Ja, Afrika soll es diesmal werden.

Ich möchte die Afrikanischen Kulturen erleben. Die Menschen und deren Lebensweise kennenlernen. Lachenden Kindern begegnen und Vorurteile geraderücken. Mir die Welt auf dem sogenannten „schwarzen Kontinent“ selber anschauen und mir meine eigene Meinung dazu bilden.

Afrika hautnah – bereits ein langer Traum von mir.

Von Anfang an war klar, dass ich wie beim letzten Mal wieder von der Heimat aus starten werde. Sich langsam aber sicher von zu Hause zu entfernen hat seinen ganz eigenen Reiz. Zudem möchte ich so wenig wie möglich die Umwelt belasten und mich daher nicht einfach per Flugzeug auf einen neuen Kontinent katapultieren lassen.

Ich wollte, wie so häufig, nicht die klassische Anreise nutzen, sondern erst noch einen kleinen Schlenker durch ein paar Länder radeln, die überhaupt gar nicht auf der direkten Route liegen. Einfach so, ohne wirklichen Grund. Oder vielleicht auch um noch ein bisschen länger in Europa zu verweilen, einem Kontinent der mir ja am meisten vertraut ist, mit dem ich aber irgendwie am wenigsten anfangen kann.

 

Nachdem ich das letzte Mal Richtung Osten aufgebrochen war, entschied ich mich diesmal für den Süden. Bzw. Westen. Mein Afrika-Abenteuer soll also in Marokko beginnen. Doch mein Schlenker ging erst einmal nach Norden. (Karte und KM Angaben)

Ich fuhr also den Rhein flussabwärts. Über die Mosel ging es zu meinem einzigen in Deutschland gesteckten Ziel, die Burg Eltz, welche wohl eine unserer schönsten Burgen überhaupt ist. Majestätisch thront sie aus dem Wald heraus. Wirklich ein extrem beeindruckender Anblick.

Mein Hintern, mein Rücken und meine Beine gewöhnten sich recht schnell wieder an die Belastungen. Ich blieb aber vorerst auf der normalen Straße. Wechselte zwar ab und an ins Gelände um etwas Ablenkung reinzubringen, wollte aber eigentlich Strecke machen und mich nicht total verzetteln.

Meine Gedanken waren nicht allzu negativ belastet, wenn sie auch noch ein wenig suchend und fragend unterwegs waren. Alles in allem würde ich sagen lief es gut. Im Vergleich zum letzten Start, also meiner Fahrradweltreise vor 5 Jahren, war ich ja bereits Profi und wusste in etwa was meine täglichen Probleme sein werden, mit denen ich konfrontiert werde. Nervös war ich somit erstmal nicht, denn Afrika lag ja noch eine ganze Ecke weit weg.

Mein Zelt im Wald aufstellen war ja mittlerweile Routine für mich. Einkaufen und kochen, Wasser besorgen und Wegfindung sind ja in Deutschland oder allgemein in Westeuropa keine Hürden. Unsere Infrastruktur ist ja wirklich sensationell – sie lässt kaum Wünsche offen.

Deutschland lag somit schnell hinter mir und über Maastrich in Holland radelte ich schon bald durch Belgien wo sich die Landschaft flach wie ein Pfannkuchen präsentierte. Landschaftlich also nicht wirklich sonderlich spannend. Doch die Menschen waren freundlich und die Städte wirklich sehenswert.

Antwerpen ist ein Wirrwarr aus den unterschiedlichsten Kulturen dieser Welt. Es fühlte sich an, als wären hier wirklich nahezu alle Nationen dieser Erde unterwegs. Durch Chinatown stolzieren nicht nur Chinesen, sondern vor allem elegant gekleidete Afrikaner.

Die Gerüche des vorderen Orients lagen schon fast an jeder Ecke in der Luft. Zudem natürlich der Duft der heißen Fette der Frittenbuden, die es zuhauf in Belgien zu finden gibt. Pause machte ich am Ende des Tages dann aber bei einer Tibeterin und trank heißen Nepalesischen Chai.

Neben den Menschen ist es natürlich auch die Architektur die sich in Antwerpen pompös und ergreifend zeigt.

Mein Lieblingsort in Belgien wurde aber ganz klar Gent. Eine tolle Stadt. Vom Tourismus bei weitem nicht so sehr beeinflusst wie etwa Brügge, kann man hier in Ruhe die Altstadt genießen.

Mittlerweile stelle ich ja oft mein Zelt im Dunkeln auf. Es macht mir somit in sicheren Gegenden dieser Welt nichts mehr aus, auch nachts noch in einer Stadt unterwegs zu sein und dann einfach irgendwann nach meinen Erkundungen wieder aufs Land zu radeln und irgendwo auf den Feldern mein Zelt aufzustellen.

Einen Tag hatte es geschüttet wie aus Kübeln und ich suchte Schutz in einer Schule. Durch Glück traf ich den Direktor der mir erlaubte in der Küche seiner Schule meine Isomatte auszubreiten.

Eingeladen wurde ich ansonsten bis dahin noch nicht. Westeuropa ist nicht der Ort, in dem Leute einen ins Haus einladen. Oder sagen wir besser, es passiert deutlich weniger als anderswo.

In Holland angekommen, wurde ich jedoch eines besseren belehrt und bereits im ersten Ort von einer Frau auf der Straße angesprochen, ob ich noch einen Platz für die Nacht suchen würde. Sie sei warmshower Gastgeber und hat heute noch keine Gäste. Prima.

Bisher hatte ich mich noch nicht mit der warmshower community beschäftigt. Im Prinzip ist es oft einfach umständlich vorher bereits zu wissen wann man wo sein wird. Ich mag das nicht so wirklich. Zeitpläne sind nicht so mein Ding und schränken mich zu sehr ein.

Die Einladung kam aber natürlich extrem passend und somit hatte ich einen schönen Abend mit interessanten Gesprächen. Frisch gewaschenen Klamotten und einer warmen Dusche sowie einem kuscheligen Bett.

Holland beeindruckt vor allem durch eine tolle fietspad (Radwege) Kultur. Rücksichtsvolle Autofahrer, endlos viele Radwege und Jung und Alt sind bei jedem Wind und Wetter mit dem Rad unterwegs. Was ich an Holland auch mag sind die Menschen. Freundlich und oft weltoffen.

Von Hoek van Holland aus nahm ich die Fähre nach Harwich in England und folgte vorerst dem Radweg Richtung Cambridge, der mich auf kleinen Straßen und durch schöne Gemeinden führte.

Windig war es. Doch war es bereits windig seit ich von daheim gestartet bin. Klar, ich war in Richtung Westen unterwegs, der Hauptwindrichtung in Europa. Doch der Wind kam oft aus allen Richtungen und fing echt langsam an zu nerven. In Britain kam natürlich noch ab und zu etwas Regen dazu, aber das fand ich nicht weiter tragisch.

Ich mag England. Die Architektur ist ansprechend. Die alten Friedhöfe haben das gewisse Extra. Die Kirchen sind schlicht aber beeindruckend. Die Landschaft lieblich.

Ich wollte mich auch hier nicht allzu lange aufhalten und nahm mehr oder weniger die direkte Route in Richtung Hafen. Nur war ich noch nicht ganz sicher welcher Hafen es denn eigentlich werden sollte 😊

Im Allgemeinen ist England bereits ein großer Unterschied zu Holland, Belgien oder Deutschland.

Ärmere Ecken. Mehr Leute die mir negativ aufgefallen waren. Mehr Aggressionen unter den Autofahrern. Ich überlegte mir hier gezielter wo ich mein Zelt aufstellte. Auch war mir sofort klar warum die wenigen Radfahrer die ich traf alle mit hellen Signalfarben gekleidet waren.

Doch gab es auch tolle ruhigere Strecken, die wirklich Spaß machten. Auch gab es viele freundliche Leute denen ich begegnete. Der Mix der Charaktere machte hier den Reiz aus.

Cambridge ist ein reiches Pflaster. Die Architektur hat mich fast erschlagen.

Entlang der Kanäle machte es immer wieder Spaß die Leute zu beobachten, die in ihren Hausbooten lebten. Unterhalten habe ich mich natürlich so oft es ging. Wie so häufig über Politik, was die Leute über den Brexit denken und wie sie die Zukunft sehen. Natürlich gehen die Meinungen da sehr auseinander.

Eine Nacht zeltete ich im Stall eines Farmers. Der Wind war so heftig, dass ich froh um den Schutz war. Er wunderte sich keineswegs als ich bei Dunkelheit an seiner Türe klopfte und nach einer windgeschützten Stelle fragte.

Ursprünglich wollte ich Frankreich auslassen und mit der Fähre direkt nach Spanien, doch hätte ich die Fähre bereits Wochen vorher buchen müssen und das war mir zu umständlich und somit entschied ich kurzerhand von Portsmouth nach Caen zu schippern und Frankreich auch noch mitzunehmen.

Aus Fish und Chips wurde nun also Baguette. Und das schmeckt einfach richtig gut! Genau wie die anderen Leckereien, die es in den Boulangeries zu finden gibt.

Von Caen folgte ich anfangs dem GR 36. Also einem der vielen GR Wanderwege die es überall in Frankreich zu finden gibt. Doch nach drei Tagen verließ ich ihn wieder. Der eher wenig reizvolle Weg war die Mühe nicht wert. Die Gegend war einfach nicht beeindruckend genug um dadurch ewig lange durch Frankreich zu gurken. Schließlich sollte ja Europa nur die Anreise sein und nicht der Fokus der Reise.

Doch freute ich mich über die Abwechslung und genau das macht ja immer wieder den Reiz einer Radreise aus. Mal Schotter und Pisten. Mal kleine Pfade auf denen ich das Rad vielleicht sogar tragen muss und dann wieder geteerte Radwege an denen ich Kilometer machen kann. Mal geht es durch den Wald und dann wieder durch tolle Städte. Jeder Tag ist anders und das ist das faszinierende.

Die Schweiz der Normandie war eine willkommene Unterbrechung der platten Gegend. Hügelige Landschaft und interessante Steinhäuser und viel Platz.

Eine Nacht zeltete ich neben einer Kirche. Irgendwie fand ich es unpassend in der Kirche direkt zu übernachten, obwohl ich kurz überlegte. Ich zeltete also vor der kleinen Kapelle und musste aber um 4 Uhr morgens dann doch noch in die Kirche umziehen, da es so stürmig wurde, dass ich dachte mir zerfetzt es sonst noch das Zelt.

Obwohl ich bereits in vielen Gotteshäusern auf dieser Welt übernachtet habe und zudem nicht gläubig bin, muss ich trotzdem sagen fand ich es gewöhnungsbedürftig dort mein Zelt aufzustellen. Definitiv meine erste Nacht in einer Kirche.

Meine neue Art mich während des Radelns zu beschäftigen sind Hörbücher zu hören. Ich besitze einen kleinen Lautsprecher, der mich den ganzen Tag lang mit Geschichten versorgt. Toll und endlich kann ich mal Bücher hören, die ich sonst nicht lesen würde, weil es mir zu anstrengend wäre sie nach einem langen Tag auf der Straße noch zu lesen. Wirklich super.

Die Franzosen sind sehr höflich. „Bonjour madame“ heißt es immer wieder. Sehr freundlicher Service egal in welchen Laden ich komme.

Vom Loire Tal ging es an den Atlantik. Weiterhin alles platte Landschaft. Maisfelder, Sonnenblumenfelder und Alleen. Dazu Flusslandschaften und immer wieder kleine Dörfer.

Es fing an zu regnen und ich versuchte eine Unterstellmöglichkeit für die Nacht zu finden. Nachts pausenlos dem Geräusch des prasselnden Regens ausgesetzt zu sein versuche ich immer so gut wie es geht zu vermeiden.

In einem Stadtpark fand ich eine mit Plastikplane abgedeckte trockene zudem windgeschützte Stelle und richtete es mir dort gemütlich ein.

Ich hätte nie gedacht, dass mich dort jemand finden könnte, bis um 3 Uhr morgens ein Auto vorfährt und der Fahrer mich aufforderte innerhalb von 5 Minuten zu verschwinden, sonst würde er die Polizei rufen.

Ich habe keine Ahnung wer das war. Ich weiß auch nicht ob dieser Stadtpark vielleicht am Ende ein privater Park war. Langes nachdenken half da aber nun erstmal eh nichts. Ich packte in Windeseile ein und suchte nun im Regen eine neue Bleibe.

Im Finsteren eine Zeltstelle zu finden ist ja kein Problem. Doch war es so windig und so regnerisch und so dicht besiedelt, dass es nicht ganz so einfach war. Ich fuhr also mehr als eine Stunde umher und endete irgendwann auf einem offiziellen Campingplatz. Als mein Zelt stand war es mittlerweile 5 Uhr morgens.

Am Morgen wachte ich in einem Nest von Käfern auf. Das ganze Zelt war voller Insekten. Nun ja, manchmal hat man halt auch einfach Pech.

In der nächsten Nacht war ich von Wildschweinen umringt. Eine ganze Rotte, insgesamt sechs Tiere. Zuerst dachte ich wer hat denn hier seine Hunde in den Wald gelassen, doch die Geräusche klangen so gar nicht nach Hunden und als ich das Zelt aufmachte war es mir erstmal mulmig als ich die Viecher so nah ums Zelt sah.

Sie kümmerten sich allerdings überhaupt nicht um mich. Sie fraßen nur genüsslich Tannenzapfen und waren irgendwann wieder verschwunden.

Die Stadt La Rochelle am Meer strotzte vor Reichtum. Mir fehlte hier die Mystik. Am Hafen gab es mehr Yachten als Fahrräder in der Stadt.

Auf dem gut ausgeschilderten Eurovelo 1 Radweg fuhr ich weiter der Küste entlang bis ich ins Landesinnere in das Gebiet Gascogne abbog und durch Heidelandschaften fuhr. Eine interessante Gegend und sehr dünn besiedelt.

An einem Haus fragte ich kurz vor Dunkelheit nach Wasser und wurde sofort eingeladen. Eine Deutsche lebt dort mit einem Franzosen. Sie haben beide 8 Jahre in Afrika gelebt. Wir hatten uns also einiges zu erzählen.

Eine Dusche und wieder einmal ein kuscheliges Bett rundeten den Tag ab.

Je näher ich den Pyrenäen kam, desto feuchter und kälter wurden die Nächte. Jeden Morgen musste ich mein patschnasses Zelt erst einmal trocknen lassen oder im Laufe des Tages wieder auspacken um es dann in der Mittagswärme zu trocknen. Auch mein Schlafsack und die Isomatte war immer klamm.

Nachdem ich nun bereits 6 Wochen unterwegs war und bisher nicht sonderlich viele Unterhaltungen genießen konnte, sehnte ich mich nach einem Ort, an dem ich ein paar Tage bleiben konnte. Ein Ort mit interessanten Menschen.

Durch Zufall stieß ich am Fuße der Pyrenäen in Sarrance wieder einmal auf den Camino de Compostela. Also den Pilgerweg nach Santiago. Doch hier sah ich nicht nur die Schilder wie in vielen anderen Regionen die ich bisher kreuzte, nein ich kam nun auch das erste Mal in einer Pilgerherberge unter. Ein Kloster inmitten des kleinen Dorfes.

Mir gefiel es sofort. Einige Leute waren seit Monaten hier hängen geblieben – andere sogar seit Jahren. Das Wetter war zudem so schlecht, dass ich mich ein paar Tage dort einnistete.

Ich half in der Küche, redete mit allen Neuankömmlingen. Philosophierte über Gott und die Welt und stellte fest, dass hier fast jeder Wanderer sein kleines Päckchen mit im Rucksack hatte. Sein ganz persönliches Lebenspäckchen was er oder sie für sich verarbeiten musste. Man scheint den Camino nicht grundlos zu gehen.

Offen wurde hier gesprochen. Die Leute teilten ihre Sorgen und Gedanken. Es war einfach richtig interessant gewesen. Eine Gemeinschaft. Ein gemeinsames Interesse.

Leute aus aller Welt – genau mein Ding also.

Zudem wurde ich ins Boule spielen eingeweiht. Das Kirchliche nahm ich zur Kenntnis, beachtete es aber nicht weiter. Es wird hier vor dem Essen gebetet. Jeden Tag findet eine kleine Messe statt etc. Es wird aber niemand gezwungen daran teilzunehmen. Einige Pilger sagten mir auch, sie seien auf einem spirituellen Weg unterwegs – aber nicht als Christen.

Der Ort gab mir die nötige Inspiration für meinen weiteren Weg. Zudem genoss ich die Pause. Nicht jeden Tag zusammen packen zu müssen ist einfach auch mal toll.

Unterwegs sein bedeutet ja oftmals sich mit sich selbst mehr auseinander zu setzen als mit dem was man sieht, hört und schmeckt. Ich stellte wieder einmal fest wie viel ich in der kurzen Zeit in der ich unterwegs war schon wieder erlebt habe. Ich wusste bereits seit Wochen wieder nicht mehr welcher Wochentag es war, weil es einfach total unwichtig ist.

Ich hatte meine Freiheit wieder. Ich konnte wieder tun und lassen was ich wollte. Ich war auf meiner Reise angekommen, wenn ich auch noch nicht an meinem eigentlichen Startpunkt angelangt war, war die Heimat gedanklich bereits schon wieder weit weg.

Ein neues Abenteuer hat begonnen und ich bin wieder mittendrin.

Bis Spanien waren es nun noch etwa 1600 Höhenmeter. Den Pass Col du Somport erreichte ich im strömenden Regen. Auf der Passhöhe zog ich mir die patschnass geschwitzten Klamotten aus und packte mich warm ein und rollte im Hagelsturm ins Land der Tapas hinein.

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