Leute sehr viel grünen, heiβen Tee, anstelle einfach nur heiβes Wasser. Oftmals war er sehr stark und extrem bitter. Zucker wird dazu nicht gereicht.

Auf einem Markt sah ich das erste Mal süβe Desserts, auch wenn es immer wieder Kuchen oder Gebäck irgendwo zu kaufen gibt, legt man auf Nachtisch keinen Wert. Die Chinesische Schokolade und auch das Eis sind so schlecht, dass es schon fast ungenieβbar ist. Süβ spielt für Chinesische Gaumen wohl keine Rolle.

Dali. Eine bekannte Stadt im Herzen Yunnans. Die Massen der Chinesischen Touristen waren auch hier absolut unglaublich und daher schenkte ich der Stadt nicht weiter groβartig an Beachtung. Ich machte einfach Pause und die bestand darin, dass ich zwei Radler traf. Sebastian aus Deutschland und Felipe aus Brasilien. Wir hatten uns viel zu erzählen, denn die Jungs sind ein paar der gleichen Routen gefahren wie ich. Allerdings sind beide diesen Frühling, also ein Jahr nach mir, in Deutschland gestartet. 

Felipe hat oftmals Bus und Bahn genommen und Sebastian hatte eine deutlich kürzere Strecke gewählt als ich. Auch sie hatten in der Türkei eine tolle Zeit erlebt. Alle männlichen Radler sind begeistert von der Türkei, wobei Felipe mich gleich fragte wie ich die Türkei erlebt habe, da er sich schon dachte, dass es für eine Frau alleine sehr schwierig sein muβ.

Sebastian fuhr nach Hanoi, während Felipe und ich nun gemeinsam weiter Richtung Laos fuhren. Sein Endziel heiβt Ost Timor, wobei er, so wie auch ich, bereits am überlegen ist zu verlängern.

Mit Felipe war es ein riesen Spaβ. Er war zwar erst 23, aber das war egal. Er war super nett, witzig und vorallem nicht verbissen, sondern wir machten Pause wo immer es ging und genossen es einfach unterwegs zu sein. Wir erzählten über Gott und die Welt und es wurde nie langweilig mit ihm. Ab und an lieβen wir uns von LKWs ziehen um die endlosen Berge etwas leichter zu überwinden. Trotzallem machten wir oft mehr als 1000hm am Tag.

Über Weishan, ein kleiner lieblicher Ort südlich von Dali ging es weiter Richtung Süden. Wo immer möglich mieden wir die Hauptstraβen.

Fast jeden Abend hatten wir nun persönlichen Besuch von der Polizei. Pässe wurden direkt im Hotelzimmer kontrolliert. Anfangs immer sehr forsch und militärisch, werden die Beamten oftmals sehr schnell handzahm, wenn man sie in ihre Schranken weist.

Alkohol spielte nun eine immer gröβer werdende Rolle. Überall wurde getrunken, dazu wie immer unendlich viel geraucht. Teils auch aus Wasserpfeifen. Felipe wurde oft zur Zigarette und zum Alkohol trinken eingeladen, ich dagegen nicht einmal. Das liegt aber sicherlich daran, dass Frauen weder trinken noch rauchen.

Der Unterschied wie die Männer auf Felipe zu gingen war immens. Mir gegenüber sind sie immer sehr schüchtern, ihm gegenüber waren sie oft sehr offen und teils penetrant, so dass es uns schon fast nervte.

Felipe hatte 2 Jahre in Deutschland studiert und auβer, dass er sich schlecht über das Deutsche Essen äuβerte, redeten wir eine Weile darüber wie distanziert er das Verhältnis innerhalb der deutschen Familie erlebt hat.

„Ich fand es sehr befremdlich, dass meine Freunde mit dem gleichen Handschlag begrüβt wurden, wenn sie ins Haus der Eltern traten, wie ich als Fremder“. „Seltsam auch, dass die Kinder so schnell wie möglich aus dem Haus der Eltern ausziehen, während in Brasilien jedes Kind so lange wie möglich bei den Eltern wohnen möchte, selbst wenn sie es sich leisten könnten auszuziehen“.

„In Deutschland fehlt die Herzlichkeit, Liebe und der Zusammenhalt in der Familie“.

Ich dachte lange darüber nach, was Felipe sagte, denn prinzipiell hat er ja Recht. Wenn ich an viele andere Kulturkreise denke, in denen die Familie einen so hohen Stellenwert hat, sind wir in unsere Gesellschaft sehr kalt mit unseren Emotionen innerhalb des Familienkreises.

Die Frage ist nur warum ist das so? Ist unsere Liebe zu unseren Familienmitgliedern dadurch geringer, oder sind wir nur gehemmter sie den anderen zu zeigen?

Kultureller Austausch ist immer wieder ein sehr spannendes Feld und es regt mich sehr oft zum Nachdenken an. Immer wieder versuche ich auf der Reise zu verstehen, zu hinterfragen und in mich selbst hinein zu horchen. Mich anzupassen, neue Verhaltensweisen zu übernehmen oder die Dinge aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten.

Die Reise ist ein ewiger Lernprozess und obwohl man auf viele Fragen sicherlich auch nie eine Antwort finden wird, ist eine solche Reise trotzallem lehrreicher als 20 Jahre Schulbank drücken. Man lernt über andere, aber auch sehr viel über sich selber. Ganz zu schweigen was man über Geschichte, Politik, Geography, Biologie, Sprachen und vieles vieles mehr an neuem Wissen automatisch aufsaugt ohne dafür mühsam im Schulbuch zu blättern und lustlos irgendetwas auswändig zu lernen.

Vorallem auch wenn man innerhalb einer Reise durch völlig unterschiedliche Kulturkreise reist und somit auch vieles miteinander vergleichen kann.

Bis zu einem gewissen Grad hat das tägliche pedallieren auch etwas mit Meditation zu tun, aber auch mit Alltag und Routine und einem gewissen Rhythmus. Eine Art täglicher Weg ins Büro, nur dass man nicht jeden Tag den gleichen Weg vor sich hat, sondern es immer durch Neuland geht.

Oft werde ich gefragt, wie ich das alles bewältige. Wie ich mich orientiere, mich verständige, mich durchbeiβe. Und vorallem wie ich mich jeden Tag aufs Neue motivieren kann. Ich habe schon oft darüber nachgedacht was mich antreibt. Natürlich die Neugierde, die Faszination, das Freiheitserlebnis. Ich nehme einige Entbehrungen auf mich, doch bekomme ich auch sehr viel zurück, so dass ich die Entbehrungen sehr gerne in Kauf nehme.

Ich frage heute einfach mal ganz frech zurück. Was motiviert einen dazu jeden Tag aufs Neue ins gleiche Büro zu fahren? Um dann unter Druck zu stehen und Leistung bringen zu müssen um dafür dann als Belohnung in einem schönen Haus, mit der Familie abends vor dem Fernseher zu sitzen und einmal im Jahr im teuren Auto nach Italien fahren zu können?

Die Prioritäten sind anders aber im Prinzip ist es doch das Gleiche. Jeder beiβt sich durch. Ich würde sagen, die Anforderungen die heute in unserer Gesellschaft an jemanden gestellt wird, der täglich sein Geld verdienen muβ um sich all den Luxus leisten zu können, damit er gesellschaftlich anerkannt ist, sind nun wirklich nicht einfacher als das mit dem ich täglich zu kämpfen habe. Nur finde ich meinen täglichen „Überlebenskampf“ eben deutlich spannender und vorallem mit deutlich weniger Druck behaftet und von daher sicherlich auf Dauer auch deutlich gesünder.

Ein neues Wort wurde nun immer präsenter, statt „mei you“ hieβ es nun oftmals „ting bu dong“ (ich verstehe nichts). Das ging so weit, dass wir in einen Laden kamen und bevor wir etwas sagen konnten, hieβ es bereits „ting bu dong“. Alles war nun immer wieder „ting bu dong“. Im Prinzip das Gleiche wie zuvor mit „mei you“. Die Leute haben keine Lust sich mit einem zu befassen, viele sind auch sehr scheu. Wenn allerdings dann irgendwann das Eis gebrochen war, waren die Menschen sogar hilfsbereit. Doch China hat noch einen langen Weg vor sich, bevor man es als gastfreundlich bezeichen kann.

Wir bogen in immer abgelegenere Straβen ab und es war einfach super schön. Nebel hing bis zum späten Vormittag über den Berghängen. Teeplantagen soweit das Auge reichte. Kleine Dörfer und immer wieder rauf und runter und rauf und runter. Wir waren auf einer Achterbahnroute gelandet. Endlose Kurven. Doch es war einfach herrlich und jeden Schweiβtropfen wert gewesen.

Felipe fuhr nun den direkten Weg auf der G213 Richtung Laos, ich dagegen wollte weiterhin auf abgelegen Straβen unterwegs sein und somit trennten wir uns nach etwa einer Woche gemeinsamer Zeit.  Die Straβe war herrlich, allerdings auch brutal anstrengend. Von 1800m ging es nun in einem Rutsch auf 500m abwärts um dann bei Affenhitze am nächsten Tag wieder auf 1500m hinauf zuklettern. Die Wege verzweigten sich immer wieder und immer wieder hatte ich mit meiner Karte Probleme wirklich zu wissen welcher Weg es nun am Ende sein könnte. Das Fragen brachte mich wie immer nicht weiter und auch das Fragen danach ob es hoch oder runter geht, scheinen die Leute nicht zu verstehen. Alles „ting bu dong“. Aus Teer wurde Schotter und Matsch. Aus Teeplantagen wurde Dschungel. Einzelne Häuser am Wegesrand, Hahnengeschrei und zirpende Grillen. Heiβ und feucht, aber wunderschön.

Plötzlich hatte ich Schmerzen im Fuβ. Ich konnte kaum noch laufen, während das Radeln noch machbar war. Somit gönnte ich mir in einem gröβeren Ort einen Pausentag und hoffte auf eine Besserung. Überlastung, was anderes konnte ich mir nicht erklären. Kein Wunder nach all diesen tausend Kilometern über Stock und Stein und entlang endloser Bergketten. Ein Erlebnis, ohne Frage, aber auch kein Zuckerschlecken.

Was mich immer wieder irritiert ist die endlose Lacherei der Leute. Einer ruft „Hello“ und das ganze Dorf lacht. Ich gehe in einen Laden und versuche etwas zu erklären und was machen die Leute sie lachen. Überall wird immer wieder über mich oder die Situation gelacht. Manchmal lache ich einfach mit, manchmal provoziere ich auch und lache die anderen auch aus und manchmal ignoriere ich es einfach. Oftmals hängt es auch viel von meiner Stimmung ab, denn natürlich bin ich nicht jeden Tag gleich gut drauf.

Ich kam in einen kleinen Ort und war total kaputt nach einem langen anstrengenden Tag. Es war bereits dunkel und ich hatte Bärenhunger. Ich versuchte eine billige Unterkunft zu finden und ging von einem „Hotel“ zum Nächsten. Doch untereinander riefen sich die Besitzer Informationen zu und somit senkte niemand den Preis.

Irgendwann checkte ich in ein kleines Hotel ein und war sofort umstellt von zig Leuten, Geschrei und endlosen Fragen die ich nicht verstand. Natürlich wissen die Leute nicht, dass ich den ganzen Tag in der brütenden Hitze unterwegs war und noch nichts zu Essen hatte, aber es ist auch ihre Art, die es wirklich anstrengend macht.

Da wird wie immer rumgezedert, gelacht, das darf ich nicht und das geht nicht und und und. Man hat nicht mal die Möglichkeit zur Toilette zu gehen ohne dass zig Leute von einem etwas wollen, einen begaffen oder die Polizei den Pass sehen möchte. Das ganze Dorf war in Aufruhr und ich mittendrin.

Ich wurde wie so oft fotografiert, mit Tochter, mit Mama, mit Sohn, mit Freundin und mit zig anderen. Doch zu meiner groβen Überraschung bekam ich an diesem Abend ein Abendessen spendiert. Wow, das ist was besonderes in China. Das gibt es super selten.

Es gibt Dörfer da rufe ich den Leuten „Ni hao“ zu und keiner reagiert. Alle glotzen mich nur wie eine Auβerirdische an, aber keiner grüβt zurück. Dann gibt es Dörfer, da sind die Leute plötzlich freundlich und rufen „Hallo“, von sich aus. Oftmals sind keine 5km dazwischen. Irgendwie seltsam.

Eines ist jedenfalls sicher, in diesen abgelegenen Gebieten, durch die ich meistens radle, sind die Leute einfach überfordert mit meiner Anwesenheit. Hier kommt sonst nie ein Fremder vorbei. Kinder haben oft Angst vor mir, was ich sehr schade finde, denn ich finde vorallem Begegnungen mit Kindern immer sehr bereichernd.

Exotischere Früchte, mir unbekanntes Gemüse und immer seltsamer werdende Fleischteile waren nun immer häufiger am Straβenrand und in den kleinen Restaurants zu finden. Doch von Spinnen und Schlangenteilen, oder fritierten Heuschrecken war noch keine Spur gewesen, wobei ich die ersten Maden in einem Kühlschrank sah, bei denen ich gefragt wurde ob ich diese nicht bestellen möchte.

Bananenplantagen veränderten nun das Landschaftsbild und auch die Architektur änderte sich plötzlich schlagartig von einem Kilometer zum Nächsten. Die Häuser waren nun mehrstöckig aus Holz, wobei das Erdgeschoss eine offene Fläche bot in der die Leute ihre Sachen lagerten und sich dort tagsüber im Schatten aufhielten. Wunderschön mit kleinen Ziegeln bedeckt, reicht das Dach bis weit nach unten. Maiskolben hingen zum Trocknen an Holzbalken entlang.

Auf der Straβe wurde Reis und Tee getrocknet. Die ersten Südostasiatischen Architektureinflüsse wurden sichtbar. Golden geschwungene Tore verschönerten die Dorfeinfahrten. Es war nun nicht mehr weit bis Laos. Die Straβe auf der ich unterwegs war, ging nahe der Grenze entlang. Ich hörte auch öfters den Klang einer anderen Sprache und teils entdeckte ich ein paar Minderheiten, die wunderschön, noch traditionell gekleidet waren.

Seit Shangri La, dem Tor zur Provinz Yunnan, sah ich nun immer wieder Schulkinder auf ihrem Heimweg die Straβe entlang laufen und merkte erst jetzt, dass ich in all den vielen tausend Kilometern, die ich zuvor durch China geradelt bin, nicht einmal ein Schulkind gesehen habe.

Die letzten Tage vor der Grenze wurde ich jeden Abend mit Karaoke Gegröhle konfrontiert. Irgendwo sang immer jemand und stolperte anschlieβend sturz betrunken aus den Karaoke Bars auf die Straβe, oftmals noch bevor es dunkel wurde.

Schlangen kreuzten immer wieder meinen Weg. In allen Farben und Musterungen. Leider waren die meisten von ihnen platt gefahren und klebten auf dem Asphalt, doch einige konnte ich auch wunderbar beobachten, wie sie elegant im Gebüsch verschwanden. Schmetterlinge soweit das Auge reichte. Wunderschön schimmerten sie in knallbunten Farben und Gröβen.

Ich sah einen Rollstuhlfahrer, der mich gedanklich darauf aufmerksam machte, dass ich eigentlich kaum Behinderte in China gesehen habe. Auch Kranke sieht man selten. Nur sehr viele alte Leute.

Der letzte Abend in China brach an. Ich fand es sehr schade, nun das Land verlassen zu müssen, wenn es auch irgendwie Zeit wurde.

Fast vier Monate 5900 km und etwa 52.000 Höhenmeter verbrachte ich in China. Eigentlich eine lange Zeit, doch habe ich trotzallem nicht den Eindruck als hätte ich wirklich viel von der Kultur verstanden. Sehr schade war vorallem, dass ich viele Fragen, nicht stellen konnte, da die Verständigung unmöglich war.

Das Land war extrem anstrengend, fordernd, frustrierend und trotzdem super spannend, bezaubernd und wunderschön zugleich. Ein Land wie Indien, einfach speziell und entweder man liebt es oder man hat seine groβen Schwierigkeiten damit, aber insgesamt eben etwas ganz Besonderes.

Viele Fragen bleiben somit leider offen, wie bei vielen anderen Ländern, die ich zuvor besucht habe auch.

Mir ist zum Beispiel die gesellschaftliche Stellung der Frau noch nicht ganz klar geworden. Man sieht Frauen in allen Berufen, auch im Straβenbau, als Taxifahrerinnen, in Banken und natürlich auf den Feldern und im Haushalt.

Auch der Mann ist für die Kinderbetreuung, die Feldarbeit und das Putzen im Restaurant zuständig. Trotz allem habe ich den Eindruck, dass eine Frau mehr leisten muβ als ein Mann, der oftmals gerne zuschaut, wenn die Ehefrau anpackt.

Wenn ich Frauen nach dem Weg, dem Preis oder der Ware gefragt habe, drehten sie sich meistens beschämend zum Mann um, gaben ein nervöses lachen von sich und hofften auf Unterstützung von Seitens des Ehemanns. Der Umgang zwischen den Geschlechtern war nie auffällig seltsam.

Auβer die laute Sprache und das viele Geschrei von dem ich schon öfters berichtet habe. Zärtlichkeiten werden eigentlich nie öffentlich ausgetauscht, höchstens reiche Han Chinesen, die ich in Lijiang oder Dali Händchen haltend gesehen habe, aber auf den Dörfern sah ich solche Berührungen nie.

Sehr auffällig fand ich die Liebe, die die Groβeltern ihren Enkelkindern zu geben scheinen. Sehr oft habe ich vor allem alte Männer mit ihren Enkeln im Arm unheimlich liebevoll miteinander kuscheln gesehen. Auch habe ich den Eindruck kleine Jungs werden extremst verwöhnt im Vergleich zu den Mädchen. Oftmals setzen die Jungs ihren Willen durch und kommandieren ihre Mütter schreiend und tretend umher wo sie können.

Auch die „Ein Kind Politik“ finde ich verwirrend, denn es muβ dabei so viele Ausnahmen von der Regelung geben, dass ich noch kein wirkliches Konzept darin erkannt habe. Die Minderheiten scheinen teils von der Regelung ausgeschlossen zu sein, da gerade die Minderheiten in China einen sehr schlechten Stand haben, finde ich das sehr widersprüchlich.

Nachdem ich eigentlich nur in wenig besiedelten Gebieten unterwegs war, zudem in den armen Gegenden des Landes, habe ich natürlich kein Gesamtbild von China, dass doch so viele verschiedene Facetten durch die extrem unterschiedlichen Kulturkreise zu bieten hat. Der reiche Osten ist sicherlich eine ganz andere Welt, wie die die ich erleben durfte.

Sehr angenehm fand ich, dass ich nicht eine Situation erleben musste, in der es eine Gefahr seitens der Männer gegeben hat. Auch die Sicherheit was einen Überfall oder dem Klauen meiner Sachen anbelangt, hatte ich nicht einmal das Gefühl hier stimmte etwas nicht. Ich habe mein Rad oft alleine irgendwo stehen lassen und mir dabei nie Gedanken gemacht. Chinesen untereinander trauen sich allerdings überhaupt nicht, denn alles wird überall verrammelt und zigfach abgeschlossen. Man wird auch beim Einkaufen genau beobachtet und sogar durch die Regale verfolgt und zusätzlich noch mit installierten Kameras kontrolliert.

Neugierig sind Chinesen. Sehr neugierig. Wenn ich irgendwo saβ, etwas notierte oder las, meine Tasche öffnete oder das Rad am Straβenrand stehen lies, dann kam immer jemand der neugierig alles ganz genau anschaute um ja nichts zu verpassen.

Einladungen in ein Haus habe ich auβer bei Uiguren und Tibetern nicht einmal erlebt. Man wird hier nicht eingeladen. Auch wurde ich nicht einmal gefragt ob ich mitgenommen werde möchte, wenn ich irgendwo am Straβenrand saβ oder einen steilen Berg hochschnaufte. Etwas was zuvor auf der Reise täglich mehrfach vor kam.

Alles in allem bin ich froh, den ganzen Weg durch das Land geradelt zu sein, und nicht wie viele andere Radler, die die groβen Distanzen durch die Wüste mit dem Bus abkürzen. Die Landschaften und Kulturkreise waren so immens unterschiedlich, dass es kaum spannender sein kann, wenn es auch zwischendurch Phasen gab in denen ich die Nase gestrichen voll hatte, weil der Weg endlos erschien.

Wenn es möglich ist, werde ich versuchen mir nochmals ein China Visa zu besorgen um damit auch die östlichen Regionen noch zu besuchen. Obwohl ich nun vorerst genug von der „mei you“ Kultur habe und mich auf freundlichere Menschen in Laos freue.

Bye bye China. Ich hoffe wir sehen uns schon bald wieder.

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