Der Northern Forest Canoe Trail startet in Old Forge, im Staat New York und führt auf 1190 Kilometern bis nach Fort Kent in Maine.

Ein ausgeschildeter und mit Wildcampingplätzen versehener alter Wasserweg, der Seen, Flüsse und Bäche verbindet.

Harry hatte die Idee diesen Wasserweg zu paddeln und nachdem der Trail für mich sehr spannend klang, stimmte ich zu.

Nach dem Colorado Trail, schien das genau das Richtige für die nächste Zeit.

Auch wenn der NFCT (Northern Forest Canoe Trail) nicht gerade um die Ecke lag, hatte ich den Eindruck, der riesige Umweg würde sich bestimmt lohnen.

Alles fing dann mit einer herzlichen Umarmung auf dem Bahnhof in Rochester, New York an. Der Amtrak Zug brachte uns in 36 Stunden von Denver nach New York State, oder genauer gesagt bis nach Utica.

Kurz vor Rochester erhielt ich überraschenderweise eine Nachricht von der an Krebs erkrankten Langzeitreisenden – BagLady – Kathryn: „Heike, ich würde Dich gerne kurz am Bahnhof in Rochester treffen.“

Und so hatten wir 5 Minuten Zeit um uns am Bahnsteig in den Arm zu nehmen und das erste Mal live zu sehen! Seit Jahren sind wir beide per Facebook in Kontakt.

New York spielte von klein auf eine große Rolle in meinem Leben.

Meine Eltern lebten drei Jahre auf Long Island, mein großer Bruder wurde dort geboren und es schien sich zu Hause oft um das Thema USA und Manhattan zu drehen.

Mit 19 durfte ich dann als letztes Familienmitglied mit meinem Vater nach New York City fliegen.

Beim Landeanflug spielte die Lufthansa eines der Lieblingslieder unserer Familie, „New York, New York von Frank Sinatra“, der Song begleitete meine ganze Kindheit.

Die Stadt war damals mit 19 Jahren ein riesiges Abenteuer.

Fast 30 Jahre später war ich also wieder hier, nicht in Manhattan, sondern auf dem Land, ganz weit draußen, und doch fühlte ich wieder diese besondere Verbundenheit mit New York.

Harry und ich hatten weder eine Ahnung vom Kanu fahren noch irgendeine Ausrüstung dafür und so kam es, dass ich Richard, der uns beim Trampen mitnahm, fragte, ob er vielleicht jemanden kennt, der ein Kanu verkaufen möchte?

Er lachte und meinte: „Ich habe gerade heute Morgen mit meinem Sohn gesprochen, ob er jemanden wüsste, der ein Kanu gebrauchen könnte? Nehmt einfach meines!“

Prima ? und so ließ er uns bei ihm übernachten und fuhr uns am nächsten Tag mit dem Kanu auf dem Dach gezurrt nach Old Forge. Sensationell!

Paddel und Rettungswesten, sowie wasserdichte Boxen waren in Old Forge schnell organisiert. Es konnte also los gehen!

Die ersten Seen führten uns noch durch bewohntes Gebiet, vorbei an prunkvollen Häusern, nervigen Motorbooten und durch Bojen gekennzeichnete Wasserwege.

Doch schon bald lagen diese hinter uns und die kleinen Flüsse brachten uns in eine neue Welt.

Wasser war noch nie wirklich mein Ding. Und trotzdem fand ich die Zeit im Kanu absolut super.

Die Ruhe auf dem Wasser, die Spiegelungen auf der Wasseroberfläche und das langsame dahingleiten gefiel mir gut.

Besonders klasse fand ich, dass wir abends immer einen Wildcampingplatz fanden, denn die sogenannten Lean-to (offene Schutzhütten) waren entweder Teil des NFCT oder Teil eines Parks.

Jeden Abend hatten wir also ein Lagerfeuer, backten Brot, kochten etwas Leckeres zu Essen und genossen die Stille.

Die Adirondack Mountains sind landschaftlich echt super.

Wir wechselten von See zu Fluss und wieder zurück in einen weiteren, der vielen Seen.

Vor allem Long Lake hat mich schwer begeistert. Der See ist nicht nur lang, sondern bat uns auch einen der besten Schlafplätze.

Der Wald war nass und voller Leben, wenn wir auch kaum Tiere sahen, waren die Bäume und Pflanzen, vor allem aber die Pilze einfach nur toll anzusehen.

Ein paar Weißkopfadler saßen in den Bäumen. Zudem hörten und sahen wir immer wieder die faszinierenden Seetaucher, deren lauten Rufe wohl einmalig sind.

Biberdämme gab es immer wieder. Auch einen Seeotter bekam ich zu Gesicht.

Leider gingen die Wasserwege nicht immer ineinander über und somit mussten wir das Kanu oft tragen, an Land zerren, auf einem kleinen Karren auf Straßen mehrere Meilen lang schieben oder sogar über Stock und Stein oder Treppen tragen.

Manchmal liefen wir einige Male den selben Weg. Das Gewicht unserer Ausrüstung war viel zu schwer, um es zusammen mit dem 30 kg schweren und extrem unhandlich zu tragenden Kanu über die vielen Steine und Wurzeln des Waldes zu zerren.

Zu zweit ist das schon eine Aufgabe, alleine wäre das unmöglich für mich gewesen, da müsste man dann ein viel leichteres Kanu oder auch Kajak besitzen.

Diese sind teuer und unseres war umsonst, also mussten wir mit dem leben was wir hatten.

Unser Karren machte uns leider schon bald Probleme.

Der Mantel löste sich von den Reifen und so hatten wir immer wieder Schwierigkeiten mit den Tragepassagen des Trails.

Die kleinen Dörfer durch die wir kamen, sind anders als im Wilden Westen.

Die Gärten penibel geschnitten, wie bei den Engländern. Die Architektur hat was von Skandinavien. Bunte Holzhäuser, wie in Schweden bei Pippi Langstrumpf.

Selbst die Kirchenglocken läuten zur vollen Stunde! Mischwald wie bei uns zu Hause. Europa schien irgendwie ziemlich nahe.

Auch die Menschen sind anders. Bei weiten nicht so aufgeschlossen und easy going wie im Westen – eben wie in Europa.

Wir hatten daher kaum Kontakt zu anderen, was uns wohl sehr verzweisamte und das wurde auf Dauer schwierig.

Der Wasserstand ist dieses Jahr sehr niedrig.

Es hatte kaum geregnet und so kam es, dass wir in den Flüssen immer wieder aussteigen und das Kanu an den seichten Stellen über die kritischen Passagen ziehen mussten.

Auch gab es vermehrt Abschnitte, die wir mit unseren Kenntnissen nicht paddeln konnten, denn die Stromschnellen waren einfach zu riskant für uns Ahnungslose.

8 Meilen waren es an einer Strecke, bei der wir auf der Straße, die Hügel rauf und wieder runter schoben und dabei oftmals den ein- oder anderen Autofahrer zum Lachen brachten.

Je weiter Richtung Vermont, desto mehr Dämme mussten wir umgehen.

Also Kanu raus aus dem Wasser, den ganzen Kram, den wir im Kanu hatten ausladen, den Karren unterschieben, festzurren, Zeug wieder aufladen, loslaufen und kaum später wieder zurück ins Wasser.

Nach den 8 Meilen Straße, hatten wir eine ganze lange Meile, bei der wir das Kanu um die vielen Felsbrocken im Wasser herum geschoben hatten und dann verzweifelt wieder an Land gingen, um zu diskutierten wie wir nun weiterkommen sollen.

Denn ein Ende der vielen Felsen war nicht in Sicht.

Da hielt ein Autofahrer an. „Hey, was macht ihr denn da mit Eurem Kanu auf der Straße?“

Und kaum später war das Kanu auf seinem Pick-up Truck festgezurrt und er fuhr uns bis zum Walmart nach Plattsburgh.

Er, wie viele andere Einheimische auch, war davon überzeugt, dass die nächsten 15 Meilen leider nahezu kein Wasser im Fluss sei.

Wieder einmal war das Glück auf unserer Seite gewesen, denn wer nimmt schon zwei Fremde mit einem Kanu mit?

Vom Parkplatz des Walmarts schoben wir das Kanu durch die halbe Stadt, ganz zum Vergnügen der Autofahrer.

In einem Hotel warteten wir das Wetter ab, denn vor uns lag Lake Champlain, einer der größten Seen der USA.

Wir wollten auf keinen Fall an einem windigen Tag den See durchqueren, da das einfach zu gefährlich hätte werden können und somit hatten wir ein paar Zwangspausentage eingelegt.

Was am Ende gar nicht schlecht war, denn unsere Schultern und Arme hatten eine Pause verdient. Die Paddelei und Tragerei über so lange Distanzen ist schon nicht ganz ohne.

Lake Champlain war mega anstrengend. Die Wellen teils wie auf dem Meer. Auch finde ich so große Seen gar nicht mal so interessant.

Die kleinen Flüsse am Ende viel attraktiver. Die dauernde Veränderung macht den Wasserweg allerdings erst richtig abwechslungsreich.

Oftmals hatten wir Schwierigkeiten die Distanz auf dem Wasser abzuschätzen. Es kommt einem manchmal so vor, als würde man gar nicht vorwärtskommen, das Ziel scheint irgendwie nicht näher zu rücken.

Inseln sehen von weitem aus wie Festland und das macht die Orientierung manchmal etwas schwierig.

Die auf unserer Karte eingezeichneten Zeltstellen, waren nicht immer leicht zu finden. Entweder weil sie total falsch in der Karte eingezeichnet waren, oder weil sie vielleicht bereits nicht mehr existierten, denn unsere Karten waren 15 Jahre alt.

Doch, war ich trotz allem von der super Outdoor Infrastruktur begeistert. Die Schutzhütten, die dort incl. Klo und Feuerstelle zur Verfügung gestellt werden, fand ich sensationell.

Zudem war meistens alles sauber und gepflegt. Einfach klasse.

Im Staat Vermont, etwa 200 m von der Kanadischen Grenze entfernt, mussten wir an der Flussmündung des Naturreservats Missisquoi wieder einmal das Kanu durchs Wasser ziehen.

Hunderte von Kormoranen, Reiher und alle möglichen Entenarten versüßten uns dabei die Zeit.

Die Stimmung untereinander wurde leider immer schlechter, wir waren kein Team mehr!

Bereits wenige Tage nachdem wir den Lake Champlain erfolgreich durchquert hatten, entschieden wir uns, das Projekt NFCT abzubrechen, damit jeder wieder seine eigenen Wege gehen kann.

Ich fand das sehr schade, denn ich hätte den Trail sehr gerne zu Ende geführt.

Vor allem tat es mir auch um die Freundschaft leid und auch, dass ich den Indian Summer nun nicht erleben konnte, denn der soll ja bekanntlich in den Neu-England Staaten besonders farbenfroh sein.

Nun ja, so ist das eben manchmal im Leben, es läuft halt nicht immer nach Plan, vor allem nicht in diesem verflixten Jahr 2020!

Das Kanu schenkten wir weiter, Paddel und Weste versuche ich zu verkaufen.

Etwas ratlos am Straßenrand sitzend, hielt ein Auto an: „Hey, wo willst Du hin?“

Bis zu dem Zeitpunkt, wusste ich das noch gar nicht so wirklich.

Im ersten Dorf, kam mir dann ein Gedanke, und bereits am Abend, also innerhalb 6 Stunden, hatte ich die fast 300 Meilen bis Rochester hinter mich gebracht und saß dabei in drei verschiedenen Autos, wobei die ersten beiden Mitfahrgelegenheiten nur ein paar Meilen betrugen.

Wohlbehalten traf ich bei Kathryn und Dennis ein, die mich mit offenen Armen empfangen und bei denen ich ein paar schöne Tage verbringen durfte, um neue Pläne zu schmieden.

Das nächste Projekt steht somit bereits wieder in den Startlöchern, mal sehen was diesmal schief gehen wird ?

Ich fände es super, wenn Du den Artikel mit Deinen Freunden teilen würdest! DANKE 🙂 

By continuing to use the site, you agree to the use of cookies. / Durch die weitere Nutzung der Seite stimmst du der Verwendung von Cookies zu. more info / weitere Infos

The cookie settings on this website are set to "Allow cookies" to provide the best browsing experience. If you use this website without changing the cookie settings or clicking "accept", you agree. Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

close / schließen