„Du wirst sehen, wenn Du aus Marokko draußen bist, dann fängt Afrika erst richtig an“ wurde mir immer wieder gesagt. Und als ich der Mauretanischen Grenze immer näher kam, fühlte es sich haargenau so an.

Der Grenzposten war bereits merklich heruntergekommener, als der auf der Marokkanischen Seite, von dem No-man’s Land mal ganz abgesehen.

Ich wurde freundlich begrüßt, mein Pass kontrolliert und der Uniformierte schickte mich weiter zur Visastelle. Marokkaner, Touristen, Mauren, Senegalesen und andere Schwarzafrikaner tummelten sich bereits dort.

Die Frauen saßen links auf dem Boden, die Männer dagegen standen rechts in einer Reihe. Interessanterweise wurden die Frauen zuerst aufgerufen. Einige der Anwesenden warteten bereits seit Stunden.

Was mir als erstes ins Auge stach, war die seitlich der Türklinke aufgebrochene Wand. Wahrscheinlich ist der Schlüssel zum Schloss nicht mehr auffindbar gewesen und somit hat man wohl einfach den Beton herausgeschlagen, um die Türe von nun an nicht mehr mit der Klinke zu öffnen, sondern man muss nun seitlich in die Wand hineinlangen und direkt den Schnapper des Schlosses betätigen.

Angestellte kamen und gingen pausenlos rein und wieder raus. Das Einschnappen der Türe machte jedes Mal einen Höllen-Lärm. Wahrscheinlich 100 Mal am Tag. Unsereins würde das sicherlich keinen ganzen Tag lang ertragen.

Das Visum kostete 55 Euro – und zwar Euro in bar – gültig für 30 Tage. Der Grenzer wünschte mir eine tolle Zeit. „Es wird Dir gefallen“ legte er hinzu.

Von nun an ist bis Südafrika jedes Land das ich bereisen werde Neuland für mich, denn bisher habe ich vom Afrikanischen Kontinent nur wenig gesehen. Insgesamt nur sechs Länder. Südafrika, Swasiland, Lesotho, Madagaskar, Uganda und Ägypten. Ich kann also ab sofort ordentlich Länder sammeln.

Mauretanien ist für mich Land Nr.92. 58 davon habe ich mit dem Fahrrad bereist.

An der ersten Polizeikontrolle wurde die Französin Charline, mit der ich seit ein paar Tagen unterwegs war und ich in einen kleinen Raum neben der Straße gebeten. Passkontrolle. Ein Polizist lag auf einer Pritsche. Um ihn herum stapelte sich Müll, Essensreste und allgemeines Chaos.

Ein weiterer Polizist brachte ihm Tee. Liegend nahm der Uniformierte unsere Pässe entgegen und kritzelte unsere Namen auf einen Fresszettel, den er unter seiner Liege fand.

Das leere Glas reichte er ohne Augenkontakt seinem Kollegen zurück und drehte sich zudem zu uns herüber und versuchte uns die Pässe am langen Arm zu reichen und kullerte dabei fast von der Pritsche.

Charline und ich fingen exakt im selben Moment an zu grinsen und schon bald darauf mussten wir sogar lauthals lachen und schauten dabei in fragende Gesichter. Es hatte was von Situationskomik, aber es war wohl auch unser beider Entsetzen wie Menschen unter derart dreckigen Verhältnissen hausen.

Die „ist doch alles egal“ Lebensphilosophie lag unausgesprochen in der Luft.

Beim Anblick der schäbigen Zelte die im Wind vor den Toren der Stadt flatterten, musste ich ein paar Mal schlucken. Das war Afrika. Das Afrika, dass ich sehen und erleben wollte, aber innerlich doch auch ordentlichen Respekt davor hatte.

Omar, ein junger Couchsurfer Gastgeber, welches das Pendant zur Warmshowers Community ist, nur für Backpacker, wartete an der ersten Kreuzung auf uns. Wir hatten uns an der Grenze kurz kennengelernt. In seinem Haus hatten sich allerdings bereits weitere Reisende eingefunden. Ein US-Amerikaner, eine Brasilianerin und zwei Schweizer.

Ich hatte kein wirklich gutes Gefühl und auch nicht den Eindruck, als sei die Familie sonderlich begeistert darüber, dass bei ihnen so viele Leute zu Besuch waren und somit verabschiedete ich mich am nächsten Morgen sofort wieder und zog von nun an wieder alleine weiter.

Nouadhibou versetzte mich in einen Kulturschock. Der Müll stapelte sich überall auf der Straße. Kühe und Ziegen fraßen Plastik und Papier. Leute fuhren in total verbeulten Autos umher. Esel werden als Lasttiere genutzt. Und selbst Dromedare sah ich durch die Gassen schlendern. Es hatte was von Indien. Überall kleine Buden, viel Staub und Dreck. Wirrwarr.

Mir begegnete ein bunt gemischtes Volk. Zwischen Schwarzen und aufrecht gehenden und edel gekleideten Mauren, tummelten sich Tunesier und Libanesen. Pizza und Wasserpfeife. Französische Baguettes und Schweinsohren in der Patisserie.

Dazwischen saßen wunderschöne Schwarzafrikanerinnen die im heißen Fett kleine Teigbollen frittierten. Kinder, die Ball spielten und kleine Mädchen, die mit goldigen Zöpfen zurecht gemacht waren.

Einmal mehr merkte ich, wie wohl ich mich unter Schwarzen fühle. Genau wie damals in Belize. Ihre direkte offene Art ist genau mein Ding.

Ein Senegalese fragte mich wie ich denn Mauretanien finde? „Ich habe ja bisher noch nichts davon gesehen“ antwortete ich.
„Und wie findest Du es“? erwiderte ich. „Mauren sind Rassisten“ bekam ich zu hören.

Ich wollte ins Landesinnere und die beste Möglichkeit dort hinzukommen war es, den Eisenerz-Zug nach Choum zu nehmen. Einer der längsten Güterzüge der Welt. Er fährt leer von der Küste Richtung Osten, um von dort wieder gefüllt zurückzufahren.

Als Fahrradfahrer ist man in Mauretanien sehr eingeschränkt was die Auswahl der Straßen anbelangt. Der Sahara Sand dominiert das Leben und um auf den Pisten nicht im Sand stecken zu bleiben, bleibt einem als Radler nur die Teerstraße und davon gibt es insgesamt nur ganz wenige. Keine davon geht nach Choum.

Gegen 16 Uhr ging es los. Im Güterwagen kostete die Fahrt überraschenderweise kein Geld. Ein paar Leute halfen mir, das Rad in den leeren Waggon zu hieven und schmissen zusätzlich noch ein paar Matratzen dazu. Ich hatte den ganzen Waggon für mich alleine. Die anderen Zugreisenden tummelten sich dagegen in zwei Personenwagen. Das Ticket dafür kostete etwa 5 Euro.

Wenn ich ehrlich bin, wunderte ich mich von der ersten Minute an, warum sich alle anderen ein Ticket kauften und ich wohl die einzige war, die im Waggon saß. Ob das mal nicht ein Fehler war?!

Die elegant gekleideten Mauren ignorierten mich. So richtig wohl fühlte ich mich mit denen nicht.

Der Zug ratterte und schüttelte mich ordentlich durch. Der Wind pfiff und der Staub war von Anfang an kein Spaß. Wenn der Zug zum Halten kam und dann wieder losfuhr, schallte ein lautes Geräusch von der Lok bis zu mir nach ganz hinten. Es klang fast wie ein anrauschender Flieger.

Je lauter es wurde desto mehr bereitete ich mich auf den Rückschlag vor, der unweigerlich kam, als sich der Zug wieder in Bewegung setzte. Das erste Mal donnerte ich mir ordentlich meinen Kopf am Metall des Waggons an, bei den weiteren Starts wusste ich Bescheid.

Als die Bahnlinie nach Osten abknickte und die lange 500 KM Gerade an der Grenze zur West Sahara in Angriff nahm wurde es so windig und staubig, dass ich von da an nur noch zusammengekauert mit Tuch vor Augen und Mund am Boden saß und mich auf eine lange staubige Nacht vorbereitete.

Das Landschaftserlebnis war somit nicht vorhanden, wobei ich mir landschaftlich von der Strecke auch nicht wirklich viel versprach. Sand halt und zwar viel davon. Zudem war es eh bald finster.

Es wurde kalt und somit machte ich es mir in meinem Schlafsack auf den Matratzen, die da im Waggon lagen gemütlich, so kuschelig wie es halt unter den staubigen Bedingungen ging.

Um 3 Uhr morgens waren wir endlich da. Ein Glück halfen mir ein paar Leute das Rad aus dem Zug zu laden, doch kurze Zeit später stand ich dort alleine in der dunklen Nacht, am Bahnhof im Niemandsland.

Wo war ich hier gelandet?

Zu meiner Überraschung entdeckte ich am Horizont das Kreuz des Südens. Mein liebstes Sternenbild. So weit nördlich hatte ich es noch nicht erwartet.

Den einzigen Menschen den ich traf, war ein Schwarzer, der vor einem Haus in einer Art Hundehütte kauerte und aufschreckte als ich näherkam. Ich hatte ihn zuerst überhaupt nicht bemerkt. Ich fragte ihn ob ich hinter der Mauer die er beschützte, mein Zelt aufstellen dürfte, doch das ließ er nicht zu. Somit stellte ich mein Zelt direkt am Bahnhof auf.

Ich war so müde, dass ich nicht weiter darüber nachdenken wollte, ob das eine gute Idee ist.

Am Morgen wurde ich von Schritten geweckt. Irgendjemand schlich ums Zelt. Ich öffnete sofort meinen Reißverschluss und schaute in die Augen eines großen Mannes, der vor mir saß und mich irritiert anschaute. Dann verschwand er wieder.

Kurze Zeit später tauchte eine Frau auf, die mich nach Geld fragte. Nachdem ich ihr klar machte, dass ich ihr nichts geben werde, ging auch sie ihrer Wege.

Im Dorf wurde ich von Brothändlern umstellt. Das Original Mauretanische Brot ist wirklich lecker, das Baguette dagegen, dass sie hier verkaufen, nur Pappdeckel. Es war noch warm und roch richtig gut, doch war mir dieses Gerangel erst einmal nicht sonderlich angenehm.

Auch wusste ich die Preise nicht. Das ist immer wieder das Problem in den ersten Tagen eines neuen Landes. Und diesen Schlitzohren traute ich erst einmal kein bisschen. Aber ich hatte Hunger.

Als die lange gerade Straße am Ende des Dorfes vor mir lag, kniff ich ordentlich die Pobacken zusammen und redete mir selber gut zu. Bisher war das Land alles andere als einladend gewesen. Auch steht Mauretanien seit Jahren auf der Liste der unsicheren Länder. Aber egal, weiter geht’s, das wird schon werden und ich tritt in die Pedale.

Die Landschaft war schön. Die Straße nagelneu. Kein Verkehr, so wie ich es liebe. Mit Rückenwind ging es Richtung Atar. 115 KM. Die heimliche Hauptstadt des Landes.

Frauen riefen mich von der Straße runter. Ich sollte bei ihnen Tee trinken. In einem Ein-Raum Haus wurde ich singend und klatschend empfangen. Auf Plastikeimern trommelten sie den Rhythmus vor und ich musste mit ihnen tanzen. Wir alle hatten ordentlichen Spaß.

Dazu gab es Tee. Aus der halbstündigen Teezeremonie in Marokko schien nun ein 2 Stunden Event in Mauretanien zu werden. Der Tee wird so lange von einem Glas ins nächste geschüttet, bis das halbe Glas voller Schaum ist. Ab und zu wird Wasser dazu gegossen, was zuvor auf glühenden Kohlen erhitzt wird. Das dauert. Und zwar lange.

Und um die Beschäftigung noch etwas weiter auszubauen, trinkt man hier immer 3 Gläser Tee. Und zwar jeder der Anwesenden. Nachdem hier 10 Leute im Raum sitzen, muss man schon etwas Geduld mitbringen bis man wieder an der Reihe ist. Die Gläser werden zwischendurch notdürftig gewaschen und kleben somit ordentlich an den Fingern, bei dem vielen Zucker, der verwendet wird, natürlich kein Wunder.

Ein paar KM später rannte mir ein Mann hinterher. Auch er wollte mich ins Haus einladen. Seine Frau saß auf dem Boden und zerstückelte Kamelfleisch, welches sie draußen an eine Wäscheleine hing. Die Fliegen bevölkerten den ganzen Raum. Mir wurde Milch gereicht, die ich dankend ablehnte.

Und natürlich Tee, wobei ich hier beim ersten wieder aufbrach, denn die Leute waren irgendwie seltsam. Entweder sie starrten mich ununterbrochen an oder aber sie ignorierten mich. Auch hier wurde wieder einmal über meinen Namen lauthals gelacht.

Die eine Frau fing plötzlich an nach Geld zu fragen. Deutete auf die Kinder und jammerte mir irgendetwas vor. Ich hatte meine eine Tasche leider nicht richtig zugemacht gehabt. Das Fahrrad stand außerhalb meiner Sicht. Je aufdringlicher die Leute wurden, desto mehr wunderte ich mich, ob in meiner Tasche vielleicht etwas fehlte.

Ein paar KM vom Haus weg kontrollierte ich alles und stellte fest, dass mein Aufladekabel nicht mehr da war. Mein Eindruck hatte mich also wieder einmal nicht getäuscht.

In all meiner Zeit als Radlerin ist mir erst zweimal etwas geklaut worden. Einmal das Rücklicht in der Ukraine und jetzt das Kabel. Ich bin nicht unvorsichtig wo ich mein Fahrrad abstelle, gehe aber doch sehr locker damit um und werde das auch in Zukunft nicht ändern.

Die meisten Menschen sind ehrlich und da möchte ich nicht, dass die paar ganz wenigen mir den Spaß verderben. Freiheit und Wohlsein fängt nämlich oftmals damit an, dass man sich keine Sorgen macht. Sorgen lähmen und ich versuche sie soweit wie möglich zu vermeiden.

Kurz vor der Dunkelheit erreichte ich Atar und war sofort begeistert von dem Ort. Kunterbuntes Leben. Ganz viele verschiedene Rassen tummelten sich hier. Die Häuser farbig und manche Leute machten einen freundlichen Eindruck, auch hier vor allem die Schwarzen.

Bei Bab Sahara, einem Camp welches von einem Holländer geführt wird, verweilte ich 8 Nächte. Für 5 Euro die Nacht konnte ich hier Gespräche tanken. Mit Overlandern, also Langzeitreisende, die mit großen 4x4 Campingtrucks unterwegs waren, Backpackern oder Leuten mit Jeeps.

Österreicher, Amerikaner, Holländer, Deutsche, Norweger und Franzosen.

Ich liebe solche Begegnungen. Unter Reisenden sind viele Gedankengänge vergleichbar. Auch wenn Autofahrer natürlich andere Erlebnisse haben als wir Radler, aber die Interessen sind trotzdem ähnlich.

Was ich auch immer wieder interessant finde, sind die unterschiedlichen Lebensauffassungen der einzelnen Nationen. Wir anwesenden Deutschen und Holländer waren zwar alle sehr dankbar und froh, dort geboren zu sein wo wir sind, aber sehen wir unser Land doch auch das ein oder andere Mal kritisch und versuchen immer wieder unsere Fehler zuzugeben und Gründe zu finden, warum Dinge so sind wie sie sind.

Das Gespräch mit dem anwesenden US-Amerikaner dagegen verlief da doch wieder einmal total anders. Auch zwei Jahre Trump und viele Reisen scheinen ihn nicht sonderlich zum Nachdenken gebracht zu haben. Amiland ist und bleibt das tollste Land der Welt.

Es gibt da laut ihm keinen Zweifel. Von der Überheblichkeit, die manche US-Amerikaner mitbringen, bin ich immer wieder erstaunt. Auch wenn ich sogar fast neidisch bin, denn was sie zu viel an Nationalstolz haben, habe ich definitiv zu wenig.

Im Dorf lernte ich die Menschen kennen und genoss es an einem Ort länger zu verweilen. Tallest, also der Größte, war ein freundlicher Senegalese, der mit 2.02m aus der Menge herausragte, daher riefen sie ihn auch so.

Er beherrschte vier Sprachen. Wolof, Hassani (das in Mauretanien gesprochene Arabisch), Französisch und Englisch. Es war einfach nur bemerkenswert wie er in den vier Sprachen locker hin und her wechselte. Es gab hier so viele Nationen, dass er seine Sprachen ständig anwenden konnte.

Den Maler aus Guinea-Bissau, der seinen Touristenkram an den Mann bringen wollte, nannten sie Picasso. Beim Marokkaner trafen sich die Leute abends zum Gespräch. Er hatte definitiv das beste Essen im Ort.

Hitler war leider auch hier Thema. Ein paar Jugendliche wollten mir zu ihm gratulieren und wunderten sich, warum ich so gar nicht begeistert über deren Aussagen reagierte. Manchmal bin ich das Thema leid.

Auch die Fußballernamen Rummenigge und Beckenbauer hörte ich. Die Frage ob ich sie mit nach Deutschland nehme, ignorierte ich mittlerweile meistens.

Mauretanier möchten sich allgemein nicht sonderlich gerne fotografieren lassen. Ich versuche immer vorher eine Beziehung zu den Menschen aufzubauen bevor ich die Kamera nutze, doch hier ist das alles sehr schwierig. Ich bin von Leuten angebrüllt worden, die ich weder fotografieren wollte noch habe. Ich war hier sehr vorsichtig.

Schweren Herzens fuhr ich weiter. Atar hatte mein Herz erobert, obwohl es nicht wirklich etwas zu sehen gab. Bei Sturm und schlechter Sicht radelte ich Richtung Nouackhott, der Hauptstadt des Landes. 450 KM Teerstraße lagen vor mir. Dazwischen zwei Orte. Im ersten kam ich spät abends an und fragte nach einer Unterkunftsmöglichkeit und wurde von einem Mann eingeladen.

Ich durfte auf dessen Gelände zelten und mit ihnen essen. Couscous aus der großen Schüssel. Mauretanier essen mit den Händen. Das Couscous wird in der Hand zu einem Bällchen geformt, bevor es zum Mund geführt wird. Zuvor wird es mit dem Gemüse oder Fleisch, das in der Mitte liegt, vermischt. Wie in Marokko wird alles ewig lange gekocht.

Die Sahara stellt den Menschen einen extrem feindlichen Lebensraum zur Verfügung und ich dachte oft, warum jemand wohl auf die Idee kommt, sich hier niederzulassen? Es gibt hier nichts. Kaum Wasser. Kaum Bäume. Kaum Pflanzen. Wie haben die Leute hier früher überlebt, als es noch keine Straße gab?

Der Wind nahm kein Ende. Der Sand war überall. Kamele und verlassene Häuser. Ab und zu Leute, aber besonders aufgeschlossen waren sie nicht.

Der Harmattan, also der saisonale Wind aus der Sahara, weht angeblich am stärksten im Februar und März. Die Leute selber sagten mir aber er weht das ganz Jahr über.

Um Schutz vor dem Wind und Sand zu haben, fragte ich bei einem kleinen Laden, ob ich irgendwo mein Zelt aufstellen könnte. Ein Junge schlief dort inmitten der dreckigen Bude, in dem sie ein paar Grundnahrungsmittel verkauften. Die Fliegen krabbelten in seinem Mund umher, es schien niemanden zu stören.

Die Mutter kochte desinteressiert Tee. Allgemein sind die Frauen hier sehr korpulent. In langen Tüchern eingewickelt, machen sie oft einen gelangweilten Eindruck. Was mich am meisten wunderte war, dass die Menschen wirklich viel Zeit haben, aber den Raum in dem sie sich pausenlos aufhalten in einem erbärmlichen Zustand halten.

Ob die Kinder hier draußen zur Schule gehen, konnte ich nicht herausfinden.

Die Türe der Hütte, die sie mir zur Verfügung stellten, musste ich mit der Schaufel vom Sand befreien, um Zugang zu haben.

Plötzlich Windstille. Endlich. Ich saß bei Mondschein draußen im Sand und genoss den Augenblick. Das sind die Momente in der Wüste, die ich liebe. Die Ruhe, die Weite, die Schönheit, leider zu selten in dieser Gegend. Endlich konnte ich auch mal wieder draußen kochen und mein Essen ohne die Zutat Sand genießen.

Doch am nächsten Morgen war er wieder da, der Wind und mit ihm der Sand in der Luft. In meinen Augen und Ohren und zwischen den Zähnen.

Meine Reißverschlüsse funktionierten kaum noch. Meine Sachen hatten alle eine enorme Staubschicht.

Nicht nur Kinder fragen nach einem Cadeau, also nach einem Geschenk, nein auch Erwachsene. Es muss hier Busladungen von Touristen gegeben haben, die einfach wahllos irgendwelche Sachen verteilt haben, im Glauben daran, den Leuten zu helfen oder um ihre eigenen Mitleidsgedanken zu entlasten.

Alles, was sie damit erreichen, sind bettelnde Leute, die einen Touristen als Geschenkgeber ansehen, anstelle als Menschen, der zu Besuch ist und das Land gerne kennenlernen möchte.

Dadurch wird man auch als Tourist misstrauisch, weil man nie weiß, ob jemand am Ende dann doch nur Geld von einem möchte, wenn die Person freundlich auf einen zukommt.

Polizeikontrollen gab es immer wieder. Sie fragen nach einem Fiche, also nach den kopierten Personaldaten. Meistens sind sie sehr freundlich und leben auch in dieser Ecke des Landes unter teils desolaten Bedingungen.

Akjouit war die einzige Stadt zwischen Atar und Nouackshott. Eine Bergbausiedlung. Ich fand die Atmosphäre in der Stadt sehr interessant und blieb daher zwei Tage.

Kurz vor den Toren Nouakchott nächtigte ich mit Kamelbesitzern. Auch hier wollte ich wieder einen windgeschützten Ort für die Nacht finden.

Als erstes wurde ich nach meiner Uhr gefragt. Dann wollte man mein Fahrrad. Als ich die Kamele fotografierte fragten sie nach Geld dafür. Die eine Frau meckerte zudem an mir herum, ich hätte mein Rad an der falschen Stelle geparkt. Der eine Mann wollte mich heiraten und mit seinem Mercedes sollten wir zusammen nach Deutschland fahren. Das alles innerhalb weniger Minuten.

Sie selbst fuhren einen nagelneuen Toyota Pick-up und besaßen zig Kamele, lebten zudem in der Stadt und hatten hier ihre schwarzen Bediensteten, die sich um alles kümmerten.

Wäre nicht ein extrem netter Schwarzer aufgetaucht, der mir in dem Moment ein sehr gutes Gefühl gegeben hatte, wäre ich noch im Dunkeln weiter geradelt.

Mit neugierigen Kinderaugen teilte ich meine abendliche Kochzeremonie am Feuer. Ich ging früh in mein Zelt, wurde aber um Mitternacht geweckt, als jemand gekochte Spaghetti unter mein Außenzelt schob.

Aufgerüttelt wurde ich von einem Mann, der morgens das Außenzelt anhob und seinen Kopf darunter steckte, um mich zum Frühstück zu rufen.

Nouackhott machte nicht den Eindruck einer Hauptstadt. Es ist wohl die bisher einzige Hauptstadt, in der ich je mein Fahrrad schieben musste. Es scheint hier mehr Sandpisten als Teerstraßen zu geben. Sobald man von den 3 Stichstraßen, die ins Zentrum führen, abkommt, versinkt man im Sand.

Viel Müll und Dreck. Kein Ort in dem ich länger bleiben wollte.

Ich kam bei Warren unter. Ein Brite, der sich seine Zeit als Warmshower Gastgeber versüßt. Er arbeitet als Lehrer und freut sich über jeden Radler, der ein paar Tage Pause bei ihm macht. Sein Britischer Humor lag mir sofort.

Weil die Mali Botschaft streikte, blieb ich am Ende fast eine Woche bei ihm, bis ich das nötige Visum in der Tasche hatte.

Das einzige nennenswerte und prunkvolle Gebäude der Stadt war die Amerikanische Botschaft. Die riesige Amerikanische Flagge protzte im Wind.

Ich mochte das Land nicht besonders, auch wenn ich in dem Monat, in dem ich hier war, nicht wirklich den Einblick bekommen habe, den ich mir erhofft hatte. Mit vielen ungeklärten Fragen radelte ich daher in Richtung Senegal. Die mit Schlaglöchern versehene Straße verlief weiterhin durch trostlose Landschaft. Der Wind stehts an meiner Seite.

Innerlich dachte ich nur, was bin ich froh, dass ich dieses menschenfeindliche Land mit seinen wenig lebenshungrigen Menschen wieder verlassen kann. Obwohl ich es wirklich sehr interessant fand, aber auf Dauer gibt es mir zu wenig, wahrscheinlich geht es den Bewohnern genauso.

Die angeblich landschaftlich tollen Gebiete kann ich mit dem Rad leider nicht erreichen, daher ein eher ungeeignetes Land für Radfahrer.

Am Ende des Tages sah ich in der Ferne an einem renovierten Haus Licht. Hier wollte ich fragen, ob ich einen geschützten Zeltplatz bekommen kann. Mein Riecher enttäuschte mich nicht. Ich traf auf reiche Leute und durfte dort zwei Tage bei einer Familie verbringen.

Bei einer weiteren wohlhabenden Familie hatte ich ein eigenes Haus zur Verfügung gestellt bekommen. Dankbar über die Gastfreundschaft wurde ich dann allerdings morgens bereits um 7 Uhr geweckt. Der Gastgeber brachte ein Baguette, stellte den Fernseher auf volle Lautstärke und fing an zu rauchen und sprach kein Wort mit mir. Nach etwa einer halben Stunde war er wieder verschwunden und als ich mich später bei ihm bedanken und verabschieden wollte, schlief er.

Hatte er vielleicht die gleichen Gedanken wie ich? Dachte er evtl. die Frau setzt sich nicht mal mit zu mir zum Frühstück obwohl ich extra so früh aufgestanden bin, weil ich ja weiß, dass Europäer Frühaufsteher sind?

Denn ich dachte, sag mal muss der jetzt so früh auftauchen und hier so viel Krach machen, ich hatte ihm doch gestern noch gesagt, dass ich gerne lange morgens schlafe und da hatte er ja gesagt, das sei kein Problem. Allgemein geht man hier ja spät ins Bett und steht spät auf.

Andere Kulturen zu verstehen und sich immer richtig zu verhalten, ist nicht einfach. Trotz allem gibt es Nationen, mit denen ich besser zurechtkomme, als ich das mit den Mauren konnte.

Auch mag ich die auffallend arrogant und unterdrückende Art und Weise wie die Mauren mit den Schwarzen umgehen nicht. Das hat was von machthaberischen Strukturen und Zweiklassengesellschaft. Der Sklavenhandel wurde hier vor nicht allzu langer Zeit erst abgeschafft. Das spürt man noch heute.

In Rosso wurde mir dann in einem Laden Geld geklaut. Das erste Mal in meinem Reiseleben klaute mir jemand in meinem Beisein einen Geldschein aus der Tasche und ich kann nicht erklären, wie es passiert ist. Da ich gerade zuvor Geld getauscht hatte, wusste ich haargenau, was ich im Geldbeutel hatte.

Es waren umgerechnet nur 2.50 Euro aber da geht es ums Prinzip. Zumal ich dem Geldwechsler zuvor gerade erklärt hattee, dass ich 10 Euro tauschen möchte und nicht 100 als er mir viel zu viel Geld aushändigte.

Nachdem Rosso dafür bekannt ist, dass auf Senegalesischer Seite der Grenze Korruption herrscht und Reisende dort pausenlos abgezockt werden, radelte ich noch 100 KM weiter den Senegalfluss entlang Richtung Osten.

Bäume tauchten auf. Felder. Grüne Farbe. Eine Wohltat nach all dem vielen Sand in den letzten 6 Wochen.

In einer kleinen Siedlung fragte ich nach einer Boutique, also nach einem Lebensmittelladen, allerdings gab es dort wirklich gar nichts zu kaufen. Was es allerdings gab, waren extrem freundliche Menschen. Schwarze, die mich sofort zum Tee einluden, bei denen ich mir eine Portion Pommes kaufen konnte und die mich fragten, ob ich sie fotografieren möchte. Ein toller Abschied aus einem schwierig zu bereisenden Land.

An der Grenze Podor wurde ich noch kurz aufgehalten, weil die Mauretanier mir angeblich keinen Ausreisestempel geben konnten und mich wieder nach Rosso schicken wollten. Doch kurze Zeit später kramte der Grenzbeamte einen Stempel aus einer der vielen Schubladen in denen nichts drin war.

Fragte mich zudem nach einem Stift um das Ausreisedatum in den Pass zu schreiben, nahm die Druckerpatrone aus dem Kopierer heraus und schüttelte sie ordentlich hin und her und kopierte damit meinen Pass mehr schlecht als recht.

Kurze Zeit später brachte mich eine kleine Piroge auf die andere Seite des Senegal Flusses. Schwarzafrika ich komme.

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