Dieser blog post ist nun bereits 4 Monate überfällig. Es fällt mir schwer fair und konstruktiv meine Zeit in Nicaragua zu beschreiben. Doch habe ich diesen Artikel nun lange genug vor mir hergeschoben und mich nun endgültig dazu durchgerungen ihn zu schreiben. Selbst mit dem großen Abstand den ich nun habe, stimmt mich die Zeit die ich dort verbrachte habe immer noch traurig und ich bin froh nun endlich damit abschließen zu können.

Nicaragua wurde mir wärmstens empfohlen. „Du wirst sehen, dort triffst Du die nettesten Leute in ganz Zentralamerika, auch ist es da voll cool!“ bekam ich zu hören. Nun ja, wenn ich eines gelernt habe, dann ist es, dass man sich selbst ein Bild machen muss. Jeder hat andere Vorlieben und kommt mit anderen Erwartungshaltungen und Erfahrungen in ein Land. Immer erst selber schauen – kann ich jedem nur empfehlen.

Auch ist es so, dass sich auf dem Gringo Pfad, den man den Backpacker Trail durch Lateinamerika nennt, viele Dinge in kurzer Zeit ändern. Das Land was vor ein paar Jahren noch unentdeckt und authentisch war, kann heute bereits von Touristen überlaufen sein.

Mit den Touristen kommen im Normalfall leider die negativen Begleiterscheinungen. Unfreundliches Personal, uninteressierte Menschen und Kommerz.

Ja, auch ich bin Tourist und auch ich trage dazu bei, dass sich die Welt verändert! Leider!

An der Grenze gab es erstmal Stress. Die Beamten waren alles andere als freundlich, doch ließ ich mir davon die Laune nicht verderben und reiste positiv gestimmt in ein neues Land ein.

Was ich in Zentralamerika klasse finde ist, dass man ruckzuck in einem neuen Land sein kann, wenn man denn möchte. Die Länder sind alle extrem klein.

Zentralamerika, ausgenommen Belize, kommt aber ganz sicher nicht auf irgendeine Hitliste bei mir. Alles andere als eine Radler Gegend in der man idyllische Ecken zum Zelten findet. Die Hitze ist einfach nur brutal. Das Essen meistens langweilig, wobei Nicaragua teilweise wirklich leckeres zu bieten hatte.

Die Landschaft ist nicht wirklich was Besonderes. Es ähnelt sich einfach alles viel zu sehr. Der Verkehr ist zudem echt nervig, wobei ich nie wirklich Angst hatte. Die Leute sind mal so und mal so, es kommt ganz drauf an wo man sich gerade bewegt. Und es ist teuer, weil ich allermeisten in einer Unterkunft schlafen muss – Zelten ist hier einfach extrem schwierig bei den vielen Leuten die hier leben und eingeladen wurde ich außerhalb Belizes kein einziges Mal.

Seit Mexiko sehe ich die gleichen Kirchen, erlebe ich die gleiche Kultur, die gleichen bunt bemalten Häuser. Dieselben Gesichter, dieselbe Sprache. Auch ist es mir durch die ehemals Spanische Kolonialisierung oftmals zu europäisch geprägt.

Ich vermisste meine Natur. Mein Lagerfeuer, meine Sterne, die Ruhe der Wüste, die einsamen Gegenden. Ich mag dieses Halligalli nicht. Diese vielen Menschen sind nicht mein Ding. Das kann ich ein paar Wochen mal ertragen und auch genießen, aber im Dauerpaket macht mich das nicht glücklich. Mir gefiel es hier einfach nicht.

Jeder Tag plätscherte so vor sich hin. Es war mehr, dass ich die Strecke hinter mich bringen musste. Ich wollte halt zumindest noch bis Panama, damit ich diese Ecke der Welt für alle Zeiten abhaken kann. Vor allem aber radelte ich hier weil ich ja nach Südamerika wollte und da liegt Zentralamerika nun mal auf dem Weg.

Ich reihe mich somit zu vielen anderen Radlern mit ein die mir schon vorher sagten, „Zentralamerika kannst Du vergessen, dass macht keinen Spaß dort zu radeln.“ Ja – stimmt.

Doch eines muss ich sagen – Fotomotive hat es hier jede Menge!

Zentralamerika ist aus meiner Sicht heraus eine Backpacker Gegend. Man steigt in den Bus ein und lässt sich dann zu den Highlights fahren. Vulkan Surfen, tauchen, surfen im Meer, Beach, Party, ein paar Pyramiden, zwei drei bunte Städte, ein paar Nationalparks und dann hat man es gesehen und sicherlich viel Spaß gehabt.

Ich aber mag ja als Radler nicht die Highlights abklappern und mit dem Touristenstrom mitziehen, sondern ich liebe es ja die Gegenden zwischen den viel besuchten Sehenswürdigkeiten zu entdecken. Doch für mich gab das hier nicht viel her.

Wenn ich das mit Asien vergleiche wie sehr sich dort die Kulturen von einem Land zum nächsten ändert, dann muss ich sagen war das hier einfach kalter Kaffee dagegen.

Daher hatte mir auch Belize so gut gefallen, das war einfach total anders und richtig spannend durch die vielen unterschiedlichen Ethnischen Gruppen. Sicherlich wäre Guatemala wirklich interessanter gewesen – selber schuld, dass ich das größtenteils ausgelassen habe.

Bis Leon war es nicht weit, angeblich eine der schönsten Städte in Zentralamerika und nachdem die Länder sonst nicht so viel hergaben, fing ich eben an die Touristenorte anzusteuern. Ich entdeckte ein gemütliches Hostel in dem ich im Schlafraum richtig nette Leute traf. Leute aus aller Welt, ich liebe so was.

Leon feierte gerade den Jahrestag der Revolution mit nächtlichen Böllern, nachgestellten Szenen, Musik auf den Plazas und ordentlichem Besucherstrom.

Wir, einige Latinos aus Brasilien, Argentinien, Chile und Zentralamerika sowie ein paar Europäer und Kanadier schauten einen Dokumentarfilm über die Revolution in Nicaragua zusammen an und hatten anschließend über den Film diskutiert.

Es war leider sehr schade wieder einmal zu erfahren wie sehr negativ die Latinos über die Amerikaner denken. Frei nach dem Motto die Amerikaner sind an allem schuld was die Lebenssituation in ihren Ländern anbelangt. Selbst am untersten Zipfel des Kontinents hatten die paar anwesenden Südamerikaner ihr Feindbild – die Gringos.

Die Nicaraguaner erwähnten sogar, dass man die Amerikaner Amerikaner nennt und die anderen nicht, schließlich würden auch sie in Amerika leben. Etwas über was ich zuvor noch nie nachgedacht habe und sicherlich auch aus deren Sicht heraus verständlich ist.

Auch kann ich verstehen, dass nicht jeder die Amerikaner und deren Politik für gutheißen mag und sicherlich einige Anwesenden und deren Ländern unter ihnen gelitten haben, doch was mir daran nicht schmeckt ist, dass so viele von ihnen in den USA arbeiten möchten – jeder möchte ins gelobte Land.

Wenn ich dort leben möchte dann kann ich doch nicht im gleichen Atemzug alles schlecht machen was von dort kommt. Komischerweise sind genau diejenigen die bereits in den USA waren und dort gearbeitet haben richtig nette Zeitgenossen. Hilfsbereit, freundlich, offen und gesprächig. Anscheinend hatten sie wohl eine gute Zeit und haben festgestellt wie freundlich am Ende die Amerikaner doch sind.

Ein Fehler den wir Menschen leider immer wieder machen. Politiker sind nicht die Menschen eines Landes.

Übrigens der McDonalds in Leon war mit Abstand das begehrteste Restaurant der Stadt. Und natürlich tragen die Jungs Baseball Kappen mit New York und Los Angeles drauf gestickt und überall sonst trinkt man auch Cola und isst Hamburger.

Ich lernte Evi aus Österreich kennen mit der ich einige Male um die Häuser zog. Sie war gerade erst angekommen und voller Energie und Tatendrang – somit schon fast genau das Gegenteil von mir. Ihre Anwesenheit regte mich sehr zum Nachdenken an und brachte mich am Ende zu der Entscheidung, dass die Latino Welt einfach nicht mein Ding ist. Ich konnte ihre Begeisterung für Nicaragua schlichtweg überhaupt nicht teilen und merkte wie sehr ich mich deplatziert fühlte. Ich musste somit etwas ändern, nur wusste ich noch nicht wie und was.

Ich saß in einem Lokal und nutzte das WIFI als ein etwa 12-jähriger Junge zu mir an den Tisch kam. Er sah aus wie ein Einheimischer und fing an mir Fragen zu stellen, doch ich verstand ihn erst einmal gar nicht. Nach einer Weile sagte er: „Ich spreche Englisch – ich bin Amerikaner“. Ich war erst so irritiert, weil ich seit Monaten in der Lateinamerikanischen Welt nahezu nie erlebt hatte, dass mich jemand von sich aus ansprach – auch keine Kinder, dass ich wohl nicht mal bemerkte, dass er Englisch sprach. Seine Eltern waren in die Staaten ausgewandert und ursprünglich aus Nicaragua.

Wir unterhielten uns eine ganze Weile und als er weiter zog war mir klar was mir hier vor allem fehlte – der Bezug zu den Menschen! Ich fühlte mich hier einsam. Wie locker der Junge auf mich zukam, wie locker man mit anderen Nationen in Kontakt kommen kann, genau das fand ich hier nicht und genau das mochte ich aber so sehr.

Eines Morgens wachte ich auf und merkte, dass irgendetwas nicht mit mir stimmte. Mein Kopf juckte heftig und fühlte sich heiß an. Meine Ohren und der Nacken waren feuerrot und hatten einen Ausschlag. Es war kein Spaß, doch hatte ich keine Erklärung dafür.

Ich fragte ein paar Leute im Hostel ob sie irgendetwas auf meiner Kopfhaut sehen, doch keiner fand was. Wenn ich duschte kühlte es ein wenig und daher dachte ich es sei vielleicht eine Reaktion gegen die Dauerhitze der ich ausgesetzt war. Doch das alles half nicht wirklich weiter. Das Jucken kam und ging und der Ausschlag wurde immer schlimmer.

War es das Kissen im Hostelbett? Gab es hier Wanzen oder Flöhe?

Ich ließ mir die Haare schneiden um etwas Luft an den Nacken kommen zu lassen. Ich ging in verschiedene Apotheken und fragte um Rat, doch keiner hatte so richtig Lust mir zu helfen. Ich nahm sogar eine Chilenin mit in eine Apotheke, die mit ihrer freundlichen und offenen Art genauso bei den Apothekern scheiterte wie ich. Wir bekamen schlichtweg keine Info.

Ich ging sogar zum Arzt, doch auch er hatte kein großes Interesse mir zu helfen. Evi die deutlich besser Spanisch spricht als ich wiederholte einige Male er soll doch bitte langsam sprechen, aber das war ihm alles zu viel. Am Ende sollte es eine Hitzeallergie sein.

Der Juckreiz machte mich wahnsinnig und ich fragte immer wieder Leute ob sie nicht was sehen? Mittlerweile waren bereits 10 Tage ins Land gegangen und ich fing an zu glauben ich spinne.

„Bitte Evi schau doch noch mal fragte ich wieder verzweifelt.“

„Wow, da rennen ganz viele Viecher in Deinem Haar rum. Das sind Läuse!“

Na super, aber wenigstens wusste ich nun was es war. Ich ging sofort zur Apotheke und war von nun an beschäftigt. Es gibt nicht nur spezielles Läuse Shampoo, nein es gibt auch einen speziellen Läusekamm mit dem man sich die Läuse vom Haar bürsten kann.

Ich bürstete also von nun an etwa 5 Stunden am Tag meine Haare – bestimmt 5 Tage lang. Und am Ende hatte ich sicherlich 500 Läuse aus den Haaren gefischt. Dann erst war endlich Ruhe!!!!

Man kann sich Kopfläuse nur über die Haare eines anderen Menschen einfangen. Ich nehme stark an, dass ich mit den Kindern in Belize, mit denen ich zwei Tage intensiv verbrachte zu nah in Kontakt kam und sich seitdem die Läuse in mehreren Generationen auf meinem Kopf verteilt hatten.

Widerlich und brauche ich auch nicht noch einmal. 😊

Das Problem Läuse hatte ich gelöst, das Problem Langeweile und nicht gefallen von Zentralamerika noch nicht.

Es zog mich nichts mehr auf die Straße, doch wusste ich nicht was ich sonst machen sollte. Ich hatte noch keine zündende Idee. Somit gab ich dem Ganzen nochmals eine Chance und radelte auf Nebenpisten zu einem Vulkankrater der mir empfohlen wurde. Teils musste ich wieder mit starkem Verkehr umgehen, teils waren die Wege aber auch ruhig.

Am Parkeingang von Masaya erfuhr ich, dass ich das Rad nicht bis zum Kraterrand fahren durfte, nein ich durfte nur mit einem Auto/Bus dort hin. Somit trampte ich bei einem Reisebus mit und durfte sage und schreibe 5 Minuten am Aussichtspunkt das Loch genießen – angeblich sind die Schwefeldämpfe zu giftig um das man länger dort verweilen darf.

Bis Granada war es nur noch ein Katzensprung. Ein weiteres Touristenziel in dem leider der Dollar wieder einmal sehr wichtig war. Ein toller Ort, voller schöner Ecken, doch auch hier kam ich nahezu mit niemandem in Kontakt, wenn dann mit anderen Touristen,denn davon gab es extrem viele hier.

4 Tage verbrachte ich hier und fällte endlich eine Entscheidung. Ich radle ganz sicher nicht mehr weiter – das war nun sicher.

Ich sehnte mich nach den tollen Landschaften in Südamerika, merkte aber auch, dass ich endlich Pause machen musste. Ich wollte keinen neuen Kontinent anfangen bevor ich nicht eine kurze Zeit in der Heimat verbringen werde. Auch hatte ich Bedenken, dass ich auf die immer gleiche Kultur treffen werde, die mir bisher einfach nicht viel gab. Auch wenn ich weiss, dass Südamerika doch wieder ganz anders ist als Zentralamerika.

Sicherlich hätte ich zum Beginn meiner Reise die Situation hier positiver gesehen. Man stumpft wohl ab was die Eindrücke anbelangt, man ist sicherlich auch schneller genervt und schneller gelangweilt weil man einfach schon zu viel gesehen hat. Auch kann ich nun viel mehr vergleichen. Ich habe woanders so viele nette Menschen getroffen, ich war einfach total verwöhnt.

Die Reise hatte ihren Kick verloren. Ich konnte mich noch so bemühen, ich fand die Freude nicht mehr. Und ich war müde, einfach nur extrem müde.

Im Grunde wusste ich, es war vorbei, zumindest vorerst war es vorbei. Ich brauchte was neues, was anderes, was auch immer es war, das wollte ich nun finden.

Ein „normales Leben“ kann ich mir nicht mehr vorstellen, es wird also in irgendeiner Form mit einer nächsten Reise weitergehen und das stimmt mich positiv.

Fliege ich direkt heim? Nein!

Was wäre eine Alternative? Nach Norwegen und von dort heimradeln, oder nach London? Oder nach Spanien – nein danke, keine Spanische Kultur mehr dachte ich nur und so kam es, dass der billigste Flug den ich fand in die USA ging – für eine Pause war die USA genau das richtige.

Als ich am Busbahnhof mit den Busfahrern um den Fahrpreise nach Managua feilschte, weil sie mich natürlich übers Ohr hauen wollten und sicherlich auch taten, ich dann mein Rad auf dem Dach verstaute und die Typen die dort arbeiteten beobachtete wie sie jeder Frau die die Straße entlang lief hinterher pfiffen und dumme Sprüche von sich gaben, wusste ich es war die richtige Entscheidung. Ich mag Machos nicht – ich mag diese Macho Welt nicht und ich mag nicht wie eine reiche Gringa behandelt werden.

Ich hatte im gleichen Atemzug einen weiteren Flug gebucht, den nach Hause. Ich werde Weihnachten 2017 daheim verbringen, danach sehe ich weiter.

Nun auf zurück in die USA nach Oregon – meine geliebte Natur wartet auf mich.

 

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