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Nr.100 Walk across America – Aller Anfang ist schwer – mit einem Welpen im Schlepptau durch den Staat Washington – fürs Klima und den Artenschutz

Jun 10, 2021 | Amerika, Blog, USA

Wollte ich schon wieder nach Amiland? Nicht wirklich.
Hatte ich irgendeine attraktivere Alternative? Nicht wirklich.

Doch war ich heiß darauf endlich einmal etwas für die Umwelt zu tun! Die USA war aus meiner Sicht heraus, genau das richtige Land dafür – dachte ich jedenfalls.

„Um das mal klarzustellen: Ihr Visum ist kein Einwanderungsvisum, nur ein Besuchervisum“, meinte der Grenzer zu mir in einem netten Ton. „Ich weiß! Ich habe auch nicht vor einzuwandern oder hier zu arbeiten, ich bin Besucherin“, gab ich freundlich zur Antwort.

„Sie kommen aber sehr oft zu Besuch und auch sehr lange. Und jetzt wollen Sie schon wieder 6 Monate bleiben?“

„Genau. Wegen Corona sind meine Möglichkeiten zurzeit leider sehr eingeschränkt und irgendwo muss ich ja sein. Keine Angst ich suche keine Arbeit.“

„Wie finanzieren Sie denn Ihren Aufenthalt? Warum beantragen Sie denn keine Greencard? Nochmal, damit Sie das auch wirklich verstehen, das ist ein Besuchervisum!“ und so dauerte unsere Unterhaltung eben etwas länger, bis ich den netten Grenzbeamten dann am Ende doch freundlich davon überzeugen konnte, mich wieder für 6 Monate ins Land zu lassen.

LAX – oder auch Los Angeles Airport – empfing mich also positiv. Vor der Türe wartete der kleine Butch, mein 3 Monate alter Welpe. Ich wollte ihm in seinen jungen Jahren den Stress eines Fluges ersparen, den ich leider selber nicht vermeiden konnte.

Nachdem ich nicht einfach so von Mexiko über die Grenze laufen konnte – Corona sei Dank – musste ich einen umständlichen, zeitaufwendigen, kostenreichen und umweltverschmutzenden Flug in Kauf nehmen, der mich mehr dem Corona Virus ausgesetzt hat, als das jemals in einem isolierten Auto passiert wäre.

Nun ja, man muss nicht immer alles verstehen.

Mein amerikanischer Kumpel Ron hatte Butch von Tecate, der Grenzstadt in Mexiko, über die Grenze gefahren, denn für Amis ist der Grenzübergang in beide Richtungen möglich, nur für Ausländer eben leider nicht.

Nachdem Amerikaner ein anderes Verhältnis zu Entfernungen haben als etwa wir Deutschen, fuhr uns Ronny auch gleich noch nach Rialto Beach in Washington State – 1200 Meilen Richtung Norden. (Route). Ganz klasse und herzlichen DANK wieder einmal lieber Ron!

Kalt war es. Windig und nass. Der landschaftliche Kontrast zur Baja California hätte stärker nicht sein können. Von der Wüste zum Küstenregenwald.

Ursprünglich wollte ich am nordwestlichsten Zipfel der unteren 48 Staaten losziehen, doch die Ecke ist Indianer Reservat und nachdem die Native Americans durch Corona hart getroffen wurden, ist das Gebiet derzeit gesperrt.

Rialto Beach und Umgebung sind wunderschön. Rau, jede Menge Treibholz am Strand und uralte, mit Moos bedeckte Bäume. Zahlreich sitzen die Weißkopfadler erhaben in den Baumkronen und beobachten in aller Ruhe die Welt.

Die Gezeiten sind nicht ungefährlich. Die Kraft des Meeres sollte man nicht unterschätzen. Wenn das Wasser kommt, steigt es schnell.

Auf der Baja, im kleinen Strandhaus, in dem ich die letzten 4 Monate verbrachte, hatte ich immer wieder Glück und fand unterschiedliche Walknochen, teilweise hatten sie meine Größe – hier leider nicht.  

Der Grund warum Butch und ich unbedingt im Pacific North West unseren Walk Across America starten wollten, sind die Orcas. Die in dieser Ecke der Welt lebenden und vom Aussterben bedrohten Killerwale müssen unbedingt geschützt werden.

Baum pflanzen – Wal retten – geschrieben von Lilly Lindlar

Wenn man bereits einmal an die Westküste Nordamerikas gereist ist, weiß man: Orcas sind, besonders für die Natives dieser Gebiete, kulturell von großer Bedeutung. Doch die Population der sogenannten “Southern Residents” hat in den letzten Jahren starke Verluste erlitten.

Stand 2020 befanden sich in diesen Gewässern offiziell nur noch 72 Orcas, nachdem das Individuum bekannt als L41 seit einiger Zeit nicht mehr gesichtet wurde.

Aber wo genau liegt das Problem? Und warum lässt es sich durch das Pflanzen von Bäumen bekämpfen?

Orcas gehören zu den größeren Meeresbewohnern. Als solche benötigen sie eine große Menge Nahrung. Hauptsächlich ernähren sie sich von den Lachsen, die aus den Flüssen im Inland bis ins Meer reisen. Man schätzt ein Orca frisst etwa 230 kg Lachs pro Tag.

Aber einige von Menschen geschaffene Faktoren führen dazu, dass immer mehr Lachse den Weg bis in den Pazifik nicht überleben.

Die Umleitung oder Trockenlegung von Flüssen, um das Land zu bebauen, die Manipulation von Gewässern durch Dämme und Stauseen sowie die Verschmutzung und Erwärmung der Flüsse spielen hierbei eine besonders große Rolle.

Die Folge: für die Wale reicht die Nahrung nicht mehr aus. Und nicht nur das, die kleine Menge Fisch, die das Meer erreicht, muss dies durch die verseuchten Flüsse tun. Für die Wale bedeutet das also, dass die Nahrung, die sie erhalten, nicht genug Nährstoffe enthält, und zudem stattdessen negative Auswirkungen auf die Gesundheit der Orcas haben kann.

Wie kann man dem entgegenwirken? Natürlich ist das Problem ein sehr tief liegendes. Das Anpflanzen von Bäumen ein guter Anfang. Und genau hier kommt die NGO One Tree Planted ins Spiel. Genau die Umweltschutzorganisation, für die Heike einmal durch die USA läuft, um Spenden zu sammeln.

Abgesehen von der Neutralisation von CO2 hat das Anpflanzen von Bäumen, spezifisch direkt am Ufer von Flüssen und anderen Gewässern einige wünschenswerte Effekte für die Lachspopulation. Als Filter zwischen Land und Wasser filtern die Bäume Schadstoffe aus dem Grundwasser, bevor diese die Flüsse erreichen.

Die Vegetation ist zudem wichtig, um die Flüsse zu einem idealen Brutgebiet für die Fische zu machen. Die Wurzeln der Bäume stabilisieren das Ufer, sodass der Fluss frei von Sedimenten bleibt. Am Baum sorgen die Äste für Schatten, sodass das Wasser kühl genug ist, damit sich die Lachseier entwickeln können. Herabgefallene Äste verlangsamen den Strom des Wassers, ebenfalls essenziell für das Überleben der Eier.

Auch wenn sich also Wale und Bäume keinen Lebensraum teilen, das Pflanzen von Bäumen hat merkbare Auswirkungen auf das Bestehen der Walpopulation.

Wer jemals einen Welpen großgezogen hat, weiß sicherlich, dass das nicht ganz so einfach geht und auch nicht mal eben nebenbei. Nachdem Butch und ich 24/7 zusammen sind, kann ich wirklich sagen: langweilig wird es mit ihm nicht.

Meine Daunenjacke hat bereits stark gelitten und viele Federn verloren. Meine Schuhe und Socken werden immer wieder liebevoll angeknabbert und spazieren getragen.

In weiser Voraussicht hatte ich bereits ein billiges Zelt gekauft, damit mein teures und heiß geliebtes Hilleberg nicht zerstört wird. Auch im neuen Zelt sind bereits Löcher zu sehen. Zwei Nächte musste ich auf dem blanken Boden schlafen, weil auch die Isomatte anscheinend so lecker schmeckt.

Um seinem exzessiven Knabberdrang entgegenzuwirken, haben sich bereits einige Spielsachen in meiner Ausrüstungsliste angesammelt, von denen ich vorher gar nicht wusste, dass sie existierten. Amiland ist ja das Hundeparadies schlechthin. Hundeartikel-Shopping XXL – wie alles im Amiland – immer ein bisschen over the top.  

Nachdem ich nicht wusste, wie das mit Butch und der Wanderung klappen wird und ob der Kleine auch wirklich in dem Trailer sitzen bleibt, hatte ich Ron gebeten, erst einmal noch in der Gegend zu bleiben. Falls es zu Schwierigkeiten kommen sollte und ich einen Plan B aufstellen muss, wäre er somit kurzerhand wieder bei uns.

Ron schaute sich also den Olympic und Mt. Rainier National Park ausführlich an, während wir uns auf den Weg ins Unbekannte machten.

Natürlich musste ich mir auch diesmal wieder von ein paar Leuten anhören, dass ich ja unmöglich einen Hund auf so eine Reise mitnehmen kann. „Du hast doch keine Ahnung von Hunden. Der muss doch auch was essen und das ist doch kein Leben für einen Hund.“ Und einiges mehr. Ich kenne solche Aussagen mittlerweile und muss sagen, es belastet mich nicht mehr.

Anfangs ging es entlang des Olympic Discovery Trails, der leider durchweg geteert war. Auch war er noch nicht komplett ausgebaut und so lief ich immer wieder auf dem Highway, zum Glück mit Seitenstreifen.

Die Gegend war sehr bezaubernd. Der Wald richtig schön, wenn der Weg mich auch immer wieder an den Schwarzwald erinnerte.

Der Anfang war zäh. Butch konnte absolut nicht in dem Trailer schlafen und ich befürchtete bereits, dass die ganze Aktion so nicht funktionieren wird. Zumal ich selbst auch jeden Tag buchstäblich hundemüde war, denn um 5 Uhr morgens war die Nacht zu Ende.

Von 5 Uhr an musste ich erst einmal eine Weile Fußball spielen und ihn anschließend anleinen, damit Butch beim Zusammenpacken nicht alles zerstört. Auch konnte es sein, dass wir nachts einige Zeit diskutierten, damit er auf seiner Decke schläft und nicht quer auf meiner Isomatte.

Oder, dass er nachts um 2 Uhr auf die Idee kommt, dass mein Schlafsack viel kuscheliger ist als seine Decke.

Die erste halbe Stunde am Morgen versuchten wir zusammen zu laufen. Das hieß, einen Meter vorwärtskommen und entweder die Leine war im Reifen verfangen oder aber er rannte vor den Rädern her und bremste mich aus, weil er die Seite wechselte.

Ein Glück war er nach kurzer Zeit müde, doch wie bei kleinen Kindern auch, konnte er natürlich absolut nichts verpassen was so um ihn herum passierte. Und jedes Auto was uns überholte, weckte ihn wieder auf.

Einkaufen war genauso schwierig. Alleine in ein Geschäft gehen und in Ruhe einkaufen? Nicht mit Butch, zumal er auch dann ganz allein vor einem Supermarkt gestanden hätte, anscheinend werden immer wieder Hunde geklaut.

Einmal leinte ich ihn am Trailer fest, parkte ihn vor der Türe eines kleinen Ladens im Radständer und war überzeugt, dass er niemals den Trailer irgendwo hinziehen konnte, weil er für den Kleinen viel zu schwer war.  

Leider hat der Trailer, den ich für $35 in Mexiko gekauft habe, weder eine normale Bremse noch eine Feststellbremse.

Ich war kaum im Laden, sprang er vor Panik, dass ich weg gehe, aus dem Trailer, zog an der Leine und der Trailer fing an auf ein geparktes Auto zuzurollen. Kurz vorm Zusammenstoß hechtete ich aus dem Laden raus und rettete das Auto vor einem Kratzer und meinen Geldbeutel vor einer Schadenersatzzahlung.

Ja, und da gibt es viele weitere solcher Stories und natürlich frage ich mich zwischendurch, oder auch 10-mal täglich – warum habe ich mir das angetan? Doch wie immer kommen dann die Momente, wo man den Kleinen nie wieder hergeben möchte und hundertmal am Tag zu sich selbst sagt: „Ach ist er nicht supersüß“, genau wie eine Mutter eben, weil man es ja sonst kaum aushalten würde 🙂

Fakt ist: Mein Leben ist jetzt anders. Und ich kann es nicht erwarten, bis er groß genug ist, dass wir zusammen bis 9 Uhr ausschlafen können, ich ins Zelt kommen kann, ohne, dass ich ein Haifischbecken betrete und ich endlich diesen nervenden Trailer loswerden kann, weil Butch weit genug laufen kann.

Auch hoffe ich, dass die Sorgen weniger werden. Sorgen, wenn er Durchfall hat, brechen muss oder Würmer hat. Flöhe und Zecken sich bei ihm wohl fühlen, obwohl ich schon mit Medikamenten dagegen angehe, oder weil er wieder mal irgendwas am Fressen ist, was er nicht soll.

Doch so schlimm, wie in der zweiten Nacht auf der Baja im Strandhaus wurde es seitdem nicht mehr.

In dieser besonderen Nacht, da war er gerade mal 6 Wochen alt, klebte er an einer Mausefalle fest. Eine Plastikwanne, die mit Klebstoff gefüllt ist und in der Mäuse irgendwann gnadenlos verenden.

Mausefallen, die sicherlich bei uns verboten sind! Er klebte mit beiden Vorderbeinen fest am Kleber und brüllte so laut und so schrill wie wohl nur ein Welpe schreien kann, und das genau um 3 Uhr morgens.

Willkommen in der Welt der Blue Heeler Besitzer, die Rasse die auch Australian Cattle Dog genannt wird. Angeblich kein Hund für Anfänger – also somit genau passend – schließlich hatte ich ja noch nie einen Hund und wusste auch nicht wirklich auf was ich mich da einlasse!

Und trotzdem, wenn er mich morgens weckt und sich zu mir kuschelt. Mich überall ableckt und mir seine Liebe gesteht, dann muss ich immer wieder sagen: Butch – Du bist der Beste!

Auch wenn dann zwei Minuten später das absolute Chaos ausbricht und er seine 3×5 Minuten in der Viertelstunde hat und völlig durchdreht und nur noch Ball werfen die Lösung bringt. Ein Welpe halt!

Auf jeden Fall habe ich jetzt volles Verständnis für alle Eltern von kleinen Kindern. Man kommt plötzlich zu nichts mehr und kriegt das Leben auch nicht mehr ganz so geregelt wie zuvor.

Das führt z.B. dazu, dass ich eines meiner Objektive verloren habe. Wahrscheinlich vor lauter Ablenkung. Sicherlich wollte ich irgendwo ein Bild machen, hatte meine Ausrüstung ausgepackt und in Windeseile, hat sich Butch irgendetwas einfallen lassen, wie er die Zeit clever für sich nutzen kann, um wieder irgendeinen Streich auszuhecken.

Und sicherlich war ich dann einfach froh, dass er wieder dort war, wo er sein sollte, und habe wohl in der Hektik das eine Objektiv nicht wieder eingepackt. Etwas was mir in 30 Jahren Fotografie noch nicht einmal passiert ist.

Ich hatte noch mehr so Pechsträhnen, nämlich dass meine Kamera mal wieder kaputt ist. Doch ein Glück, hatte Ron noch meine Alte, die ich ihm damals geschenkt hatte und die er mir nun wieder geben konnte, bis ich eine Neue habe. Ein Glück war er noch in der Gegend.

Zu allem Übel wurde auch mein Instagram Account von Instagram gelöscht, warum auch immer?! Das ist ein bitterer Schlag, denn dort steckt viel Arbeit drin und etwa 26.000 Follower und Möglichkeiten mich und meine Welt zu vermarkten sind dadurch erstmal futsch. Ich hoffe noch, dass ich den Account schon bald wieder zurückbekomme. (er ist wieder da – hurra!)

Doch nun mal wieder zu den positiven Momenten.

In Port Angeles bekam ich bei Walmart meine erste Covid Pfizer Impfung. Am Apothekenschalter angestellt, Zettel ausgefüllt, zwei Minuten gewartet und ich war sofort dran. Kostenlos, mit Impfpass und ohne Termin – besser geht’s nicht.

Catharina, eine frühere Kollegin vom ZDF hatte mich an Paul und Meg vermittelt, bei denen ich einen tollen Abend verbringen durfte. Butch und ich durften im Gewächshaus schlafen, weil die beiden gerade am renovieren waren.

Den nächsten Abend durfte ich bei Paul’s Kollegin übernachten. Zwei Freunde kamen bei ihr zu Besuch, einer davon war Marc, ein Austernzüchter. Somit gab es an dem Abend die allerersten Austern meines Lebens.

Ein Glück waren sie gegrillt. Mit Butter, Schinken, Paniermehl und viel Knobi. Mega lecker. Witzigerweise traf ich Marc zwei Tage später wieder auf der Straße.

In der Nachbarschaft hängen auch weiterhin Trump Flaggen. Es macht fast so den Eindruck:
Komme mir nicht zu nahe, es sei denn Du hast dieselbe politische Einstellung.

Das kalte Wetter und der Regen waren etwas nervig. Es fühlte sich an wie Novembertage in Good Old Germany.

Kurz vor Seattle, traf ich Christian. Ein Follower auf Instagram, der mich gleich erkannte: „Ich komme aus Kiel, ich habe mich hier gleich wohlgefühlt.“ Da musste ich laut lachen, denn genau an den Norden Deutschlands, hatte ich oft gedacht. Nicht nur wegen des Wetters, sondern auch wegen der wortkargen Leute.

Wir hatten uns locker verabredet, nur leider wurde genau an dem Tag mein Instagram Account gelöscht und ich wusste Christian’s Account Namen nicht mehr, somit hat ein Treffen leider nie stattfinden können.

Und nun kommen wir zu dem nächsten Problem. Sonderlich freundlich waren die Leute hier nicht. Viele ignorierten mich. Schauten absichtlich weg, wenn wir des Weges kamen. Ich denke, sie dachten vor allem, dass ich obdachlos bin. In Seattle und auch Port Angeles hat es laut den Einheimischen viele Obdachlose und anscheinend schieben viele von denen einen Karren vor sich her.

Wir waren also Penner und genau so wurden wir auch oftmals behandelt. Kein Hallo zurück, kein Small Talk, kein Interesse an dem was ich mache. Wenn mal jemand sich Zeit nahm und meine Schilder am Trailer bemerkte, ging es um Butch.

„Ach ist der so süß, ist das ein Blue Heeler? Ich habe einen so und so Welpen und der macht das und das.“

Nun ja, alles lieb und nett und auch unterhaltsam, aber was ich wirklich nicht wollte, war mich fortan immer nur über irgendwelche Hunderassen zu unterhalten.

Ich hätte viel lieber über die Menschen etwas erfahren. Was ihr Leben ausmacht, wie sie denken. Aber so weit kam es nie. Es blieb bei dem: „What a sweet puppy he is! What’s his name?”

In ganz Washington, in einem ganzen Monat, hielt nur ein einziges Auto an, um zu fragen, warum wir laufen. Nur ein einziges! Als ich mit dem Rad unterwegs war, hielten ständig Leute an und waren interessiert. Woran lag das also? Es läuft doch kein Obdachloser auf dem Highway spazieren? Und auch keiner auf einem Trail.

Wie soll ich da jemals $50.000 für meine Bäume sammeln, die ich gerne weltweit pflanzen würde?

Es frustrierte mich. Das jemand nichts spenden möchte, ist ja eines und völlig legitim und verständlich, aber dass man erst gar nicht registrieren will, dass ich auch dort auf diesem Trail unterwegs bin, ist was völlig anderes.

Ich habe sogar laut gerufen: „Hallo, ich bin auch hier.“ Ich habe die Leute direkt angesprochen und gefragt, warum sie mich nicht zurück grüßen. Woran das liegt? Was ich falsch mache? An den Reaktionen merkte ich nur die Unsicherheit der Leute und auch das Unverständnis. Ich fing an zu glauben, dass das nur einfach hier so ist und Washington eben anders ist.  

Oder geht es um Corona? Haben die Leute Angst? Nachdem die, die geimpft werden möchten, in den USA alle ihre Impfung bereits erhalten haben, kann das nicht wirklich sein. Denn die, die daran glauben, dass es sich hier nur um die Kontrolle der Menschheit dreht, haben ja eh keine Angst sich anzustecken.

Jedenfalls war das was ich hier im Staat Washington erlebte nicht mein Amerika, wie ich es lieben gelernt habe. Das waren nicht die freundlichen Amerikaner, die ich seit Jahren genieße und wertschätze.

Eine Nation, die ich als großzügig, harmoniebedürftig und als sehr hilfsbereit kennengelernt habe. Natürlich gab es Ausnahmen, aber ganz wenige.

Interview Obdachloser in Port Angeles

In Port Angeles interviewte ich einen Obdachlosen, der direkt am Strand lebt. Sein Hab und Gut hat er in ein Regal sortiert, welches er dort permanent installiert hat. Seine Sachen deckt er mit einem Tarp ab, um sie vor dem rauen Klima zu schützen.

Warum leben Sie auf der Strasse?
Im August 2013 verletzte ich mich beim Einsetzen eines brandneuen Flügels im Krankenhaus in Nampa, Idaho, am Rücken. Ich habe mir den L5 und den S1 gebrochen. Ich war sieben Monate lang fast gelähmt, bevor ich operiert wurde, und sie wollten nicht, dass ich operiert werde, sie wollten nur, dass ich mich hinlege und sterbe.

Waren Sie zu dieser Zeit obdachlos?
Nein, ich hatte ein Haus und eine Hypothek, ein Auto und Raten für das Auto, ich hatte Rechnungen.

Hatten Sie eine Versicherung?
Ich hatte Workmen’s Comp., aber die haben mich für nichts entschädigt, sie haben die Ärzte bezahlt, aber sie haben mein Haus nicht gerettet und mein Auto auch nicht. Nach meiner Operation habe ich anderthalb Jahre lang Physiotherapie bekommen. Bevor ich vor die Industriekommission kam, müssen die Leute, die meinen Versicherungsanspruch für die Workmen’s Comp. bezahlt haben, dem Arzt die Hände geschmiert haben, denn am Tag zuvor schrieb er eine Erklärung, dass mit mir alles in Ordnung sei und ich wieder arbeiten gehen könne.

Wie haben Sie sich verletzt?
Ich habe bei der Arbeit etwas aufgehoben, was ich schon seit Jahren tat.

Sie waren also Zimmermann?
Nach 20 Jahren in der Schreinerei hat mein Rücken einfach den Geist aufgegeben. Und weil meine Sozialversicherungsnummer an meine letzte Erwerbstätigkeit gebunden ist, taucht ein Arbeitsunfall auf und niemand in der Unternehmenswelt will mich einstellen, also kann ich keinen Job bekommen und auch keine Invalidität, weil der Arzt sagt, dass mir nichts fehlt. Also lebe ich seit sieben Jahren von Lebensmittelmarken, 190,00 Dollar im Monat. Das ist mein einziges Einkommen. Aber ab diesem Monat erhalte ich endlich eine staatliche Invalidenrente. Ich bekomme $197 Unterstützung zusammen mit meinen Lebensmittelmarken.

Aber das ist immer noch nicht genug, um ein Haus oder ein Zimmer zu mieten oder irgendetwas, die Gegend hier ist irre teuer.
Aber ich werde mich nicht hinlegen und sterben.

Wie behandeln die Leute Sie?
Vielen Leute, wenn sie vorbeigehen, wünsche ich einen guten Tag und frage wie es ihnen geht.

Grüßen sie zurück?
Manche schon, andere schauen mich nur an, wie kannst du es wagen, mit mir zu reden, du dreckiges Ding.

Aber Sie sehen gar nicht schmutzig aus, Sie sehen aus wie ein anständig gekleideter Mensch.
Ich versuche, anständig auszusehen, und ich lasse keinen Müll herumliegen wie andere, die uns einen schlechten Ruf geben.

Wie sehen Sie Ihre Zukunft?
Oh, es sieht gut aus, ich habe zwar immer noch meine täglichen Schmerzen, aber endlich habe ich ein bisschen mehr Geld zum Ausgeben.

Vom Discovery Trail ging es über die Außenbezirke von Seattle auf den Snoqualmie Valley Trail, um von dort auf den Palouse to Cascades State Park Trail abzubiegen. All diese Trails sind Teil des Rails to Trails System, welche stillgelegte Bahnstrecken für Wanderer und Radfahrer freigegeben haben. Man findet diese Trails überall in den USA.

Der Palouse to Cascades State Park Trail war besonders beeindruckend. Die großen, alten Eisenbahnbrücken erinnerten mich an einen meiner Lieblingsfilme: Stand by me, bei dem vier kleine Jungs eine Leiche suchen und auf alten Bahntrassen unterwegs sind.

Der Trail verlief durch einige lange Tunnel. Einer davon war über 5 Kilometer lang und absolut stockdunkel.

Das Einzige was mir hier nicht so gut gefiel war die Nähe zum Interstate 90. Der Autolärm war nicht zu überhören. Trotzdem, der Trail war klasse.

Teils hatten wir noch Schneereste, was nicht ganz so einfach war mit einem schweren Trailer.

Colleen besuchte mich ein zweites Mal. Wir kannten uns seit der Baja Divide in Mexiko. Ich traf sie und andere Radler damals in Mulege. Sie radelte die Baja Divide zusammen mit Harry, der Harry mit dem ich in Kolumbien im Hostel feststeckte.

Zuerst trafen wir uns auf dem Discovery Trail und diesmal in Cle Elum, um bei ihren Freunden in Roslyn zu übernachten. Eine alte Westernstadt, die wirklich cool war. Colleen verwöhnte uns alle und brachte uns beide zurück auf den Trail. Herzlichen DANK an Euch drei 😉

Natürlich muss ich bei solchen Einladungen noch viel mehr auf Butch aufpassen als sonst. Wenn er mein Zelt zerbeißt, ist das ein Ding, wenn er aber den Wohnzimmerschrank meiner Gastgeber zerstört eben was anderes. Ich kann ihn dann keine Sekunde aus den Augen lassen. Doch ein Glück schläft er immer noch sehr viel!

Nachdem ich generell nicht immer gerne irgendwelchen Trails folge, sondern lieber meine eigene Route zusammenstelle, entschied ich in Ellensburg nicht weiter Richtung Osten zu laufen, sondern die Kurve in Richtung New Orleans zu nehmen.

Nicht auf dem direkten Weg, sondern durch die Wüste – einfach deshalb, weil ich Wüste viel lieber mag als Regen und kaltes Wetter!

Die Yakima Gorge war klasse. Eine der vielen Scenic Byways des Landes. Die Straße hatte einen Seitenstreifen, somit war das erstmal halb so tragisch auf dem Highway unterwegs zu sein. Selbst Zeltstellen waren einfach zu finden, was zuvor nicht immer der Fall war.

Immer wieder las ich zuvor: No Trespassing und wer hier weiter läuft wird erschossen, oder so ähnlich.  

Mit Butch wurde es nun deutlich einfacher. Er lernte neben dem Trailer zu laufen. Schlief bereits bis 7 Uhr morgens, ohne nachts noch einmal aufzuwachen und hatte auch sonst enorm viel gelernt und fing zudem an den Trailer als Schlafplatz zu lieben.

Leider haben wir es bisher noch nicht geschafft einen Termin beim Tierarzt zu bekommen, da wegen Covid die Tierarztpraxen nahezu alle nur an bereits bestehende Patienten Termine verteilen oder ein Termin erst weit in der Zukunft zu bekommen ist.

Er braucht unbedingt eine Tollwut Impfung und einen 15-stelligen Chip, damit ich Amerika auch wieder mit Butch in Richtung Heimat, oder anderswohin verlassen kann. Reisen mit Hund wird in Zukunft etwas komplizierter werden, aber das wusste ich von Anfang an.

Durch das Yakima Indian Reservation verlief ein vielbefahrener Highway, der mir zwar einen tollen Zeltplatz verschaffte, aber auch viele nervenaufreibenden Minuten, wenn Trucks mit hoher Geschwindigkeit an uns vorbei donnerten.

Schlussendlich war es uns möglich mitgenommen zu werden, was mir deutlich lieber war, als hier auf dem Highway mein Leben zu lassen.

Kurz darauf überquerten wir die Brücke nach Briggs in Oregon, wo plötzlich ein anderes Amerika auf mich wartete, dass Amerika wie ich es kenne. Freundliche Leute soweit das Auge reicht. Doch davon mehr beim nächsten Mal.

Falls mich jemand auf meinem Weg durch Amerika treffen möchte, meldet Euch bitte bei mir.

Ihr bekommt einen Magneten mit meinem Logo für Euren Kühlschrank. Ein Lächeln von uns beiden, eine super liebenswerte Begrüssung von Butch und natürlich eine ausführliche Unterhaltung!

Freu‘ mich auf Euch!

Hier bin ich

Künstlerin: Gosia Back
Designerin: Martina Gees

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Mega lieben DANK!

8 Kommentare

  1. Hallo Heike.
    Super.Tolle Bilder.Weiter so!

    Antworten
  2. Mutige Entscheidung! Ich wünsche Heike wenig Blasen an den Füßen (am besten gar keine), und viel Unterstützung. Weiter so!

    Antworten
  3. Liebe Heike,
    es ist so schön wieder von Dir zu lesen! Auch wenn wir dieses Jahr immer noch nicht in die USA einreisen dürfen, ist es um so schöner, mit Dir auf den Trail zu gehen und imagniär durch die Staaten zu reisen.
    Ich weiß nicht, vor was ich mehr Respekt haben soll, vor den 5.000 km oder den 50.000 $, die Du zu bewältigen hast. Vor beiden kann ich nur den Hut ziehen und hoffe, dass Du und Butch beides in der kurzen Zeit schafft.
    Da ich weiß wie trostlos abgeholzter Regenwald aussieht und wie gruselig Palmöl-Plantagen sind, werde ich Dich bei Deinem Spendenlauf noch unterstützen und meine Bäume in Asien pflanzen.
    Ich wünsche Euch beiden noch alles Gute!
    Liebe Grüße

    Alex

    Antworten
    • Ganz lieben herzlichen Dank liebe Alex! Freu’ mich sehr über deine Unterstützung und deine lieben Worte!

      LG aus Oregon….Heike

      Antworten
  4. Hallo Heike,

    Ich lese seit ein paar Jahren deinen Blog und habe deine Reisen mit dem Rad immer mit großem Interesse verfolgt. Bis auf wenige Ausnahmen waren die Reisen co2 neutral. Jetzt hat sich das aber geändert und ich frage mich:

    Wieso war der Flug unvermeidbar? Du hättest einfach nicht fliegen müssen, dann wäre er doch schon vermieden gewesen?

    Jochen

    Antworten
    • Hallo Jochen,

      ja du hast Recht, ich hätte noch weitere 4 Wochen in Mexiko bleiben dürfen und dann?

      Wie bereits geschrieben, war die Landesgrenze eben leider geschlossen. Für Politik und Corona kann ich leider nichts.

      Weißt du was viel positiver gewesen wäre? Wenn du geschrieben hättest:

      Wow, klasse Heike, ich finde es echt toll, dass du dich für unsere Welt stark machst!

      Beim nächsten Mal dann vielleicht.

      Gruß Heike

      Antworten

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