Es fühlte sich an wie heim kommen, auch wenn das eigentliche heim kommen noch bevorstand. Ich freute mich riesig auf meine Natur zudem auf die freundlichen Amerikaner und war einfach nur happy wieder hier zu sein.

Der Westen der USA ist für mich auch weiterhin mit die genialste Outdoor Spielwiese der Welt.

Rick und Pat empfingen mich in Portland wie eine langjährige Freundin, obwohl ich beim letzten Mal nur einen einzigen Tag hier übernachtet hatte.

Mit Rick ging ich angeln. So richtig angeln. Profi angeln. Mit Boot und jeder Menge Technik. Allerdings war Aufwand und Nutzen nicht wirklich in Einklang zu bringen, bedenkt man, dass wir am Ende nur drei Fische gefangen hatten und dafür den halben Tag unterwegs waren. Aber was solls es war ein mega Spaß.

Ich verkaufte meinen hinteren Gepäckträger und besorgte mir neue Reifen. Zudem hatte ich Glück und bekam bei REI (der Ami Outdoorladen schlechthin) im Ausverkauf ein leichteres Zelt, so dass ich von nun an richtig Bikepacken konnte.

Auch wollte ich in meiner für mich so titulierten Pausenzeit viel wandern gehen. Regen und Kälte hatte ich die nächsten Monate nicht zu befürchten und somit konnte es ein Ultra-Light Zelt sein.

Meinen Laptop sowie zig andere Ausrüstungsgegenstände ließ ich bei Pat und Rick zurück und bekam die Sachen zu einem späteren Zeitpunkt wieder zugeschickt.

Da ich wieder einmal einen Trail auf dem Programm hatte, nämlich den Oregon Timber Trail, wollte ich mit so wenig Gepäck wie möglich losziehen, denn der Trail war kein Zuckerschlecken.

Der Timber Trail macht seinem Namen alle Ehre – Wald und Wald und noch mehr Wald. Zudem single trails und Höhenmeter ohne Ende. Richtig schön war es hier.

Das wichtigste war allerdings, dass ich endlich wieder im Zelt schlafen konnte, endlich hatte ich wieder meine Ruhe und endlich gehörte die Welt mir wieder ganz alleine. Städte sind für mich einfach so extrem beklemmend, hier in der Wildnis bin ich frei und kann tun und lassen wie es mir gerade passt. Es war einfach herrlich hier draußen, wie immer in der Natur.

Bereits nach ein paar Tagen ging es mir wieder richtig gut. Ein Aufatmen war das – ein Gefühl von Geborgenheit und Zugehörigkeit überkam mich immer wieder. Ich war wieder akzeptiert und verstanden, wenn ich mit Leuten sprach die ich traf. Ich fühlte mich wieder pudelwohl und ja ich fühlte mich schon fast als wäre ich zu Hause.

Zudem war ich froh aus der permanenten Hitze heraus zu sein und wusste es war absolut richtig gewesen Mittelamerika verlassen zu haben.

Leider gab es ein striktes Feuerverbot und somit konnte ich also keines meiner geliebten Lagerfeuer genießen, auch meinen Hobo Kocher nutzte ich nicht, sondern hatte mir eine Gaskartusche besorgt um meine „leckeren“ Gerichte zu kochen.

Erdnussbutter war diesmal an Bord. Ich brauchte auf dem Trail gut Kalorien. Zudem natürlich wie immer Linsen und Reis. Aber auch Pasta, Ingwer, Datteln, Knoblauch und Thunfisch. Dann noch Schokoladenpulver und Haferflocken. Wie so oft halt.

Der Oregon Timber Trail ist eigentlich von Süd nach Nord ausgelegt, ich nahm ihn aber andersherum unter die Räder und musste dadurch das eine oder andere Mal einiges schieben. Aber das war mir völlig egal, ich hatte ja Zeit, alle Zeit der Welt und genoss den Wald und die tollen Aussichten ohne Ende.

Wie immer auf solchen Trails kommt man alle paar Tage in einem kleinen Ort vorbei um Essen einkaufen zu können und im Gegensatz zu anderen Gegenden in den USA, gab es hier entlang des Trails immer wieder gute Einkaufsmöglichkeiten, also nicht nur Chips, Schokolade und Cola sondern auch richtig vernünftiges Essen.

Mt. Hood, einer der vielen Vulkane in der Cascade Range ist wirklich dramatisch schön und vor allem ewig weit sichtbar. Leider war durch die vielen Brände die es derzeit hatte viel Rauch in der Luft und dadurch waren die anderen weiter entfernteren Vulkane nahezu nicht zu sehen.

In einem Dorf traf ich auf Deutsche. Ein Pärchen was seit Jahrzehnten immer wieder zu den Orten fährt in denen es die nächste Sonnenfinsternis zu bestaunen gibt. Überrascht über die Begegnung war ich froh nun alle Details die ich über das bevorstehende Naturereignis wissen musste von den beiden Experten erklärt bekommen zu haben.

Es waren nämlich nur noch 3 Tage bis zur Sonnenfinsternis 2017 und ich war bereits super nah dran, denn durch puren Zufall war ich gerade hier wo es passieren sollte. Um aber wirklich richtig in der totalen Finsternis zu sein, also in der sogenannten Zone, musste ich aber noch einige Kilometer und Höhenmeter hinter mich bringen und hatte da nicht so richtig Lust mich deswegen stressen zu lassen.

Doch die beiden überredeten mich von nun an Gas zu geben um dieses Naturereignis wirklich nicht zu verpassen, denn nur in der eigentlichen Zone kann man das Spektakel richtig erleben, alles andere wäre dagegen kalter Kaffee.

Am nächsten Abend, nachdem ich den ganzen Tag unterwegs war und wirklich richtig platt nach einer Zeltmöglichkeit Ausschau hielt, traf ich Bob & Dick (ich habe die richtigen Namen vergessen), die mich mit Freuden verpflegten. Auch sie, wie alle anderen Leute auch die ich traf, wollten natürlich die Sonnenfinsternis sehen.

Am Nachmittag vor dem Ereignis strampelte ich wie blöd durch den Wald um es auch wirklich bis zur Zone zu schaffen. Ein Glück ging es viel bergab. Die Single Trails waren schlichtweg genial.

„Bin ich schon in der Zone?“ fragte ich immer wieder, wenn ich Leute traf, doch entweder wussten die Leute es nicht oder ich war noch ein paar Meilen davon entfernt. Doch schlussendlich traf ich auf eine Gruppe, die überzeugt war, dass wir von nun an weit genug südlich waren. Sie hatten sich die Seite von der NASA aufgerufen und per GPS sich hierher navigieren lassen und somit gab es keine Gefahr mehr, dass ich irgendwas verpassen würde. Der totalen Sonnenfinsternis konnte somit nichts mehr im Wege stehen, obwohl wir uns am äußersten Rand des bevorstehenden Geschehens befanden.

James & Scott hatten ihre Motorräder und ihren Camper im Wald als Basis untergebracht und luden mich sofort zu Spaghetti Bolognese sowie zu einer Dusche ein. Sie selber sind bereits den PCT gelaufen, einer der drei langen Wanderwege in den USA. Man wandert auf dem PCT in 4-5 Monaten von Mexiko bis Kanada, sie hatten somit sofort Verständnis für meinen riesen Hunger den ich an diesem Abend hatte.

Und dann kam das Spektakel. Umgeben von lauter netten Amis begann der Zauber langsam aber sicher zu beginnen, denn es wurde zunehmend immer dunkler.

Ein ganz unnatürliches Licht, kein zartes wie kurz vor einem Sonnenuntergang, nein ein Licht was schon fast gespenstig war, weil es so total künstlich wirkte.

Vorher wurde mir erklärt, dass ein Schatten auftauchen wird, doch den sahen wir nicht. Auch hieß es die Vögel würden verstummen und die Tiere sich seltsam verhalten. Doch die anwesenden Hunde schien das nicht weiter zu stören. Außer dem seltsamen Licht und den total gespannten Leuten und der kleinen Party die wir da hatten, konnte ich nichts Besonderes feststellen. Wobei da natürlich der Schatten des Mondes war, der sich immer weiter vor die Sonne schob und den man mit den Sonnenfinsternis Brillen natürlich wunderbar beobachten konnte.

Doch dann ging es los…..

24 ultra kurze Sekunden lang, aber es waren wohl mit die sensationellsten 24 Sekunden meines Lebens. Wahnsinn war das. Ein Zauberwerk! Wir alle jubelten der Sonne zu und es hatte schon fast was von einer göttlichen Erscheinung. Etwas außerirdisch und spooky wie man wohl heute so sagen würde. Es war schlichtweg toll!

Noch Tage danach redeten alle die ich traf von diesem Ereignis und jeder hatte seine Version davon zu erzählen, denn jeder schien es anders erlebt zu haben.

Je südlicher ich auf dem Trail kam desto mehr Rauch war in der Luft – in Oregon brannte es an zig Stellen und der Dunst wurde immer dichter und die Luft immer schlechter.

Der berühmte 4279 Kilometer lange PCT Wanderweg, den ich immer mal wieder kreuzte wurde teils gesperrt, ebenso stellenweise meine Timber Trail Abschnitte.

Die Wanderer waren alle gut drauf. Viele von ihnen waren ziemlich abgemagert, aber sie hatten jede Menge zu erzählen. Dieses Jahr wäre die Schneeschmelze ein riesen Problem gewesen und ein paar Wanderer waren in der Sierra sogar ums Leben gekommen.

Ab und zu gab es die Trail Box, eine Box in die Wanderer oder Radfahrer Sachen zurück lassen die sie nicht mehr brauchen und andere sich einfach nehmen dürfen. Auch gibt es sogenannte Trail Angels, die an irgendwelchen schwarzen Brettern ihre Nummern hinterlassen und einen Fahrdienst anbieten, wenn die PCT Wanderer Essen oder sonstiges brauchen. Einfach super.

In Sisters wurde der Rauch dann so schlimm, dass ich erstmal 3 Tage Pause machte um zu sehen wie sich die Lage weiterentwickelt. Es wurde leider nur schlimmer und nicht besser und nachdem die Aussichten weiter südlich nicht besser waren und mein Trail teils durch gesperrtes Gebiet ging blieb mir nur der Abbruch.

Als es Asche regnete und schon fast die andere Straßenseite im Dunst verschwand wurde es Zeit zu verschwinden.

Ich trampte den kurzen Weg bis Bend und versuchte dort in der Nacht noch ein Platz für mein Zelt zu finden. Kurz vor Mitternacht hatte ich endlich einen ruhigen Ort entdeckt, inmitten eines Wohngebietes baute ich mein Zelt direkt hinter einer gemauerten Wand auf, die als Sichtschutz für jede Menge Abfallcontainer dort stand.

Die Matte hatte ich aufgeblasen, mein Rad im Gestrüpp versteckt und alles andere ebenso sortiert. Endlich die Augen zumachen und schlafen. Und was passiert? Die Sprinkleranlage ging an.

„Mann Heike, wie blöd bist Du eigentlich, schimpfte ich mit mir selber, wie lange tourst Du jetzt schon in den USA umher, Du kennst doch die Dinger mittlerweile! Die Amis und ihre blöden Sprinkleranlagen“ schimpfte ich vor mir her.

So ein toller Platz, kein Mensch hätte mich gesehen, keinen hätte ich gestört und am nächsten Morgen wäre ich wieder weg gewesen und niemand hätte gewusst und jemals gesehen, dass ich überhaupt hier übernachtet habe.

Fluchtartig verließ ich das Gestrüpp, stellte mein patschnasses Zelt auf dem Hof auf, versuchte den Schlafsack zu trocknen und packte anschließend alles wieder ein. Natürlich hörte der Sprinkler schon bald wieder auf, aber aus der Erfahrung heraus gehen die meistens nach ein oder zwei Stunden wieder kurz an und das Risiko wollte ich nicht eingehen.

Somit fuhr ich also mitten in der Nacht noch aus Bend wieder raus um mich wie geplant am nächsten Tag an die Straße zu stellen um nach Utah zu trampen. Es war meine Pausenzeit, ich wollte mir diesmal nur die Sahnestücke raussuchen und den Rest nicht mehr radeln. So ein bisschen hatte ich nämlich die Nase voll vom Radeln.

Nachts ist die Welt immer spannend. Es ist dann so schön ruhig und kaum Verkehr, selbst an den großen Straßen nicht. Es hat immer so ein bisschen was von Kind sein, wenn man sich irgendwo reinschleicht um nicht entdeckt zu werden. Ich mag das richtig gerne. Wie Versteck spielen und Streiche aushecken.

Ein paar Kilometer hinter den letzten Häusern von Bend, tauchte eine Kirche auf und Kirchen sind immer gute Orte zum Zelten. Ich ging aus dem Lichtkegel der angestrahlten Kirche in Richtung dunkle Nacht als jemand in einem extrem zornigen Ton mich anbrüllte.

„Hau ab Du Idiot“ schallt es aus dem Gebüsch heraus. Ich sah aber niemanden, doch er brüllte weiter „Verschwinde, lass mich in Ruhe“. Dann sah ich das Zelt und sagte kein Ton, ich wollte nicht, dass er an meiner Stimme erkennt, dass ich eine Frau bin.

Ich schlug mich also in die entgegengesetzte Richtung durch und machte auch keine Taschenlampe an, damit mich niemand sehen konnte und der Irre auch nicht wusste wo ich am Ende selber zelten werde.

Als ich morgens aufwachte war der Rauch noch dichter, mittlerweile war es schon richtig beängstigend. Wie immer hatte ich super geschlafen und hatte es ja nun nicht weit bis zur Hauptstraße. Keine 15 Minuten hielt ich meinen Daumen raus als das erste Auto hielt. Ein älterer Herr.

„Hallo ich bin Heike aus Deutschland und würde gerne nach Utah, natürlich fahren Sie sicherlich nicht dorthin, aber vielleicht zumindest in die Richtung“, stellte ich mich bei ihm vor.

Und wie der Zufall es will fuhr John tatsächlich nach Utah und nicht nur bis zur Staatsgrenze nein sogar genau dahin wo ich wollte, das waren 900 Meilen an einem Stück. Mega genial dachte ich nur und hatte auch den Eindruck, dass John ein dufter Typ sei.

Trampen ist hier im abgelegenen Westen der USA kein Problem. Die Amis mit ihren riesen Amischlitten haben für so ein Fahrrad immer Platz auf der Ladefläche und sind zudem auch total unkomplizierte Leute. Auch wenn ich hier jetzt niemanden zum trampen animieren möchte, das muss jeder selber wissen inwiefern er sich damit wohlfühlt, aber ich hatte ein gutes Gefühl dabei.

John war super. Sein Hund Radar ebenso.

Über seinen Sohn erfuhren wir, dass keine Stunde nachdem wir aus Bend weg sind, die Straße wegen einem neu entfachten Feuer geschlossen wurde. Uns begleitete bis zur Stadt Burns der Dunst, das sind 130 Meilen Richtung Osten. Ich war nur froh, dass ich nirgendswo mehr im Wald unterwegs war.

Am Abend durften wir bei Johns Bruder in Salt Lake City übernachten und ich bekam bei den netten Leuten noch frisches Gemüse aus dem eigenen Garten als Vesper mit.

John und ich hörten Oldies und Country Music und erzählten uns unsere Lebensgeschichten. Ein interessierter, intelligenter Mann von dem ich mich am Ende nur ungern verabschiedete. Leider habe ich vor kurzem erfahren, dass sein Hund Radar gestorben ist.

Nun war ich zurück in der Wüste. In meiner sensationell geliebten Wüste. Das Colorado Plateau ist schlichtweg gigantisch und ich hatte noch weitere 3 Monate um mich hier auszutoben bis es schlussendlich erstmal wieder nach Hause ging. Dazu mehr beim nächsten Mal.

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