Meine letzten Kilometer in einem fantastischen Land.

Aber zuerst ein kurzes Fazit.

Mit dem Prädikat super Radreiseland möchte ich mich die Tage von dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten verabschieden. Der Westen der USA ist eine betörend schöne Gegend, in dem Radfahren einfach irre Spass macht.

Die Weite, die unterschiedlichen Landschaften, die einsamen Strecken und die genialen Camp Möglichkeiten sind spitze. Dazu eine Gegend in der ich mir keine Sorgen machen musste in Schwierigkeiten zu kommen.

Der Wilde Westen hat meine Erwartungen mehr als übertroffen und ich werde ganz sicher mit ein paar Tränen in den Augen den Schlagbaum passieren um von dort in eine neue Welt hineinzuradeln.

Mehr als 10 Monate genoss ich nicht nur grandiose Landschaften, extrem geniale Felsformationen, tolle trails, einsame Gegenden und gemütliche Lagerfeuernächte, nein ich genoss auch ganz liebe, nette und hilfsbereite Menschen.

Amerikaner sind ein sehr angenehmes Volk, zudem extrem grosszügig, von denen ich überall mit Respekt behandelt wurde und bei denen ich mich meistens sehr wohl gefühlt habe, wenn ich auch die Lebenseinstellungen nicht immer nachvollziehen konnte.

Es ist aber auch ein Land was durch die ewigen Widersprüchlickeiten und Extreme bei mir auch weiterhin eine gewisse Zerissenheit auslöst.

Versteht mich nicht falsch, Amerika ist klasse, doch Amerika ist auch irgendwie nicht einfach zu begreifen.

Die USA ist das Land der ewigen Reichen – aber auch der vielen Armen. Amerikaner sind weltweit die fettleibigste Bevölkerung mit den meisten Olympiasiegern. Amerikaner haben den weltweit grössten Fleischkonsum aber auch die meisten Veganer. In Amerika gibt es unzählig viele Missionare, extrem viele Gläubige, die meisten Volontäre und die meisten Spender – doch ein Sozialstaat ist bei vielen Amerikanern nicht gerne gesehen.

Amerika ist konträr wo immer man hin schaut und Amerika ist anders und wie gesagt, es ist wunderschön.

Früher dachte ich immer Amerikaner seien arrogant, wegen ihrer übertriebenen, teils gespielten oberflächlichen Freundlichkeit wenn man ihnen nur kurz begegnet. Auch wegen ihrer teils coolen Art die sie versuchen zu verkörpern obwohl viele von ihnen im Grunde ihres Herzens stock konservativ sind.

Und vor allem wegen ihrem Patriotismus. Das eigene Land als das beste der Welt zu bezeichnen löst bei mir auch weiterhin eine gewisse Antipathie aus, trotzdem habe ich die positiven Seiten davon kennenlernen dürfen und festgestellt, dass der ganz normale Amerikaner eben nicht arrogant ist.

Der Glaube an das eigene Land, der Stolz und die Unterstützung, die Liebe die Amerikaner ihrem Land zuteil kommen und der Zusammenhalt, hat nicht nur negative, sondern eben auch seine guten Seiten. Nachdem ich auf meiner Reise gelernt habe vor allem positiv zu denken, möchte ich hier nun die negativen Seiten des Patriotismus einfach mal aussen vor lassen.

Ich, eine Deutsche, die ich, obwohl ich 30 Jahre nach dem Kriegsende geboren bin, mit dem Gefühl aufgewachsen bin, dass ich auf mein Land nicht stolz sein darf, komme hier immer wieder ins Schwanken.

Die eine Seite sagt sich, die spinnen die Amis, mit ihrer lächerlichen Verherrlichung ihrer Nation. Auf der anderen Seite beeindruckt es mich und macht mich in gewisser Hinsicht sogar ein bisschen neidisch. Neidisch nicht auch das Gefühl zu haben, dass mein eigenes Land etwas besonderes ist.

Ist es nicht ein viel positiverer Start ins Leben, wenn man Amerikaner ist und das Gefühl bereits in die Wiege gelegt bekommt? Im Gegensatz zu mir, wo ich mit Schuldgefühlen gross geworden bin für eine Vergangenheit für die nicht einmal meine Eltern etwas können?

Wenn man im reichsten, mächtigsten und angeblich tollsten Land der Welt aufwächst und jeden Tag mit dem Gefühl zur Schule geht wie genial alles ist, scheint man automatisch ein positiver Mensch zu werden.

Das jedenfalls vermute ich so, denn man spürt es im Land. Die Menschen jammern viel weniger, meckern nicht ständig, schauen positiver in die Zukunft, sehen die Dinge viel lockerer, vertrauen sich untereinander viel mehr als bei uns in Deutschland. Sie motivieren sich gegenseitig, unterstützen sich und sagen sich auch immer wieder wie toll sie den anderen finden. Kritik wird oft gemieden.

Natürlich gibt es leider auch die andere Seite der Medaille, nämlich die extreme Paranoia vor Allem und Jedem Angst zu haben, denn darin sind Amis ja besonders gut. Und natürlich gibt es auch die, die ihr Land so gar nicht mögen, aber das ist ganz sicher der geringere Anteil der Bevölkerung.

Wie bereits gesagt, es ist das Land der Widersprüchlichkeiten.

Ich möchte im Amiland nicht leben. Mir sind viele der Leute zu oberflächlich, es ist zudem schwer interessante Gesprächspartner zu finden, denn die Leute kennen leider oft nur ihre eigene kleine Welt.

Die Distanzen sind zu gross, die Umwelt wird viel zu sehr belastet, den Leuten ist vieles egal.

Es gibt kein perfektes Land, kein bestes Land und ich werde auch weiterhin die Augen verdrehen, wenn Amerikaner meinen sie sind die Grössten.

Trotzdem, der Amerikanische Westen ist und bleibt einer meiner Top Reiseziele. Was der Westen der USA an Weite und Schönheit zu bieten hat ist kaum zu toppen.

Doch wird es nun Zeit für ein neues Kapitel. Lateinamerika ist zum Greifen nahe und ich freu mich riesig darauf, obwohl ich lange mit mir gekämpft habe ob Mexiko das richtige Land für mich ist.

Die entgültige Entscheidung fiel erst vor kurzem und bevor ich nun endlich über die Grenze radle, möchte ich Euch noch kurz erzählen was die letzten Wochen passiert ist.

Ich traf ein Deutsches Ehepaar, angebliche Globetrotter, von denen man eigentlich erwartet, dass sie weltoffen denken. Mit einem umgebauten THW Wagen reisen sie durch die Staaten. Von der ersten Minute an hatten sie nichts besseres zu erzählen, als über die Amis zu schimpfen. In einer peinlichen Art und Weise, mit Vorurteilen bestückten Argumenten wie ich es in einem ganzen Jahr Nordamerika nicht einmal erlebt habe. Alles war Mist in ihren Augen obwohl sie in einem der schönsten Gegenden der Welt unterwegs waren, nämlich auf dem Colorado Plateau umgeben von roten Felsen und Natur pur.

Die beiden waren zwar extrem in ihrer Einstellung und repräsentierten ganz sicher nicht den Durchschnittsdeutschen, trotzdem ist mir genau in dem Moment wieder einmal aufgefallen was manche Deutsche doch für ein riesen Talent haben, aus einer wunderschönen Situation eine Miesepeter Stimmung zu kreieren.

Es ist natürlich nicht alles rosig hier und auch ich habe so meine Probleme mit dem alles „awesome, cool und great“, aber die angenehme Stimmung die in den USA herrscht finde ich einfach anziehend und ich hatte in dem Gespräch das erste Mal das Gefühl ich müsste meine mir ans Herz gewachsenen Amerikaner verteidigen und fühlte mich sogar persönlich angegriffen dabei.

Ich setzte mich im Mc Donalds neben einen Mann, der eine Baseball Kappe trug mit der Aufschrift: Vietnam Veteran. Eine Frau sprach ihn an und bedankte sich höflich bei ihm, dass er für ihr Land gedient hat. In Deutschland völlig unvorstellbar und einfach total Amerikanisch. Veteranen haben hier des öfteren eine Sonderstellung.

In Fruita durfte ich bei Penny und ihrem Ehemann zwei Tage nächtigen, bevor ich in Utah auf den Kokopelli Trail fuhr. Sie sind Warmshowers Gastgeber, die selber viel geradelt sind und somit hatten wir uns viel zu erzählen.

Wie immer ist im Amiland ja alles relativ und Aussagen die Leute zu irgendetwas treffen muss man meistens mehrfach hinterfragen. So war es auch mit dem Kokopelli Trail.

Trails die total einfach sind, werden als brutal schwierig bezeichnet und andersherum. Eigentlich weiss man nie woran man ist.

Ich hatte zuvor meinen Radaufbau nochmals verändert, weil ich von Rogue Panda mit neuen Bikepacking Taschen versorgt wurde und somit dem Bikepacking Stil immer näher kam. Die Taschen sind genial, doch leider erwies sich der hintere Teil meines Radaufbaus ersteinmal als nicht wirklich praxistauglich, als ich mit den single trails auf dem Kokopelli Trail kämpfte.

Es war also klar, dass ich da noch einigen Hirnschmalz aufwenden muss um endlich mit der vielen Ausrüstung einer Weltradlerin auch mit bikepacking Taschen klar zu kommen, die deutlich besser für den Fahrspass sorgen als herkömmliche Satteltaschen.

Wunderschön war der trail, doch nicht ganz ohne und wie immer mit dem schweren Rad eine nicht ganz leichte Aufgabe.

Meine Kette riss und verklemmte sich richtig blöd im Umwerfer. So wie es aussah hatte ich während meiner Gewichtsreduzierungs-Aktion ausversehen meine Kettenlinks verloren und stand nun hier etwas verloren in einer steinigen Gegend herum. Heiss war es und ich hatte kaum noch Wasser und wusste dass ich nun leider den ganzen Weg zurück zur Strasse schieben musste.

Ich hatte 3.5 Jahre nie Stress mit der Kette, aber genau die ersten 20 KM nach der Ausmistung meiner Ausrüstung riss die Kette.

Bis zur Strasse waren es ein Glück nur etwa 5 KM und ich war überzeugt, dass mich irgendjemand von da an bis Fruita und damit zum nächsten Radladen mitnehmen wird. Leider Fehlanzeige. Mitterweile goss es in Strömen und es schoss ein riesen Auto nach dem anderen an mir vorbei und nur ein Mexikaner hielt an.

Doch irgendwie hatte er eine Ausstrahlung die mir nicht wirklich schmeckte und so lies ich ihn alleine weiter fahren. Stunden später und klatschnass wurde mir im Radladen sofort geholfen.

Kurze Zeit später gabelte mich eine junge Frau von der Strasse auf und lies mich auf ihrer Farm übernachten. Auf die Frage hin, warum sie eigentlich ein Schild – no trespassing – an ihrem Zaun hängen hat meinte sie zu mir, dass auf ihrer Farm immer wieder Fremde sinnlos herumballern und sie da keine Lust mehr darauf hat.

Ich erwähnte ihr gegenüber, dass es manchmal nicht ganz einfach ist einen Zeltplatz zu finden oder nach Wasser zu fragen, weil mich die Schilder immer wieder abschrecken einem Haus zu Nahe zu kommen.

Zurück auf dem Kokopelli trail traf ich auf eine solo Radlerin, mit der ich das Lagerfeuer teilte. Ein toller Abend mit einer interessanten, weltoffenen Amerikanerin.

Am nächsten Morgen tobte der Sturm. Ich hatte meine Sturmleinen nicht abgespannt, weil ich niemals mit so einem brutalen Wind gerechnet hätte. Ich lag im Zelt und hoffte, dass es mein kleines Heim irgendwie überlebt. Krampfhaft versuchte ich die Seitenwände festzuhalten, bis es endlich wieder ruhiger wurde.

Die Landschaft des trails war von nun an schön, aber nicht mehr wirklich atemberaubend und so entschied ich irgendwann auf den Scenic Byway auszuweichen, der mich direkt nach Moab führte. Der Colorado hat hier eine gigantisch schöne Schlucht geformt, durch die ich Kurve um Kurve hindurchschlängeln durfte.

In Moab fand ich mitten in der Nacht zwischen Häuserzeilen einen Platz für mein Zelt. Zeltplätze im Dunkeln zu suchen ist mittlerweile mein Steckenpferd. Es gibt mir das gewisse Extra und sorgt immer wieder für Überraschungen.

Die Gegend ist gigantisch, doch irgendwie trieb es mich weiter. Ich wachte eines Morgens auf und hatte plötzlich das dringende Gefühl den USA den Rücken zu kehren. Es wurde einfach Zeit mich zu verabschieden.

M&M, die beiden Deutschen Damen, die ich letztes Jahr auf der Route 66 getroffen hatte, waren wie abgemacht am Treffpunkt in Bluff und wir verbrachten zwei tolle Tage zusammen und philosophierten über Gott und die Welt.

Sie verwöhnten mich wie ihre eigene Tochter und was sie zu erzählen hatten war einfach richtig spannend. Ich kann nur jedem immer wieder sagen, dass es nie zu spät ist, die Welt zu bereisen. Die beiden sind mit ihren 73 Jahren das beste Beispiel. Weltoffene, interessante Frauen wie man sie vor allem unter den Reisenden trifft.

Bis zum Monument Valley war es nicht mehr weit und ich teilte eine super Zeltstelle in gigantischer Kulisse mit einem Iranischen Ehepaar. Tolle Felsen, toller Sternenhimmel, gewürzt mit Iranischer Musik und echtem Persischen Tee. Nach fast 3 Jahren kam ich wieder einmal in den Genuss der herzlichen Iranischen Gastfreundschaft. Die wohl beste Gastfreundschaft der Welt.

Im Indianerland traf ich wieder einmal nur lächelnde Menschen. Freundlich, herzlich und attraktiv.

Von dort war es nicht mehr weit bis Flagstaff, ein Ort der mir bereits vom letzten Jahr her vertraut war und in dem ich Freunde gewonnen hatte, bei denen ich mich gerne verabschieden wollte. Zudem musste ich auf meine neue Bankkarte warten, die leider deutlich länger unterwegs war als geplant.

Der Wahltag stand an. Nervosität machte sich bei meinem Gastgeber breit. Bei mir ebenso. Die Wahl war noch nicht entschieden als die ersten Tränen flossen und eine Schockstarre eintrat. 12 Stunden verbrachte Ron leblos in seinem Zimmer. Fassungslos und wie gelähmt kam er zum Frühstückstisch und entschuldigte sich bei mir aus tiefstem Herzen dafür, dass sein Land so eine erbärmliche Kreatur zum Präsidenten gewählt hat.

Ron ist durch und durch Amerikaner. Er vergöttert sein Land und es schien mir, er wollte mir mitteilen, dass er noch nie so enttäuscht von seinen Mitmenschen war, wie in diesen Morgenstunden nach der Wahl.

Doch, und genau das ist das was Amerika so faszinierend macht, als Obama an dem gleichen Tag noch eine Rede an das Amerikanische Volk hielt und optimistisch auf die Nation einredete, kamen die ersten lebenden Momente in ihm zurück. Positiv denken und an die Nation glauben, das ist old style Amerika. Frei nach dem Motto, die Nation wird es richten, wir schaffen das. United we stand.

Mein Aufbau war mir noch immer ein Dorn im Auge und ich wollte kramphaft versuchen nicht wieder zu den Satteltaschen zurück zu kehren, musste aber eine Lösung für die weitere Reise finden, denn so wie ich den Aufbau hatte, ging es nicht wirklich gut weiter. Es war einfach zu umständlich tagsüber an die Sachen zu kommen die man ab und an braucht.

Ich hatte eigentlich die Flinte schon ins Korn geschmissen, legte aber dann doch noch einmal alles auf einen Haufen, packte die Taschen wieder zig Mal hin und her, sortierte wieder Sachen aus und packte noch einmal alles neu. Bis am Ende das rausgekommen ist was ihr im nächsten blog dann zu sehen bekommt.

Ich hoffe es ist die finale Version für die nächsten Länder. Kompletter Bikepacking Aufbau – ohne klassische Satteltaschen. Yippieh.

Nun geht es per Anhalter nach San Diego, denn meine Runde durch die USA endete genau in Flagstaff. Alles andere wäre nun nur noch eine Wiederholung dessen was ich schon geradelt bin.

Die Baja Divide ruft mich – ein nagelneu angelegter trail – 1700 Meilen durch die Wüste der Baja California in Mexiko. Ob ich ihn komplett radeln werde oder nur Teile davon wird sich zeigen. Spass soll es machen, alles andere ist mir nicht so wichtig.

Vor ein paar Tagen war ich noch überzeugt im Landesinnere umherzuradeln und auch überzeugt, dass mir derzeit eine neue Kultur wichtiger ist als die Natur. Aber wie immer ändert sich meine Meinung recht schnell.

Man muss flexibel bleiben 😉

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