“Wow – ein Bär! Schau doch mal da vorne! Ehrlich jetzt, ohne Scheiß, da läuft ein Bär! Harry, Du guckst ja gar nicht!“ stupste ich ihn an.

„Ach komm, was ist schon so Besonders an einem Schwarzbären, die rannten bei mir ständig im Vorgarten herum. Deswegen krieche ich jetzt garantiert nicht aus dem Schlafsack!“

„Ernsthaft jetzt? Woohooo ein Bär, so nah am Zeltelt:„Wahnsinn“, rief ich in den Wald hinein!

Die Bär-Story war der Running Gag der kommenden Wochen, denn wenn wir uns mit anderen Langzeitwanderern unterhielten – sogenannten Thru-Hikern -erzählte ich die Geschichte immer wieder gerne.

Harry grinste dabei jedes Mal über beide Ohren und meinte, dass doch Elche viel spannender seien, die wir allerdings bis dahin noch nicht gesehen hatten!

Doch, Moment mal, wie bin ich überhaupt hierhergekommen? Und was ist eigentlich passiert, dass das Pushbikegirl plötzlich wandert?

Also, jetzt erstmal von vorne!! 

Am 10. März ging mein Flieger nach Cartagena in Kolumbien. Ein riesiger Kontinent wollte von mir erobert werden.

Diesmal zu Fuß und mit einem Packtier! Ich wollte damit in total abgelegene Ecken vordringen und freute mich wie Bolle auf ein neues Abenteuer, welches mich einige Jahre beschäftigen sollte!

Natürlich wusste ich erstmal nicht, ob das alles so eine schlaue Idee war, zumal ich null Ahnung von Packtieren habe, wollte es aber wagen, denn mehr als schief gehen konnte es ja nicht.

Radfahren war für mich vorerst abgehakt! Ich sehnte mich nach etwas anderem – nach einer neuen Herausforderung! Das Rad war zu einfach geworden. Routine, immer das Gleiche, mir war langweilig damit geworden!

Harry, ein Amerikaner, war wie ich, seit Jahren mit dem Rad unterwegs. Wir hatten uns 2017 kurz auf der Baja Divide in Mexiko kennengelernt und waren seitdem in Kontakt. Er hatte gerade Australien durchradelt und suchte für die nächste Zeit einen Reisepartner – der Kontinent war ihm egal.

„Radeln kann ich dir nicht bieten, aber was hältst du vom Wandern?“ hinterließ ich ihm als Nachricht auf Messenger und kaum später trafen wir uns in Cartagena, um zusammen in Richtung Patagonien zu laufen.

Als wir die Stadt verließen radelte Harry allerdings neben mir her, denn ohne sein geliebtes Fahrrad wollte er nicht losziehen.

Wie das werden sollte, wussten wir erstmal nicht, aber Langzeitreisende finden ja bekanntlich für alles eine Lösung.

Das Einzige was wir beide allerdings wussten war, dass wir vom alleine reisen erstmal die Nase voll hatten und so wollten wir sehen, ob wir zusammen zurechtkommen. Alles andere klärt sich.

Auf den ersten Metern durch Cartagena hatte ich bereits mein Handy abgenommen bekommen – willkommen in Südamerika!

Die beiden Typen kamen per Motorrad auf uns zugefahren, bedrohten uns mit einer versteckten Waffe unter dem T-Shirt (kann auch eine Wasserspritzpistole gewesen sein) und ich gab mein Handy, welches ich gerade zum Navigieren nutzte aus der Hand. Dumm gelaufen!

Ein paar Tage später schmiss uns die Polizei von einem Dorfplatz runter. „Verschwindet, ihr bringt das Virus zu uns!“ und so zogen wir irritiert weiter. Einen Moment später hielt uns das Militär an, ließ uns aber nach längerer Diskussion passieren.

Kurz darauf entdeckten wir einen Esel, verhandelten mit dem Besitzer einen Preis und übernachteten auf seinem Grundstück, um am nächsten Tag gemeinsam auf dem Amt eine Besitzurkunde ausstellen zu lassen.

Doch dazu kam es nie, denn am Morgen wurden wir festgehalten. Die Polizei versperrte uns die Weiterreise.

Auf der Ladefläche eines Pick-up Trucks wurden wir wie Gefangene nach Cartagena zurückgebracht. Stunden fuhren wir umher, weil sie nicht wussten, was sie mit uns machen sollten.

„Fliegt nach Hause! Der Flughafen schließt in zwei Tagen!“, war die Aussage der Polizei.

Nach einem Corona Test, von dem wir nie ein Ergebnis erfahren haben und einer Vorstellung bei der Einreisebehörde, landeten wir irgendwann in einem Hostel inmitten der Altstadt, mit der Auflage von 14 Tagen Quarantäne.

Am 20. März schlug die Türe hinter uns zu. Die letzten Reisenden verließen das Hostel um noch rechtzeitig heimzukommen, bevor alles dicht war. Wir hatten somit das ganze Hostel für uns alleine.

Cartagenas quirlige Altstadt strahlte Gespensterstimmung aus. Totenstille. Alles geschlossen, außer Polizeipatrouille war kein Mensch in den Gassen. Totaler Lockdown!

„Und jetzt? Ach, in ein paar Wochen können wir wieder losziehen“, davon waren wir felsenfest überzeugt!

Die beiden ersten Wochen vergingen schnell. Ich fand es sogar spannend zu erleben, wie ein ganzes Land in eine totale Starre verfällt.

Supermärkte wurden von der Polizei überwacht. Einkaufen durfte man nur alle 5 Tage, denn die Endziffer der eigenen Passnummer gab an, an welchem Tag man einkaufen konnte.

Nach vier Wochen Lockdown wurde Geschlechtertrennung eingeführt. Zusätzlich zu den Passnummern, unterschied man nun auch noch zwischen Frauen – und Männereinkaufstagen. Das hieß dann ab sofort nur noch alle 10 Tage einkaufen zu dürfen.

Doch wir versuchten positiv zu bleiben und glaubten weiterhin daran, dass wir schon bald wieder unterwegs sein würden, wenn auch Zweifel auftauchten, besonders dahingehend, dass die Kriminalitätsrate sicherlich steigen und das Reisen dadurch in Südamerika in Zukunft deutlich unsicherer sein würde.

Freunde versuchten mich zu überreden heimzukommen. Doch mit einem humanitären Flug in die Heimat zu fliegen kam für mich nicht in Frage.

Erstens, weil ich keinen Grund dafür sah, bereits in den ersten Wochen als dies noch möglich war, diese weitreichende Entscheidung zu treffen.

Zweitens weil ich mir aus Umweltschutzgründen heraus vorgenommen hatte nicht mehr als einmal im Jahr zu fliegen und drittens, weil ich keine Lust auf Deutschland hatte und auch keine Panik verspürte und sicher war, dass es irgendwann eine Lösung in naher Zukunft geben wird!

Doch der Lockdown wurde immer und immer wieder verlängert und mittlerweile war die Ankündigung, dass der Flughafen bis 31.8. sowie alle Landesgrenzen bis auf weiteres geschlossen bleiben.

10 lange Wochen saßen wir fest, saßen unsere Hintern breit, langweilten uns zu Tode und durchlebten Krisen, bis endlich die Wende kam! Denn die Amerikaner flogen ihre Leute in die Heimat und ich durfte mit an Bord!

Am 5.Juni flog ich zusammen mit Harry nach Florida. Per Roadtrip ging es nach Colorado und dort startet nun die eigentliche Geschichte dieses Blog Artikels – der Colorado Trail.

Ein Ultralight Rucksack war schnell organisiert, ansonsten hatten wir bereits alles dabei was wir brauchten.

Bei Harry’s Kumpel in Denver, ließen wir einige unsere Sachen zurück und stürzten uns schon bald in den Wald und auf den Trail.

10 Wochen auf dem Hintern sitzend, hieß übersetzt, dass wir total unfit in ein neues Abenteuer starteten.

Wir waren ausgehungert was Natur- und Campingerlebnisse anbelangte und unterschätzten Anfangs erst einmal die Schwierigkeit des Trails. Vor allem das Akklimatisieren dauerte etwas.

Der Colorado Trail weist folgende Daten auf:

778 Kilometer, 36962 Höhenmeter rauf und 31700 m wieder runter. Höchster Punkt des Trails 4045 m. Die Durchschnittshöhe des Weges beträgt 3200 m.

Es gab also was zu tun für uns ?

Map showing segments of The Colorado Trail

Beeindruckend war von Anfang, an die Wildnis durch die wir kamen. Endlose Weite. Ein wunderschöner Wald, der sich ständig veränderte. Einsam, ruhig und ein ewiges Hoch und Runter. Über Stock und Stein jeden Tag von Neuem.

Die Wildblumen waren fantastisch, die Ausblicke toll und die Wanderer, die uns über den Weg liefen, wieder einmal super freundlich.

Amerika halt – ich liebe es!

Leider war totales Feuerverbot, was natürlich super schade war und uns auch dazu verpflichtete einen Gaskocher dabei zu haben.

Mein geliebter Hobokocher musste somit in Denver bleiben. Und meine geliebten Lagerfeuernächte, musste ich auf irgendwann vertagen.

Wildtiere gab es komischerweise wenige, selbst Vögel bekamen wir kaum zu Gesicht.

Was mich von Anfang an beeindruckte war, dass vor allem junge Leute zwischen 20 und 30 auf dem Trail unterwegs waren.

Die ältere Generation tendiert ja gerne dazu, die jungen Leute als faul und einfallslos abzustempeln. Unhöflich und egoistisch noch dazu. Ich muss aber sagen, genau das Gegenteil war hier der Fall.

In dem Alter hätte ich sicherlich zu so einer anspruchsvollen und zeitintensiven Wanderung keine Lust und Ausdauer gehabt.

Daher ein großes Lob an alle jungen Thru-Hikers, die ich getroffen habe und die mich herzlich aufgenommen und immer wieder freundlich mit mir geredet haben.

Harry hatte von Anfang an Schwierigkeiten mit seinem Knie, was uns dazu zwang, dass wir öfters mal Pause machen mussten und auch nicht so viele Kilometer pro Tag laufen konnten.

Das machte mir aber überhaupt nichts aus – im Gegenteil – ich konnte es dadurch noch viel mehr genießen. Die Natur aufsaugen und beobachten gefällt mir immer wieder sehr.

Etwa nach einem Drittel des Weges, stieg Harry daher aus, weil sich das Knie einfach nie erholte und immer geschwollen war und schmerzte.

Ich war also schon bald wieder alleine unterwegs. Was mir dadurch viel mehr Kontakt zu anderen Leuten gebracht hat. Zudem hatte ich meinen eigenen Rhythmus wieder, weil ich morgens generell immer später loslaufe und abends später ins Bett gehe, als die meisten anderen.

Irgendwie ist es auch weniger Stress für mich. Alleine unterwegs sein, ist manchmal einsam, aber es hat auch viele Vorteile.

Oder vielleicht sollte ich besser sagen, es ist anders, denn die Zeit mit Harry war eben auch sehr spaßig und unterhaltsam. Und sicherlich werden wir weitere Abenteuer miteinander planen.

Während wir vorher unsere Ausrüstung teilen konnten, musste ich von nun an alles alleine schleppen, versuchte aber das Gewicht so niedrig wie möglich zu halten.

Mein Rucksack mit Essen für sechs Tage, allerdings ohne Wasser, wog etwa 13.5 kg. Natürlich geht das leichter, dann muss man aber viel Geld investieren und seine Ausrüstung dahingehend optimieren.

Durch Zufall traf ich einen Langzeitwanderer, der bereits viele Trails hinter sich gebracht hatte und der somit wusste, dass ich das 2-Mann Zelt, welches ich nun unnötigerweise tragen musste, gerne in ein 1-Mann Zelt umtauschen würde und nett wie er war, lieh er mir für den Rest des Trails sein Tarp aus, was 1 kg weniger wog.

Die Hiker Community, ist sehr bedacht aufeinander aufzupassen und der Standardspruch war immer und immer wieder: „Kein Problem. Nicht danke sagen, oder zurückgeben wollen, sondern weiter geben an andere!“ Einfach toll!

Das veranlasst auch Manche dazu, ein Trail Magic zu veranstalten. Ganz großes Kino für jeden Thru-Hiker und bereits Tage vorher hörte man von dem Spektakel, denn jeder redete darüber und freute sich tierisch darauf.

Da waren z.B. Pooh, Linda und Jan die selber Thru-Hiker auf dem Appalachian Trail waren.

Sie hatten genau die Philosophie des Weitergebens verinnerlicht und 10 Tage lang inmitten des Waldes ein Zelt aufgebaut und dort zum Frühstück Pfannkuchen und abends Hot Dogs verteilt. Grandios!

Auf meine Frage, ob sie Spaß haben, antworteten sie mir:

„So viele Trail Angels haben uns geholfen, jetzt wollen wir anderen helfen. Wir haben in den letzten 8 Tagen 205 Wanderer verköstigt. Du musst nur die lachenden Gesichter der Thru-Hiker sehen, wenn sie ihren Pfannkuchen in der Hand halten, dann weißt Du warum wir das hier machen!“

Dann gab es Ra und ihre Familie, die für vier lange Wochen, an verschiedenen Stellen ihren Standplatz aufgebaut hatten.

Ich traf sie kurz vor Silverton, an ihrem letzten Tag. Sie hatten viele Hiker-boxes, in die jeder im Laufe der Zeit etwas reingelegt hatte oder rausholen konnte. Von Zahnpasta über getrocknete Früchte, bis hin zu Kaugummis.

Ich wurde mit einem kalten Getränk überrascht und aufgefordert, so viel an Essen mitzunehmen wie ich wollte!

Hiker boxes, gab es an verschiedenen Stellen und jeder schaute gerne durch die Kisten, ob er irgendetwas daraus gebrauchen könnte.

Einmal hatte ich sogar Glück und stand neben einer Familie, die gerade ihr Nachschub-Paket, welches sie sich vor einiger Zeit an sich selbst geschickt hatte.

Die Familie musste ihre Wanderung abbrechen und verteilte den gesamten Inhalt des Kartons an jeden, der um sie herum stand.

Alles selbst gekochtes und anschliessend getrocknetes Essen, was deutlich gesünder ist, als irgendwelche Fertigessen, die total ätzend schmecken.

Generell hatte ich immer Tortillas im Gepäck, Erdnuss- oder Mandelbutter, Käse, zudem Ramen, die ich mit Gorgonzola vermischte und dann zum Frühstück gegessen habe.

Wenn möglich kaufte ich Datteln und Nüsse, Knobi, Haferflocken, Rosinen, Thunfisch in Alupackung und Energieriegel.

Jeden Tag hing ich mein Essen in den Baum, um es vor den Bären zu schützen.

Wäre echt zu blöd gewesen, wenn am nächsten Morgen nichts mehr übrig gewesen wäre, oder der Bär bei mir ins Zelt gestolpert gekommen wäre um zu schauen, was ich so alles Leckeres im Angebot habe.

Am Ende hatte ich dagegen eine kleine süße Maus bei mir unter dem Tarp, die mich mit ihren großen braunen Augen völlig entsetzt anschaute, bis ich ihr half sich wieder zu befreien.

Die kleinen Orte, die man zwischendurch immer wieder ansteuern muss, um an Essen zu kommen, sind nur per Autostopp zu erreichen.

Durch Covid-19 dauerte es manchmal etwas länger, bis ich oder wir mitgenommen wurden. Aber im Endeffekt, war es nie wirklich ein Problem.

Es ist oft lustig, was man da so an Leute trifft.

Alleine wurde ich vor allem von allein reisenden, älteren Männern mitgenommen, die mich immer deutlich weiter fuhren, als sie selber mussten.

Interessant zu sehen, wie man als Frau alleine doch riesige Vorteile hat, denn es scheint am Ende doch in den Männern den Beschützerinstinkt zu wecken, was bei einem trampenden Mann sicherlich seltener vorkommt.

In manchen Orten wussten die Einheimischen über die trampenden Wanderer Bescheid und das machte es natürlich deutlich einfacher. Es gab sogar mal einen Sheriff, der uns bis zum Trail fuhr.

Leadville, war ein kleiner süßer Ort mit einem Hostel, in dem wir einige Zeit verbrachten. Ein toller Ort zum Fotografieren, ausspannen und um andere Wanderer zu treffen, weil hier alle Essensnachschub einkauften.

 

Durch Covid-19 war dieses Jahr deutlich mehr auf dem Trail los, als sonst. Die anderen großen Wanderwege waren teils gesperrt, viele Leute haben ihren Job verloren oder sie wollten dem Virus einfach entkommen oder konnten die Nachrichten nicht mehr ertragen und wollten einfach ihre Ruhe haben.

 

Normalerweise sind es wenige hundert Thru-Hiker, die den Trail jedes Jahr laufen. Dieses Jahr sind es fast 10-mal so viele.

Was jetzt nicht heißen soll, es war überfüllt. Die Weite Colorados gibt Platz für jeden und somit genoss ich es eher, dass ich etwa 5 bis 10 Wanderer pro Tag traf, als dass ich dachte, das ist mir hier alles zu voll.

Manche liefen Northbound, also starteten in Durango, die meisten allerdings Southbound, wie wir, die wir in Denver gestartet waren.

Wieder andere wanderten den gesamten Continental Divide Trail, der an der Mexikanischen Grenze startet und an der Kanadischen endet und 313 Meilen lang mit dem Colorado Trail den Weg teilt.

Sicherlich hat der Eine oder Andere von Euch schon mal von den Trail Namen gehört, die man hier von anderen Wanderern verliehen bekommt.

Da stellt sich dann jemand bei einem vor, mit dem Namen Moose Poop oder Big Money, Packman oder Salty und viele andere. Mir hat niemand einen Namen verliehen und da bin ich auch nicht wirklich traurig darüber.

Kalt war es. Windig und oft auch sehr nass. Das machte den Trail etwas schwierig und weniger gemütlich.

Vor allem die Gewitter waren beängstigend. Über der Baumgrenze unterwegs und dann automatisch oft auch noch der höchste Punkt weit und breit zu sein, macht nicht wirklich Spaß.

Zweimal rannte ich daher weg vom Trail den Berg hinunter, um in sicherere Gebiete zu gelangen. Jedes Mal war ich dann überrascht, wenn ich andere Wanderer von Weitem sah, die gerade jetzt erst auf den Bergkamm hinaufstiegen.

Keine Ahnung, was die dort suchten, während es um sie herum blitzte und donnerte und die Welt mal eben unter ging.

Gut war, dass die Gewitter meistens schnell wieder vorbei waren.

Es hagelte sicherlich 10-mal und generell hatte ich oftmals alle Klamotten, die ich dabei hatte, im Schlafsack an.

Ich wollte nicht jedes Mal zur kältesten Zeit, nachts um 4 Uhr aufwachen, um danach den Rest der Nacht zu frieren und zu hoffen, dass die Sonne endlich aufgeht.

Umso erstaunlicher war es, dass, wie so oft im Amiland, die Amerikaner morgens schonmit kurzer Hose und T-Shirt losliefen.

Ich traf auch Einige, die gar keine lange Hose dabei hatten, denn sie wollten so wenig wie möglich im Rucksack tragen.

Die USA ist Kurze-Hosen-Land, – anscheinend frieren die Leute hier weniger. Nicht nur die Männer, auch die Frauen. Ich wäre froh, ich wäre auch so.

Es gibt einige 14’ers am Wegesrand, wie die Amis ihre 14.000 feet Berge nennen. Also Berge über 4200 m Höhe. Drei davon nahm ich in Angriff.

Der erste war Mt.Massive, der mit 14.429 feet (4397m) der dritthöchste Berg der unteren 48 Staaten darstellt.

Ein langer Anmarsch und wenig Luft zum Atmen, aber am Ende waren es ganz tolle Stunden, die ich dort oben erleben durfte!

Die Aussicht war sensationell und die Leute, mit denen ich den höchsten Punkt der Umgebung teilte, waren alle gut drauf!

Eine Dame fragte mich: „Wieviele 14’er hast Du schon bestiegen?“ „Das ist mein Erster“, lächelte ich ihr zu.

„Oh, Mt.Massive ist mein 35’ster“. Und sie erzählte mir, dass sie im Laufe des Jahres die restlichen, der insgesamt achtundfünfzig 14‘er besteigen möchte.

Als nächstes nahm ich Mt.Belford 14.203 feet (4329 m) und Mt.Missouri 14.075 feet (4290m) in Angriff, die sehr nah beieinander liegen und ich sie somit beide an einem Tag meisterte.

Kälte, Hagel und Sturm begleiteten sowohl meine Nacht, die ich dort oben am Fuße der beiden Berge verbrachte, als auch meinen Auf- und Abstieg.

Und ich muss sagen, am Ende war ich völlig kaputt und trampte nach Leadville, um mich von Harry, der dort im Hostel wohnte und für kurze Zeit in einer Pizzeria arbeitete, wieder aufpäppeln zu lassen.

Insgesamt ein ganz großartiges Erlebnis und eine Bereicherung des Trails! Zumal die drei Berge ganz nah am Wegesrand liegen und ich dadurch nur extra Proviant mitnehmen, aber sonst keine weiteren Vorkehrungen treffen musste.

Durch das schlechte Wetter war Sterne gucken nur selten möglich und daher machte ich nur zweimal insgesamt Cowboy Camping, also zelten ohne Zelt. Wickelte mir aber ab 4 Uhr morgens mein Tarp um den Schlafsack, um nicht zu erfrieren.

Die Milchstraße war an beiden Abenden sensationell zu sehen und ich muss immer wieder sagen, der Sternenhimmel in einer Wildnis Gegend, in der es keine Lichtverschmutzung gibt, ist einfach mit das Grandioseste, das man erleben und sehen kann.

Zumal die Kojoten noch dazu heulten und das Erlebnis umso besser machten.

Am Cottonwood Pass, in den westlichen Collegiates, konnte ich es nicht glauben, wie laut der Autoverkehr dort war.

Aus der Wildnis kommend, in der nicht mal Fahrräder erlaubt sind, ist so eine Passstraße unglaublich laut und kaum zu ertragen.

Wir reden immer über Luftverschmutzung, über Lärmverschmutzung allerdings viel zu selten.

Klimawandel lässt sich auch in Colorado super erkennen. Etwa 100 Meilen, also 160 lange Kilometer lief ich an toten Tannen vorbei.

Durch den Borkenkäfer kaputt gefressene Bäume, die reihenweise umkippen und den Wald in einen Friedhof verwandeln. Flächendeckend alles tot!

Übrigens sind diese toten Tannen aus meiner Sicht heraus, die größte Gefahr auf dem Trail.

Weder der Bär noch der Berglöwe, den ich nie gesehen habe, versetzte mich in Angst und Schrecken.

Doch ganz sicher die Tannen, die während der vielen Stürme, die ich erlebte mehrfach nah an meinem Zelt einkrachten und mich in der Nacht aufweckten.

Wenn immer möglich, versuchte ich daher zu vermeiden im Wald zu zelten, da mir das einfach zu gefährlich war.

 

Verlaufen kann man sich auf dem Trail nicht. Er ist super ausgeschildert, perfekt gewartet und lässt keine Wünsche offen.

Die Logistik ist fast schon zu einfach und ich war stolz auf mich, dass ich den Trail bis zum Ende gelaufen bin, da ich es immer noch schwierig finde, die Idee eines anderen Menschen einfach nachzulaufen, ohne selber eine Planung vorzunehmen und ohne eigene Ideen mit einzubringen.

Die westlichen Collegiates waren landschaftlich großartig, allerdings mindestens genauso großartig anstrengend und so kam es, dass ich zweimal in ein Zuckerloch fiel und einfach nicht mehr konnte.

Die Beine und der ganze Körper machten nicht mehr mit und erst als ich ein paar Energieriegel aß und einige Zeit Pause machte, konnte ich mich langsam wieder erholen.

Zweimal ging mir das Essen komplett aus. Ich kaufte immer sehr viel Essen, weil ich immer viel Hunger habe, doch dann war der Rucksack super schwer und ich versuchte die ersten Tage alles schwere zuerst zu essen.

Am Ende war es nie genug und zweimal halfen mir andere Thru-Hiker, die Essen übrig hatten und mir von ihren Rationen was schenkten, damit ich noch bis ins nächste Dorf kam.

Was mich irritierte, war, die immer wieder gleiche Frage, die mir gestellt wurde bezüglich der täglich zurückgelegten Distanz.

Einige der Thru-Hiker empfanden es als besonders wichtig mir zu erzählen, wieviel und wie schnell sie wandern. Anscheinend ist es auch hier so, dass man den Leistungsdruck der Gesellschaft mit in die Wildnis nimmt.

Haben wir nicht schon genug Stress und Konkurrenzkampf?

Ist es nicht viel wichtiger, die Blumen zu bestaunen und die Landschaft zu genießen, als auf das GPS zu achten nur um zu schauen, wieviel man heute noch laufen „muss“, damit man bei den Kumpels prahlen kann, wie fit man ist?

Ich fand das extrem schade und muss sagen, dass ich meine lange Wanderung vor allem deshalb genossen habe, weil ich mir viel Zeit gelassen habe.

Manchmal habe ich den Eindruck, die Menschen vergessen zu genießen.

Was auch ein riesiges Thema ist, ist das Basisgewicht des Rucksacks. Einige machen da einen totalen Sport draus und verzichten daher sogar auf eine Unterhose.

Jeder so wie er denkt, doch taten mir vor allem jene leid, die abends dann vor ihren cold soaked (in kaltem Wasser den ganzen Tag eingeweichtes Essen) Nudeln saßen und nichts Warmes hatten, nur um keinen Kocher oder Topf tragen zu müssen.

 

Ich hatte zwischendurch immer wieder Motivationsschwankungen.

Mal war ich super gut drauf und konnte die ganze Bergkette vor Freude auf einmal umarmen und dann wieder wäre ich am liebsten an Ort und Stelle sitzen geblieben und nie wieder aufgestanden.

Doch leider ging das nicht, weil ich ja wegen der abgezählten Essensrationen weiter musste.

Dass Leute einen nach dem Namen fragen, ist ja total normal. Und somit wurde natürlich auch ich immer wieder nach meinem Namen gefragt.

Nun ist Heike in der Englischen Welt ein schwieriger und seltsamer Name und viele dachten erst einmal an einen Trail Namen oder an Hiker, also einen Wanderer.

Ich buchstabierte also meinen Namen sicherlich hundert Mal und schaute dabei immer und immer wieder in staunende Gesichter.

Es erinnerte mich dann stark daran, als ich 2011 mit dem Rad durch Australien radelte und ich immer wieder den gleichen Witz hörte: „Heike the biker“.

Oder als mir in Russland eine Frau sagte: „Heike, da hat Dir Deine Mutter aber keinen schönen Namen gegeben.“

Auch wurde ich immer wieder gefragt, wie ich denn in die USA eingereist sei oder ob ich hier wohne, weil ja ein Europäer derzeit nicht einreisen darf.

Ich erzählte also meine Kolumbiengeschichte immer wieder von vorne und freute mich, dass ich zumindest zwei weitere Ausländer traf.

Die eine war Philippinin und mit einem Amerikaner verheiratet. Die beiden kamen aus Kuba, genau wie ich mit einem humanitären Flug.

Zudem einen Iren, der in Australien lebt und komischerweise kurz vor seiner Wanderung aus Australien einreisen durfte.

Wie bereits erwähnt sah ich wenige Wildtiere.

Insgesamt war es ein schwarzer Fuchs, ein Schwarzbär, eine Schneeziege, zwei Elche, vier Hirsche, viele Rehe, super viele Murmeltiere sowie Pfeifhasen, viele Streifenhörnchen und schwarze Eichhörnchen, einen Kojoten und ein Wiesel.

Segment 18 habe ich fast nur humpelnd bewältigt. Der Fußheber meines rechten Fußes wollte nicht mehr weiter.

Und so humpelte ich mit Schmerzen und kämpfte mich bis zur nächsten 5 Meilen entfernten Wasserstelle, um dort meine Nacht zu verbringen.

Am Ende fand ich den Trail etwas zu lange. Ich wurde daher immer schneller und lief immer weiter und beendete den letzten Tag sogar in der finsteren Nacht und weit nach Mitternacht, da ich einfach nicht mehr laufen wollte.

Witzig war in dieser Nacht, dass ich immer mal wieder Hallo zum Bären und zum Berglöwen sagte, damit sie mich wahrnehmen und ich nicht aus Versehen in sie hinein laufe..

Und plötzlich sagte da eine Stimme aus dem finsteren Wald heraus: „Hallo“ und ich war völlig überrascht, dass da plötzlich drei Wanderer am Wegesrand campierten.

Gegend 3 Uhr morgens legte ich mich am Trail Ende auf dem Parkplatz neben die Autos schlafen und hatte Riesenglück, dass ich gleich am nächsten Morgen eine Mitfahrgelegenheit vom Parkplatz bis nach Denver erwischte!

Jackpot!

Der Trail war sensationell und ich hatte eine wirklich super Zeit!

Danke an alle, die in diesen Trail extrem viel Arbeit gesteckt haben, an alle Trail Angels, die mir geholfen haben und auch sonst an alle, die für mich den Trail zu etwas ganz Besonderem gemacht haben!

Und nun geht es die Tage schon gleich weiter ins nächste Erlebnis! Ich werde wie immer berichten. ?

Ich fände es toll, wenn Du diesen Artikel mit Deinen Freunden teilen würdest 🙂 DANKE

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