Acht Monate war ich nun in der Heimat. Acht Monate, in denen ich versucht habe meine alte Heimat neu kennenzulernen. Eine Welt bei der ich dachte ich kenne sie auswendig.

Ein Land das mir fremd geworden ist. In dem es kalt und hektisch zugeht. In dem die Schnelligkeit dominiert und die Menschen kaum Zeit zum atmen haben. Zudem ist es laut hier und verbaut.

Eine Welt die mir zu schaffen macht.

Und doch verbinde ich mit Deutschland etwas ganz Besonderes. Wie wohl jeder mit seiner Heimat.

Aber jetzt erst einmal der Reihe nach.

Am Frankfurter Flughafen betrat ich Mitte Dez.2017 zum allerersten Mal wieder deutschen Boden.

Seit neuestem wird man hier nicht mehr von einem Grenzpolizisten kontrolliert, sondern von einem Scanner und einer Kamera die in einer Schiebetür eingebaut sind. Pass wird gescannt, Gesicht ebenso. Die Türe öffnet schon bald, sofern man eine weiße Weste hat.

Trotz moderner Technik verweilt jedoch dahinter noch immer ein Grenzbeamter. Der jedem Neuankömmling den ersten Eindruck von Deutschland vermittelt.

Was ich unterwegs an jeder Grenze erlebte, bekam ich nun an meiner eigenen zu spüren. Wie heißt es immer so schön? Der erste Eindruck zählt. Richtig? Richtig! Da saß also nun dieser völlig gelangweilte und genervte Grenzpolizist, der mit seiner Körpersprache jedem vermittelte, dass ihm seine Arbeitswelt völlig zu wider ist.

Netter Willkommensgruß wie in anderen Ländern? Weit gefehlt! Kein Augenkontakt. Kein Hallo. Kein nichts.

Wäre dies ein fremdes Land gewesen, hätte ich nur gedacht, oh nein das kann ja heiter werden, die Deutschen gehen wohl zum Lachen in den Keller. Anstelle dessen wusste ich nun endgültig, dass ich wieder zu Hause bin.

Ich hatte zu meinen Leuten gesagt, dass ich auf keinen Fall abgeholt werden möchte. Ich wollte die Zeit für mich alleine haben. Ich brauchte die ersten Stunden einfach um Luft zu holen.

Als der Regen an die Fensterscheibe des Zuges prasselte, die Lichter von Frankfurt hinter mir lagen und jeder um mich herum nur Deutsch sprach, kam mir alles vor wie in einem Film. Die Emotionen fuhren Achterbahn und die Tränen konnte ich nicht mehr zurückhalten.

Ich kann nicht sagen ob ich Angst hatte oder ich mir nur einfach so fremd vorkam. Ich freute mich ja auch, aber irgendwie war mir das alles zu viel gewesen.

Zwei Frauen saßen mir im Fahrradabteil des Zuges gegenüber. Bedrückt sagte die eine zu der anderen. „Sicherlich war das alles zu viel für die Frau. Die Kiste und das Fahrrad und dann noch den Rucksack auf dem Rücken, wie soll man das auch alles hier in den Zug bekommen, kein Wunder weint die Frau.“

Da musste ich ja schon fast wieder lachen, denn das war ganz sicher mein kleinstes Problem an diesem Tag. Und so gab ich ihnen zur Antwort „Nein daran lag es nicht. Ich bin heute nur zum ersten Mal nach 4 ½ Jahren wieder in Deutschland. Vor etwa einer Stunde bin ich angekommen.“

„4 ½ Jahre – Mensch das ist aber auch echt lange. Na kein Wunder, hatten Sie denn nie Heimweh?“ Ich bekam sogar ein Taschentuch gereicht und freute mich riesig über die Zuneigung der Frauen.

Der Schaffner kam und wie für mich bestellt, fing er an sich bei uns Radfahrern zu beschweren. Natürlich hatten wir unsere Räder nicht an die richtige Stelle geparkt und alles war ein riesen deutsches Drama. Diskussionen fanden statt und am Ende sagte ein Radler zu mir: „Willkommen zurück in der Heimat. Wie Du siehst hat sich nichts geändert.“

In der letzten Bahn von Weinheim in mein Heimatdorf Großsachsen hatte es mich innerlich fast zerrissen. Es trennten mich nur noch 5 Kilometer von meiner Mutter. Plötzlich bekam ich Angst. Angst davor, dass ihr was passiert sein könnte und ich zu spät komme und sie nicht mehr da ist. Obwohl ich gestern noch mit ihr telefoniert hatte.

Wie im Delirium nahm ich die ganzen Neubauten wahr. Die Verschandelungen meiner Heimat. Ich konnte es nicht glauben wie es hier plötzlich aussah. Baumärkte, Media Markt und Co. Neue Ampeln und andere Verkehrsführungen. Es fühlte sich wie eine Großstadt an.

Mit einem Willkommens-Plakat an der Haustüre und mit der wohl freudigsten Umarmung die man erfahren kann, wurde ich von meiner Mutter begrüßt und bekam mein Muttis-Lieblingsessen aufgetischt. Hackfleischklöße mit Kartoffeln und Lauch. Doch war ich so aufgeregt, dass mir das Essen nicht wirklich schmecken wollte. Irgendwie war alles so vertraut und doch so furchtbar fremd.

Als ich ins Bett ging dachte ich an Heinz Stücke, der Weltumradler, der erst nach 51 Jahren wieder deutschen Boden betrat. Wie furchtbar das für ihn gewesen sein muss, wenn mir nach 4 ½ Jahren alles schon so andersartig und seltsam vorkam.

Wie schon fast erwartet schien hier zu Hause, zumindest bei meiner Mutter, noch alles beim Alten zu sein. Als wäre ich nie weggewesen.

Eines hatte ich für mich jedoch schon bald entschieden. So lange bleibe ich nie wieder von daheim weg. Das nächste Mal komme ich zwischendurch mal nach Hause. Ich war am Ende glaube ich doch zu lange unterwegs gewesen.

Die nächsten Tage und auch Wochen und Monate waren nicht einfach. Klar sah ich alle meine Leute. Meinen Vater, Bruder, meine Freunde, aber ich merkte auch wie sehr ich mich verändert hatte. Im Grunde hatten wir uns nicht viel zu erzählen. Es trennten uns Welten.

Beim Anblick meines Neffen und meiner Nichte, die vor 4.5 Jahren noch kleine Kinder waren, musste ich mich schwer zusammenreißen. Sie waren zu Teenagern herangereift. Es waren Kinder die ich so nicht kannte. Obwohl ich im Laufe der Zeit einige Bilder von ihnen gesehen hatte, hätte ich meine Nichte auf der Straße nicht mehr erkannt.

Ich war vor allem sehr zurückhaltend. Ich wollte mich auf keinen Fall in den Vordergrund drängen. Ich stellte Fragen und hielt die Unterhaltungen am Laufen. Die Rolle kannte ich ja sehr gut.

Alle waren sie neugierig mich zu sehen, doch nahezu keiner stellte mir irgendwelche Fragen. An meiner Reise hatte annähernd niemand Interesse. Nicht mal die, die selber ab und an reisen.

Ich kam mir ein wenig wie ein Störenfried vor. Ein Mensch der ihnen den Spiegel vor die Augen hält und sie sich darüber rechtfertigen mussten, noch immer dort zu arbeiten wo sie schon immer gearbeitet haben.

Doch versuchte ich mein Bestes niemandem das Gefühl zu vermitteln, ein angeblich interessanteres Leben gelebt zu haben – ganz im Gegenteil. Teils wusste ich aber nicht wie ich mich verhalten sollte. Ich konnte ja nichts dafür, dass ich losgezogen bin und sie nicht.

Und sind wir mal ehrlich, die allermeisten wollten ja auch gar nicht so leben wie ich und das ist doch auch gut so wie es ist.

Manche sagten mir auch klipp und klar, „So wie Du wollte ich nie leben“.

Ich bekam auch vorgehalten „Du brauchst nicht glauben, dass die anderen auch so eine Freiheit erleben möchten“. Oder auch „Du hast die Reise ja nur gemacht um Bewunderung zu erfahren.“

Ich wusste wirklich manchmal nicht was ich sagen sollte. Im Prinzip wollte ich nur einfach gerne wieder dazugehören. Aber dieses Gefühl stellte sich nie wieder ein. Bis heute nicht. Auch nach 8 Monaten nicht.

Bevor ich heimfuhr, hatte ich vor allem das Verlangen nach intensiven Unterhaltungen. Ich wollte Antworten finden. Antworten auf Fragen, die ich mir im Laufe der Zeit stellte. Doch ich merkte wie sehr die Menschen hier mit ihrem Alltag beschäftigt waren.

Ich dachte immer wir Deutschen seien weltoffen. Interessiert. Wissbegierig. Hinterfragen und wollen verstehen. Sicherlich sind wir das zum Teil auch. Aber leider hat der ganz normale Alltag die Leute fest im Griff.

Hektik. Zeitdruck. Termine.

Einige erzählten mir von ihrem Mallorca und all-inclusive Reisen. Andere von ihrem Namibia Mietwagen Erlebnis und schafften es mir jeden einzelnen Moment davon zu erzählen. Doch sie stellten mir keine Fragen zu meiner Reise. Zu meinem Leben. Zu meiner Gedankenwelt.

Warum?

Ich wollte den Leuten ja überhaupt nicht meine ganze Reise erzählen. Ich war allerdings doch sehr überrascht, dass niemand wissen wollte wie es denn derzeit in China, im Iran, Taiwan oder Mexiko aussieht.

Es dauerte nicht lange und das Interesse ebbte wieder ab mich zu sehen, erfahren hatten sie bisher nicht viel, außer dass ich wohl gesund wieder nach Hause gekommen bin.

Doch eines half mir. Sie setzten mich nicht unter Druck. Allen war klar ich werde wieder losziehen. Keiner kam mit der Frage: „Und wo wirst Du jetzt wieder arbeiten?“. Ich hatte auch nicht das Gefühl sie würden von mir etwas erwarten. Ich glaube ich war einfach zu exotisch, zu anders. Das was ich gemacht hatte überstieg deren Vorstellungskraft und somit wussten sie gar nicht was sie denken und fragen sollten. Frei nach dem Motto: „Du machst doch eh was Du willst.“

Die Frage, die ich dagegen am meisten gestellt bekommen habe war die Frage – „Wie finanzierst Du das eigentlich alles?“ Weil die meisten eben nicht verstehen können, mit wie wenig man am Ende auskommen kann.

So eine Reise ist ja vor allem auch Verzicht. Man beschränkt sich auf das Nötigste und das bringt einem die viele Freiheit. Gebe ich kein Geld aus, muss ich auch nicht zwangsläufig was verdienen. Wobei ich natürlich schon Ausgaben habe, das ist ja keine Frage, aber eben deutlich weniger als jemand der hier Miete bezahlen muss, ein Auto fährt und sich pausenlos durch Konsumverhalten und Kaufrausch sein Leben versüßt. Ich mache mir eben mein Leben auf der Straße durch Begegnungen mit Menschen und der grandiosen Natur, durch die viele Zeit und die Erlebnisse spannend. Sowas kostet eben deutlich weniger.

Anders sein und gegen den Strom schwimmen ist nicht immer einfach. Auch wenn ich die Uhr niemals zurückdrehen möchte, muss ich sagen, es ist genau so eingetroffen wie ich mir das immer vorgestellt habe. Das Heimkommen ist der schwierigste Teil der Reise.

Im Prinzip merkte ich in den ersten Monaten wie sehr alleine ich mich fühlte. Weit mehr als unterwegs. Ich hatte den Anschluss verpasst.

Es gab auch Lichtblicke. Wenn ich mich mit Leuten traf, die ich von früher her nicht kannte, war die Neugierde deutlich grösser. Leute die mich so kennenlernten wie ich heute bin. Die mir eine Chance gaben so sein zu dürfen wie ich mich heute fühle. Denn ich merke ja wie sehr die Reise mich verändert hat.

Ich hielt Rücksprache mit anderen Langzeitreisenden, die mir viele meiner Gedanken bestätigten. Sie meinten alle, das erste Mal heimkommen nach einer langen Zeit ist das schwierigste Mal, beim nächsten Mal weißt Du was auch Dich zukommt. Das glaube ich sofort.

Natürlich war ich nicht sicher an wem es nun liegt? Hatten die Leute vielleicht doch Erwartungen an mich oder ich vielleicht an sie? Oder eine Kombi aus beidem?

Habe ich die Leute vernachlässigt, weil ich mich nicht intensiv genug für die Schulprobleme ihrer Kinder interessiert habe, oder die neue Schrankwand die sie gekauft haben? Für ihre Probleme im Job, die vor 5 Jahren schon genauso klangen wie heute?

Genauso wenig konnte ich erwarten, dass irgendjemand nachvollziehen konnte, was das Problem dabei sein könnte, wenn man in der Wüste Gobi kein Wasser mehr hat oder unter der Autobahn sein Zelt aufschlagen muss, weil es sonst keine andere Stelle zu finden gab.

Auch hatte ich andere Interessen über globale Zusammenhänge die ich gerne diskutiert hätte. Deutsche Politik interessiert mich da deutlich weniger. Ich sehe mich mehr als Weltbürger als nur als Deutsche. Mein Aufenthaltsgebiet ist nun mal nicht nur hier und unsere Verhaltensweisen betreffen immer die ganze Welt.

Ich glaube am Ende sagen zu können, es lag weder an mir noch an den anderen. Es lag an den Welten, die uns trennen.

Auch banale Dinge waren plötzlich anders. Ich hatte nun einen Schlüssel fürs Haus. Eine Dusche. Ein Klo. Und ich hatte Termine. Ja, ich hatte plötzlich Termine!

Als ich kurz vor Weihnachten durch mein Dorf lief und an mehreren Häusern einfach so ohne Verabredung klingelte und Hallo sagte, war mir zuerst gar nicht so wirklich bewusst, dass das hier alles andere als üblich ist. Aber es nahm mir niemand krumm, im Gegenteil die Leute freuten sich, dass ich klingelte.

Es war auch einfach schön so durchs Dorf zu ziehen und zu wissen wie viele Menschen ich hier eigentlich kenne. Ich kannte ja die letzten 4.7 Jahre nie jemanden.

Ich packte meine Klamotten wieder aus den Kisten hervor, lies aber die meisten Sachen verpackt im Keller liegen, wo ich sie vor vielen Jahren abgestellt hatte. Ich brauchte sie nicht mehr. Ich kann mit so viel Kram gar nichts mehr anfangen. Doch manchmal findet man dort auch tolle Überraschungen – schaut mal 😉

Die Schnelligkeit auf den Straßen machte mir die ersten Wochen zu schaffen. Die Hektik in dieser Gesellschaft. Jeder rennt von einem Ort zum nächsten.

Meine erste Autofahrt mit meinem Bruder versetzte mich in Angst und Schrecken. Ich war diese Geschwindigkeit einfach nicht mehr gewohnt.

Das Fahrrad stellte ich in der Garage meiner Mutter ab. Und da stand es. Die ganzen ersten 6 Monate. Ich hatte das Radfahren satt. Ich lief nun überall hin. Egal bei welchem Wetter.

Auch da war ich ein Sonderling. Denn wer läuft schon Kilometer um Kilometer im Regen oder bei Eiseskälte. Doch wenn man wie ich so lange auf der Straße gelebt hat und nun diesen Luxus hat, seine Klamotten abends wieder irgendwo zu trocknen, wo sollte dann am Ende das Problem sein im Regen spazieren zu gehen? Zudem hatte ich ja Zeit.

Mit meiner Kumpeline Miriam wanderte ich viel im Wald. Den Wald hatte ich anders in Erinnerung gehabt, er war schöner als ich dachte. Von der Freundin meines Bruders versuchte ich Yoga zu lernen. Mit anderen Freunden unternahm ich so Dinge wie ins Kino gehen oder gemeinsam kochen. Ich versuchte einfach klar zu kommen und mich wieder ein wenig einzufinden.

Ich traf mich auch mit vielen Leuten, die sich bei mir meldeten und mich kennenlernen wollten. Das war einerseits interessant, andererseits aber auch sehr anstrengend. Zumal diese Leute sich einbildeten über mich etwas zu wissen, weil sie meinen Blog gelesen haben. Ich wusste dagegen absolut nichts über sie. Am Ende war es dann meistens so, dass sie mir ihre Lebensgeschichte erzählten und ich einfach zuhörte.

Irgendwann wurde mir das dann allerdings zu anstrengend. Mit Leuten, die ich kontaktierte und mit denen ich mich treffen wollte, war es deutlich spannender gewesen. Oft hatte ich da sehr schöne Begegnungen, die mir auch wirklich guttaten und sehr wichtig für mich waren.

Klar war aber von Anfang an auch, dass ich nicht lange bleiben werde. Doch witzigerweise fing es mir am Ende sogar an zu gefallen. Ich hätte nie gedacht, dass ich es doch so lange zu Hause aushalten werde.

Das Essen war lecker. Bei meiner Mutter im Keller ließ es sich gut aushalten. Ich hatte dort meine Ruhe und kapselte mich zeitweise dann auch etwas ab. Ich hatte meine Höhen und Tiefen und ich denke, dass ist normal nach so einer enormen Veränderung des Lebensstils.

Ich arbeitete auf einer Kamel-Lama-Esel-Pferde Farm für 3 Wochen. Ein soziales Projekt was mir riesen Spaß machte. Ich wollte herausfinden ob es möglich wäre mit einem Packtier eine längere Tour zu machen.

Dann probierte ich einen Trailer (Benpacker) im Schwarzwald, anschließend versuchte ich es mit dem Rucksack.

Wochenlang war ich davon überzeugt, dass ich was anderes machen musste. Am Ende wachte ich aber eines Morgens auf und entschied mich für die nächste Reise wieder fürs Fahrrad.

Mit meiner Mutter zusammen besuchte ich den Iran für 14 Tage. Ich zeigte ihr was ich für sehenswert hielt. Wir hatten eine super Zeit zusammen.

Mein Bruder heiratete und ich durfte die Hochzeitsbilder machen. Was ein wirklich toller Tag geworden war und auch wichtig für mich gewesen ist dabei zu sein.

Eigentlich sollte es danach wieder los gehen. Die Hochzeit war im Mai gewesen. Doch es zog mich erstmal noch nichts so richtig wieder auf die Straße. Ich wollte noch ein wenig hierbleiben.

Im Laufe der Zeit fing ich nämlich an mich an meine alte, neue Heimat zu gewöhnen.

Ich fing an die positiven Seiten Deutschlands zu sehen. Und versuchte den oft nörgelnden und negativ denkenden Menschen einmal mehr wieder klar zu machen, in was für einem Paradies sie eigentlich geboren wurden. Wie privilegiert wir sind. Was für einen Konsumrausch die Menschen täglich erleben und wie herausragend unsere Lebensqualität im Vergleich zu anderen Ländern aussieht.

Da wird über die Krankenversorgung geschimpft, über die Höhe der Renten, die Lehrer, über die Politik und über die Flüchtlinge. Viele scheinen einfach nicht zu begreifen wie gut es ihnen hier geht.

Im Prinzip ist es in Deutschland oft so, dass man die Leute nur schlecht zufrieden stellen kann. Irgendetwas Negatives finden sie eigentlich immer.

Von den ultra vielen Vorschriften und der oft spießigen Lebenseinstellung mal abgesehen, hat Deutschland aber viel Schönes und am Ende blieb ich fast den ganzen Sommer, weil es mir einfach gut gefiel. Oder aber vielleicht auch weil es praktisch war und angenehm. Und sicherlich auch weil ich immer noch müde war. Müde vom umherziehen.

Auch meine Freunde spürten wohl wie ich mich langsam wieder annäherte. Eine Freundin sagte zu mir: „Bei so einem Menschenauflauf hättest Du doch vor ein paar Monaten noch die Krise geschoben“ als ich bei einem Straßenfest so richtig Spaß in der Menge hatte. Das stimmte auch ganz genau. Der Mensch kann sich wohl irgendwie auch wieder anpassen.

Die Freundlichkeit ist in Deutschland besser geworden. Service Wüste Deutschland ist nicht mehr ganz so treffend wie früher. Aber von der Lockerheit und Warmherzigkeit anderer Nationen sind wir noch weit entfernt. Doch hatte ich viele positive Begegnungen und sage noch immer jedem Hallo der an mir vorbeiläuft, auch wenn das oft ungewöhnlich für viele ist.

Wie wir ja alles wissen, sagt man hier normalerweise nicht Hallo zu jemanden den man nicht kennt. Doch ich mache das. Und man sollte nicht meinen wie oft ein Lächeln zurückkommt. Im Prinzip sind wir Deutschen nämlich nette Zeitgenossen, nur eben etwas verschlossen.

Schlafen konnte ich hier allerdings nicht. Umgeben von Mauern und dem Krach ringsherum konnte ich oft nicht einschlafen. Die Enge und das nicht ausgelastet sein waren wohl eben doch nicht so wirklich mein Ding.

Ich hatte jeden Tag zu wenig Schlaf, auf Dauer machte mich das unzufrieden und auch sehr träge.

Der Wind hat sich in Deutschland verändert. Früher gab es hier in meiner Gegend deutlich weniger davon. Die Störche sind mittlerweile zu Scharen auf den Feldern unterwegs. Das war vor meiner Abreise noch undenkbar. Auch sonst hat sich einiges geändert. Kleinigkeiten, aber in der Summe doch sehr viel. Ich musste mich erst einmal wieder zurechtfinden. Ich hatte ja so viele Dinge verpasst.

Viele ganz normale Themen bei denen ich nicht mitreden konnte, weil ich keine Ahnung hatte um was es ging.

Die Natur fehlt mir. Die Nächte am Lagerfeuer. Die Einsamkeit. Die Gedanken, die nicht mehr fließen wollen. Meine Freiheit, mein Entdeckerdrang der nicht gestillt wird. All das ist gerade nicht mehr da. Es hat schon was von Stillstand.

Doch die Pause und mein zu Hause hat mir gutgetan. Am Ende ist es eben doch die Heimat und das Stückchen Erde mit dem man am meisten verbindet. Ob es auf Dauer glücklich macht oder nicht, es hat einen geprägt ob man will oder nicht.

Im Prinzip fühlte ich mich die ganze Zeit nur als Besucherin und das machte es am Ende doch viel einfacher für mich. Hätte ich hier anfangen müssen in einem geregelten Job zu arbeiten, hätte ich die Flucht sicherlich sofort ergriffen. Denn mit den oft eingefahrenen Arbeitsstrukturen wäre ich sicherlich erstmal total überfordert gewesen.

Cycling Cindy, eine Holländerin und ebenso in der Welt umher geradelt wie ich, macht im Moment Station in Deutschland. Somit war für uns beide klar, dass wir uns sehen werden. Eine tolle Begegnung mit vielen langen Gesprächen über Gott und die Welt. Ein richtiges Traveller Treffen.

Nun ging es im August wieder in Richtung Verabschiedung und das war nicht einfach. Ankommen und wieder los fahren sind einfach die dicksten Hürden einer Reise.

Wo es hin gehen wird, erzähle ich dann beim nächsten Bericht, der kommt aber diesmal wieder etwas zeitiger.

In der Zwischenzeit bin ich bereits die ersten 1000 Kilometer geradelt. Ich bin wieder auf der Straße und das ist gut so.

 

By continuing to use the site, you agree to the use of cookies. / Durch die weitere Nutzung der Seite stimmst du der Verwendung von Cookies zu. more info / weitere Infos

The cookie settings on this website are set to "Allow cookies" to provide the best browsing experience. If you use this website without changing the cookie settings or clicking "accept", you agree. Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

close / schließen