Ich hatte mir für die Casamance, also dem süd-westlichen Teil des Senegals, drei Aufgaben gestellt. (Karte)

Die erste davon war Pause zu machen! Abschotten. Zur Ruhe kommen. Ich brauchte dringend etwas Zeit für mich alleine. Abstand vom Trubel, den vielen Menschen, dem pausenlosen Krach und Abstand vom „verstehen wollen“.

Ich bin ein Typ, der ganz oft und viel damit beschäftigt ist, alles zu hinterfragen. Ich will begreifen, doch das kann auf Dauer sehr anstrengend sein. Vor allem hier in Afrika, wo fast alles total neu für mich ist.

Glücklicherweise bot mir einer meiner treuen Leser sein Haus am Strand in Abene zur Erholung an und somit war das meine erste Anlaufstelle.

Leider war allerdings Abene nicht das, was ich erhofft hatte. Der Strand war nicht wirklich etwas Besonderes. Es gab außerdem keine Westler mit denen ich mich hätte unterhalten können, der Hauptgrund warum ich hier her wollte. Zudem gab es weder Strom noch Internet, welches ich gerne fürs arbeiten an meinem Blog und zum Abschalten genutzt hätte.

Aufgabe eins wurde also erst einmal wieder verschoben.

Die zweite Aufgabe bestand darin, einem amerikanischen Freund einen Gefallen zu tun. Er hatte vor etwa 40 Jahren hier in den Casamance als Missionar gearbeitet und hatte damals in einem kleinen Ort ein Haus gebaut. Er bat mich zu schauen, wer dort heute wohnt und was aus dem Haus geworden ist.

Als ich im Dorf einrollte, rief ich ihn an und „gemeinsam“ erforschten wir den Ort, den er 40 Jahre nicht mehr gesehen hatte. Er führte mich per verbaler Beschreibung zum Haus und er konnte es nicht glauben, als ich ihm sagte, dass sein Haus eine Ruine sei.

„Bist Du sicher? Stehst Du vor dem richtigen Haus? Warum sollte in dem Haus heute niemand mehr wohnen? Das Haus ist termitensicher gebaut, sicherlich immer noch einzigartig in der Gegend“, meinte er schockiert.

Durch die verfallenen Fenster beschrieb ich ihm das Haus von innen. Er konnte sich noch an jedes Detail erinnern und je mehr ich ihm erklärte, wie sein Haus heute aussieht, desto leiser wurde es auf der anderen Seite der Leitung. Es war das einzige Haus, das er je für sich selbst gebaut hatte.

Obwohl ich selber von Missionsarbeit gar nichts halte, weiß ich, dass er all seine Kraft in dieses damalige Projekt gesetzt hatte. Er wollte etwas Gutes tun, ist aber letztendlich an den schwierigen Umständen, die er vor Ort vorfand, gescheitert. Er hat bis heute Schuldgefühle.

Für mich war es irgendwo ein weiteres Puzzleteil, das ich zusammensetzte, um die Mentalität der West-Afrikaner, in dem Fall der Senegalesen, zu verstehen.

Ich kenne natürlich die Umstände nicht, trotzdem wunderte ich mich, dass die Leute ein hochwertig gebautes Haus lieber verfallen lassen, als es zu nutzen, obwohl es sie nicht einmal etwas kosten würde?!

Die Casamance waren allgemein deutlich wohlhabender als Gambia oder der Nordöstliche Teil Senegals. Die Landschaft nichts Besonderes. Ich konnte dem Landstrich nicht wirklich etwas abgewinnen.

Aufgabe drei war es, in Ziguinchor, dem größten Ort der Gegend, ein Visum für Guinea-Bissau zu besorgen, was wirklich super schnell und sehr einfach erledigt war.

Zuiginchor selber hat einen Campingplatz auf dem ich drei Wochen lang alleine wohnte und mich abschottete, um damit Aufgabe Nummer eins zu erfüllen. Zum Glück, tauchten wenigstens für einen Abend ein paar Spanier auf, mit denen ich mich anregend unterhielt.

Jede Nacht gab es irgendwo in der Nachbarschaft Party. Die Lautstärke auf Anschlag gedreht, obwohl sich der Lautsprecher dabei pausenlos überschlug. Egal, Hauptsache laut. Kein schönes gemeinsames Trommelkonzert, nein, Hip-Hop Musik.

Eine Nacht lang dann Party auf dem Campingplatz. Ein Glück, fiel der Strom um 5 Uhr morgens aus, und der „Musik-Terror“ hatte ein Ende gefunden. Leute standen oder lagen vor allem gelangweilt in der Ecke herum. Nichts mit Tanzen und Spaß haben und ausgelassen sein. Seltsame Party war das.

Das beste an der Stadt sind ganz eindeutig die Einkaufsmöglichkeiten. Und die nutzte ich gnadenlos aus. Gutes Essen ist nämlich wirklich Mangelware in dieser Gegend der Welt.

Die Marktfrauen in der Markthalle waren sehr penetrant mit dem Anpreisen ihrer Waren. Sie zogen mich sogar an den Haaren, um auf ihre Produkte aufmerksam zu machen.

Was es sonst noch gab, waren Expats. Alte Franzosen, die sich junge, hübsche, Senegalesinnen geangelt hatten.

Oder eine Amerikanerin, die seit 20 Jahren in der Entwicklungshilfe tätig ist und mir erzählte, dass einer ihrer Schützlinge nach Italien geflüchtet sei und sie anrief und bitterlich weinte, weil es ihm in Europa gar nicht gefällt. Er aber seinen Leuten nicht die Wahrheit sagen könne, weil sie alle so viel Geld für ihn zusammengelegt hätten, damit er ins ersehnte Europa kann.

 

Guinea-Bissau

 

An der Grenze fragte ich, ob evtl. vor kurzem ein paar Westler die Grenze überschritten hätten. Und tatsächlich war ein Radlerpaar drei Stunden vor mir eingereist. Laut der Eintragung im Registerbuch kamen sie aus der Schweiz. Ich wusste somit, dass ich vielleicht die Chance habe, auf andere Radler zu treffen.

Aus den Toubab Rufen wurde nun „Branco Pelele – Branco Pelele“ (weiße Haut), was sich ehrlich gesagt viel melodischer anhörte, als „Toubab Toubab“. Es begleitete mich durch ganz Guinea-Bissau, durch jedes Dorf.

Leider war auch hier das „Dinheiro“ nicht zu überhören. Guinea-Bissau war einst Portugiesisch und somit waren die „Dinheiro“ Rufe nichts anderes als die Frage nach Geld.

Ich machte wohl den großen Fehler, dass ich vor allem auf der Hauptstraße unterwegs war, was sich eigentlich nahezu immer rächt, denn Menschen entlang den Hauptstraßen verhalten sich immer anders als die Leute in den abgelegenen Ecken. Ich sollte das eigentlich mittlerweile wissen.

Juan war meine erste freudige Begegnung. Juan kommt aus Spanien, ist etwa mein Alter und ist zu Fuß unterwegs. In Spanien gestartet, hat er bereits 4000 Kilometer geschafft, wobei er in der West Sahara den Bus genommen hatte.

Als ich ihn von weitem sah, war ich mega gespannt, was er mir wohl zu erzählen hat und war zudem froh, dass ich mich am Ende doch wieder fürs Fahrrad entschieden hatte und nicht wie ursprünglich angedacht war, zu Fuß durch Afrika zu laufen.

Es hätte mir wohl spätestens hier das Genick gebrochen, denn die Landschaft die uns hier geboten wurde, wäre mir im 20 KM Schnitt pro Tag echt zu langweilig geworden.

Guinea-Bissau bedeutete, auf meiner gewählten Strecke endlose Cashewnuss Plantagen, ein paar Flüsse und jede Menge Dörfer – ich denke, das war es auch schon fast.

Juan und ich zelteten zusammen inmitten dieser vielen Cashewnuss Bäume und tauschten Gedanken aus. Wir hatten sehr viele ähnliche Gedanken, denn auch er bekommt natürlich die geballte Ladung Afrikas jeden Tag aufs Neue zu spüren.

Juan redete wie ein Wasserfall, etwas was man uns Solo Reisenden immer wieder nachsagt, denn hat man endlich mal die Möglichkeit zu reden, muss man sich all das von der Seele reden, was sich über Wochen angestaut hat.

Ich fand es amüsant und ich werde mich in Zukunft hoffentlich wieder daran erinnern, wenn ich mal wieder auf jemanden treffe, dem ich etwas zu erzählen habe, denn zugetextet zu werden ist für jeden anstrengend zu ertragen. Im Fall von Juan hatte ich es aber als positiv bewertet, denn er wusste, wovon er redete. Und ich mag Menschen die wissen von was sie reden.

Guinea-Bissau hat einen höheren Anteil an Christen. Erste Anzeichen dafür waren die vielen Schweine, der viele Alkohol, der in den Kneipen getrunken wird, sowie die Spielautomaten, die es in jeder Dorfkneipe zu finden gibt. Zudem gibt es deutlich mehr Hunde als zuvor, wobei ich sagen muss, dass sie meistens nur im Schatten liegen und schlafen.

Was ich an Muslimischen Ländern immer sehr schätze, ist die Abstinenz vom Alkohol. Es gibt nichts Nervigeres, als von einem besoffenen Typen am helllichten Tage dumm angemacht zu werden. Zudem haben Muslimische Länder normalerweise, wie bereits erwähnt, deutlich weniger Straßen- oder Wachhunde. Es gibt natürlich Ausnahmen, wie etwa im Osten der Türkei. 

Einladungen wurden von nun an spärlicher. Keiner rief mich mehr dazu, ob ich auch ein Glas Tee trinken oder einen Happen Reis aus der gemeinsamen Schüssel essen möchte.

Muslimische Länder und ihre Gastfreundschaft sind einfach angenehm und bereichernd – nicht, weil man dadurch evtl. Geld spart – nein, ganz sicher nicht – es geht um die Achtung des Menschen. Der Zusammenhalt, dabei sein zu dürfen, herzlich willkommen zu sein. Einfach sehr wichtig für Solo-Reisende.

Am zweiten Abend traf ich auf einen Italiener, der seit 20 Jahren als Pastor in einem kleinen Dorf arbeitet. Ich fragte ihn, wie er die Einheimischen hier so findet. Seine Antwort fiel nicht sonderlich positiv aus, worüber ich doch sehr überrascht war.

Er ließ mich in einem separaten Gebäude in einem Gästezimmer schlafen. Während ich nackt unter der Dusche stand, schauten Kinder durch die Fenster und rissen die Moskitonetze kaputt. Sie schmissen Steine gegen die Scheiben und ließen sich null davon abhalten, egal was ich machte.

Nachdem die Bande mich lange genug tyrannisiert hatte, zog ich mich schnell an, schnappte mir einen Stock und rannte den Kindern hinterher, die natürlich Vorsprung hatten und somit viel schneller waren, als ich.

Jede Menge Erwachsene beobachteten die Szene, sowohl zuvor, als die Kinder fast die Fenster einschlugen, als auch danach, als ich ihnen mit einem Stock hinterher rannte. Doch keinen schien das in irgendeiner Form zu interessieren.

Man muss sich das mal umgekehrt vorstellen: Bei uns würde eine schwarze Frau mit einem Stock einer Schar Kinder hinterherrennen – keine 5 Minuten später wäre die Polizei im Anmarsch.

Es ist mir nun schon ein paar mal aufgefallen, dass Kinder hier mit Stöcken gejagt, mit Steinen beschmissen oder sonst irgendwie extrem forsch in ihre Schranken gewiesen werden. Etwas was mir persönlich ja total gegen den Strich geht, aber anscheinend funktioniert es manchmal nur so.

Auch die Erwachsenen gehen ja sehr grob miteinander um, eine andere Welt eben.

20 Jahre lebt der Italiener nun bereits hier und als ich ihn fragte, ob die Frage nach Geld erst mit dem Handy ins Land kam, meinte er:

„Nein, es geht hier seit 20 Jahren nur ums Geld. Wenn andere ins Krankenhaus müssen, fragen sie mich nach Geld. Wenn ich ins Krankenhaus muss, interessiert sich noch nicht einmal jemand dafür, wie ich dorthin komme.“

Er ging mit mir zum Brotstand und als die Frau, die dort arbeitet, uns klar machte, dass sie gerade keine Lust hatte mir etwas zu verkaufen, fing der Italiener an, richtig laut zu werden. Auch zu den anderen Leuten, die bei ihm auftauchten, um irgendetwas von ihm zu bekommen, war er sehr laut und gereizt.

Seine Frustration war nicht zu übersehen. Er tat mir einfach nur leid. Was Glaube doch ermöglicht, ist immer wieder faszinierend. Dass Menschen ihr ganzes Leben opfern, in der Hoffnung anderen zu helfen und dabei selbst fast untergehen, ist Selbstaufgabe pur.

Die Frage ist dann nur, warum er nicht begreift, dass er dort kein gern gesehener Gast ist? Warum muss auch ein Christ aus Italien in Guinea-Bissau zwanghaft seinen Glauben an die Menschen verteilen?

Bissau ist eine laute Stadt und genau in der Rush-Hour hatte ich einen Platten. Vor einem Supermarkt flickte ich also im Beisein von einigen staunenden Männern meinen Schlauch.

Hauptgrund, weshalb ich nach Bissau radelte, also in die Hauptstadt des Landes, war, um das Visum für Guinea zu bekommen. Eines der vielen unangenehmen Begleiterscheinungen des Reisens in Westafrika sind die Visa, die man sich für jedes einzelne Land besorgen muss.

Natürlich bin ich mir bewusst, dass ich trotz allem extrem privilegiert bin, dass ich überhaupt ein Visum für die Länder bekomme.,denn viele andere Nationen dürfen nicht einmal ihr Nachbarland besuchen.

Ich hatte eine sehr nette Unterkunft gefunden, in deren Gästehaus der Besitzer zudem sehr leckeren Fisch kochte. Zwischendurch brauche ich immer mal wieder etwas Luxus. Afrika war bisher einfach zu anstrengend, sodass ich mir wenn möglich, hin und wieder ein paar Auszeiten gönne. Problem ist nur, dass solche Wohlfühloasen nicht leicht zu finden sind.

Auf dem Weg zur Botschaft traf ich auf das Radlerpaar aus der Schweiz. Deutlich jünger als ich, hatten wir auch deutlich unterschiedliche Lebensansichten. Und doch waren es interessante Stunden, denn natürlich habe ich mir über deren Lebenseinstellungen Gedanken gemacht.

Wirklich viel passierte in Guinea-Bissau nicht. Es war regelrecht langweilig. Cashewnüsse soweit das Auge reicht, dazwischen ein paar Dörfer und nicht sonderlich interessierte Einheimische.

Was ich toll fand, waren die bemalten Häuser – richtige Kunstwerke. Lecker fand ich die vielen Baguettes mit Fischsauce, die es mindestens an einem Stand in den Dörfern zu kaufen gab.

Ich hatte zudem eine klasse Übernachtung in einem Nonnenkloster incl. Abendessen und Frühstück. Die mit Abstand sauberste Unterkunft seit Europa wo auch fast alles funktionierte, außer den Steckdosen, aber alles kann man halt nicht haben. Die Nonnen kamen aus Angola.

Die restlichen Nächte verbrachte ich im Zelt in Schulen entlang des Weges. Die Unterkünfte teilte ich vor allem mit Fledermäusen, oder Ameisen und mit vom Baum fallenden Mangos, die aufs Blechdach einschlugen und so laut waren, dass ich dachte der Krieg sei ausgebrochen. Auch teilte ich es mit Ziegen, die es sich auf der Veranda gemütlich machten.

Allerdings teilte ich sie nie mit neugierigen Kindern, die evtl. schauen wollten was ich mache. Auch nie mit Erwachsenen, welche daran interessiert gewesen wären, ob ich den Schlüssel wieder abgeben würde oder ob ich das Klassenzimmer in Ordnung halte.

Was mich vor allem traurig machte, war die Tatsache, wie der Mensch auch hier wieder gewütet hat. Abholzung, Plantagen und kein ursprünglicher Wald mehr übrig. Keine Tierwelt, kaum Vögel – alles tot. Zum Heulen!

Obwohl ich schneller unterwegs sein eigentlich gar nicht mag, war es an der Zeit, das Tempo zu erhöhen, um vorwärts zu kommen. Mir war langweilig.

Ab Qebo fuhr ich auf Pisten und streifte einen National Park. Es wurde deutlich grüner und wilder und ich sah sogar Affen.

An einer der wohl am stärksten bewachten Grenzen der Welt, 😊 gab es ein Stempelkissen mit Stempel, einen Soldaten und ein paar Kinder, die gute Laune hatten.

Und dann kam Guinea, eine andere Welt lag da nun vor mir. Guinea war klasse, doch dazu mehr beim nächsten Mal.

Hat dir der Artikel gefallen? Teile ihn mit deinen Freunden – Danke! 

 

By continuing to use the site, you agree to the use of cookies. / Durch die weitere Nutzung der Seite stimmst du der Verwendung von Cookies zu. more info / weitere Infos

The cookie settings on this website are set to "Allow cookies" to provide the best browsing experience. If you use this website without changing the cookie settings or clicking "accept", you agree. Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

close / schließen